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JOHANNES PAUL II. 

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 28. August 2002

 

Lesung:  Ps 84, 2–3. 5–6. 9–10

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Wir setzen unseren Weg durch die Psalmen der Liturgie der Laudes fort. Gerade haben wir den Psalm 84 gehört, den die jüdische Tradition den »Söhnen Kores« (Korachitern) zuschreibt, also einer Priesterfamilie, die sich um den Gottesdienst kümmerte und die Schwelle des Zeltes der Bundeslade bewachte (vgl. 1 Chr 9, 19). 

Es ist ein ganz melodiöser Gesang, von einer mystischen Sehnsucht nach dem Gott des Lebens durchdrungen, der mehrfach mit dem Titel »Herr der Heerscharen« – also Herr der Himmelsheere und damit des Kosmos – gepriesen wird (vgl. Ps 84, 2.4.9.13). Im übrigen stand dieser Titel in einer besonderen Beziehung zur Bundeslade, die im Tempel aufbewahrt und als »die Bundeslade des Herrn der Heere, der über den Kerubim thront«, bezeichnet wurde (1 Sam 4, 4; vgl. Ps 80, 2). In der Tat wurde sie als Zeichen des göttlichen Schutzes in Zeiten der Gefahr und des Kriegs angesehen (vgl. 1 Sam 4, 3–5; 2 Sam 11,11). 

Den Hintergrund des ganzen Psalms bildet der Tempel, zu dem die Wallfahrt der Gläubigen zieht. Die Jahreszeit scheint Herbst zu sein, weil vom »Frühregen« die Rede ist, der die Hitze des Sommers abkühlen läßt (vgl. Ps 84, 7). Man könnte also an den Pilgerzug nach Zion zum dritten Hauptfest des jüdischen Kalenders denken: das Laubhüttenfest, der Gedenktag an das Umherirren des Volkes Israel in der Wüste. 

2. Der Tempel ist am Anfang und am Ende des Psalms in seiner ganzen Faszination gegenwärtig. Zu Beginn (vgl. V. 2–4) finden wir das einzigartige und sanfte Bild der Vögel, die ihre Nester im Heiligtum gebaut haben; ein beneidenswertes Privileg. 

Es handelt sich hierbei um eine Darstellung der Freude jener Menschen wie z.B. der Priester des Tempels, die ihre feste Wohnstätte im Haus Gottes haben und dadurch seine Abgeschiedenheit und seinen Frieden genießen können. Das ganze Wesen des Gläubigen strebt nämlich zum Herrn hin, gewissermaßen von einem körperlichen und geistigen Wunsch getrieben: »Meine Seele verzehrt sich in Sehnsucht nach dem Tempel des Herrn. Mein Herz und mein Leib jauchzen ihm zu, ihm, dem lebendigen Gott« (V. 3). Der Tempel kommt dann wieder im letzten Teil des Psalms vor (vgl. V. 11–13). Der Pilger äußert seine große Freude darüber, einige Zeit in den Vorhöfen des Gotteshauses verbringen zu können, und stellt dieses geistliche Glück in Gegensatz zur götzendienerischen Illusion, die zu den »Zelten der Frevler«, also zu den schändlichen Tempeln der Ungerechtigkeit und Abartigkeit, drängt. 

3. Nur im Heiligtum des lebendigen Gottes ist Licht, Leben und Freude; dort ist der Mensch »selig«, der dem Herrn »vertraut« und sich für den Weg der Rechtschaffenheit entscheidet (vgl. V. 12–13). Das Bild des Weges führt uns zur Mitte des Psalms (vgl. V. 5–9), wo eine andere und bedeutsamere Wallfahrt stattfindet. Wenn derjenige selig ist, der seinen festen Wohnsitz im Tempel hat, so sind doch jene noch seliger, die beschließen, eine Reise des Glaubens nach Jerusalem zu unternehmen. 

Auch die Kirchenväter stellten in ihren Kommentaren zum Psalm 84 den sechsten Vers besonders heraus: »Wohl den Menschen, die Kraft finden in dir, wenn sie sich zur Wallfahrt rüsten.« Die ältesten Psalterübersetzungen sprachen von der Entscheidung, zur heiligen Stadt »hinaufzusteigen«. Für die Väter wurde daher die Pilgerfahrt nach Zion zum Symbol des ständigen Voranschreitens der Gerechten zu den »ewigen Wohnungen«, in denen Gott seine Freunde in der vollkommenen Freude aufnimmt (vgl. Lk 16, 9). 

