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APOSTOLISCHE REISE VON PAPST FRANZISKUS
NACH MOSAMBIK, MADAGASKAR UND MAURITIUS
(4.- 10. SEPTEMBER 2019)

PRESSEKONFERENZ MIT DEM HEILIGEN VATER
AUF DEM RÜCKFLUG NACH ROM

Dienstag, 10. September 2019

[Multimedia]


 

MATTEO BRUNI:

Guten Morgen! Guten Morgen, Heiliger Vater. In diesen Tagen konnten wir den Völkern dieser afrikanischen Länder und des Indischen Ozeans begegnen. Es sind Völker mit vielen jungen Menschen, mit vielen Jugendlichen, Kindern, Völker, die voller Begeisterung und Hoffnung sind, gerade auch weil sie jung sind. Wir konnten auch viele Wunden sehen, die Sie mit Händen berührt und in ihren Ansprachen thematisiert haben, und mit den Journalisten haben wir viele Zeichen der Auferstehung, der Versöhnung und des Friedens gesehen. Die Journalisten haben als Ihre Reisegefährten intensiv die Ereignisse dieser Tage verfolgt und haben der Welt die Geschichten, die Gesichter und auch die Themen nahegebracht, auf die sie gestoßen sind, und haben so dazu beigetragen, Mosambik, Afrika, Madagaskar und Mauritius in das Zentrum des internationalen Interesses zu stellen. Ich danke den Journalisten für die leidenschaftlich geleistete Arbeit und die Mühe und ihnen würde ich nun das Wort für einige Fragen erteilen, die sie an Sie richten wollen, vor allem die Journalisten, die aus den Ländern stammen, wo wir gewesen sind.

Papst Franziskus:

An erster Stelle möchte ich für die Begleitung danken, danke!

MATTEO BRUNI:

Der erste Journalist, der eine Frage stellt, ist Julio Mateus Manjate von „Noticias“ aus Mosambik.

JULIO MATEUS MANJATE (Noticias, Mosambik):

Danke, Heiliger Vater. Vor allem danke ich für diese Gelegenheit, im Namen der Kollegen der Presse von Mosambik sprechen zu können, die den Heiligen Vater begleiten. Bei Ihrem Aufenthalt in Mosambik haben Sie den Präsidenten der Republik und die Vorsitzenden der beiden im Parlament vertretenen Parteien getroffen. Ich würde gerne wissen, welche Erwartung Sie nach diesen Gesprächen bezüglich des Friedensprozess haben und welche Botschaft sie Mosambik hinterlassen möchten. Und zwei kurze Kommentare, einen zur Frage der Fremdenfeindlichkeit, die in Afrika zu beobachten ist, und auch zur Frage der Jugend, den Einfluss der sozialen Netzwerke bei der Erziehung der jungen Menschen.

PAPST FRANZISKUS:

Der erste Punkt zum Friedensprozess. Heute wird Mosambik mit einem langen Friedensprozess identifiziert, mit seinen Höhen und Tiefen, aber am Ende ist es zu dieser historischen Umarmung gekommen. Ich hoffe, dass dies so weitergeht, und ich bete dafür. Ich fordere alle auf, sich dafür einzusetzen, dass dieser Friedensprozess voranschreitet. Denn alles verliert man durch den Krieg, alles gewinnt man durch den Frieden, sagte ein Papst vor mir. Dieses Motto ist klar, es darf nicht vergessen werden. Es ist ein langer Friedensprozess, weil er eine erste Phase hatte, dann scheiterte er, dann eine weitere Phase... Und das Bemühen der Anführer der gegnerischen Parteien, um nicht zu sagen Feinde, sich miteinander zu treffen, war auch ein riskantes Unterfangen, einige setzten dabei ihr Leben aufs Spiel... Aber schließlich haben wir es geschafft. Ich möchte allen danken, die bei diesem Friedensprozess geholfen haben. Seit seinem Beginn, in einem Café in Rom: Da waren einige Personen, die miteinander sprachen, auch ein Priester der Gemeinschaft Sant'Egidio, der am kommenden 5. Oktober zum Kardinal kreiert wird... Dort hat es angefangen... Und dann ist man mit Hilfe vieler Menschen, darunter auch der Gemeinschaft Sant'Egidio, zu diesem Ergebnis gekommen. Wir dürfen dabei nicht triumphieren. Der Triumph ist der Frieden. Wir haben nicht das Recht zu triumphieren, denn der Friede ist in Ihrem Land immer noch zerbrechlich, wie auch sonst in der Welt, und er muss so behandelt werden wie alles Neugeborene, wie Kinder, mit viel, viel Zärtlichkeit, mit viel Feingefühl, mit viel Vergebung, mit viel Geduld, damit es wachsen kann, damit es stabil wird. Aber es ist der Triumph des Landes: Frieden ist der Sieg des Landes, das müssen wir anerkennen.

Und das gilt für alle Länder, für alle Länder, die sich durch Kriege zerstören. Die Kriege zerstören, sie lassen einen alles verlieren. Ich werde ein wenig auf dieses Thema des Friedens eingehen, weil es mir am Herzen liegt. Als vor einigen Monaten die Feierlichkeiten zur Landung in der Normandie begangen wurden, ja, es ist wahr, waren die Regierungschefs da, um dessen zu gedenken, was der Anfang vom Ende eines grausamen Krieges und auch der unmenschlichen und grausamen Diktatur des Nationalsozialismus und Faschismus war... Aber an diesem Strand sind 46000 Soldaten umgekommen! Der Preis des Krieges! Ich gestehe, als ich zum hundertsten Jahrestag des Ersten Weltkriegs nach Redipuglia ging, habe ich beim Anblick dieses Denkmals dort geweint. Bitte, nie wieder Krieg! Als ich nach Anzio ging, um Allerseelen zu begehen, fühlte ich mich in meinem Herzen so... Aber wir müssen daran arbeiten, dieses Bewusstsein zu schaffen, dass Kriege nichts lösen, im Gegenteil, sie bringen denjenigen Menschen Gewinn, die das Wohl der Menschheit nicht wollen. Entschuldigen Sie mich für diesen Zusatz, aber ich musste das sagen, angesichts eines Friedensprozesses, für den ich bete, und ich werde alles tun, damit er weiter voranschreitet, und ich wünsche euch, dass er gut gedeiht.

