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  JOHANNES PAUL II.  

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 2. April 2003

 

Lesung: Jesaja 42, 10-16 

10 Verheißung des Auszugs aus Babel: 42, 10 -  44, 23 
Der Sieg Gottes: 42, 10-17 
Singt dem Herrn ein neues Lied, verkündet seinen Ruhm bis ans Ende der Erde! Es jauchze das Meer und alles, was es erfüllt, die Inseln und ihre Bewohner. 
11 Die Wüste und ihre Städte sollen sich freuen, die Dörfer, die Kedar bewohnt. Die Bewohner von Sela sollen singen vor Freude und jubeln auf den Gipfeln der Berge. 
12 Sie sollen die Herrlichkeit des Herrn verkünden, seinen Ruhm auf den Inseln verbreiten. 
13 Der Herr zieht in den Kampf wie ein Held, er entfacht seine Leidenschaft wie ein Krieger. Er erhebt den Schlachtruf und schreit, er zeigt sich als Held gegenüber den Feinden. 
14 Ich hatte sehr lange geschwiegen, ich war still und hielt mich zurück. Wie eine Gebärende will ich nun schreien, ich schnaube und schnaufe. 
15 Die Berge und Hügel dörre ich aus und lasse ihr Gras völlig vertrocknen. Flüsse mache ich zu festem Boden, und Teiche lege ich trocken. 
16 Blinde führe ich auf Wegen, die sie nicht kennen, auf unbekannten Pfaden lasse ich sie wandern. Die Finsternis vor ihren Augen mache ich zu Licht;was krumm ist, mache ich gerade. Das sind die Taten, die ich vollbrachte, und ich lasse davon nicht mehr ab. 

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Im Buch, das den Namen des Propheten Jesaja trägt, haben die Gelehrten verschiedene Stimmen entdeckt, die alle unter der Schirmherrschaft des großen Propheten standen, der im 8. Jahrhundert vor Christus gelebt hat. Das gilt für den kraftvollen Hymnus der Freude und des Sieges, der soeben als Teil der Liturgie der Laudes der 4. Woche gesungen wurde. Die Exegeten schreiben ihn dem sogenannten Deuterojesaja zu, einem Propheten, der im 6. Jahrhundert vor Christus zur Zeit der Rückkehr der Juden aus dem babylonischen Exil gelebt hat. Der Hymnus beginnt mit einem Aufruf, »dem Herrn ein neues Lied zu singen« (vgl. Jes 42, 10), so wie es in anderen Psalmen geschieht (vgl. 96, 1 und 98, 1). 

Die »Neuheit« des Liedes, zu dem der Prophet einlädt, bezieht sich gewiß auf den neu erschlossenen Horizont der Freiheit als radikaler Wende in der Geschichte eines Volkes, das die Unterdrückung und den Aufenthalt auf fremder Erde erfahren hat (vgl. Ps 137). 

2. Die »Neuheit« in der Bibel hat oft den Geschmack einer vollkommenen und endgültigen Wirklichkeit. Sie ist gleichsam das Zeichen für den Anbruch einer Ära der Heilsfülle, die die schmerzliche Geschichte der Menschheit beendet. Das Canticum des Jesaja weist diese hohe Tonlage auf, die sich für das christliche Gebet gut eignet. 

Die Welt in ihrer Gesamtheit, die Erde, Meer, Inseln, Wüste und Städte einschließt (vgl. Jes 42, 10-12), wird eingeladen, dem Herrn ein »neues Lied« zu singen. Einbezogen ist der ganze Raum mit seinen äußersten horizontalen Grenzen, die auch das Unbekannte einschließen, und mit seiner vertikalen Dimension, die in der Wüstenebene der Bogenschützen von Kedar beginnt (vgl. Jes 21, 16-17) und bis zu den Gebirgshöhen reicht. Dort oben kann man die Stadt Sela ansiedeln, von vielen als die Stadt Petra inmitten der Felsenspitzen im Gebiet der Edomiten identifiziert. 

Alle Bewohner der Erde sind eingeladen, gleichsam einen riesigen Chor zu bilden, in dem sie voll Freude dem Herrn zujubeln und seine Herrlichkeit verkünden. 

3. Nach der feierlichen Einladung zu singen (vgl. V. 10-12), läßt der Prophet den Herrn in Erscheinung treten, der als der Gott des Exodus dargestellt wird, der sein Volk von der ägyptischen Sklaverei befreit hat: »Der Herr zieht in den Kampf wie ein Held, … wie ein Krieger (V. 13). Er sät Schrecken unter den Feinden, die die anderen unterdrücken und Unrechtes tun. 

