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JOHANNES PAUL II. 

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 27. November 2002

 

Lesung aus Psalm 99: 

1 Der heilige Gott auf dem Zion 
Der Herr ist König: Es zittern die Völker. 
Er thront auf den Kerubim: Es wankt die Erde. 
2 Groß ist der Herr auf Zion, über alle Völker erhaben. 
3 Preisen sollen sie deinen großen, majestätischen Namen. Denn er ist heilig. 
4 Stark ist der König, er liebt das Recht. 
Du hast die Weltordnung fest begründet, hast Recht und Gerechtigkeit in Jakob geschaffen. 
5 Rühmt den Herrn, unseren Gott; werft euch am Schemel seiner Füße nieder! Denn er ist heilig. 
6 Mose und Aaron sind unter seinen Priestern, 
Samuel unter denen, die seinen Namen anrufen; sie riefen zum Herrn, und er hat sie erhört. 
7 Aus der Wolkensäule sprach er zu ihnen;/seine Gebote hielten sie, die Satzung, die er ihnen gab. 8 Herr, unser Gott, du hast sie erhört; 
du warst ihnen ein verzeihender Gott, aber du hast ihre Frevel vergolten. 
9 Rühmt den Herrn, unsern Gott, werft euch nieder an seinem heiligen Berge! 
Denn heilig ist der Herr, unser Gott. 

Liebe Brüder und Schwestern!

1. »Der Herr ist König.« Dieser Zuruf, , mit dem der soeben gehörte Psalm 99 beginnt, offenbart dessen Grundthema und kennzeichnende literarische Gattung. Es ist ein Canticum, das vom Volk Gottes zum Herrn aufsteigt, der als höchster transzendenter Herrscher die Welt und die Geschichte regiert. Es knüpft an andere ähnliche Gesänge wie die Psalmen 96-98 an, die in der Liturgie der Laudes als ideales Morgengebet angeboten werden und über die wir schon nachgedacht haben. 

In der Tat weiß der Gläubige zu Tagesbeginn, daß er nicht einem blinden ungewissen Zufall ausgeliefert ist, daß er nicht seiner unsicheren Freiheit überlassen noch den Entscheidungen Dritter anvertraut oder den Wechselfällen der Geschichte unterworfen ist. Er weiß, daß über jeder irdischen Wirklichkeit der Schöpfer und Erlöser in seiner Größe, Heiligkeit und Barmherzigkeit steht. 

2. Verschieden sind die von den Bibelwissenschaftlern vorgebrachten Hypothesen über die Verwendung dieses Psalms in der Liturgie des Tempels von Zion. Der Psalm trägt jedenfalls die Merkmale eines kontemplativen Lobes, das zum Herrn aufsteigt, der in der himmlischen Herrlichkeit vor allen Völkern der Erde thront (vgl. V. 1). Aber Gott macht sich in einem Raum und inmitten einer Gemeinde, das heißt in Jerusalem (vgl. V. 2), gegenwärtig, indem er zeigt, daß er der »Gott mit uns« ist. . 

Sieben hohe Titel werden Gott schon in den ersten Versen vom Psalmisten zuerkannt: Er ist König, groß, erhaben, majestätisch, heilig, stark und gerecht (vgl. V. 1-4). Im weiteren wird Gott auch als »verzeihend« (V. 8) beschrieben. Besonders betont wird die Heiligkeit Gottes: Denn dreimal wird – gleichsam als Antiphon – wiederholt, daß »er heilig ist« (V. 3.5.9). Am Schluß wird in der biblischen Sprache die göttliche Transzendenz besonders hervorgehoben. Gott übersteigt uns und steht unendlich höher als alle seine Geschöpfe. Aber diese Transzendenz macht ihn nicht zu einem gleichgültigen und fernstehenden Herrscher:Wenn er angerufen wird, antwortet er (vgl. V. 6). Gott ist derjenige, der retten kann, der einzige, der die Menschheit vom Bösen und vom Tod befreien kann. Denn »er liebt das Recht«, und er »hat Recht und Gerechtigkeit in Jakob geschaffen« (V. 4). 