Das Problem der Jugend. Afrika ist ein junger Kontinent, es hat junges Leben. Wenn wir es mit Europa vergleichen, wiederhole ich, was ich in Straßburg gesagt habe: Mutter Europa ist sozusagen zur „Großmutter Europa“ geworden, es ist gealtert, wir erleben einen sehr ernsten demographischen Winter in Europa. Ich habe gelesen, dass es – ich weiß nicht, in welchem Land, aber es ist eine offizielle Statistik der Regierung dieses Landes – im Jahr 2050 in diesem Land mehr Rentner geben wird als Menschen, die arbeiten. Das ist tragisch. Was ist der Grund für diese Alterung Europas? Ich denke – und das ist eine persönliche Meinung –, dass es letztlich am Wohlstand liegt. Am Wohlstand hängen: „Ja, aber es geht uns gut, ich will keine Kinder, weil ich die Villa kaufen muss, weil ich reisen will, dieses und jenes... Ich bin zufrieden so, ein Kind ist ein Risiko, man weiß nie…“. Wohlstand und Ruhe, aber dieses Wohlbefinden lässt dich altern. Afrika hingegen ist voller Leben. Ich habe in Afrika eine Geste bemerkt, die ich schon auf den Philippinen und in Cartagena in Kolumbien gesehen habe. Menschen, die die Kinder hochhalten, sie zeigen einem die Kinder: „Das ist mein Schatz, das ist mein Sieg“. Mit Stolz. Das Kind ist der Schatz der Armen. Aber es ist auch der Schatz einer Heimat, eines Landes. Ich sah die gleiche Geste in Osteuropa, in Iaşi, besonders bei jener Großmutter, die allen das Kind zeigte: „Das ist mein Triumph…“. Ihr steht vor der Herausforderung, diese jungen Menschen auszubilden und Gesetze zugunsten dieser jungen Menschen zu erlassen. Die Bildung ist im Moment eine Priorität in Ihrem Land. Es ist vorrangig, sie durch entsprechende Gesetze zu fördern. Der Premierminister von Mauritius sprach mit mir darüber und sagte, dass er sich herausgefordert sieht, ein kostenloses Bildungssystem für alle voranzubringen. Ein System, in dem Bildung nichts kostet, ist wichtig, denn es gibt Bildungszentren auf hohem Niveau, aber gegen Bezahlung. Bildungszentren gibt es in allen Ländern, aber es müssen viel mehr werden, damit die Bildung alle erreicht. Gesetze zur Bildung. Gesundheit und Bildung sind derzeit in diesen Ländern Schlüsselelemente.

Der dritte Punkt, die Fremdenfeindlichkeit. Ich habe in den Zeitungen über dieses Problem der Fremdenfeindlichkeit gelesen, aber das ist nicht nur in Afrika ein Problem. Das ist ein Problem, das ist eine menschliche Krankheit, wie Masern... Es ist eine Krankheit, die kommt, die in ein Land, in einen Kontinent eindringt... Und wir errichten Mauern; und die Mauern machen die, die sie erbauen, einsam. Ja, sie lassen viele Menschen draußen, aber diejenigen, die innerhalb der Mauern bleiben, werden allein bleiben und am Ende irgendwann von mächtigen Invasionen besiegt werden. Fremdenfeindlichkeit ist eine Krankheit, eine Krankheit, die sich zu rechtfertigen versucht: mit der Reinheit der Rasse zum Beispiel, um eine Fremdenfeindlichkeit des letzten Jahrhunderts zu nennen. Und die verschiedenen Arten von Fremdenfeindlichkeit machen sich manchmal den sogenannten politischen Populismus zunutze. Ich sagte letzte oder vorletzte Woche, dass ich manchmal Reden höre, die denen von Hitler 1934 ähneln. Man sieht, dass das in Europa wiederkehrt... Aber auch Sie in Afrika haben ein kulturelles Problem, das Sie lösen müssen. Ich erinnere mich, dass ich in Kenia darüber gesprochen habe: über den Tribalismus. Da braucht es ein Bemühen um Bildung und um Annäherung zwischen den verschiedenen Stämmen, damit eine Nation entstehen kann. Wir haben vor kurzem des 25. Jahrestags der Tragödie von Ruanda gedacht: Sie ist eine Folge des Tribalismus. Ich erinnere mich, als ich in Kenia, im Stadion, alle gebeten habe, aufzustehen und sich die Hände zu reichen und zu sagen: „Nein zum Tribalismus, nein zum Tribalismus!“. Wir müssen nein sagen. Auch dies ist eine Art Verschlossenheit und Fremdenfeindlichkeit, eine „häusliche“ Fremdenfeindlichkeit, aber doch auch eine Fremdenfeindlichkeit. Man muss dagegen kämpfen: sowohl gegen die Fremdenfeindlichkeit der Länder untereinander als auch gegen die innere Fremdenfeindlichkeit, die im Falle einiger Gegenden in Afrika durch den Tribalismus zu Tragödien wie beispielsweise der von Ruanda führt.

MATTEO BRUNI:

Die zweite Frage kommt von Frau Doktor Ratovoarivelo aus Madagaskar.

MARIE FRÉDELINE RATOVOARIVELO (Radio Don Bosco, Madagaskar):

Heiligkeit, Sie haben auf Ihrer Apostolischen Reise von der Zukunft der Jugend gesprochen. Ich meine, dass die Gründung einer Familie für die Zukunft sehr wichtig ist. Aktuell leben in Madagaskar viele Jugendliche aufgrund von Armut in sehr komplexen Familienverhältnissen. Wie kann die Kirche die Jugendlichen begleiten, wenn diese meinen, dass ihre Lehre angesichts der heutigen Krise der Familie und der sexuellen Revolution veraltet ist? Danke, Heiliger Vater.

