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PASTORALKONGRESS DER DIÖZESE ROM

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS

St. Johann im Lateran 
Montag, 14. Mai 2018

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Liebe Brüder und Schwestern!

Die Arbeit in Bezug auf die geistlichen Krankheiten hat zwei Früchte getragen. Erstens ein Wachsen in der Wahrheit im Hinblick auf unsere Situation als Bedürftige, Gebrechliche. Diese Situation ist in allen Pfarreien und Wirklichkeiten zum Vorschein gekommen, die aufgerufen waren, sich mit den von Erzbischof De Donatis aufgezeigten geistlichen Krankheiten auseinanderzusetzen.

Zweitens die Erfahrung, dass diese Zustimmung zu unserer Wahrheit nicht nur Entmutigung und Frustration zur Folge hatte, sondern vor allem das Bewusstsein, dass der Herr nicht aufgehört hat, uns Barmherzigkeit zu erweisen: Auf diesem Weg hat er uns erleuchtet, er hat uns unterstützt, er hat einen in gewisser Hinsicht völlig neuen Weg der Gemeinschaft unter uns begonnen, und all dies, damit wir unseren Weg in seiner Nachfolge neu aufnehmen können.

Wir sind uns bewusster geworden, dass wir in Bezug auf gewisse Aspekte und gewisse Dynamiken, die aus unserer Überprüfung deutlich geworden sind, ein »Nicht-Volk« sind. Dieses Wort »Nicht-Volk« ist ein biblisches Wort, das die Propheten sehr häufig gebraucht haben. Ein »Nicht-Volk«, das aufgerufen ist, einmal mehr den Bund mit dem Herrn zu erneuern. Lesarten wie diese führen uns bereits, wenn auch nur intuitiv, zu dem zurück, was das Volk des Alten Bundes gelebt hat, das sich als Erstes von Gott führen ließ, um sein Volk zu werden. Auch wir können uns erneut vom Paradigma des Exodus erleuchten lassen, der berichtet, wie der Herr ein Volk erwählt und geformt hat, mit dem er sich vereinen wollte, um aus ihm ein Werkzeug Seiner Gegenwart in der Welt zu machen.

Als Paradigma für uns braucht die Erfahrung Israels eine »Konjugation«, um Sprache zu werden, das heißt um verständlich zu sein und um auch uns heute etwas zu sagen und uns leben zu lassen. Das Wort Gottes, das Wirken des Herrn sucht jemanden, in dem er sich »konjugieren«, mit dem er sich vereinen kann: unser Leben. An diesen Menschen, die wir heute sind, wird er mit derselben Macht handeln, mit der er handelte, als er sein Volk befreite und ihm ein neues Land gab. Die Geschichte des Exodus spricht von einer Sklaverei, einem Auszug, einem Übergang, einem Bund, einer Versuchung/einem Murren und von einem Einzug. Aber es ist ein Weg der Heilung.

Als wir diese neue Etappe eines kirchlichen Weges begonnen haben, der in Rom sicherlich nicht jetzt anfängt, sondern vielmehr seit 2000 Jahren andauert, war es wichtig, uns die Frage zu stellen – wie wir dies in den vergangenen Monaten getan haben –, welche Sklavereien – Krankheiten, Sklavereien, die uns die Freiheit nehmen – uns letztendlich unfruchtbar haben werden lassen, so wie der Pharao ein Israel ohne Kinder wollte, die sie selbst hervorbrachten. Dieses »ohne Kinder« lässt mich an die Fähigkeit der Gemeinden denken, fruchtbar zu sein. Das ist eine Frage, die ich euch mitgebe.

Vielleicht müssen wir auch entdecken, wer heute der Pharao ist: diese Macht, die behauptet, göttlich und absolut zu sein und die dem Volk verbieten will, den Herrn anzubeten, ihm zu gehören, indem sie es zum Sklaven anderer Mächte und anderer Sorgen und Ängste macht. Es wird notwendig sein, dem etwas Zeit (vielleicht ein Jahr) zu widmen, denn nachdem wir demütig unsere Schwächen anerkannt und uns darüber ausgetauscht haben, können wir die folgende Tatsache spüren und erleben: Es gibt ein Geschenk der Barmherzigkeit und der Fülle des Lebens für uns und für alle, die in Rom leben. Dieses Geschenk ist der gütige Wille des Vaters für uns: für uns als Einzelne und für uns als Volk. Es ist seine Initiative, sein Uns-Vorausgehen, wenn er uns bezeugt, dass er uns in Christus geliebt hat und liebt, dass ihm unser Leben am Herzen liegt und dass wir keine dem Schicksal und der Versklavung überlassenen Geschöpfe sind. Dass alles für unsere Umkehr und zu unserem Wohl ist. So wie der heilige Paulus sagt: »Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht, denen, die gemäß seinem Ratschluss berufen sind« (Röm 8,28).

