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JOHANNES PAUL II. 

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 4. Dezember 2002

 

Lesung: Ps 51, 3. 12-13. 15-16 
Bitte um Vergebung und Neuschaffung 

3 Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen! 
12 Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist! 
13 Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir! 
15 Dann lehre ich Abtrünnige deine Wege, und die Sünder kehren um zu dir. 
16 Befrei mich von Blutschuld, Herr, du Gott meines Heiles, dann wird meine Zunge jubeln über deine Gerechtigkeit. 

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Die Liturgie der Laudes bietet uns allwöchentlich den 51. Psalm, das berühmte »Miserere«, an. Wir haben ihn in Auszügen schon betrachtet. Auch jetzt beschäftigen wir uns mit einem Abschnitt dieser großartigen Bitte um Vergebung, nämlich mit den Versen 12-16. 

Es ist von besonderer Bedeutung, daß im hebräischen Original dreimal das Wort »Geist« vorkommt; er wird von Gott als Geschenk erbeten und vom Geschöpf, das die eigenen Sünden bereut, empfangen: »Gib mir einen neuen, beständigen Geist … nimm deinen heiligen Geist nicht von mir … mit einem willigen Geist rüste mich aus!« (V. 12.13.14). Wir könnten in der liturgischen Fachsprache gewissermaßen von einer »Epiklese« sprechen, das heißt von einer dreifachen Anrufung des göttlichen Geistes, der bei der Erschaffung der Welt über dem Wasser schwebte (vgl. Gen 1, 2), aber jetzt in die Seele des Gläubigen eingeht, ihr neues Leben einflößt und sie aus dem Reich der Sünde in das himmlische Reich der Gnade erhebt. 

2. Die Kirchenväter sehen in dem vom Psalmisten erbetenen »Geist« die wirksame Gegenwart des Heiligen Geistes. So ist Ambrosius überzeugt, daß es sich um den einen Heiligen Geist handelt, »der in den Propheten feurig entbrannte, [von Christus] in die Apostel eingeflößt wurde und im Sakrament der Taufe mit dem Vater und dem Sohn eins wurde« (Lo Spirito Santo I, 4, 55: SAEMO 16, S. 95). Dieselbe Überzeugung haben auch andere Kirchenväter wie Didymos der Blinde von Alexandrien in Ägypten und Basilius von Cäsarea in ihren jeweiligen Traktaten über den Heiligen Geist zum Ausdruck gebracht (Didymos der Blinde, Lo Spirito Santo, Roma, 1990, S. 59; Basilius von Cäsarea, Lo Spirito Santo, IX, 22, Roma, 1993, S. 117 f.). 

Als Ambrosius feststellt, daß der Psalmist von jener Freude spricht, von der die Seele durchströmt wird, wenn sie einmal den großmütigen und machtvollen Geist Gottes empfangen hat, kommentiert er: »Die Fröhlichkeit und die Freude sind Früchte des Heiligen Geistes, und der Höchste Geist ist das, worauf wir vor allem gründen. Wer also durch den Höchsten Geist gestärkt wird, unterliegt nicht der Knechtschaft, kann nicht Sklave der Sünde sein, kann nicht unentschlossen sein; er irrt nicht umher und ist in den Entscheidungen nicht unsicher, sondern er ist auf Felsen gebaut und steht auf festen Füßen« (Apologia del profeta David a Teodosio Augusto, 15, 72: SAEMO 5, 129). 

3. Mit dieser dreifachen Anrufung des »Geistes« entfaltet der 51. Psalm, nachdem er in den vorhergehenden Versen das finstere Gefängnis der Sünde beschrieben hat, das leuchtende Reich der Gnade. Es ist eine große Wende, vergleichbar mit einer neuen Schöpfung: Wie Gott in den Anfängen seinen Geist in die Materie eingehaucht und die menschliche Person erschaffen hat (vgl. Gen 2, 7), so erschafft (vgl. Ps 51, 12), erneuert, verwandelt und verändert derselbe Geist den reumütigen Sünder; er nimmt ihn wieder auf (vgl. V. 13) und läßt ihn wieder an der Freude über das Heil teilhaben (vgl. V. 14). Der Mensch, nunmehr vom göttlichen Geist beseelt, wandelt auf dem Pfad der Gerechtigkeit und Liebe, wie es in einem anderen Psalm heißt: »Lehre mich, deinen Willen zu tun; denn du bist mein Gott. Dein guter Geist leite mich auf ebenem Pfad« (Ps 143, 10). 