PAPST FRANZISKUS:

Der Familie kommt bei der Erziehung der Kinder sicher eine Schlüsselfunktion zu. Die Art und Weise, wie Jugendliche sich ausdrücken, berührt uns, wir haben das in Madagaskar gesehen und auch in Mauritius und ebenso beim interreligiösen Jugendtreffen für den Frieden in Mosambik. Den Jugendlichen Werte vermitteln, sie wachsen lassen.

In Madagaskar stehen die Probleme der Familie im Zusammenhang mit den Problemen der Armut, der Arbeitslosigkeit und manchmal auch mit der Ausbeutung durch viele Unternehmer. Im Granitsteinbruch [in Antananarivo] zum Beispiel verdienen die Arbeiter eineinhalb Dollar pro Tag. Dann geht es um Arbeitsgesetze, um Gesetze, welche die Familie schützen, das ist fundamental. Weiter geht es um die familiären Werte. Die gibt es, die gibt es, aber manchmal werden sie von der Armut zerstört. Nicht die Werte, sondern die Fähigkeit sie weiterzugeben und die Jugendlichen weiter zu erziehen, sie in ihrem Wachstum zu unterstützen. In Madagaskar haben wir diese Initiative von Akamasoa gesehen: die Arbeit mit den Kindern, damit die Kinder in einer Familie leben können, die nicht ihre ursprüngliche ist, das stimmt, aber das ist die einzige Möglichkeit.

Gestern in Mauritius habe ich nach der Messe Monsignore Rueda mit einem großen und kräftigen Polizisten angetroffen, der ein ungefähr zwei Jahre altes Mädchen auf dem Arm hatte. Es hatte sich verlaufen und weinte, weil man seine Eltern nicht finden konnte. Die Polizei machte eine Durchsage, dass sie kommen sollten, und derweil beruhigten sie das Mädchen. Dahinter habe ich das Drama vieler Kinder und Jugendlicher gesehen, die die familiäre Bindung verlieren, selbst wenn sie in einer Familie leben. In einem bestimmten Moment verlieren sie die Bindung … In diesem Fall hier war das einfach unglücklich. Und dann spielt auch der Staat eine Rolle bei der Unterstützung und Förderung von Kindern und Jugendlichen. Der Staat muss sich um die Familie, um die Jugendlichen kümmern: das ist eine Pflicht des Staates, eine Pflicht zur Unterstützung. Dann möchte ich noch einmal wiederholen, dass ein Kind für die Familie ein Schatz ist. Und ihr habt das Bewusstsein dafür, das Bewusstsein für diesen Reichtum. Aber jetzt muss sich die gesamte Gesellschaft ihrer Verpflichtung bewusstwerden, diesen Reichtum wachsen zu lassen, damit das Land, die Heimat und die Werte wachsen, welche der Heimat Souveränität verleihen. Ich weiß nicht, ob ich die Frage einigermaßen beantwortet habe. Das, was mich in allen drei Ländern bei den Kindern beeindruckt hat, war, dass sie gegrüßt haben. Da gab es auch Kleinkinder, die grüßten: sie haben sich von der Freude anstecken lassen. Über die Freude möchte ich gern später noch sprechen. Danke.

MATTEO BRUNI:

Die dritte Frage, Heiliger Vater, kommt von Herrn Mootoosamy aus Mauritius.

JEAN-LUC MOOTOOSAMY (Radio One, Mauritius):

Der Premierminister von Mauritius hat Ihnen für Ihre Sorge um das Leid unserer Landsleute gedankt, welche ihren Archipel verlassen mussten, nachdem Teile unseres Gebietes vor der Unabhängigkeit vonseiten des Vereinigten Königreichs unrechtmäßig abgetrennt wurden. Heute befindet sich auf der Insel Diego Garcia eine amerikanische Militärbasis. Heiliger Vater, die Einwohner der Chagos-Inseln, die seit fünfzig Jahren im unfreiwilligen Exil leben, wollen in ihre Heimatgebiete zurückkehren. Die zuständigen amerikanischen und britischen Verwaltungen lassen das nicht zu, obwohl es dazu eine Resolution der UNO vom vergangenen Mai gibt. Wie können Sie die Chagossianer in ihrem Bestreben unterstützen und dem Volk von Chagos helfen, nach Hause zurückzukehren?

PAPST FRANZISKUS:

Ich möchte bekräftigen, was die Lehre der Kirche dazu ist. Wenn wir internationale Organisationen anerkennen und ihnen die Fähigkeit zuerkennen, auf internationaler Ebene zu urteilen – denken Sie an den Internationalen Gerichtshof in Den Haag oder die Vereinten Nationen –, und wenn sie sich dann äußern, müssen wir gehorchen, wenn wir eine einzige Menschheit sind. Es ist wahr, dass die Dinge, die für die ganze Menschheit richtig erscheinen, nicht immer auch mit unseren eigenen Interessen zusammengehen, aber man muss den internationalen Institutionen gehorchen. Deshalb wurden die Vereinten Nationen gegründet und die internationalen Gerichte geschaffen, damit man sich bei internen oder internationalen Konflikten dorthin wenden kann, um sie brüderlich und zivilisiert zu lösen.