Die Analyse der Krankheiten hat einen generellen und gesunden Überdruss der Pfarreien zutage gefördert, sich im Kreis zu drehen und auch den zu gehenden Weg verloren zu haben. Beides sind schlimme, schädliche Haltungen. Sich im Kreis drehen ist ein wenig wie in einem Labyrinth zu sein, und den Weg zu verlieren bedeutet, falsche Wege einzuschlagen.

Vielleicht haben wir uns abgekapselt, uns in uns selbst und in der Welt unserer Pfarrei verschlossen, weil wir tatsächlich das Leben der uns anvertrauten Menschen (auf unserem Pfarrgebiet, in unserem alltäglichen Umfeld) vernachlässigt oder nicht wirklich berücksichtigt haben, während der Herr sich immer offenbart, indem er hier und jetzt Fleisch wird, das heißt auch und gerade in dieser so schwierig zu deutenden Zeit, in diesem so komplexen und scheinbar weit von Ihm entfernten Kontext. Er hat sich nicht geirrt, uns hierhin zu stellen, in diese Zeit und mit diesen vor uns liegenden Herausforderungen.

Vielleicht war das der Grund, warum wir uns in einer Situation der Versklavung befunden haben, das heißt erdrückender Beschränkung, Abhängigkeit von Dingen, die nicht Jesus, der Herr, sind. Vielleicht haben wir gedacht, dass dies ausreicht oder sogar das ist, was der Herr zu tun uns aufträgt: nahe beim Fleischtopf zu bleiben und Ziegelsteine zu formen, die dann dazu dienen, die Vorratslager des Pharao zu errichten, zum Nutzen derselben Macht, die versklavt. Wir haben uns mit dem zufrieden gegeben, was wir hatten: uns selbst und unsere »Töpfe«.

Uns selbst: das große Thema der »Hypertrophie des Individuums«, das in den Analysen sehr stark hervortrat; des Ichs, dem es nicht gelingt, Person zu werden, aus den Beziehungen zu leben und das glaubt, dass die Beziehung zu den anderen in seinem Fall nicht notwendig sei. Und unsere »Töpfe«: das heißt unsere Gruppen, unsere kleinen Zugehörigkeiten, die sich schlussendlich als autoreferentiell erwiesen haben, nicht offen für das Leben in seiner Gesamtheit. Wir haben uns auf die Sorgen der alltäglichen Verwaltung, des Überlebens zurückgezogen. Wie oft hört man das: »Die Priester sind sehr beschäftigt, sie müssen die Buchführung machen, sie müssen dieses und jenes tun…« Und die Leute merken das. »Er ist ein guter Priester, aber warum lassen wir uns in diesen verrückten Strudel hineinziehen?« Das ist interessant. Es ist etwas Gutes, dass wir dieser Situation müde geworden sind, diese Müdigkeit ist eine Gnade Gottes: sie weckt in uns den Wunsch, aus  ihr hinauszukommen.

Und um aus ihr hinauszukommen, brauchen wir den Ruf Gottes und die Präsenz/Begleitung unseres Nächsten. Wir müssen ohne Angst auf unseren Durst nach Gott und auf den Schrei hören, der von den Menschen in Rom aufsteigt. Wir müssen uns fragen: In welcher Hinsicht ist dieser Schrei ein Ausdruck dafür, dass sie das Heil brauchen, das heißt Gott? Wie sieht und hört Gott diesen Schrei? Wie viele Situationen unter denen, die in euren Analysen zutage getreten sind, bringen in Wirklichkeit gerade diesen Schrei zum Ausdruck! Die Bitte, dass Gott sich zeigen und uns herausführen möge aus dem Eindruck (oder der bitteren Erfahrung, die uns murren lässt), dass unser Leben nutzlos und wie enteignet ist von der Hektik der zu erledigenden Dinge und von einer Zeit, die uns beständig zwischen den Fingern zerrinnt; enteignet von reinen Zweck- und Geschäftsbeziehungen, die kaum je unentgeltlich sind; von der Angst vor der Zukunft; enteignet auch von einem Glauben, der nur verstanden wird als Dinge, die zu tun sind, und nicht als Befreiung, die uns mit jedem Schritt erneuert, die wir gesegnet und glücklich sind über das Leben, das wir führen.