Auch das Canticum des Mose beschreibt den Herrn während des Durchzugs durch das Rote Meer als einen »Krieger«, bereit, mit der Stärke seiner Rechten die Feinde zu zerschmettern (vgl. Ex 15, 3-8). Mit der Rückkehr der Juden aus der babylonischen Verbannung vollzieht sich ein neuer Auszug, und die Gläubigen sollen sicher sein, daß die Geschichte nicht dem blinden Geschick, dem Chaos oder gewalttätigen Mächten in die Hand gegeben ist. Das letzte Wort hat immer der gerechte und starke Gott. Schon der Psalmist hat gesungen: »Bring uns doch Hilfe im Kampf mit dem Feind! Denn die Hilfe von Menschen ist nutzlos« (Ps 60, 13). 

4. Nachdem er in Erscheinung getreten ist, spricht der Herr, und seine gebieterischen Worte (vgl. Jes 42, 14-16) verflechten Gericht mit Heil. Er beginnt mit dem Hinweis, daß er »sehr lange geschwiegen« hat, das heißt, er hat nicht eingegriffen. Das göttliche Schweigen ist für den Gerechten oft ein Grund der Ratlosigkeit und sogar der Empörung, wie die lange Klage Ijobs (vgl. Ijob 3, 1-26) beweist. Aber es handelt sich nicht um ein Schweigen, das die Abwesenheit anzeigt, als sei die Geschichte den Händen der Bösen überlassen und als sei sie dem Herrn gleichgültig. In Wirklichkeit bewirkt dieses Schweigen eine Reaktion, die den Wehen einer Gebärenden ähnelt, die schwer atmet, stöhnt und schreit. Es ist das als Dürre, Zerstörung und Wüste (vgl. V. 15) bildlich dargestellte Gericht Gottes über das Böse, das Leben und Fruchtbarkeit zum Ziel hat. 

Denn der Herr läßt eine neue Welt anbrechen, eine Zeit der Freiheit und des Heils. Dem Blinden werden die Augen geöffnet, damit er das strahlende Licht genießt. Der Weg wird begehbar, und die Hoffnung wird wach (vgl. V. 16), so daß es möglich ist, wieder auf Gott und seine Zukunft in Frieden und Glück zu vertrauen. 

5. Der Gläubige muß die Zeichen des göttlichen Handelns zu deuten wissen, auch wenn es vom scheinbar eintönigen und ziellosen Fluß der Zeit verdeckt wird. Wie ein hochgeschätzter moderner christlicher Autor schreibt, »soll die Erde in einer Welt-Ekstase erbeben … Das, was immer ist, aber in der Hülle des Alltags schläft: daß sie von Gott geschaffen sind, er sie durchwohnt und durchwaltet, das soll sich offenbaren in einer Epiphanie Gottes durch alles, was ist« (Romano Guardini, Der Anfang aller DingeWeisheit der Psalmen, Meditationen, Mainz-Paderborn 1987, S. 155-156). 

Mit den Augen des Glaubens diese göttliche Gegenwart in Raum und Zeit, aber auch in uns selbst zu entdecken, das ist eine Quelle der Hoffnung und des Vertrauens, auch wenn unser Herz sich ängstigt und zittert, »wie die Bäume des Waldes im Wind zittern« (Jes 7, 2). Denn der Herr erscheint auf der Bühne, um »den Erdkreis gerecht und die Nationen nach seiner Treue« (Ps 96, 13) zu regieren und zu richten. 


Gottes Heilswirken erfüllt Zeit und Raum. Von seinen Taten hallt die ganze Schöpfung wider. Land und Wasser, Berge und Wüsten berührt die Gegenwart des Herrn. Daher „jauchze das Meer und alles, was es erfüllt" (Jes 42, 10). 

Seinen Gläubigen ist der Allmächtige ganz besonders nahe. In der Bedrängnis glaubte sich das alttestamentliche Gottesvolk verlassen. Doch Gottes Schweigen währt nur einen Augenblick. Der Herr erhebt sich, um den Verwirrten Licht und Freiheit zu geben: „Die Finsternis vor ihren Augen mache ich zum Licht" (Jes 42, 16). Mit allen Erlösten stimmen wir voll Freude in den Jubel des Propheten ein: „Singt dem Herrn ein neues Lied" (Jes 42, 10). 

***

Freundlich heiße ich die Pilger und Besucher aus den Ländern deutscher Sprache willkommen. Gott ist den Menschen nahe. Es gilt, die Zeichen Gottes im Alltag zu entdecken. Seid stets frohe Zeugen der treuen Erlöserliebe unseres Herrn! Die Gnade des Himmels begleite euch auf allen Wegen!

    



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