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JOHANNES PAUL II. 

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 10. September 2003

 

Lesung: Ez 36,24–28

24 Ich hole euch heraus aus den Völkern, ich sammle euch aus allen Ländern und bringe euch in euer Land.
25 Ich gieße reines Wasser über euch aus, dann werdet ihr rein. Ich reinige euch von aller Unreinheit und von allen euren Götzen.
26 Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch.
27 Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, daß ihr meinen Gesetzen folgt und auf meine Gebote achtet und sie erfüllt.
28 Dann werdet ihr in dem Land wohnen, das ich euren Vätern gab. Ihr werdet mein Volk sein, und ich werde euer Gott sein.

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Das Canticum, das soeben in unseren Ohren und in unseren Herzen erklungen ist, wurde von einem der großen Propheten Israels komponiert. Es handelt sich um Ezechiel, den Zeugen einer der tragischsten Epochen, die das jüdische Volk durchlebt hat: den Zusammenbruch des Reiches Juda und seiner Hauptstadt Jerusalem, worauf die bittere Erfahrung des babylonischen Exils gefolgt ist (6. Jh. v. Chr.). Dem Kapitel 36 von Ezechiel ist der Abschnitt entnommen, der dann in dem christlichen Gebet der Laudes Eingang gefunden hat.

Der Kontext der genannten Seite, die von der Liturgie in einen Hymnus umgewandelt wurde, will die tiefe Bedeutung der Tragödie einfangen, die das Volk in jenen Jahren erlebt hat. Die Sünde des Götzendienstes hatte das Land verdorben, das der Herr dem Volk Israel als Erbe gegeben hatte. Sie ist letztlich mehr als alles andere verantwortlich für den Verlust des Heimatlandes und die Verstreuung unter den Nationen. Denn Gott steht dem Guten und dem Bösen nicht gleichgültig gegenüber; er tritt in der Menschheitsgeschichte heimlich auf die Bühne durch sein Gericht, das früher oder später das Böse aufdeckt, die Opfer schützt und den Weg der Gerechtigkeit aufzeigt.

2. Aber das Ziel von Gottes Handeln ist nie die Zerstörung, die reine, einfache Verurteilung und die Vernichtung des Sünders. Deshalb teilt der Prophet Ezechiel diese Worte des Herrn mit: »Habe ich etwa Gefallen am Tod des Schuldigen … und nicht vielmehr daran, daß er seine bösen Wege verläßt und so am Leben bleibt? … Ich habe doch kein Gefallen am Tod dessen, der sterben muß … Kehrt um, damit ihr am Leben bleibt« (18,23.32). In diesem Licht versteht man die Bedeutung unseres Canticum, das voller Hoffnung und Heil ist. Nach der Läuterung und Prüfung durch Leiden bricht die Morgenröte einer neuen Zeit an, die schon der Prophet Jeremia angekündigt hatte, als er von einem »neuen Bund« zwischen dem Herrn und Israel sprach (vgl. 31,31–34). Ezechiel hatte in Kapitel 11 seines prophetischen Buches diese Worte Gottes verkündet: »Ich schenke ihnen ein anderes Herz und schenke ihnen einen neuen Geist. Ich nehme das Herz von Stein aus ihrer Brust und gebe ihnen ein Herz von Fleisch, damit sie nach meinen Gesetzen leben und auf meine Rechtsvorschriften achten und sie erfüllen. Sie werden mein Volk sein, und ich werde ihr Gott sein« (11,19–20).

In unserem Canticum (vgl. Ez 36,24–28) greift der Prophet diesen Spruch wieder auf und schließt ihn mit einer wunderbaren erklärenden Aussage: der »neue Geist«, den Gott den Kindern seines Volkes gegeben hat, wird sein Geist sein, der Geist Gottes (vgl. V. 27).

3. Angekündigt wird also nicht nur eine Läuterung, ausgedrückt durch das Zeichen des Wassers, das die Flecken des Gewissens tilgt. Man hat nicht nur den wenn auch notwendigen Aspekt der Befreiung vom Bösen und von der Sünde vor sich (vgl. V. 25). Die Betonung in Ezechiels Botschaft liegt auf einem anderen weit überraschenderen Aspekt. In der Tat ist die Menschheit dazu bestimmt, zu einem neuen Dasein geboren zu werden. Das erste Symbol ist das des »Herzens«, das in der biblischen Sprache auf die Innerlichkeit, auf das persönliche Gewissen hinweist. Aus unserer Brust wird das kalte und gefühllose »Herz von Stein«, das Zeichen der Verhärtung im Bösen, herausgerissen. Gott wird uns ein »Herz von Fleisch« geben, das heißt ein Herz voll Leben und Liebe (vgl. V. 26). Anstelle des lebendigen Geistes, der uns in der Schöpfung zu lebenden Menschen gemacht hatte (vgl. Gen 2,7), wird in der neuen Heilsökonomie der Heilige Geist treten, der uns stützt, uns bewegt, uns zum Licht der Wahrheit, zur »Liebe Gottes in unsern Herzen« führt (Röm 5,5).