Wie ihr bemerkt habt, bin ich gerade dabei, euch einzuladen, eine weitere Etappe des Weges der Kirche von Rom zu beginnen: in gewisser Hinsicht einen neuen Exodus, einen neuen Aufbruch, der unsere Identität als Volk Gottes erneuert, ohne Bedauern im Hinblick auf das, was wir zurücklassen müssen.

Wie ich gesagt habe, wird es notwendig sein, den Schrei des Volkes zu hören, so wie Mose dazu ermahnt wurde: und so werdet ihr im Licht des Wortes Gottes die sozialen und kulturellen Erscheinungen zu deuten wissen, in die ihr eingetaucht seid. Das heißt lernen zu unterscheiden, wo Er bereits gegenwärtig ist in sehr gewöhnlichen Formen der Heiligkeit und der Gemeinschaft mit ihm: indem ihr immer mehr den Menschen, die bereits das Evangelium und die Freundschaft mit dem Herrn leben, begegnet und euch von ihnen begleiten lasst. Menschen, die vielleicht keinen Katechismusunterricht geben, die aber den Grunderfahrungen des Lebens einen Sinn des Glaubens und der Hoffnung zu geben wussten; die den Herrn bereits zum Sinn ihres Lebens haben werden lassen, und das gerade in jenen Problemen, Umfeldern und Situationen, von denen unsere ordentliche Seelsorge normalerweise weit entfernt ist.

Ich denke dabei an Pua und Schifra, die beiden Hebammen, die sich dem Tötungsbefehl des Pharao widersetzten und so die Vernichtung verhinderten (vgl. Ex 1,8-21). Auch in Rom gibt es sicherlich Männer und Frauen, die ihre alltägliche Arbeit als eine Arbeit verstehen, die dazu bestimmt ist, jemandem Leben zu geben und nicht, es zu nehmen, und sie tun dies ohne besonderen Auftrag von irgendwem, sondern weil sie »Gott fürchten« und ihm dienen. Das Leben des Volkes Israel verdankt diesen beiden Frauen sehr viel, wie unsere Kirche Menschen sehr viel zu verdanken hat, die namenlos geblieben sind, aber die Zukunft Gottes vorbereitet haben. Und der Faden der Geschichte, der Faden der Heiligkeit wird vorangebracht von Menschen, die wir nicht kennen: den Namenlosen, jenen, die verborgen sind und alles voranbringen.

Um dies zu tun, wird es notwendig sein, dass unsere Gemeinden fähig werden, ein Volk hervorzubringen – das ist wichtig, vergesst es nicht: Kirche mit Volk, nicht Kirche ohne Volk –, das heißt fähig, Beziehungen anzubieten und herzustellen, in denen sich unsere Gläubigen gekannt, anerkannt, angenommen, geliebt fühlen, kurz gesagt: Teil eines Ganzen und nicht anonym. Ein Volk, bei dem man eine Qualität der Beziehungen spürt, die bereits der Beginn eines Verheißenen Landes ist, eines Werkes, das der Herr für uns und mit uns tut.

Phänomene wie Individualismus, Isolierung, Lebensangst, Zersplitterung und die Gefahr für die Gesellschaft…, typische Merkmale aller Metropolen und auch in Rom vorhanden, haben in diesen unseren Gemeinden bereits ein wirksames Mittel der Veränderung. Wir brauchen uns nichts anderes auszudenken, wir sind bereits dieses Werkzeug, das wirksam sein kann, vorausgesetzt, dass wir Träger dessen werden, was ich an anderer Stelle bereits die Revolution der Zärtlichkeit genannt habe.

