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JOHANNES PAUL II.

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 14. April 1999

   

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Die religiöse Ausrichtung des Menschen entspringt seiner Geschöpflichkeit, die ihn zur Sehnsucht nach Gott drängt, von dem er geschaffen ist als sein Abbild, ihm ähnlich (vgl. Gen 1,26). Das II. Vatikanische Konzil lehrt: »Ein besonderer Wesenszug der Würde des Menschen liegt in seiner Berufung zur Gemeinschaft mit Gott. Zum Dialog mit Gott ist der Mensch schon von seinem Ursprung her aufgerufen: er existiert nämlich nur, weil er, von Gott aus Liebe geschaffen, immer aus Liebe erhalten wird; und er lebt nicht voll gemäß der Wahrheit, wenn er diese Liebe nicht frei anerkennt und sich seinem Schöpfer anheimgibt« (Gaudium et spes, 19). 

Der Weg, der die Menschen zur Erkenntnis Gottvaters führt, ist Jesus Christus, das fleischgewordene Wort, das zu uns kommt in der Macht des Heiligen Geistes. Wie ich in den vorangegangenen Katechesen betont habe, ist eine solche Erkenntnis echt und vollkommen, wenn sie sich nicht auf ein rein verstandesmäßiges Erfassen beschränkt, sondern in lebendiger Weise die ganze Person des Menschen mit einbezieht. Dieser schuldet dem Vater eine Glaubens- und Liebesantwort aus dem Bewußtsein, daß wir, noch bevor wir erkannt haben, von Ihm schon erkannt und geliebt worden sind (vgl. Gal 4,9; 1 Kor 13,12; 1 Joh 4,19). 

Leider wird diese innigste und lebenskräftige Verbindung mit Gott, die seit dem Beginn der Geschichte durch die Schuld der Ureltern beeinträchtigt ist, vom Menschen in schwankender und widersprüchlicher Weise gelebt, bedroht durch Zweifel und oft gebrochen durch Sünde. Schließlich hat die moderne Zeit besonders verheerende Formen von »theoretischem« und »praktischem« Atheismus gekannt (vgl. Fides et ratio, 46-47). Vor allem erweist sich der »Säkularismus« verderblich mit seiner Gleichgültigkeit gegenüber den letzten Fragen und dem Glauben: Er ist in der Tat Ausdruck eines vom Bezug zur Transzendenz völlig abgelösten Menschenbildes. Somit ist der »praktische« Atheismus bittere und konkrete Wirklichkeit. Zeigt er sich auch vor allem in den wirtschaftlich und technisch hochentwickelten Kulturen, so erfassen seine Auswirkungen doch jene Situationen und Kulturen mit, die noch am Anfang eines Entwicklungsprozesses stehen. 

2. Es ist nötig, sich vom Wort Gottes leiten zu lassen, um diese Situation der heutigen Welt verstehen und auf die schwerwiegenden Fragen, die sich stellen, antworten zu können. 

Von der Heiligen Schrift ausgehend, wird man sogleich bemerken, daß sich darin kein Hinweis auf »theoretischen« Atheismus findet, während das Interesse darauf gerichtet ist, »praktischen« Atheismus anzuprangern. Der Torheit bezichtigt der Psalmist diejenigen, die denken: »Es gibt keinen Gott« (Ps 14,1), und sich danach verhalten: »Sie handeln verwerflich und schnöde; da ist keiner, der Gutes tut« (ebd.). In einem anderen Psalm wird der überhebliche Frevler getadelt, der den Herrn verachtet und sagt: »Gott straft nicht, es gibt keinen Gott« (Ps 10,4). 

Überhaupt spricht die Bibel nicht von Atheismus, sondern vielmehr von Gottlosigkeit und Götzendienst. Gottlos und ein Götzendiener ist derjenige, der dem wahren Gott eine Reihe von menschlichen Produkten vorzieht, die fälschlicherweise als göttlich, lebendig und wirktätig angesehen werden. Der Hilflosigkeit der Götzenbilder – und parallel dazu derer, die sie anfertigen – sind lange prophetische Anklagereden gewidmet. Mit dialektischer Eindringlichkeit stellen sie der Leere und dem Unvermögen der vom Menschen angefertigten Götzenbilder die Macht des wundertätigen Schöpfergottes entgegen (vgl. Jes 44,9-20; Jer 10,1-16). 

Diese Lehre erreicht ihre größte Entfaltung im Buch der Weisheit (vgl. Weish 13-15), wo sich der Weg der Gotteserkenntnis über die Werke der Schöpfung abzeichnet, auf den später der Apostel Paulus (vgl. Röm 1,18-23) wieder zurückkommt. »Atheist« zu sein bedeutet also: nicht die wahre Natur der geschaffenen Wirklichkeit zu erkennen, diese vielmehr zu verabsolutisieren und genau deshalb zu »vergöttern«, anstatt sie als Abglanz des Schöpfers und Weg, der zu ihm führt, zu betrachten. 