Dann gibt es noch ein anderes Phänomen, von dem ich nicht weiß, ich sage es deutlich, ich weiß nicht, ob es sich auf diesen Fall beziehen lässt. Nun lasse ich den Einzelfall beiseite. Ich habe gesagt, dass es mir richtig erscheint, auf internationale Organisationen zu verweisen. Aber es gibt da so ein Phänomen. Wenn es geschieht, dass ein Volk die Freiheit erlangt und der herrschende Staat sieht, dass er gehen muss – in Afrika gab es viele Befreiungen, wie etwa von Frankreich, Großbritannien, Belgien, Italien..., sie mussten gehen –, einige dieser Befreiungen haben sich gut entwickelt, aber es besteht immer die Versuchung, dass sie „mit etwas in der Tasche“ gehen wollen. Ja, ich gewähre diesem Volk die Befreiung, aber ich nehme ein paar „Krümel“ mit... Zum Beispiel, ich gebe dem Land die Freiheit, aber „vom Erdboden aufwärts“: Das, was sich unter der Erde befindet, gehört weiterhin mir. Es ist ein Beispiel, ich weiß nicht, ob es hier zutrifft, aber um ein Beispiel zu nennen. Es gibt immer diese Versuchung. Ich glaube, dass die internationalen Organisationen solche Prozesse begleiten sollten, wobei anerkannt wird, was die herrschenden Mächte für dieses Land getan haben und wo ihr guter Wille anerkannt wird, das Land zu verlassen, und wo man sie dabei unterstützt, vollständig, in Freiheit und in Brüderlichkeit zu gehen. Das ist ein langsames kulturelles Mühen der Menschheit, und dabei helfen uns die internationalen Institutionen immer und überall, und wir müssen die internationalen Institutionen weiter stärken: die Vereinten Nationen, die diesen Geist wiedererlangen mögen...; die Europäische Union, die erstarken soll, nicht im Sinne von Dominanz, sondern im Sinne von Gerechtigkeit, Brüderlichkeit, Einheit für alle. Ich glaube, dass dies eines der wichtigsten Dinge ist.

Aber Ihre Frage gibt mir die Gelegenheit, noch etwas anderes zu sagen. Heute gibt es keine geografischen Kolonialisierungen mehr – zumindest nicht viele.... –, aber es gibt eine ideologische Kolonialisierung, die in die Kultur der Völker eindringen und diese Kultur verändern und die Menschheit vereinheitlichen will. Dabei stellt man sich die Globalisierung wie eine Kugel vor: alles ist gleich, jeder Punkt ist gleich weit vom Zentrum entfernt. Wahre Globalisierung hingegen lässt sich nicht mit dem Bild einer Kugel beschreiben, sie gleicht eher einem Polyeder, wo jedes Volk, jede Nation ihre eigene Identität wahrt, aber doch mit der gesamten Menschheit verbunden ist. Die ideologische Kolonialisierung hingegen versucht, die Identität der anderen zu beseitigen, um sie anzugleichen; und man kommt mit ideologischen Ideen, die der Natur, der Geschichte, den Werten dieses Volkes widersprechen. Wir müssen die Identität der Völker respektieren. Das ist ein Grundsatz, der immer verteidigt werden muss. Die Identität der Völker muss respektiert werden, und so verjagen wir jede Kolonialisierung. Danke.

Ja, bevor wir EFE das Wort erteilen – sie hat auf dieser Reise den Vorrang, denn sie ist „alt“, 80 Jahre alt! – möchte ich noch etwas zur Reise sagen, etwas, das mich sehr beeindruckt hat. An Ihrem Land [Mauritius] hat mich die Fähigkeit zur interreligiösen Einheit, zum interreligiösen Dialog sehr beeindruckt. Der Unterschied zwischen den Religionen wird nicht aufgehoben, aber es wird betont, dass wir alle Brüder sind, dass wir alle miteinander sprechen müssen. Und das ist ein Zeichen für die Reife Ihres Landes. Als ich gestern mit dem Premierminister sprach, war ich erstaunt, wie sie diese Verhältnisse herbeigeführt haben und wie sie sie leben, als eine Notwendigkeit für das Zusammenleben. Es gibt auch eine interkulturelle Kommission, die zusammenkommt... Das Erste, was ich gestern beim Betreten des Bischofshauses vorfand – das ist eine Anekdote – war ein wunderschöner Blumenstrauß. Wer hat ihn geschickt? Der Großimam. Ja, Brüder: die menschliche Brüderlichkeit, die etwas Grundlegendes ist und alle Glaubensüberzeugungen respektiert. Die religiöse Achtung ist wichtig, deshalb sage ich zu den Missionaren: „Betreibt keinen Proselytismus“. Der Proselytismus gilt für die Politik, für die Welt des Sports – meine Mannschaft, deine Mannschaft... –, er gilt für all dies, aber nicht für den Glauben. „Aber, Papst, was bedeutet es für Sie zu evangelisieren?“ Es gibt einen Satz des heiligen Franziskus, der mich sehr erleuchtet hat. Franziskus von Assisi sagte zu seinen Brüdern: „Verkündet das Evangelium, wenn nötig auch mit Worten“. Das heißt, die Verkündigung des Evangeliums geschieht so, wie es die Apostelgeschichte beschreibt: durch das Zeugnis. Und dieses Zeugnis führt dann zu der Frage: „Aber warum lebst du so, warum tust du das?“. Und dann erkläre ich: „Wegen des Evangeliums“. Die Verkündigung erfolgt nach dem Zeugnis. Zuerst lebst du als Christ und wenn sie dich fragen, dann verkündigst du. Das Zeugnis ist der erste Schritt, und der Protagonist der Evangelisierung ist nicht der Missionar, sondern der Heilige Geist, der Christen und Missionare dazu bringt, Zeugnis zu geben. Dann werden die Fragen kommen oder sie werden nicht kommen, aber das Zeugnis des Lebens, das ist der erste Schritt. Das ist wichtig, um Proselytismus zu vermeiden. Wenn ihr religiöse Angebote seht, die einen Proselytismus verfolgen, dann sind sie nicht christlich. Sie suchen nach Proselyten, nicht nach Anbetern Gottes in Wahrheit, ausgehend vom Zeugnis. Ich nutze diese Gelegenheit und sage dies wegen Ihrer interreligiösen Erfahrung, die sehr schön ist. Und der Premierminister sagte mir auch, dass alle, die um Hilfe bitten, das gleiche bekommen und niemand beleidigt ist, weil sie sich wie Brüder fühlen. Und dies macht die Einheit des Landes aus. Das ist sehr, sehr wichtig.