Und wenn die Leitung einer christlichen Gemeinde besondere Aufgabe des geweihten Amtsträgers ist, das heißt des Gemeindepfarrers, so ist die Seelsorge in der Taufe verankert, entfaltet sich in der Geschwisterlichkeit und ist nicht nur Aufgabe des Pfarrers oder der Priester, sondern aller Gläubigen. Diese von den Beziehungen verbreitete und vervielfältigte Sorge wird auch in Rom eine Revolution der Zärtlichkeit anregen, die bereichert werden wird von den Sensibilitäten, Blickwinkeln, Geschichten vieler.

Wenn wir dies als erste pastorale Aufgabe festhalten, dann werden wir das Werkzeug sein können, durch das wir sowohl das Wirken des Heiligen Geistes unter uns erfahren (vgl. Röm 5,5), als auch sehen können, wie Leben sich verändern (vgl. Apg 4,32-35). Wie Gott durch das Menschsein des Mose zugunsten von Israel eingriff, so wird auch die geheilte und versöhnte Menschlichkeit der Christen das Werkzeug (gleichsam das Sakrament) dieses Wirkens des Herrn sein können, der sein Volk von all dem befreien will, was es zu einem Nicht-Volk macht, mit seiner Last an Ungerechtigkeit und Sünde, die den Tod gebiert. Aber wir müssen auf dieses Volk blicken und dürfen nicht auf uns selbst blicken, wir müssen uns ansprechen und stören lassen. Das wird sicherlich etwas Neues, nie Dagewesenes und vom Herrn Gewolltes hervorbringen.

Es gibt einen vorausgehenden Schritt der Versöhnung und der Bewusstheit, den die Kirche von Rom gehen muss, um dieser ihrer Berufung treu zu sein: und das heißt sich versöhnen und wieder einen wirklich pastoralen Blick – aufmerksam, fürsorglich, wohlwollend, involviert – annehmen, sowohl sich selbst und ihrer Geschichte gegenüber als auch gegenüber dem Volk, zu dem sie gesandt ist.

Ich möchte euch einladen, dem Zeit zu widmen: darauf hinzuwirken, dass bereits das nächste Jahr eine Art Vorbereitung des Rucksacks (oder des Gepäcks) darstellt, um einen mehrjährigen Weg zu beginnen: er wird uns in das neue Land führen, das die Wolken- und Feuersäule uns zeigen wird, das heißt neue Voraussetzungen des Lebens und des pastoralen Handelns, die der Sendung und den Bedürfnissen der Römer in dieser unserer Zeit besser entsprechen; die kreativer und befreiender sind auch für die Priester und alle, die enger an der Sendung und dem Aufbau der Gemeinde mitwirken. Um keine Angst mehr zu haben vor dem, was wir sind, und vor der Gabe, die wir haben, sondern um sie Frucht bringen zu lassen. Der Weg kann lang sein: das Volk Israel hat 40 Jahre gebraucht. Nicht mutlos werden, vorangehen!

Der Herr ruft uns, damit wir »uns aufmachen und Frucht bringen« (vgl. Joh 15,16). Bei der Pflanze ist die Frucht der für das Leben anderer Lebewesen hervorgebrachte und hingegebene Teil. Habt keine Angst, Frucht zu bringen, euch »verzehren« zu lassen von der Wirklichkeit, auf die ihr stoßt, auch wenn dieses »Sich-verzehren-Lassen« sehr einem Verschwinden, einem Sterben ähnelt. Einige traditionelle Initiativen müssenvielleicht umgestaltet oder vielleicht sogar aufgegeben werden: Das werden wir nur tun können, wenn wir wissen, wohin wir gehen und warum und mit wem.

Ich lade euch ein, auch einige der Schwierigkeiten und Krankheiten, auf die ihr in euren Gemeinden gestoßen seid, in dieser Weise zu deuten: als Wirklichkeiten, die vielleicht nicht mehr zum Verzehr geeignet sind, die keinem Hungrigen mehr angeboten werden können. Das bedeutet keineswegs, dass wir nichts mehr hervorbringen können, sondern dass wir neue Zweige einpfropfen müssen: Pfropfen, die neue Früchte bringen werden. Mut und voran! Die Zeit gehört uns. Voran!

 



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