4. So wird die »neue Schöpfung« entstehen, die der Apostel Paulus beschreibt (vgl. 2 Kor 5,17; Gal 6,15), wenn er den Tod des »alten Menschen «, des »sündigen Leibes«, bestätigt, so daß wir »nicht mehr Sklaven der Sünde«, sondern neue, vom Geist des auferstandenen Christus verwandelte Menschen sind: »Ihr habt den alten Menschen mit seinen Taten abgelegt und seid zu einem neuen Menschen geworden, der nach dem Bild seines Schöpfers erneuert wird, um ihn zu erkennen« (Kol 3,9–10; vgl. Röm 6,6). Der Prophet Ezechiel kündigt ein neues Volk an, das im Neuen Testament von Gott selbst durch das Werk seines Sohnes zusammengerufen wird. Diese Gemeinschaft der »Herzen von Fleisch« und des eingegossenen »Geistes« wird die lebendige und wirksame Gegenwart Gottes erfahren, die die Gläubigen beseelt, indem sie in ihnen durch die wirksame Gnade handelt. »Wer seine Gebote hält, bleibt in Gott und Gott in ihm. Und daß er in uns bleibt, erkennen wir an dem Geist, den er uns gegeben hat« (1 Joh 3,24).

5. Wir schließen unsere Betrachtung über das Canticum von Ezechiel ab, indem wir den hl. Cyrill von Jerusalem hören, der in dieser prophetischen Aussage das Volk der christlichen Taufe sieht, wie er in seiner Dritten Taufkatechese hervorhebt.

In der Taufe, so betont er, werden alle Sünden, auch die schwersten, vergeben. Deshalb wendet sich der Bischof an seine Zuhörer mit den Worten: »Hab Vertrauen, Jerusalem, der Herr wird dein Unrecht auslöschen (vgl. Zef 3,14–15). Der Herr wird eure Unreinheit abwaschen. ›Ich gieße reines Wasser über euch aus, dann werdet ihr rein. Ich reinige euch von aller Unreinheit und von allen euren Götzen‹ (Ez 36,25). Die Engel werden euch jubelnd umringen und sogleich singen: ›Wer ist sie, die aus der Steppe heraufsteigt, auf ihren Geliebten gestützt?‹ (Hld 8,5). Ja, es ist die Seele, die vorher Sklavin war und jetzt frei ist, so daß sie ihren Herrn Adoptivbruder nennen kann; er wiederum nimmt ihren ehrlichen Vorsatz an und sagt zu ihr: ›Schön bist du, meine Freundin, ja, du bist schön!‹ (Hld 4,1) … So ruft er und spielt auf die Früchte einer mit gutem Gewissen abgelegten Beichte an … Der Himmel gebe, daß ihr alle diese Worte im Gedächtnis bewahrt und sie fruchtbar macht, indem ihr sie in gute Werke umsetzt, damit ihr euch untadelig dem mystischen Bräutigam vorstellen und vom Vater die Vergebung der Sünden erlangen könnt« (Nr. 16: Le catechesi, Roma 1993, SS. 79–80).


Gott reinigt von Schuld und läutert die Herzen. Nach Prüfung und Leid ersteht das Volk des Herrn zu neuem Leben. Diese Verheißung des Propheten Ezechiel klingt fort im Neuen Bund. Unter dem Wort Christi sammelt sich die Kirche aus allen Völkern. Sie wird vom Heiligen Geist geleitet: Er schenkt ihr ein „neues Herz" (vgl. Ez 36, 26) voll Wahrheit und Liebe.

***

Ein frohes Willkommen entbiete ich den Pilgern und Besuchern deutscher Sprache. Besonders begrüße ich die Stipendiaten des Katholischen Akademischen Ausländer-Dienstes und die jungen Gäste der Päpstlichen Schweizergarde. Erneuert die Welt durch Taten der Liebe! Der Friede Christi sei stets mit euch.

  



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