3. Der Atheismus kann sogar zu einer Form von intoleranter Ideologie werden, wie die Geschichte beweist. Die letzten beiden Jahrhunderte haben Strömungen eines theoretischem Atheismus gekannt, die im Namen einer beanspruchten absoluten Autonomie des Menschen, der Natur oder der Wissenschaft Gott leugneten . Hierzu betont der Katechismus der Katholischen Kirche: »Oft basiert der Atheismus auf einer falschen Auffassung von der menschlichen Autonomie, die so weit geht, daß sie jegliche Abhängigkeit von Gott leugnet« (Nr. 2126). 

Dieser systematische Atheismus hat sich jahrzehntelang behauptet und die Illusion geliefert, daß wenn man Gott eliminierte, der Mensch sowohl in psychologischer als auch in sozialer Hinsicht freier wäre. Die wichtigsten Einwände, die vor allem gegen Gottvater vorgebracht wurden, gehen von der Auffassung aus, daß die Religion für den Menschen einen Wert kompensativer Art darstelle. Der erwachsene Mensch, der das Bild des irdischen Vaters beseitigt hat, würde in Gott das Bedürfnis nach einem vergrößerten Vater projizieren und müsse sich davon wiederum befreien, weil es den Reifeprozeß des Menschen behindere. 

Welches ist die Haltung der Kirche gegenüber den Formen des Atheismus und ihren ideologischen Begründungen? Die Kirche verachtet keineswegs ein ernsthaftes Studium der psychologischen und soziologischen Komponenten des religiösen Phänomens, weist jedoch die Interpretation der Religiosität als Projektion der menschlichen Psyche oder als Ergebnis soziologischer Bedingungen entschieden zurück. Die echte religiöse Erfahrung ist in der Tat kein Ausdruck von Infantilismus, sondern eine reife und würdige Haltung der Annahme Gottes, die dem Bedürfnis nach einem umfassenden Sinn des Lebens entspricht und zur Verantwortung für eine bessere Gesellschaft verpflichtet. 

4. Das Konzil hat erkannt, daß zur Entstehung des Atheismus die Gläubigen beigetragen haben können, insofern als sie das Antlitz Gottes nicht immer in angemessener Weise offenbart haben (vgl. GS, 19; KKK, 2125). 

Aus dieser Sicht zeigt sich gerade im Zeugnis für das wahre Antlitz Gottvaters die überzeugendste Antwort auf den Atheismus. Das schließt natürlich nicht aus, sondern erfordert auch, daß man die Gründe rationaler Ordnung, die zur Erkenntnis Gottes führen, richtig darlegt. Leider werden diese Gründe oft verdunkelt durch Konditionierungen, verursacht von der Sünde, sowie vielfältige kulturelle Gegebenheiten. Daher ist die Verkündigung des Evangeliums, bekräftigt durch das Zeugnis einer verständigen Nächstenliebe (vgl. GS, 21), der wirksamste Weg, damit die Menschen die Güte Gottes zu erahnen vermögen und nach und nach sein barmherziges Antlitz erkennen können. 


Die religiöse Orientierung des Menschen leitet sich von seiner Geschöpflichkeit ab: Der Mensch ist Bild und Gleichnis Gottes.

Dennoch gibt es das Phänomen des Atheismus. Unsere Zeit kennt Formen des “theoretischen” und des “praktischen” Atheismus. Der Säkularismus zum Beispiel manifestiert sich insbesondere in den wirtschaftlich und technisch hochentwickelten Ländern. Durch seine Gleichgültigkeit gegenüber dem Glauben versucht er die Menschen von Gott abzubringen. Daneben wirkt auch der systematische Atheismus, der bisweilen zu einer intoleranten Ideologie werden kann. Er verspricht dem Menschen eine Freiheit ohne Gott.

Die Kirche verurteilt nicht das ernsthafte Studium der psychologischen und soziologischen Elemente der Religiosität. Aber sie weist entschieden jene Auffassung zurück, wonach Religion als Projektion der menschlichen Seele oder als Ergebnis gesellschaftlicher Bedingungen interpretiert wird.

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Mit diesen Gedanken grüße ich die Pilger und Besucher, die aus den Ländern deutscher Sprache nach Rom gekommen sind. Besonders heiße ich die Gruppe der Studentenmusik aus Einsiedeln willkommen. Euch allen, Euren lieben Angehörigen daheim und allen, die mit uns über Radio Vatikan und das Fernsehen verbunden sind, erteile ich von Herzen den Apostolischen Segen.

  



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