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JOHANNES PAUL II. 

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 15. Oktober 2003

     

Lesung: Lk 1,46–47.51.53–55

46 Da sagte Maria: Meine Seele preist die Größe des Herrn,
47 und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.
51 Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; 53 Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und läßt die Reichen leer ausgehen.
54 Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen,
55 das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Aus vielen Zeugnissen wissen wir, daß die Laudes und die Vesper seit dem 4. Jahrhundert eine feste Einrichtung in allen großen Kirchen des Westens und des Ostens sind. Der hl. Ambrosius zum Beispiel bezeugt es so: »Wie wir jeden Tag mit Gott beginnen und in Ihm beenden, indem wir in die Kirche gehen oder zu Hause beten, so nimmt der Tag unseres ganzen Lebens auf Erden und der Verlauf jedes einzelnen Tages immer von Ihm seinen Anfang und endet in Ihm« (De Abraham, II, 5,22).

Die Laudes ist an den Tagesanfang gestellt, und die Vesper hat ihren Platz beim Sonnenuntergang, in der Stunde, in der im Jerusalemer Tempel das Rauchopfer dargebracht wurde. Zu dieser Stunde ruhte Jesus im Grab, nach seinem Tod am Kreuz und nachdem er sich dem Vater für das Heil der Welt als Opfer hingegeben hatte.

Die einzelnen Kirchen haben, den jeweiligen Traditionen folgend, das Stundengebet ihren rituellen Gepflogenheiten entsprechend geregelt. Wir betrachten hier den römischen Ritus.

2. Das Stundengebet beginnt mit dem Bittruf: »Deus in adiutorium« nach dem zweiten Vers des Psalms 70, den der hl. Benedikt für jedes Stundengebet vorschreibt. Der Vers erinnert daran, daß die Gnade, Gott würdig zu loben, allein von ihm kommen kann. Es folgt das »Ehre sei dem Vater …«, weil der Lobpreis der Dreifaltigkeit die grundlegende Ausrichtung des christlichen Betens ausdrückt. Am Schluß wird das »Halleluja« angefügt (ausgenommen in der Fastenzeit), das jüdische Wort für »Lobt den Herrn«, das für die Christen eine frohe Kundgabe des Vertrauens in den Schutz geworden ist, den Gott seinem Volk gewährt.

Der gesungene Hymnus läßt die Gründe des Lobes seitens der betenden Kirche erklingen, indem er in der Abendstunde mit dichterischer Eingebung die zum Heil des Menschen vollbrachten Geheimnisse, insbesondere das von Christus am Kreuz vollbrachte Opfer, in Erinnerung ruft.

3. Die Psalmodie der Vesper besteht aus zwei dieser Stunde angemessenen Psalmen und aus einem dem Neuen Testament entnommenen Canticum. Die Typologie der für die Vesper bestimmten Psalmen weist verschiedene Nuancen auf. Es gibt die Psalmen des »lucernario«, in denen ausdrücklich der Abend, die Lampe oder das Licht erwähnt werden; die Psalmen, die das Vertrauen auf Gott als sichere Zuflucht in der Vorläufigkeit des menschlichen Lebens bekunden; die Dank- und Loblieder; die Psalmen, in denen der eschatologische Sinn durchscheint, auf den das Tagesende hinweist, und andere Psalmen in Form von Weisheitsliedern oder in bußfertigem Ton. Wir finden außerdem Psalmen des »Hallel« mit Bezug auf das letzte Abendmahl Jesu mit den Jüngern. In der lateinischen Kirche wurden Elemente überliefert, die das Verständnis der Psalmen und ihre christliche Auslegung, wie Titel, Orationen und vor allem Antiphonen erleichtern (vgl. Prinzipien und Normen für die Feier des Stundengebets, 110–120).

Einen besonderen Platz hat die Kurzlesung, die in der Vesper dem Neuen Testament entnommen ist. Sie hat den Zweck, einen biblischen Sinnspruch mit Nachdruck und Entschiedenheit anzubieten und ihn in die Herzen einzusenken, damit er im Leben umgesetzt wird (vgl. ebd., 45, 156, 172). Um die Verinnerlichung des Gehörten zu erleichtern, folgt auf die Lesung ein angemessenes Stillschweigen und ein Responsorium, das die Aufgabe hat, mit einigen gesungenen Versen auf die Botschaft der Lesung »zu antworten« und ihre Aufnahme in den Herzen der Teilnehmer des Stundengebets zu erleichtern.

