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ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS
AN DIE TEILNEHMER DER VOLLVERSAMMLUNG DER KONGREGATION FÜR DEN GOTTESDIENST UND DIE SAKRAMENTENORDNUNG

Nebensaal der Audienzhalle
Donnerstag, 14. Februar 2019

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Meine Herren Kardinäle,
liebe Mitbrüder im bischöflichen und priesterlichen Dienst,
liebe Brüder und Schwestern!

Ich freue mich, aus Anlass eurer Vollversammlung mit euch zusammenzutreffen. Ich danke dem Kardinalpräfekten für seine Worte und begrüße euch alle als Mitglieder, Mitarbeiter und Konsultoren der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung. Diese Vollversammlung findet zu einem bedeutsamen Zeitpunkt statt.

Fünfzig Jahre sind vergangen, seit der heilige Paul VI. am 8. Mai 1969 die damalige Kongregation für den Gottesdienst eingerichtet hat, mit dem Ziel, der vom Zweiten Vatikanum gewünschten Erneuerung Gestalt zu verleihen. Es ging um die Veröffentlichung der liturgischen Bücher gemäß den Kriterien und Entscheidungen der Konzilsväter im Hinblick auf eine »bewusste, fromme und tätige« Teilnahme des Gottesvolkes an den Mysterien Christi (vgl. Konstitution Sacrosanctum Concilium, 48). Die Tradition des kirchlichen Gebets verlangte nach neuen Ausdrucksformen, ohne etwas von ihrem jahrtausendealten Reichtum zu verlieren, sondern vielmehr indem sie die Schätze der Anfangszeit wiederentdeckte. In den ersten Monaten jenes Jahres zeigten sich die ersten Früchte jener Reform, die der Apostolische Stuhl zum Wohl des Gottesvolkes durchgeführt hatte. Genau am heutigen Tag wurde das Motu propio Mysterii paschalis über den Römischen Kalender und das Kirchenjahr veröffentlicht (14. Februar 1969) und anschließend die wichtige Konstitution Missale Romanum (3. April 1969), mit der der Heilige Vater das Römische Messbuch promulgierte.

Im selben Jahr kamen der Ordo Missae und verschiedene andere Ordines heraus, darunter der Ordo für die Kindertaufe, die Eheschließung und die Begräbnisse. Es waren die ersten Schritte eines Weges, der mit kluger Beständigkeit fortzusetzen war. Wir wissen, dass es nicht ausreicht, die liturgischen Bücher zu verändern, um die Qualität der Liturgie zu verbessern. Nur dies zu tun, wäre Selbstbetrug. Damit das Leben wirklich ein gottgefälliger Lobpreis werden kann, ist es notwendig, das Herz zu verwandeln. Auf diese Bekehrung ist der christliche Gottesdienst ausgerichtet, der eine Begegnung des Lebens mit dem »Gott der Lebenden« (Mt 22,32) ist. Diesem Ziel dient auch heute eure Arbeit, die den Papst bei der Erfüllung seines Dienstes zum Wohl der betenden Kirche auf der ganzen Welt unterstützen soll. In kirchlicher Gemeinschaft wirken sowohl der Apostolische Stuhl als auch die Bischofskonferenzen im Geist der Zusammenarbeit, des Dialogs und der Synodalität. Denn der Heilige Stuhl ersetzt die Bischöfe nicht, sondern arbeitet mit ihnen zusammen, um im Reichtum der verschiedenen Sprachen und Kulturen der Berufung zum Gebet zu dienen, die die Kirche in der Welt hat.

Dieser Linie entspricht das Motu proprio Magnum principium (3. September 2017), mit dem ich unter anderem hervorgehoben habe, wie notwendig die Zusammenarbeit ist: »eine beständige von gegenseitigem Vertrauen erfüllte, wachsame und schöpferische Zusammenarbeit zwischen den Bischofskonferenzen und dem Dikasterium des Apostolischen Stuhls, das die Aufgabe der Förderung der heiligen Liturgie ausübt«. Mein Wunsch ist, dass der Weg der Zusammenarbeit fortgesetzt werden möge im Bewusstsein um die der kirchlichen Gemeinschaft innewohnende Verantwortung, in Einheit und Verschiedenheit harmonisch zusammenzuklingen. Es ist eine Frage der Harmonie.

In diesem Kontext steht auch die Herausforderung der Bildung, der eure Reflexionen insbesondere gewidmet sind. Wenn von Bildung die Rede ist, dürfen wir vor allem nicht vergessen, dass die Liturgie Leben ist, das bildet und formt, keine zu erlernende Idee. Diesbezüglich ist es nützlich, darauf hinzuweisen, dass die Wirklichkeit wichtiger ist als die Idee (vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 231-233). Deshalb ist es – in der Liturgie wie in anderen Bereichen des kirchlichen Lebens – gut, nicht den sterilen ideologischen Polarisierungen zu verfallen, die häufig entstehen, wenn man die eigenen Ideen als für jeden Kontext gültig erachtet und so gegenüber denjenigen, die diese Ideen nicht teilen, eine Haltung beständiger Auseinandersetzung annimmt. Vielleicht von dem Wunsch ausgehend, auf einige Unsicherheiten des heutigen Kontexts zu reagieren, besteht das Risiko, sich auf eine Vergangenheit zurückzuziehen, die es nicht mehr gibt, oder sich in eine angebliche Zukunft zu flüchten. Ausgangspunkt muss dagegen sein, die Wirklichkeit der heiligen Liturgie anzuerkennen: Sie ist ein lebendiger Schatz, der nicht auf Vorlieben, Patentrezepte oder Strömungen reduziert werden darf, sondern der mit Treue angenommen und mit Liebe gefördert werden muss, insofern die Liturgie unersetzliche Nahrung für das organische Wachstum des Gottesvolkes ist.

