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JOHANNES PAUL II. 

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 30. Juli 2003

 

Lesung: Psalm 51,3–4.15.17–19

3 Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen!
4 Wasch meine Schuld von mir ab, und mach mich rein von meiner Sünde!
15 Dann lehre ich Abtrünnige deine Wege, und die Sünder kehren um zu dir.
17 Herr, öffne mir die Lippen, und mein Mund wird deinen Ruhm verkünden.
18 Schlachtopfer willst du nicht, ich würde sie dir geben; an Brandopfern hast du kein Gefallen.
19 Das Opfer, das Gott gefällt, ist ein zerknirschter Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen.

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Zum vierten Mal hören wir in unseren Reflexionen über die Liturgie der Laudes den 51. Psalm, das berühmte »Miserere«. In der Tat ist er allwöchentlich am Freitag vorgegeben als eine Oase der Meditation, in der es gilt, das Böse, das sich im Gewissen einnistet, zu entdecken und vom Herrn Läuterung und Vergebung zu erbitten. Denn »keiner, der lebt, ist gerecht vor dir«, o Herr, bekennt der Psalmist in einem anderen Gebet (Ps 143,2). Im Buch Ijob ist zu lesen: »Wie wäre ein Mensch gerecht vor Gott, wie wäre rein der vom Weib Geborene? Siehe, selbst der Mond glänzt nicht hell, die Sterne sind nicht rein in seinen Augen, geschweige denn der Mensch, die Made, der Menschensohn, der Wurm« (25,4–6).

Ernste, dramatische Worte, die die Begrenztheit und Hinfälligkeit des Menschen sowie seine verkehrte Neigung, Böses, Gewalt, Unreinheit und Lüge zu säen, in aller Deutlichkeit und Schwere vor Augen führen wollen. Die Botschaft der Hoffnung des »Miserere«, die der Psalter dem bekehrten Sünder David in den Mund legt, lautet: Gott kann die reuigen Herzens bekannte Schuld tilgen, abwaschen und reinmachen (vgl. Ps 51,3–4). Der Herr spricht durch die Stimme Jesajas: »Wären eure Sünden auch rot wie Scharlach, sie sollen weiß werden wie Schnee. Wären sie rot wie Purpur, sie sollen weiß werden wie Wolle« (1,18).

2. Wir verweilen diesmal kurz am Schluß des 51. Psalms, am hoffnungsvollen Ende, wo der Beter erkennt, daß ihm Gott vergeben hat (vgl. V. 17–21). Sein Mund verkündet den Ruhm des Herrn vor der Welt und bezeugt so die Freude, die der vom Bösen und damit von Gewissensbissen befreite Mensch erfährt (vgl. V. 17).

Der Beter zeigt nun ganz deutlich eine andere innere Einstellung, indem er sich der wiederholten Lehre der Propheten anschließt (vgl. Jes 1,10–17; Am 5,21–25; Hos 6,6): Das wohlgefälligste Opfer, das wie Wohlgeruch und beruhigender Duft zum Herrn aufsteigt (vgl. Gen 8,21), ist kein Brandopfer von Stieren und Lämmern, sondern das »zerbrochene und zerschlagene Herz« (Ps 51,19).

Die Nachfolge Christi, ein in der christlichen geistlichen Tradition so beliebter Text, wiederholt diese Mahnung des Psalmisten: »Diese Herzensreue des Sünders ist dir, o mein Gott, ein angenehmes Opfer, ein Wohlgeruch vor dir, lieblicher als aller Duft des angezündeten Weihrauchs! … hier wird abgewaschen, was die Sünde zerrüttet und befleckt hatte« (III, 52,4).

3. Der Psalm endet unerwartet mit einem ganz anderen Ausblick, der sogar widersprüchlich zu sein scheint (vgl. V. 20–21). Von der letzten Bitte eines einzelnen Sünders geht er über in ein Gebet für den Wiederaufbau der ganzen Stadt Jerusalem, so daß wir aus der davidischen Epoche in die um Jahrhunderte spätere Zeit der Zerstörung der Stadt versetzt werden. Nachdem der Psalm zuerst die göttliche Zurückweisung der Brandopfer von Tieren ausgesprochen hat, verkündet er im 21. Vers, daß diese Brandopfer Gott wohlgefällig sind.

