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ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS
AN DIE TEILNEHMERINNEN AM GENERALKAPITEL
DER URSULINNEN DER RÖMISCHEN UNION
 

Sala Clementina
Donnerstag, 3. Oktober 2019

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Liebe Schwestern!

Herzlich begrüße ich eine jede von euch und danke der Generalpriorin. Das Generalkapitel ist ein Moment der Gnade, ein kirchliches Ereignis: Auch wenn es unter strenger Vertraulichkeit abgehalten wird, gehört es zum Leben der Kirche. Dies erscheint als besonders offensichtlich in Bezug auf euer Generalkapitel, das unter dem Thema steht: »Globale Gemeinschaft, gehen wir den Weg zu einem neuen Leben.« Anspruchsvoll! Die Verbindung dieser beiden Worte: »Gemeinschaft « und »global« macht sofort nachdenklich, denn sie scheint einen Widerspruch zu enthalten.

Im Allgemeinen gebraucht man den Begriff der »Gemeinschaft« zur Bezeichnung einer Gruppe von Personen, die dasselbe, eher begrenzte Umfeld teilen: zum Beispiel die Ordensgemeinschaft, die Pfarrgemeinschaft, kurz gesagt, eine begrenzte Erscheinungsform des Volkes Gottes. Das Adjektiv »global« dagegen wird gebraucht, um der Realität, auf die es sich bezieht, eine universale Dimension zuzuschreiben, die bis an die Grenzen der Erde reicht. Die beiden Begriffe sind scheinbar nicht dazu bestimmt, in Verbindung zu stehen, und doch ist dies die Realität, in der wir leben und die wir berücksichtigen müssen.

Wir leben in einer immer stärker vernetzten Zeit, bewohnt von Völkern, die mittlerweile Teil einer »globalen Gemeinschaft« sind. Wir alle sind den großen Herausforderungen nähergerückt, mit denen wir uns auseinanderzusetzen haben. Heute kann niemand sagen: »Das geht mich nichts an.« Der Schutz der Menschenrechte, die Errungenschaft der Meinungs- und Religionsfreiheit, die Evangelisierung der Nah- und Fernstehenden – angefangen bei sich selbst –, die soziale Gerechtigkeit, der Umweltschutz und das gemeinsame Bemühen um eine nachhaltige Entwicklung, das Heranreifen einer humanen Wirtschaft, einer Politik, die wirklich im Dienst des Menschen steht, sind nicht »Probleme der anderen «, sondern es handelt sich um unsere Probleme, um meine Probleme: Sie gehen nicht mehr nur ein Volk oder eine Nation an, sondern die ganze Welt. Zum Beispiel ist der brennende Amazonaswald nicht nur ein Problem jener Region, es ist ein weltweites Problem; das Phänomen der Migration betrifft nicht nur einige Staaten, sondern die internationale Gemeinschaft, und so weiter.

Und dann folgt die hoffnungsvolle Einladung im zweiten Teil eures Themas: »Gehen wir den Weg zu einem neuen Leben!« Diese Worte greifen auf, was die heilige Angela Merici häufig sagte: »Lebt ein neues Leben!« Aber wie ist es möglich, den Weg zu einem neuen Leben zu gehen? Es ist möglich, wenn man Christus die Türen öffnet und ihn in der Liebe nachahmt, das heißt seine Nähe zu jedem Mann und zu jeder Frau aller Sprachen, Völker und Nationen mit großer Achtung gegenüber der sowohl kulturellen als auch religiösen Verschiedenheit des anderen. Genauso seid auch ihr, liebe Schwestern, unter Achtung der persönlichen Identitäten und der Originalität des Charismas, das euch auszeichnet, aufgerufen, »neues Leben zu leben«, einen frischen Wind neuen Lebens bis an die äußersten Grenzen der Erde zu bringen, indem ihr verantwortungsbewusst mitten unter den Völkern, Nationen und verschiedenen Kulturen zu leben wisst, damit die Botschaft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, die ihr bringt, die Menschen zu Christus ziehen kann.