In den Versammlungen gab es dann nicht nur Katholiken, da waren Christen anderer Konfessionen und Muslime, Hindus, aber alle waren Brüder. Ich habe das auch recht deutlich in Madagaskar wahrgenommen und auch [in Mosambik] bei der interreligiösen Begegnung der Jugendlichen für den Frieden, wo die Jugendlichen verschiedener Religionen zum Ausdruck bringen wollten, wie sie den Wunsch nach Frieden leben. Frieden, Brüderlichkeit, interreligiöses Zusammenleben, kein Proselytismus. Das sind Dinge, die wir für das Zusammenleben lernen müssen. Das muss ich sagen.

Dann noch eine andere Sache, die mich beeindruckt hat – ich spreche von diesem Treffen in Ihrem Land und dann in den drei Ländern, aber ich greife eines heraus, Madagaskar, weil wir von dort aus begonnen haben: das Volk. Auf den Straßen waren die Menschen, das Volk, das sich von allein dort versammelt hat. Sie waren bei der Messe im Stadion im Regen und sie tanzten im Regen, sie waren glücklich... Glücklich, darauf komme ich noch zurück. Und auch in der Gebetsvigil [der Jugendlichen in Madagaskar] und in der Messe – von der es heißt, sie habe die Millionengrenze überschritten (ich weiß nicht, die offiziellen Statistiken sagen das, ich schätze etwas weniger, sagen wir 800.000), aber die Zahl interessiert nicht, es interessiert das Volk, die Menschen, die schon am Nachmittag des vorausgehenden Tages zu Fuß losgegangen waren, die bei der Gebetsvigil waren und dort geschlafen haben. Ich dachte an Rio de Janeiro im Jahr 2013, als sie am Strand schliefen. Es war das Volk, das mit dem Papst zusammen sein wollte. Ich fühlte mich demütig und sehr klein angesichts dieser großen und gewaltigen Volksmenge. Und was ist das Zeichen dafür, dass eine Ansammlung von Menschen ein Volk ist? Die Freude. Da waren arme Menschen, da waren Menschen, die an diesem Nachmittag nicht gegessen hatten, um dort sein zu können, aber sie waren voller Freude. Wenn sich jedoch Menschen oder Gruppen von diesem gemeinschaftlichen Gefühl der Freude entfernen, verlieren sie ihre Freude. Dies ist eines der ersten Anzeichen, die Traurigkeit einsamer Menschen, die Traurigkeit jener, die ihre kulturellen Wurzeln vergessen haben. Das Bewusstsein ein Volk zu sein bedeutet, dass man sich dessen bewusst ist, dass man eine Identität hat, eine Art, die Realität zu verstehen, und das verbindet die Menschen. Aber das Zeichen, dass du im Volk und nicht in einer Elite bist, ist die Freude, die gemeinsame Freude. Ich wollte das unterstreichen. Und deshalb grüßten die Kinder auf diese Weise, denn die Eltern steckten sie mit ihrer Freude an.

Danke! Das wollte ich über die Reise sagen, aber wenn mir noch etwas anderes einfällt, werde ich es sagen. Jetzt die „Bevorzugte“!

CRISTINA CABREJAS GILES (von der spanischen Agentur EFE, die ihr achtzigjähriges Bestehen feiert):

Danke, Heiliger Vater, für diese Gelegenheit. Ich habe zwei Fragen. Eine Sonderfrage und eine zum Thema der Reise. Wenn Sie wollen, stelle ich zuerst die Sonderfrage, dann hätten wir das, ich entschuldige mich bei meinen Kollegen, ich möchte nur fragen, ob Sie mir auf Spanisch antworten könnten, danach werde ich übersetzen, kein Problem. [weiter auf Spanisch] Zuerst einmal: Wir gehen fest davon aus, dass Sie für die Zukunft eine Spanienreise geplant haben, wir werden sehen, ob das möglich ist, hoffentlich! Und die Frage, die ich Ihnen stellen möchte, lautet: Für diese achtzig Jahre EFE haben wir verschiedene bedeutende Persönlichkeiten aus aller Welt zum Themenbereich Information und Journalismus befragt und so möchte ich Sie fragen: Wie wird Ihrer Meinung nach die Information der Zukunft aussehen?

PAPST FRANZISKUS:

Dazu bräuchte ich eine Kristallkugel!... Ich werde nach Spanien kommen, wenn ich am Leben bin, aber was die Reisen betrifft, haben in Europa die kleinen Länder Vorrang, dann die größeren.

Ich weiß nicht, wie die Kommunikation der Zukunft aussehen wird. Ich denke daran, wie die Kommunikation zum Beispiel war, als ich ein Jugendlicher war, noch ohne Fernsehen, mit dem Radio, mit der Zeitung, sogar mit der Untergrundzeitung, die von der gerade amtierenden Regierung verfolgt wurde und nachts von Freiwilligen verkauft wurde...; und auch die mündliche Kommunikation. Wenn wir das mit der heutigen vergleichen, war das eine unsichere Information, und die heutigen Informationen sind vielleicht unsicher im Vergleich zu denen der Zukunft. Das, was als Konstante der Kommunikation bleibt, ist die Fähigkeit, eine Tatsache zu vermitteln und diese vom Erzählten, von dem, was wiedergegeben wird, zu unterscheiden. Eines der Dinge, die die Kommunikation der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft schädigen, ist das, was wiedergegeben wird. Es gibt eine sehr schöne Studie, die vor drei Jahren von Simone Paganini, einem Wissenschaftler der Universität Aachen (Deutschland), veröffentlicht wurde und von der Dynamik der Kommunikation zwischen dem Schreiber, dem Geschriebenen und dem Leser spricht. Kommunikation birgt immer das Risiko, dass der Bericht über die Tatsache an die Stelle der Tatsache tritt, und das ruiniert die Kommunikation. Es ist wichtig, dass die Tatsache erhalten bleibt und dass wir uns immer der Tatsache annähern. Ich sehe das auch in der Kurie: Es gibt eine Tatsache, und dann schmückt sie jeder mit Eigenem aus, ohne schlechte Absicht, das ist die Dynamik. Die Askese des Mitteilenden besteht also immer darin, auf die Tatsache zurückzukommen, die Tatsache zu berichten und dann zu sagen: „Das ist meine Interpretation, man hat mir das gesagt“, so bleibt die Unterscheidung zwischen der Tatsache und dem Bericht über die Tatsache erhalten. Vor einiger Zeit hat man mir die Geschichte vom Rotkäppchen erzählt, aber auf der Basis des Hörensagens, und dabei kam schließlich heraus, dass der Wolf im Kochtopf landete und das Rotkäppchen und die Großmutter ihn aufaßen! Das Erzählen hat die Dinge verändert. Was auch immer die Kommunikationsmittel sind, die Garantie ist die Treue. „Man sagt, dass…“ Darf man so eine Formulierung verwenden? Ja, das kann in der Kommunikation verwendet werden, aber man sollte darauf bedacht sein, die Objektivität dieses „man sagt“ festzustellen. Das ist einer der Werte, die man bei der Kommunikation beachten muss.