4. Der Bittende, der die innere Wiedergeburt erfahren hat, wird nun zum Zeugen. Er verspricht Gott, »die Abtrünnigen die Wege des Guten zu lehren« (vgl. Ps 51, 15), damit sie wie der verlorene Sohn zum Haus des Vaters zurückkehren können. In der gleichen Weise hatte Augustinus, nachdem er die finsteren Wege der Sünde gegangen war, dann das Bedürfnis gehabt, in seinen Bekenntnissen die Freiheit und Freude der Erlösung zu bezeugen. 

Wer die barmherzige Liebe Gottes erfahren hat, der wird ein eifriger Zeuge, vor allem gegenüber all jenen, die noch in die Fänge der Sünden verstrickt sind. Wir denken an Paulus, der, von Christus auf der Straße nach Damaskus geblendet, ein unermüdlicher Verkünder der göttlichen Gnade geworden ist. 

5. Ein letztes Mal blickt der Beter auf seine dunkle Vergangenheit zurück und ruft zu Gott: »Befrei mich von Blutschuld, Herr, du Gott meines Heiles« (V. 16). Die »Blutschuld«, auf die er hinweist, wird in der Heiligen Schrift verschieden ausgelegt. Die dem König David in den Mund gelegte Anspielung bezieht sich auf den Mord an Uria, dem Gatten von Betsabea, jener Frau, die die Leidenschaft des Herrschers entfacht hatte. Im erweiterten Sinn zeigt die Anrufung das Verlangen nach Reinigung vom Bösen, von der Gewalt, vom Haß, die im menschlichen Herzen immer präsent sind durch die finstere Macht des Bösen. Jetzt aber singen die von der Sünde gereinigten Lippen des Gläubigen das Lob des Herrn. 

Und der Abschnitt des 51. Psalms, den wir heute kommentiert haben, endet gerade mit der Verpflichtung, die »Gerechtigkeit« Gottes zu verkünden. Das Wort »Gerechtigkeit« beschreibt eigentlich nicht, wie es so oft in der Bibelsprache vorkommt, die Bestrafung des Bösen durch Gott, sondern es weist vielmehr auf die Wiederherstellung des Sünders hin, weil Gott seine Gerechtigkeit dadurch kundtut, daß er die Sünder gerecht macht (vgl. Röm 3, 26). Gott freut sich nicht über den Tod des Sünders, sondern daß er seine bösen Wege verläßt und am Leben bleibt (vgl. Ez 18, 23). 


Der Mensch trägt ein tiefes Verlangen nach Heil und Geborgenheit in sich. Diese Sehnsucht spricht der Beter in Psalm 51 aus. Er bittet um Erbarmen, Gnade und Erneuerung: „Verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir" (Ps. 51, 13). In der Gegenwart des Leben schaffenden Gottes findet der Suchende Halt. 

Der Heilige Geist erneuert, verklärt und verwandelt den reumütigen Sünder. Er läßt ihn teilhaben an der Freude des Heils. Er macht den Beter zu seinem Zeugen. So kann dieser ausrufen: „Dann lehre ich Abtrünnige deine Wege. " (Ps 51, 15). Schließlich vollendet sich die Bitte des Gebeugten im Lobpreis des Bekenners. 

***

Ganz herzlich grüße ich die Pilger und Besucher aus den deutschsprachigen Ländern. Besonders heiße ich heute die Mitglieder der Schönstatt-Familie aus verschiedenen deutschen Diözesen willkommen. Kündet allen in der Welt den erbarmungsreichen Gott, der unser Verlangen nach Heil erfüllt. Die Gnade und die Freude des Heiligen Geistes helfe und begleite Euch!

        



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