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JOHANNES PAUL II. 

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 8. Oktober 2003

     

Lesung: Lk 1,46–50

46 Da sagte Maria: Meine Seele preist die Größe des Herrn,
47 und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.
48 Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.
49 Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig.
50 Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten.

Liebe Brüder und Schwestern!

1. »Jeden Tag erfahren wir aufs neue das Wirken der Güte Gottes« (vgl. Präfation für die Sonntage im Jahreskreis, VI). Deshalb hatte man in der Kirche immer das Bedürfnis, die Tage und Stunden des menschlichen Lebens dem Lob Gottes zu widmen. Der Aufgang und der Untergang der Sonne, für alle Völker zwei typische religiöse Momente, galten schon in der biblischen Tradition durch die morgendliche und abendliche Darbringung des Opfers (vgl. Ex 29,38–39) und des brennenden Räucherwerks (vgl. Ex 30,6–8) als heilig; auch für die Christen sind sie seit den ersten Jahrhunderten zwei besondere Gebetszeiten.

Der Aufgang der Sonne und ihr Untergang sind keine anonymen Tageszeiten. Sie haben unverwechselbare Kennzeichen: die freudvolle Schönheit einer Morgendämmerung und der wunderbare Glanz eines Sonnenuntergangs kennzeichnen die Rhythmen des Universums, in die das Leben des Menschen von Grund auf mit einbezogen ist. Außerdem hat das Heilsgeheimnis, das in der Geschichte Wirklichkeit wird, seine Momente an verschiedene Zeitabschnitte gebunden. Darum hat sich mit der Feier der Laudes am Tagesanfang in der Kirche auch die Feier der abendlichen Vesper durchgesetzt. Das eine und das andere Stundengebet hat eine eigene evokative Funktion, die die beiden wesentlichen Aspekte des Ostergeheimnisses hervorhebt: »Am Abend hängt der Herr am Kreuz, am Morgen steht er von den Toten auf … Am Abend erzähle ich von den Leiden, die er im Tod erlitten; am Morgen verkünde ich das Leben dessen, der auferstanden ist« (Augustinus, Esposizioni sui Salmi, XXVI, Roma 1971, S. 109).

Die Laudes als Morgengebet und die Vesper als Abendgebet bilden, gerade weil sie mit dem Gedächtnis des Todes und der Auferstehung Christi verbunden sind, »nach der ehrwürdigen Überlieferung der Gesamtkirche die beiden Angelpunkte des täglichen Stundengebetes« (Konstitution Sacrosanctum Concilium, 89).

2. Im Altertum brachte das Anzünden der Lampe nach Sonnenuntergang einen Ton von Wärme und Gemeinschaft ins Haus. Wenn die christliche Gemeinschaft bei Anbruch des Abends die Lampe anzündete, bat sie auch dankbaren Herzens um das Geschenk des geistlichen Lichtes. Das war das sogenannte »lucernario«, das heißt das rituelle Anzünden der Lampe, deren Flamme Christus symbolisiert, »die Sonne, die nicht untergeht«.

In der Tat, wenn die Dunkelheit einbricht, wissen die Christen, daß Gott auch die finstere Nacht durch den Glanz seiner Gegenwart und durch das Licht seiner Lehre erhellt. Hier ist an den ältesten gebräuchlichen Hymnus beim Anzünden der Lampe, »Fos hilarón«, zu erinnern, der in die armenische und äthiopische byzantinische Liturgie aufgenommen wurde: »Jesus Christus, helles Licht der Herrlichkeit des unsterblichen, himmlischen, heiligen, seligen Vaters! Nach Sonnenuntergang lobpreisen wir im Abendlicht Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Es ist würdig, dir, Sohn Gottes, zu allen Zeiten mit wohlklingenden Stimmen Lob zu singen; du hast uns das Leben gegeben. Darum verkündet das Universum deine Herrlichkeit.« Auch der Westen hat viele Lieder verfaßt, um Christus, das Licht, zu feiern.