Liturgie ist keine »Bastelwerkstatt«, sondern die Epiphanie der kirchlichen Gemeinschaft. Daher erklingt in den Gebeten und Riten das »Wir« und nicht das »Ich«, die wirkliche Gemeinde und nicht das ideale Subjekt. Wenn man vergangenen Tendenzen nachtrauert oder neue durchsetzen will, läuft man dagegen Gefahr, den Teil dem Ganzen vorzuziehen, das Ich dem Gottesvolk, das Abstrakte dem Konkreten, die Ideologie der Gemeinschaft und im Kern: das Weltliche dem Geistlichen.

In dieser Hinsicht ist das Thema eurer Versammlung wertvoll: »Die liturgische Bildung des Gottesvolkes«. Die Aufgabe, vor der wir stehen, besteht in der Tat im Wesentlichen darin, im Gottesvolk den Glanz des lebendigen Mysteriums der Herrn zu verbreiten, das sich in der Liturgie offenbart. Von der liturgischen Bildung des Gottesvolkes zu sprechen bedeutet vor allem, sich der unerlässlichen Rolle bewusst zu werden, die die Liturgie in der Kirche und für die Kirche hat. Und dann dem Gottesvolk konkret zu helfen, das liturgische Gebet der Kirche besser zu verinnerlichen, es als Erfahrung der Begegnung mit dem Herrn sowie mit den Brüdern und Schwestern zu lieben und in diesem Licht dessen Inhalte wiederzuentdecken und seine Riten zu beachten.

Die Liturgie ist eine durch die Aneignung der Denk- und Handlungsweise des Herrn auf die Umkehr des Lebens ausgerichtete Erfahrung, und daher darf sich liturgische Bildung nicht auf die doch notwendige bloße Wissensvermittlung – das ist ein Fehler – über liturgische Bücher beschränken und ebensowenig auf die Sicherung der ordnungsgemäßen Durchführung der Riten und Rubriken. Damit die Liturgie ihre bildende und verwandelnde Funktion erfüllen kann, ist eine Hinführung für Priester und Laien notwendig, damit sie deren Bedeutung und symbolische Sprache erfassen können, einschließlich der Kunst, des Gesangs und der Musik im Dienst des gefeierten Geheimnisses, und auch der Stille. Der Katechismus der Katholischen Kirche wählt mit der Ausdeutung der Gebete und Zeichen den mystagogischen Weg, um die Liturgie zu erläutern. Die Mystagogie ist ein geeigneter Weg, um in das Mysterium der Liturgie einzudringen, die lebendige Begegnung mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Mystagogie bedeutet, das neue Leben zu entdecken, das wir im Volk Gottes durch die Sakramente empfangen haben, und immer wieder die Schönheit wahrzunehmen, dies zu erneuern.

Hinsichtlich der Ausbildungsetappen wissen wir aus Erfahrung, dass über die anfängliche Ausbildung hinaus die kontinuierliche Fortbildung des Klerus und der Laien gepflegt werden muss, besonders derjenigen, die in den Ämtern des liturgischen Dienstes engagiert sind. Ausbildung: nicht nur einmal, sondern kontinuierlich. Was die geweihten Amtsträger betrifft, gilt auch im Hinblick auf eine gesunde Ars celebrandi die Mahnung des Konzils: »Darum ist es dringend notwendig, dass für die liturgische Bildung des Klerus gründlich gesorgt wird« (Konstitution Sacrosanctum Concilium, 14). An erster Stelle. Die Verantwortung für die Ausbildung ist eine gemeinsame Verantwortung, wenn auch die einzelnen Diözesen bei der praktischen Umsetzung stärker in der Pflicht sind. Eure Reflexionen werden dem Dikasterium helfen, Richtlinien heranreifen zu lassen, die im Geist des Dienstes denjenigen angeboten werden können, die – wie Bischofskonferenzen, Diözesen, Ausbildungseinrichtungen, Zeitschriften – für die Gestaltung und Begleitung der liturgischen Bildung des Gottesvolkes verantwortlich sind.

Liebe Brüder und Schwestern, wir alle sind aufgerufen, unsere liturgische Bildung zu vertiefen und zu beleben. Denn die Liturgie ist der Königsweg, den das christliche Leben in jeder Phase seines Wachstums geht. Daher liegt eine große und schöne Aufgabe vor euch: darauf hinzuwirken, dass das Gottesvolk die Schönheit der Begegnung mit dem Herrn in der Feier seiner Geheimnisse neu entdecken kann und durch die Begegnung mit ihm Leben in seinem Namen hat. Ich danke euch für euren Einsatz und segne euch. Ich bitte euch, mir in eurem Gebet immer einen – großen – Platz einzuräumen. Danke.

 


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