Zweitens muss die Kommunikation menschlich sein, und wenn ich sage menschlich, meine ich konstruktiv, das heißt, sie muss den anderen wachsen lassen. Kommunikation darf nicht als Kriegsmittel benutzt werden, denn dann ist sie anti-menschlich, zerstörerisch. Vor kurzem habe ich einen Artikel an Monsignore Rueda weitergeleitet, den ich in einer Zeitschrift gefunden hatte und der den Titel „Arsen-Tropfen in der Sprache“ trug. Kommunikation muss konstruktiv und darf nicht destruktiv sein. Und wann steht die Kommunikation im Dienste der Zerstörung? Wenn sie unmenschliche Projekte verteidigt. Denken wir an die Propaganda der Diktaturen des vergangenen Jahrhunderts, das waren Diktaturen, die wussten, wie man gut kommuniziert, dabei aber Krieg, Spaltung und Zerstörung anheizten. Ich weiß nicht, was ich zum technischen Aspekt der Kommunikation sagen soll, weil ich davon nicht viel verstehe. Ich wollte einige Werte betonen, die bei der Kommunikation, welcher Mittel auch immer sie sich bedient, zu beachten sind.

CRISTINA CABREJAS GILES (zweite Frage)

Kommen wir auf die Reise zurück. Eines der Themen dieser Reise war der Umweltschutz. Darüber haben Sie in allen Reden gesprochen, Sie sprachen über den Schutz der Bäume, über Brände, über Entwaldung... Das passiert gerade im Amazonasgebiet. Glauben Sie, dass die Regierungen dieser Regionen alles tun, um diese Lunge der Welt zu schützen?

PAPST FRANZISKUS:

Ich komme auf Afrika zurück. Das habe ich bei einer anderen Reise gesagt. Im kollektiven Unbewussten gibt es ein Motto: Afrika muss ausgebeutet werden. Das geschieht unbewusst. Wir denken nie: Europa muss ausgebeutet werden, nein. Afrika muss ausgebeutet werden. Und wir müssen die Menschheit von diesem kollektiven Unbewussten befreien. Das, was am stärksten ausgebeutet wird, nicht nur in Afrika, sondern auch im Rest der Welt, ist die Umwelt, die Entwaldung, die Zerstörung der biologischen Vielfalt. Vor ein paar Monaten empfing ich die Seelsorger der Seeleute, und bei der Audienz waren sieben junge Fischer, die mit einem Boot fischten, das nicht länger als dieses Flugzeug war. Sie fischten mit mechanischen Mitteln, wie man sie jetzt verwendet, ein wenig abenteuerlustig. Sie sagten mir folgendes: In den letzten paar Monaten haben wir 6 Tonnen Kunststoff herausgeholt. (Im Vatikan haben wir Plastik verboten, wir sind da gerade dabei). 6 Tonnen Plastik! Das ist eine Realität, allein schon in den Meeren.... Die Gebetsintention des Papstes in diesem Monat ist eben dieser Schutz der Ozeane, aus denen auch der Sauerstoff kommt, den wir atmen. Dann gibt es die großen „Lungen“ der Menschheit, eine in Zentralafrika, die andere in Brasilien, das ganze panamazonische Gebiet; und dann gibt es noch eine andere, ich erinnere mich nicht, wo... Es gibt auch kleine Lungen dieser Art. Die Verteidigung der Ökologie, der Biodiversität, die für uns lebenswichtig ist, der Schutz der Sauerstoffquellen. Es macht mir Hoffnung, dass der größte Kampf für die biologische Vielfalt, für den Schutz der Umwelt, von jungen Menschen geführt wird. Sie haben ein beachtliches Bewusstsein dafür, denn sie sagen: Die Zukunft gehört uns; macht ihr mit eurer, was ihr wollt, aber nicht mit unserer! Sie beginnen, ein wenig in diese Richtung zu denken. Ich glaube, dass der Abschluss des Pariser Abkommens ein guter Schritt nach vorn war. Dann zuletzt in Marrakesch... Das sind Begegnungen, die uns helfen, ein Bewusstsein zu schaffen. Aber letztes Jahr, im Sommer, als ich das Foto des Schiffes sah, das ohne weiteres zum Nordpol fuhr, empfand ich Angst. Und vor kurzem, vor einigen Monaten, sahen wir alle das Foto von der Beerdigung, die sie, glaube ich, in Grönland auf diesem Gletscher, der nicht mehr da war, veranstaltet haben, eine symbolische Beerdigung, um Aufmerksamkeit zu erregen. Das geschieht alles schnell, wir müssen uns dessen bewusst werden, angefangen bei den kleinen Dingen. Aber Ihre Frage war: Tun die Regierenden alles, was sie können? Einige mehr, andere weniger. Hier muss ich ein Wort benutzen, denn darauf beruht die ganze Ausbeutung der Umwelt... (Ein Artikel im „Messagero“ vom 4. September, dem Tag, an dem wir abgereist sind, hat mich bewegt. Franca Giansoldati nahm dabei kein Blatt vor den Mund, sie sprach von destruktiven Machenschaften, von Raubgier... Aber das nicht nur in Afrika, sondern auch in unseren Städten, in unseren Gesellschaften)... Dieses äußerst hässliche Wort lautet „Korruption“. Ich muss dieses Geschäft machen, aber dafür muss ich den Wald roden, und ich brauche die Erlaubnis der Regierung, der Landes- oder Provinzregierung, ich weiß nicht, und ich gehe zu dem Verantwortlichen und die Frage – ich wiederhole wörtlich, was ein spanischer Unternehmer mir gesagt hat – die Frage, die sich stellt, wenn wir ein Projekt genehmigen lassen wollen, ist: „Wie viel ist für mich drin“, das ist dreist. Dies geschieht in Afrika, in Lateinamerika und auch in Europa. Überall, wo man gesellschaftspolitische Verantwortung zum persönlichen Vorteil ausübt, nutzt man Werte, nutzt man die Natur, nutzt man die Menschen aus. Wir denken: „Afrika muss ausgebeutet werden“. Aber denken wir an die vielen Arbeiter, die in unseren Gesellschaften ausgebeutet werden: Der Einsatz illegaler unterbezahlter Arbeitskräfte wurde nicht von den Afrikanern erfunden, sondern von uns in Europa. Die Haushaltshilfe, der nur ein Drittel von dem gezahlt wird, was eigentlich fällig wäre – das ist keine Erfindung der Afrikaner; die Frauen, die getäuscht und ausgebeutet werden, um in unseren Städten der Prostitution nachzugehen, die Afrikaner haben das nicht erfunden. Auch bei uns gibt es diese Ausbeutung, nicht nur die ökologische, sondern auch die menschliche. Und das liegt an der Korruption. Wenn die Korruption in das Herz eindringt, dann seien wir darauf gefasst, dass allerhand geschieht.