4. Beginnend mit dem Kreuzzeichen, wird mit großer Verehrung das dem Evangelium entnommene Canticum der seligen Jungfrau Maria angestimmt (vgl. Lk 1,46–55). Der schon in der Regel des hl. Benedikt bezeugte Brauch (Kap. 12 und 17), bei der Laudes das »Benedictus« und zur Vesper das »Magnificat« zu singen, »wird von der weltlichen und volkstümlichen Tradition der römischen Kirche bestätigt« (Prinzipien und Normen für die Feier des Stundengebets, 50). In der Tat sind diese Gesänge beispielhaft, um den Sinn des Lobes und Dankes an Gott für das Geschenk der Erlösung auszudrücken.

In der gemeinschaftlichen Feier des Stundengebets kann die Geste, den Altar, den Priester und das Volk zu beweihräuchern, während die dem Evangelium entnommenen Gesänge erklingen, den Opfercharakter des »Lobopfers« andeuten; dies gilt im Hinblick auf die jüdische Tradition, am Morgen und am Abend auf dem Altar für Räucherwerk Weihrauch darzubringen. Indem wir uns im Gebet um Christus scharen, können wir persönlich erleben, was im Brief an die Hebräer gesagt wird: »Durch ihn also laßt uns Gott allezeit das Opfer des Lobes darbringen, nämlich die Frucht der Lippen, die seinen Namen preisen« (13,15; vgl. Ps 50,14.23; Hos 14,3).

5. Die an den Vater oder manchmal an Christus gerichteten Fürbitten nach dem Canticum sind Ausdruck der flehenden Stimme der Kirche, eingedenk der göttlichen Sorge um die Menschheit, die Werk seiner Hände ist. Für die abendlichen Fürbitten ist es bezeichnend, die Hilfe Gottes für alle Personengruppen, für die christliche Gemeinschaft und für die Bürgergesellschaft, zu erbitten. Zum Schluß wird der verstorbenen Gläubigen gedacht.

Die Feier der Vesper findet ihre Krönung im Gebet Jesu, dem »Vaterunser«, in dem aller Lobpreis und alle Bitten der aus dem Wasser und dem Heiligen Geist wiedergeborenen Kinder Gottes zusammengefaßt werden. Zum Tagesabschluß hat die christliche Tradition die von Gott im Vaterunser erbetene Vergebung mit der gegenseitigen brüderlichen Versöhnung der Menschen verbunden: Die Sonne soll nicht über dem Zorn der Menschen untergehen (vgl. Eph 4,26).

Das Abendgebet wird mit einer Oration beendet, die im Einklang mit dem gekreuzigten Christus die Übergabe unseres Daseins in die Hände des Vaters ausdrückt in dem Bewußtsein, daß sein Segen nie fehlen wird.

 


Das abendliche Gebet der Vesper ist in der Tradition der Kirche fest verankert. Ihre gleichbleibende Struktur gibt unserem Beten Ordnung und Inspiration. Hymnus, Psalmen, Magnifikat und Vaterunser vereinen uns mit dem Abendlob der ganzen Kirche, deren Anliegen wir Gott übereignen.

Zu Beginn des Vespergottesdienstes rufen wir Gottes Hilfe an: „Herr, eile mir zu helfen!" (vgl. Ps 70, 2). Denn den Herrn würdig zu loben, ist schon ein Werk der Gnade!

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Mit Freude heiße ich die Pilger und Besucher aus den deutschsprachigen Ländern willkommen. Mein besonderer Gruß gilt den Teilnehmern an der Diözesanwallfahrt des Erzbistums Salzburg. Alles christliche Beten zielt letztlich auf die Verherrlichung Gottes. Übergebt euer ganzes Leben dem Herrn, der seinen Segen für euch bereithält!

   



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