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  JOHANNES PAUL II. 

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 21. Mai 2003

 

Lesung: Psalm 144,1–4.9–10

1 Danklied auf das Glück des Gottesvolkes
[Von David] Gelobt sei der Herr, der mein Fels ist, der meine Hände den Kampf gelehrt hat, meine Finger den Krieg.
2 Du bist meine Huld und Burg, meine Festung, mein Retter, mein Schild, dem ich vertraue. Er macht mir Völker untertan.
3 Herr, was ist der Mensch, daß du dich um ihn kümmerst, des Menschen Kind, daß du es beachtest?
4 Der Mensch gleicht einem Hauch, seine Tage sind wie ein flüchtiger Schatten.
9 Ein neues Lied will ich, o Gott, dir singen, auf der zehnsaitigen Harfe will ich dir spielen,
10 der du den Königen den Sieg verleihst und David, deinen Knecht, errettest.
Vor dem bösen Schwert errette mich, entreiß mich der Hand der Fremden!
Alles, was ihr Mund sagt, ist Lüge, Meineide schwört ihre Rechte.

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Wir haben soeben den ersten Teil von Psalm 144 gehört. Er besitzt die Merkmale eines königlichen Hymnus, in den andere biblische Texte eingeflochten sind, so daß ein neues Gebet entstanden ist (vgl. Ps 8,5; 18,8–15; 33,2–3; 39,6–7). Es ist König David selbst, der spricht und den göttlichen Ursprung seiner Erfolge anerkennt.

Der Herr wird symbolisch nach altem Brauch als Krieger dargestellt. Denn er wird als Lehrer im Kampf (vgl. Ps 144,1), als uneinnehmbare Festung, als schützendes Schild, als Sieger (vgl. V. 2) betrachtet. Auf diese Weise soll die Persönlichkeit Gottes hervorgehoben werden, der das Böse in der Geschichte bekämpft. Er ist keine verborgene Macht, keine Art blindes Schicksal, auch kein gleichmütiger Herrscher, den das menschliche Los kalt läßt. Die Zitate und Tonarten dieses Gottesdienstes sind von Davids Dankgebet beeinflußt, das in Psalm 18 und im 22. Kapitel des 2. Buches Samuel festgehalten ist.

2. Der göttlichen Macht gegenüber bekennt der jüdische König, daß er wie alle Menschen schwach und zerbrechlich ist. Um dieses Gefühl zum Ausdruck zu bringen, nimmt der betende König zwei Sätze aus Psalm 8 und Psalm 39 zu Hilfe, verflicht sie miteinander und verleiht ihnen neuen und verstärkten Nachdruck: »Herr, was ist der Mensch, daß du dich um ihn kümmerst, des Menschen Kind, daß du es beachtest? Der Mensch gleicht einem Hauch, seine Tage sind wie ein flüchtiger Schatten« (V. 3–4). Hier zeigt sich die feste Überzeugung, daß wir unbeständig sind und einem Windhauch gleichen, wenn der Schöpfer uns nicht am Leben erhält, er, in dessen Hand – wie Ijob sagt – »die Seele allen Lebens und jeden Menschenleibes Geist ruht« (12,10).

Wir können nur mit göttlicher Hilfe die Gefahren und Schwierigkeiten überwinden, mit denen jeder Tag unseres Lebens übersät ist. Nur wenn wir auf die Hilfe des Himmels zählen, werden wir uns wie der frühere König Israels von jeder Unterdrückung befreien können.

3. Das göttliche Eingreifen wird in den traditionellen kosmischen und historischen Bildern geschildert, um die Gottesherrschaft über das Universum und über das Schicksal der Menschen zu beschreiben. Darum also rauchende Berge durch plötzliche Vulkanausbrüche (vgl. Ps 144,5), ebenso Blitze wie scheinbar vom Herrn abgeschossene Pfeile, bereit, das Böse zu vernichten (vgl. V. 6). Schließlich die »gewaltigen Wasser«, die im biblischen Sprachgebrauch das Chaos andeuten, das Böse und das Nichts, mit einem Wort die negativen Realitäten in der Geschichte (vgl. V. 7). Zu diesen kosmischen Bildern gesellen sich andere geschichtliche: »die Feinde« (vgl. V. 6), die »Fremden« (vgl. V. 7), die Lügner, die Meineidigen, das heißt die Götzendiener (vgl. V. 8).