MATTEO BRUNI:

Die nächste Frage kommt von Jason Horowitz von der New York Times.

JASON DREW HOROWITZ (The New York Times, Vereinigte Staaten):

Guten Morgen, Heiliger Vater. Auf Ihrem Flug nach Maputo haben Sie eingeräumt, dass Sie von einem Teil der amerikanischen Kirche angegriffen werden. Es gibt heftige Kritik vonseiten einiger Bischöfe und Kardinäle, es gibt einige sehr kritische katholische Fernsehsender und amerikanische Websites, und einige Ihrer engsten Mitarbeiter haben sogar von einer Verschwörung gegen Sie gesprochen, einige Ihrer Verbündeten in der italienischen Kurie. Gibt es etwas, das diese Kritiker an Ihrem Pontifikat nicht verstehen? Gibt es etwas, das Sie von der Kritik in den Vereinigten Staaten gelernt haben? Noch etwas, haben Sie Angst vor einem Schisma in der amerikanischen Kirche? Und wenn ja, gibt es etwas, das Sie tun könnten – einen Dialog – um zu helfen, um das zu vermeiden?

PAPST FRANZISKUS:

Zunächst einmal hilft Kritik immer, immer. Wenn man kritisiert wird, muss man sofort selbstkritisch sagen: Ist das wahr oder nicht, inwieweit ist es wahr? Die Kritik bringt mir immer etwas, immer. Manchmal macht sie einen ärgerlich, aber sie bringt etwas. Auf der Reise nach Maputo kam ... – haben Sie mir das Buch gegeben? – jemand von Ihnen hat mir dieses Buch auf Französisch gegeben... „Die Amerikanische Kirche greift den Papst an“, nein, „Der Papst unter dem Angriff der Amerikaner“ [jemand sagt: „Wie die Amerikaner den Papst ändern wollen“] ... Genau, das ist das Buch. Sie haben mir ein Exemplar gegeben. Ich wusste von dem Buch, aber ich hatte es nicht gelesen. Die Kritik kommt nicht nur von den Amerikanern, sondern ein bisschen von überall, auch aus der Kurie. Wenigstens haben die, die es sagen, den Vorteil der Ehrlichkeit, es dir zu sagen. Das gefällt mir. Ich mag es nicht, wenn man im Verborgenen kritisiert und einen anlächelt, so dass man die Zähne sieht und dann fallen sie einem in den Rücken. Das ist nicht fair, das ist nicht menschlich. Kritik ist ein konstruktives Element, und wenn deine Kritik nicht gerechtfertigt ist, dann bist du auch bereit, eine Antwort zu erhalten und einen Dialog, eine Diskussion zu führen um zu einem gerechten Schluss zu kommen. Das ist die Dynamik der wahren Kritik. Die Kritik der „Arsenpillen“, von der wir sprachen, in dem Artikel, den ich Monsignore Rueda gab, das ist, als würde man hinter vorgehaltener Hand einen Stein werfen. Das nützt nichts, das hilft nicht. Es hilft den kleinen geschlossenen Grüppchen, die die Antwort auf die Kritik nicht hören wollen. Eine Kritik, die keine Antwort hören will, gleicht dem Werfen eines Steines hinter vorgehaltener Hand. Bei einer fairen Kritik ist das anders: „Ich denke dies, dies und das“, und man ist dabei offen für eine Antwort, das ist konstruktiv und das hilft weiter. Bezogen auf den Papst: „Diese Sache gefällt mir nicht am Papst“, ich kritisiere ihn, ich warte auf die Antwort, ich gehe zu ihm, spreche mit ihm, ich schreibe einen Artikel und ich bitte ihn zu antworten, das ist loyal, das ist Liebe zur Kirche. Eine Kritik zu üben, ohne die Antwort hören zu wollen und ohne in einen Dialog einzutreten, bedeutet, die Kirche nicht zu lieben und einer fixen Idee anzuhangen: den Papst zu ändern oder sich in ein Schisma zu begeben, ich weiß nicht. Das ist klar: Faire Kritik wird immer gut aufgenommen, zumindest von mir.