Wir möchten einen Augenblick näher auf diesen mystischen »Aufstieg« eingehen, der in der Wallfahrt auf Erden sein Abbild und Zeichen findet. Wir tun dies mit den Worten eines christlichen Autors des 7. Jahrhunderts, der Abt des Sinai-Klosters war. 

4. Gemeint ist Johannes Klimakos, der einen ganzen Traktat, nämlich »Die Himmelsleiter«, der Darstellung der unzähligen Stufen widmete, über die das geistige Leben emporsteigt. Zum Schluß seines Werks erteilt er der Nächstenliebe selbst das Wort, und er stellt sie auf die höchste Stufe der Leiter des spirituellen Werdegangs. 

Sie fordert auf und ermahnt, sie regt zu Empfindungen und Verhaltensweisen an, die auch unser Psalm uns nahelegt: »Steigt auf, Brüder, steigt hinauf. Hegt, Brüder, in eurem Herzen den lebendigen Wunsch, stets aufzusteigen (vgl. Ps 84, 6). Hört auf die Schrift, die auffordert: ›Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs‹ (Jes 2, 3), der unsere Füße schnell machte wie die eines Hirsches und uns einen erhabenen Ort zum Ziel gab, damit wir seinen Wegen folgen und dadurch als Sieger hervorgehen. Beeilen wir uns also – wie geschrieben steht – bis wir alle in der Einheit des Glaubens dem Antlitz Gottes begegnet sind, ihn erkannt und in der vollen Reife des Alters Christi den vollkommenen Menschen erreicht haben (vgl. Eph 4, 13)« (Die Himmelsleiter). 

5. Der Psalmist denkt in erster Linie an die konkrete Pilgerreise, die aus den verschiedenen Orten des Heiligen Landes auf den Zion führt. Der einsetzende Regen scheint ihm ein Vorzeichen der freudigen Segnungen zu sein, die ihn wie ein Mantel einhüllen werden (vgl. Ps 84, 7), wenn er vor dem Herrn im Tempel stehen wird (vgl. V. 8). Die mühevolle Reise durch »das trostlose Tal« (vgl. V. 7) wird durch die Gewißheit verklärt, daß Gott das Ziel ist: Er gibt Kraft (vgl. N. 8), er erhört das Beten des Gläubigen (vgl. V. 9) und wird zu einem Schutzschild (vgl. V. 10). 

In diesem Licht verwandelt sich – wie die Väter schon erkannt hatten – die konkrete Wallfahrt in ein Gleichnis des ganzen Lebens im Spannungsfeld zwischen Ferne und Vertrautheit mit Gott, zwischen Geheimnis und Offenbarung. Auch in der Wüste des täglichen Daseins werden die sechs Werktage von der Begegnung mit Gott am siebten Tag durch die Liturgie und das Gebet bei der sonntäglichen Begegnung fruchtbar gemacht, erleuchtet und geheiligt. 

Gehen wir also voran, auch wenn wir uns im »trostlosen Tal« befinden, und richten wir unseren Blick fest auf das leuchtende Ziel des Friedens und der Gemeinschaft. Auch wir wiederholen in unserem Herzen die abschließende Seligpreisung. Sie ähnelt einer Antiphon, die den Psalm besiegelt: »Herr der Heerscharen, wohl dem, der dir vertraut!« (V. 13). 


Das Leben des Menschen hat Gott zum Ziel. In dieser Erkenntnis begreift der Gläubige seine ganze Existenz als Weg und Pilgerschaft: ausgerichtet auf Gott, angetrieben von heiligem Verlangen nach der beglückenden Gegenwart des Herrn! Diese Lebenshaltung steht hinter der Wallfahrt zum Tempel, zur „liebenswerten Wohnung des Herrn", von der Psalm 84 spricht: „Meine Seele verzehrt sich in Sehnsucht nach dem Hause Gottes" (vgl. Ps 84, 3). 

Unser Leben verläuft im Spannungsfeld zwischen der Nähe und der Ferne Gottes. Manche Wegstrecke mag einem „Tal der Tränen" gleichen. Immer müssen wir den Blick auf das eigentliche Ziel richten: die ewige Gemeinschaft mit dem Gott des Friedens und der Liebe. 

***

Mit Freude begrüße ich die Pilger und Besucher aus den deutschsprachigen Ländern sowie aus Belgien und den Niederlanden. Die Sehnsucht nach Gott möge Eurem Leben Halt und Richtung geben! Von Herzen erteile ich Euch und Euren Lieben daheim sowie allen, die heute mit uns über Radio Vatikan und das Fernsehen verbunden sind, den Apostolischen Segen. 

  



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