Es ist klar, daß dieser Schlußsatz ein späterer Nachsatz ist, der in der Zeit des Exils hinzugefügt wurde und in gewissem Sinn die Perspektive des davidischen Psalms verbessern oder wenigstens vervollständigen wollte. Und zwar in zwei Punkten: Man wollte einerseits nicht, daß der ganze Psalm auf ein individuelles Gebet verkürzt wird; man mußte ja auch an die traurige Lage der ganzen Stadt denken. Andererseits wollte man die göttliche Zurückweisung der Opferriten herunterspielen; diese Zurückweisung durfte weder vollständig noch endgültig sein, weil es sich um einen von Gott selbst in der Torah vorgeschriebenen Kult handelte. Derjenige, der den Psalm vervollständigt hat, hatte eine überzeugende Eingebung: Er verstand das Bedürfnis, das die Sünder hatten, das Bedürfnis nach einem vermittelnden Opfer. Die Sünder sind nicht imstande, sich allein zu reinigen; gute Gefühle sind nicht genug. Es braucht eine wirksame Mittlerschaft von außen. Das Neue Testament offenbart den vollen Sinn dieser Intuition, indem es zeigt, daß Christus durch die Hingabe seines Lebens als Mittler ein vollkommenes Opfer dargebracht hat. Lobpreis ohne Ende

4. Der hl. Gregor der Große hat in seiner Homilie über Ezechiel die unterschiedlichen Perspektiven gut erfaßt, die zwischen Vers 19 und Vers 21 des »Miserere« bestehen. Er bietet eine Deutung an, die wir ebenfalls annehmen können und mit der wir unsere Reflexion beenden. Der hl. Gregor wendet Vers 19, der vom zerknirschten Geist spricht, auf die Existenz der Kirche auf Erden und den 21. Vers, der vom Brandopfer spricht, auf die Kirche im Himmel an.

Hier die Worte dieses großen Papstes: »Die Heilige Kirche hat zwei Leben: eines, das sie in der Zeit führt, das andere, das sie in Ewigkeit empfängt; eines, durch das sie sich auf Erden müht, das andere, das der Lohn im Himmel ist; eines, durch das sie die Verdienste sammelt, das andere, das bereits die gesammelten Verdienste genießt. Und in dem einen wie in dem anderen Leben bringt sie das Opfer dar: hier das Opfer der Reue und dort oben das Opfer des Lobes. Vom ersten Opfer wird gesagt: ›Das Opfer, das Gott gefällt, ist ein zerknirschter Geist‹ (Ps 51,19); von dem zweiten steht geschrieben: ›Dann hast du Freude an rechten Opfer, an Brandopfern und Ganzopfern‹ (Ps 51,21)… In beiden Fällen wird Fleisch geopfert, denn hier ist das Opfer des Fleisches die Kasteiung des Leibes, oben ist das Opfer des Fleisches die Herrlichkeit der Auferstehung im Lobpreis an Gott. Dort oben wird gleichsam als Brandopfer das Fleisch dargebracht, das in die ewige Unverweslichkeit verwandelt ist, es wird keinen Kampf und nichts Sterbliches mehr geben, weil es ganz in Liebe zu ihm im Lobpreis ohne Ende entbrannt ist« (Homilie über Ezechiel/ 2, Rom 1993, S. 271).


„Wasch meine Schuld von mir ab" (Ps 51, 4). Die Reue des Sünders mündet in die Bitte um Erneuerung. Gott möge ihn reinigen und von seinen Fehlern befreien. Dazu muß der Mensch dem Herrn sein Inneres demütig öffnen. „Das Opfer, das Gott gefällt, ist ein zerknirschter Geist." (Ps 51, 19).

Zugleich wissen wir Christen: Die Kreuzeshingabe des Gottessohnes macht uns dem Vater wohlgefällig. In Christus dürfen wir unsere Vollendung erwarten. Das reuige Opfer wandelt sich in den ewigen Lobpreis seiner Liebe.

***

Mit Freude grüße ich die Pilger und Besucher aus den Ländern deutscher Sprache. Der Herr ist die Quelle des Lebens und der Liebe. Seine Güte begleite euch in diesen Urlaubstagen und erquicke euch an Leib und Seele. Von Herzen wünsche ich euch erholsame Ferien!

       



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