Zweitens, das Problem des Schismas: In der Kirche gab es viele Schismen. Nach dem Ersten Vatikanum, nach der letzten Abstimmung, das war die über die Unfehlbarkeit, ist eine beachtliche Anzahl weggegangen. Sie trennten sich von der Kirche und gründeten die Altkatholiken, um wirklich „ehrlich“ mit der Tradition der Kirche zu sein. Dann entwickelten sie sich selbst in eine andere Richtung und jetzt weihen sie Frauen zu Priestern; aber in diesem Moment waren sie starr, sie hingen einer gewissen Orthodoxie an und dachten, dass das Konzil falsch lag. Eine andere Gruppe ging ohne Abstimmung, in aller Stille, wollte aber nicht abstimmen... Auch beim Zweiten Vatikanum kam es zu so etwas, die bekannteste Abspaltung ist wohl die von Lefebvre. Es gibt in der Kirche immer die Option des Schismas, immer. Das ist eine Option, die der Herr der menschlichen Freiheit überlässt. Ich habe keine Angst vor Schismen, ich bete dafür, dass es keine gibt, denn das Seelenheil vieler Menschen steht auf dem Spiel. Möge es Dialog geben, möge es Korrekturen geben, wenn es Fehler gibt, aber der Weg des Schismas ist nicht christlich. Denken wir an den Anfang der Kirche, wo es so viele Schismen gab, eines nach dem anderen, es genügt, auf die Kirchengeschichte zu schauen: Arianer, Gnostiker, Monophysiten...

Dann muss ich eine Anekdote erzählen, die ich schon einige Male erzählt habe. Es war das Volk Gottes, das vor Schismen bewahrte. Schismatiker haben immer eines gemeinsam: Sie lösen sich vom Volk, vom Glauben des Volkes Gottes. Und als auf dem Konzil von Ephesus die Gottesmutterschaft Mariens diskutiert wurde, stand das Volk – das ist historisch – am Eingang des Doms, als die Bischöfe zum Konzil kamen, sie standen dort mit Stöcken, sie zeigten die Stöcke und riefen: „Mutter Gottes! Mutter Gottes!“, was bedeuten sollte: Wenn ihr das nicht tut, dann erwarten euch diese... Das Volk Gottes korrigiert immer die Dinge und hilft. Ein Schisma ist immer eine elitäre Abspaltung, die durch eine von der Lehre losgelöste Ideologie hervorgerufen wird. Von einer vielleicht sogar richtigen Ideologie, die aber in die Lehre eindringt und sie loslöst und für eine gewisse Zeit zur „Lehre“ wird. Deshalb bete ich, dass es keine Schismen gibt, aber ich habe keine Angst.

[Der Journalist nimmt die Frage wieder auf]

Was können wir tun, um zu helfen?... Das, was ich gerade sage: Keine Angst haben...; Ich antworte auf Kritik, ich tue das alles. Vielleicht, wenn jemand etwas einfällt, was ich tun soll, werde ich es tun, um zu helfen... Aber das ist eines der Ergebnisse des Zweiten Vatikanums, nicht dieses oder jenes Papstes... Zum Beispiel sind die sozialen Dinge, die ich sage, die gleichen, die Johannes Paul II. sagte, die gleichen. Ich kopiere ihn. Aber sie sagen: „Der Papst ist zu kommunistisch...“. Ideologien dringen in die Lehre ein, und wenn die Lehre in eine Ideologie abrutscht, besteht die Möglichkeit eines Schismas. Und es gibt auch die behavioristische Ideologie, also den Vorrang einer sterilen Moral vor der Moral des Volkes Gottes. Die Hirten müssen die Herde inmitten von Gnade und Sünde führen, denn darin besteht eine evangeliumsgemäße Moral. Die Moral einer sozusagen pelagianischen Ideologie führt zur Starrheit, und heute haben wir viele starre Tendenzen innerhalb der Kirche, die keine Schismen sind, aber pseudoschismatische christliche Wege, die nicht gut enden werden. Wenn ihr rigide Christen, Bischöfe, Priester seht, stecken hinter dieser Haltung Probleme, nicht die Heiligkeit des Evangeliums. Deshalb müssen wir sanftmütig zu den Menschen sein, die versucht sind, diese Angriffe durchzuführen, sie haben ein Problem, wir müssen sie behutsam begleiten. Danke.

MATTEO BRUNI

Die letzte Frage kommt von Aura Miguel von Radio Renascença.

PAPST FRANZISKUS:

Wie habe ich Portugiesisch gesprochen?

AURA VISTAS MIGUEL (Radio Renascença, Portugal)

Sehr gut, alle haben verstanden, man hat es sehr gut verstanden. Heiligkeit, ich komme noch einmal zurück auf Mosambik, ich habe nur diese Frage. Wir wissen, dass Sie Länder nicht gerne während eines Wahlkampfes besuchen, und doch haben Sie dies in Mosambik einen Monat vor den Wahlen getan, wobei eben der Präsident, der Sie eingeladen hat, einer der Kandidaten ist. Warum?

PAPST FRANZISKUS:

Ja. Das war kein Fehler. Es war eine frei getroffene Entscheidung, denn der Wahlkampf begann in diesen Tagen und er trat angesichts des Friedensprozesses in den Hintergrund. Der Besuch war wichtig, um zur Konsolidierung des Friedensprozesses beizutragen. Und das war wichtiger als ein Wahlkampf, der noch nicht angefangen hatte, sondern in den Tagen nach dem Ende meines Besuchs begann. Und da haben wir bei Abwägung zwischen diesen beiden Aspekten schließlich entschieden: Ja, es ist wichtig, zu konsolidieren. Und dann konnte ich die politischen Kontrahenten begrüßen, um zu zeigen und deutlich zu machen, dass dies das Wichtigste war, und dass es nicht darum ging diesen Präsidenten zu unterstützen, den ich nicht kenne, ich weiß nicht, wie er denkt, und auch nicht, wie die anderen denken. Für mich war es wichtiger, die Einheit des Landes zu betonen. Aber was Sie sagen, ist wahr: Wir müssen uns von Wahlkämpfen fernhalten, das ist wahr. Danke.

Vielen Dank für eure Arbeit! Ich danke euch für alles, was ihr tut. Und betet für mich; ich bete auch für euch. Gesegnete Mahlzeit!

 



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