3. Über das Thema der Heiligkeit Gottes haben die Kirchenväter zahllose Betrachtungen angestellt und die göttliche Unzugänglichkeit gerühmt. Aber dieser transzendente und heilige Gott hat sich dem Menschen genähert. Ja, er hat sich, wie der hl. Irenäus sagt, schon im Alten Testament an den Menschen »gewöhnt«, indem er sich durch Erscheinungen geoffenbart und durch die Propheten gesprochen hat, während der Mensch sich an Gott »gewöhnt hat« und gelernt hat, ihm zu folgen und zu gehorchen. Der hl. Ephraim betont sogar in einer seiner Hymnen, daß durch die Menschwerdung »der Heilige seine Wohnung im Leib [Mariens] in körperlicher Weise genommen hat, jetzt nimmt er in geistlicher Weise im Denken seine Wohnung« (Inni sulla Natività, 4, 130). Aufgrund des Geschenkes der Eucharistie und in Analogie zur Menschwerdung »ist das Heilmittel des Lebens aus der Höhe herabgekommen, um unter denen zu wohnen, die seiner würdig sind. Nachdem er eingetreten war, hat er mit uns Wohnung genommen, so daß wir uns in ihm heiligen« (Inni conservati in armeno, 47, 27.30). 

4. Diese enge Verbindung zwischen der »Heiligkeit« und der Nähe Gottes wird auch in Psalm 99 entfaltet. Nachdem er die absolute Vollkommenheit des Herrn betrachtet hat, erinnert der Psalmist daran, daß Gott durch Mose und Aaron, seine Vermittler, wie auch durch Samuel, seinen Propheten, in ständigem Kontakt mit seinem Volk gestanden ist. Er hat gesprochen und ist gehört worden, er hat die Übeltaten bestraft, aber er hat die Verbrechen wieder verziehen. 

Zeichen seiner Gegenwart unter dem Volk war »der Schemel seiner Füße«, das heißt der Thron der Bundeslade des Tempels von Zion (V. 5-8). Der heilige und unsichtbare Gott machte sich also bereit für sein Volk durch Mose, den Gesetzgeber, durch Aaron, den Priester, durch Samuel, den Propheten. Er offenbarte sich in heilbringenden Worten und Handlungen und urteilte gerecht, und er war durch die Feier des Gottesdienstes im Tempel auf Zion schon gegenwärtig. 

5. Wir könnten also sagen, daß Psalm 99 sich heute in der Kirche, dem Sitz der Gegenwart des heiligen und transzendenten Gottes, verwirklicht. Der Herr hat sich nicht in den unerreichbaren Raum seines Geheimnisses zurückgezogen. Er »richtet den Erdkreis gerecht, die Nationen so, wie es recht ist « (Ps 98, 9). 

Gott ist vor allem in seinem Sohn zu uns gekommen, der einer von uns wurde, um sein Leben und seine Heiligkeit in uns einzugießen. Deshalb treten wir jetzt nicht mit Furcht, sondern mit Vertrauen vor Gott hin. Denn wir haben in Christus den Hohenpriester, der heilig, unschuldig und makellos ist. Er kann »auch die, die durch ihn vor Gott hintreten, für immer retten; denn er lebt allezeit, um für sie einzutreten« (Hebr 7, 25). Unser Gesang ist darum voll Zuversicht und Freude und rühmt den König, den Herrn, der in unserer Mitte wohnt und alle Tränen von unseren Augen abwischt (vgl. Offb 21, 3-4). 


„Groß ist der Herr auf Zion!" ruft der Beter in Psalm 99 freudig aus (V. 2). Jahwe ist der Heilige. Er erhebt sich über die ganze Schöpfung. Zugleich ist er den Menschen heilsam nahe. Der König des Alls nimmt Wohnung unter den Menschen, um ein Reich des Rechtes und der Gerechtigkeit aufzurichten (vgl. Ps. 99, 4). 

Dieses Reich hat in der Kirche Gestalt angenommen. Sie ist der Ort der Gegenwart Gottes. Die Kirchenväter deuten das Psalmwort auf Jesus hin: Gottes Heiligkeit und Nähe teilen sich uns in Christus mit. Er wurde einer von uns, um uns mit seinem Leben zu erfüllen. Darum will er dauerhaft in unseren Herzen wohnen. 

***

Freundlich heiße ich die Pilger und Besucher aus den Ländern deutscher Sprache willkommen. Besonders grüße ich heute die Teilnehmer am Benefizlauf zugunsten der Kinderkrebshilfe aus der Steiermark. Gott, der Heilige schlechthin, will, daß auch wir heilig sind. Gebt mit eurer Liebe Zeugnis von dieser hohen Berufung! Zeigt den Menschen, daß der Herr unter uns ist!

  



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