Wir leben in einem internationalen und interkulturellen Kontext, daher lade ich euch ein, in einer Atmosphäre des Gebets die geeigneten Mittel zu suchen, damit ihr bei der Verfolgung eurer individuellen und gemeinschaftlichen Ziele nicht den weiten Horizont der Menschheit aus den Augen verliert, für die Christus sein Leben hingegeben hat. In dieser Hinsicht wünsche ich der gesamten Römischen Union des Ursulinenordens eine mutige missionarische Entscheidung, die in der Lage ist, alles zu verwandeln, damit die Gepflogenheiten, Stile, Zeitpläne, Ausdrucksweisen und Strukturen der Leitung und des Apostolats zu angemessenen Kanälen werden, um die heutige Welt zu evangelisieren. Um dies zu tun ist eine pastorale Umkehr der Strukturen notwendig, so dass diese immer mehr auf die Mission ausgerichtet sind, sie »im Aufbruch« sind – denn was nicht im Aufbruch ist, ist nicht Kirche –, um die Antwort aller Menschen zu unterstützen, denen Jesus seine Freundschaft anbietet.

Mehr denn je brauchen wir konsequente Zeugnisse. Konsequente Zeugnisse, bitte, vergesst es nicht. Die Kirche braucht Männer und Frauen, die ausgehend von der eigenen persönlichen Bekehrung in der Lage sind, dem Nächsten zusammen mit der Freude des Evangeliums auch Zuhören und Verständnis anzubieten. Ihr, liebe Schwestern, seid aufgerufen, als treue Töchter der heiligen Angela Merici dieses Zeugnis zu geben, indem ihr in ihrem Charisma neue Inspiration findet, um auf den Durst dieser Welt zu antworten, der letztlich Durst nach Christus und Durst nach seiner Barmherzigkeit ist.

In diesem Zusammenhang möchte ich euch ermutigen, mit Begeisterung eure Aufgabe in Erziehung und Bildung fortzuführen, vor allem in einer Zeit, in der junge Menschen von einer enormen Menge an Informationen überhäuft und auch verwirrt werden durch die Schnelligkeit, mit der sie weitergegeben werden. Daher bedarf es eines Bildungsangebots, das lehrt, kritisch zu denken, das die Vor- und Nachteile der von uns verwendeten Mittel zu erkennen vermag und den Jugendlichen einen Weg der Reifung in Bezug auf die Werte zeigen kann. Ihr wisst sehr gut, das echtes menschliches Reifen verbunden mit einem ausgeprägten Wertebewusstsein nur möglich ist, wenn man Bildung und Erziehung mit der Verkündigung des Evangeliums verbindet. Das geschieht vor allem durch das persönliche Zeugnis, daher fordere ich euch auf, das geistliche Leben aufmerksam und sorgfältig zu pflegen.

Die Liebe zu den Menschen ist eine Kraft, die die Begegnung mit Gott und das geistliche Leben unterstützt, denn: Wer den Nächsten liebt, liebt Gott, während derjenige, der den Bruder nicht liebt, »in der Finsternis wandelt«, »im Tod bleibt« und »Gott nicht erkannt hat« (1 Joh 2,11; 3,14; 4,8). Wenn wir den Geist der Begegnung leben, wenn wir auf die anderen zugehen mit der Absicht, ihr Wohl zu suchen, dann machen wir unser Inneres weit, um die schönsten Geschenke des Herrn zu empfangen. Jedes Mal, wenn wir einem Bruder und einer Schwester in der Liebe begegnen, wird der Glaube mehr erleuchtet, um Gott zu erkennen. Wenn ihr im geistlichen Leben wachsen wollt, dürft ihr nicht darauf verzichten, missionarisch zu sein.

Liebe Schwestern, ich bitte Gott auf die Fürsprache der allerseligsten Jungfrau Maria, der heiligen Ursula und der heiligen Angela Merici, euch bei der Unterscheidung der Geister und den Entscheidungen zu erleuchten, euch Kraft zu geben, sie in die Tat umzusetzen, stets eingedenk der Tatsache, dass das letzte Ziel des Lebens ist, Gott zu verherrlichen. Die Gnade des Herrn möge euch stets begleiten und euch auf eurem Weg stützen. Von Herzen segne ich euch und alle eure Gemeinschaften. Alle! Und ihr, vergesst bitte nicht, für mich zu beten. Danke!

 

 



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