Indem es aus der Symbolik des Lichtes seine Inspiration schöpfte, hat sich das Beten der Vesper zum abendlichen Opfer des Lobes und Dankes für das Geschenk des physischen und geistlichen Lichtes und für die übrigen Geschenke der Schöpfung und der Erlösung entwickelt. Der hl. Cyprian schreibt: »Ebenso hat man unbedingt wieder zu beten, wenn die Sonne untergeht und der Tag sich neigt; denn Christus ist die wahre Sonne und der wahre Tag. Wenn wir also beim Untergang der zeitlichen Sonne und beim Schwinden des zeitlichen Tages darum beten und bitten, das Licht möge von neuem über uns aufgehen, so flehen wir um die Ankunft Christi, die uns die Gnade des ewigen Lichtes bringen soll« (De oratione dominica, 35: PL 4,560, in: Bibliothek der Kirchenväter, Kempten & München, 1918, Band 34, S. 195).

3. Der Abend ist der richtige Zeitpunkt, um im Gebet vor Gott den vergangenen Tag zu überdenken. Er ist der Moment, »um für das, was uns geschenkt wurde oder was wir mit Rechtschaffenheit vollbracht haben, zu danken« (Basilius, Regulae fusius tractatae, Resp. 37,3; PG 3,1015). Er ist auch der Zeitpunkt, an dem wir um Vergebung bitten für das, was wir an Bösem getan haben, während wir die göttliche Barmherzigkeit bitten, daß Christus wieder in unsere Herzen einkehre.

Aber der anbrechende Abend zeigt auch das »mysterium noctis« an. Die Dunkelheit wird als Gelegenheit zu häufigen Versuchungen und der besonderen Schwäche und Nachgiebigkeit gegenüber den Angriffen des Teufels empfunden. Durch ihre Gefahren wird die Nacht zum Symbol alles Bösen, von dem Christus uns befreit hat. Anderseits läßt uns das Abendgebet am Ostergeheimnis teilhaben, in dem »die Nacht hell wird wie der Tag« (Exultet). Und das Gebet läßt die Hoffnung auf den Übergang vom vergänglichen Tag zum »dies perennis«, vom schwachen Licht der Lampe zum »lux perpetua«, von der wachsamen Erwartung des Tagesanbruchs zur Begegnung mit dem König der ewigen Herrlichkeit aufkommen.

4. Die Aufeinanderfolge von Tag und Nacht regelte für den Menschen der Antike mehr noch als für uns das Dasein und löste das Nachdenken über die großen Lebensfragen aus. Der moderne Fortschritt hat die Beziehung zwischen dem menschlichen Leben und der kosmischen Zeit etwas gewandelt. Aber der schnelle Rhythmus der menschlichen Aktivität hat die Menschen von heute den Rhythmen des Sonnenzyklus doch nicht ganz entzogen.

Die beiden Schwerpunkte des täglichen Gebets behalten ihre ganze Bedeutung, weil sie mit unveränderlichen Phänomenen und unmittelbarer Symbolik verbunden sind. Der Morgen und der Abend sind immer angemessene Zeiten, in Gemeinschaft oder als einzelner zu beten. So erweisen sich die Stundengebete der Laudes und der Vesper, verbunden mit besonderen Zeiten unseres Lebens und Wirkens, als ein gutes Mittel, um unseren täglichen Weg erfolgreich auf Christus, »das Licht der Welt« (Joh 8,12), auszurichten und hinzulenken.


Das Morgen- und das Abendlob sind zwei wichtige Gebetszeiten im Leben des Christen: Die Kirche verbindet diese „beiden Angelpunkte des täglichen Studengebetes" mit dem Gedächtnis des Todes und der Auferstehung des Herrn. Er ist die Sonne, die nicht untergeht.

Beim Abendgebet danken wir Gott für seine Güte. Wir bitten um Vergebung, damit das Licht der Gnade wieder in uns aufleuchte. Richtet im treuen Vollzug der Tagzeiten eurer Leben auf Christus aus, das Licht der Welt!

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Von Herzen grüße ich die Pilger und Besucher aus den Ländern deutscher Sprache. Besonders heiße ich die Gäste des Collegium Germanicum und eine Studiengruppe des Instituts für Kirchenrecht aus Potsdam willkommen. Erweist euch in Wort und Tat als treue Kinder des Lichtes! Der Herr segne euch alle!

  



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