Das ist eine sehr konkrete, im Orient übliche Methode, um die Bosheit, Abartigkeit, Unterdrückung und Ungerechtigkeit darzustellen. Eine erschreckende Realität, von der uns der Herr befreit, während wir in der Welt vorangehen.

4. Psalm 144, den uns die Liturgie der Laudes vorstellt, endet mit einem kurzen Dankhymnus (vgl. V. 9–10). Dieser erwächst aus der Gewißheit, daß uns Gott im Kampf gegen das Böse nicht allein läßt. Deshalb stimmt der Beter ein Lied an und begleitet es auf seiner zehnsaitigen Harfe, wobei er sicher ist, daß der Herr »den Gesalbten den Sieg verleiht und David, seinen Knecht, errettet« (vgl. V. 9–10).

Das Wort »Gesalbter« in Hebräisch bedeutet »Messias«. Wir haben also einen königlichen Psalm vor uns, der sich im liturgischen Gebrauch in Israel schon sehr früh in einen messianischen Gesang verwandelt. Wir Christen wiederholen ihn und schauen auf Christus, der uns vom Bösen befreit und uns im Kampf gegen die verborgenen bösen Mächte unterstützt. »Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs« (Eph 6,12).

5. Wir schließen mit einer Betrachtung, die uns vom hl. Johannes Cassian, dem Mönch aus dem 4./5. Jahrhundert, empfohlen wird. In seinem Werk Die Menschwerdung des Herrn sieht er, ausgehend vom 5. Vers unseres Psalms: »Herr, neig deinen Himmel, und steig herab«, in diesen Worten die Erwartung auf den Eintritt Christi in die Welt.

Und er sagt weiter: »Der Psalmist bat, der Herr möge sich im Fleisch offenbaren, in der Welt sichtbar erscheinen und in die Herrlichkeit sichtbar aufgenommen werden (vgl. 1 Tim 3,16). So könnten die Heiligen endlich mit den Augen des Leibes alles schauen, was im Geist von ihnen vorhergesehen wurde« (L’Incarnazione del Signore, V,13, Roma 12991, SS. 208–209). Gerade das bezeugt jeder Getaufte in der Freude des Glaubens.


Um Gott und den Menschen kreisen die Gedanken des Beters in Psalm 144. „Der Mensch gleicht einem flüchtigen Schatten" (Ps 144, 4), und doch „kümmert sich" Gott um ihn! Diese Glück schenkende Erkenntnis inspiriert den Psalmisten: „Du bist meine Festung und mein Retter!" (vgl. Ps 144, 2).

Gott ist wahrhaftig keine ferne Macht, der das Los des Menschen gleichgültig wäre. Er setzt sich dem Bösen in der Geschichte entgegen und stiftet neues Leben. Nur mit seiner Hilfe können wir den Kampf bestehen und für das Gute den Sieg erringen! Deshalb rufen wir mit dem Psalm Davids: „Ein neues Lied will ich, o Gott, dir singen, denn du verleihst den Sieg" (vgl. Ps 144, 9–10).

***

Einen frohen Gruß richte ich an die Pilger und Besucher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, besonders an die vielen Jugendlichen. Seid mir herzlich willkommen hier auf dem Petersplatz! Gott führt uns im Kampf gegen die Mächte des Bösen. Nur mit ihm gelingt der Sieg des Guten – in uns selbst und in der Welt, in der wir leben. Vertraut seiner Macht und laßt seine Gnade wirken! Der Herr behüte euch!

      



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