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JOHANNES PAUL II. 

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 5. November 2003

   

Lesung: Psalm 141,1–4.8–9

1 Bitte um Bewahrung vor Sünde [Ein Psalm Davids.] Herr, ich rufe zu dir. Eile mir zu Hilfe; höre auf meine Stimme, wenn ich zu dir rufe.
2 Wie ein Rauchopfer steige mein Gebet vor dir auf; als Abendopfer gelte vor dir, wenn ich meine Hände erhebe.
3 Herr, stell eine Wache vor meinen Mund, eine Wehr vor das Tor meiner Lippen!
4 Gib, daß mein Herz sich bösen Worten nicht zuneigt, daß ich nichts tue, was schändlich ist, zusammen mit Menschen, die Unrecht tun. Von ihren Leckerbissen will ich nicht kosten.
8 Mein Herr und Gott, meine Augen richten sich auf dich; bei dir berge ich mich. Gieß mein Leben nicht aus!
9 Vor der Schlinge, die sie mir legten, bewahre mich, vor den Fallen derer, die Unrecht tun!

Liebe Brüder und Schwestern!

1. In den vorhergehenden Katechesen haben wir einen Überblick von der Struktur und dem Wert der Liturgie der Vesper, des großen kirchlichen Abendgebetes, gegeben. Jetzt dringen wir ins Innere vor. Es ist gleichsam ein Pilgern in jene Art »Heiliges Land«, das hier aus Psalmen und Cantica besteht. Wir werden bei jedem einzelnen dieser poetischen Gebete, die Gott mit seiner Inspiration besiegelt hat, haltmachen. Es sind die Anrufungen, die auf Wunsch des Herrn an ihn zu richten sind. Er hört sie gern, weil er in ihnen den Herzschlag seiner geliebten Kinder vernimmt.

Wir beginnen mit Psalm 141, der die sonntägliche Vesper in der ersten Woche des Vier-Wochen- Psalters eröffnet, in den das Abendgebet der Kirche seit dem Konzil gegliedert ist.

2. »Wie ein Rauchopfer steige mein Gebet vor dir auf; als Abendopfer gelte vor dir, wenn ich meine Hände erhebe.« Vers 2 dieses Psalms kann als kennzeichnend für den ganzen Psalm betrachtet werden und als offensichtliche Berechtigung dafür, daß er in die Liturgie der Vesper eingebaut wurde. Die Idee spiegelt den Geist der prophetischen Theologie wider, die den Kult mit dem Leben, das Gebet mit dem Dasein vereint.

Das Gebet mit reinem und aufrichtigem Herzen wird zu einem Opfer, das Gott dargebracht wird. Das ganze Wesen der Person, die betet, wird ein Opferakt mit der Vorwegnahme dessen, was der Apostel Paulus gelehrt hat, als er die Christen einlud, sich selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt; das ist das geistliche Opfer, das er annimmt (vgl. Röm 12,1).

Die zum Gebet erhobenen Hände sind eine Verbindungsbrücke zu Gott, wie es der Rauch ist, der als angenehmer Duft vom Opfertier während des Abendopfers aufsteigt.

3. Der Psalm geht weiter im Ton einer Bitte, die uns von einem Text überliefert ist, der im hebräischen Original nicht wenige Schwierigkeiten und Unverständlichkeiten für die Deutung aufweist (vor allem in den Versen 4–7).

Der allgemeine Sinn kann dennoch erkannt und in Meditation und Gebet verwandelt werden. Der betende Mensch bittet den Herrn vor allem, er möge ihn davor bewahren, daß seine Lippen (V. 3) und die Gefühle seines Herzens vom Bösen angezogen werden und ihn dazu verleiten, etwas zu tun, »was schändlich ist« (V. 4). Denn die Worte und Werke sind Ausdruck der moralischen Entscheidung der Person. Es ist leicht möglich, daß das Böse auch auf den Gläubigen eine große Anziehung ausübt und daß er die »Leckerbissen« verkostet, die die Sünder anbieten können, wenn er sich an ihren Tisch setzt, das heißt an ihrem unrechten Tun teilhat.

Der Psalm bekommt somit den Beigeschmack einer Gewissenserforschung, auf die das Bemühen folgt, immer Gottes Wege zu wählen.

4. Aber an dieser Stelle ist der Beter so tief erschüttert, daß er in leidenschaftlichen Worten jede Komplizenschaft mit dem Frevler ablehnt: Er will bei dem Frevler nicht zu Gast sein und nicht zulassen, daß das für die hochrangigen Gäste vorbehaltene wohlriechende Salböl (vgl. Ps 23,5) ein Beweis ist für seine Mitwisserschaft mit den Menschen, die Unrecht tun (vgl. Ps 140,4). Um seine radikale Absage an den Frevler noch zu verstärken, spricht der Psalmist ihm dann voller Entrüstung seine Mißbilligung aus, die er in drastischen Bildern als ein strenges Gericht beschreibt.

Es handelt sich um eine der typischen Flüche des Psalters (vgl. Ps 58 und 109), die den Zweck haben, plastisch und sogar malerisch die Feindschaft gegenüber dem Bösen und die Entscheidung für das Gute zu beteuern sowie die Gewißheit zu bekräftigen, daß Gott in die Geschichte eingreift durch sein Gericht und die strenge Bestrafung der Ungerechtigkeit (vgl. V. 6–7).

5. Der Psalm endet mit einer letzten vertrauensvollen Bitte (vgl. V. 8–9): Es ist ein Lied des Glaubens, des Dankes und der Freude in der Gewißheit, daß der Gläubige nicht in den Haß einbezogen wird, den die Frevler ihm gegenüber hegen, und daß er nicht in die Falle gerät, die sie ihm stellen, nachdem sie seinen festen Entschluß für das Gute bemerkt hatten. Der Gerechte wird so jeder Gefahr heil entkommen, wie es in einem anderen Psalm heißt: »Unsere Seele ist wie ein Vogel dem Netz des Jägers entkommen: das Netz ist zerrissen, und wir sind frei« (Ps 124,7).

Wir beenden unsere Lektüre des Psalms 141, indem wir zum anfänglichen Bild zurückkehren, dem des Abendgebetes als ein Gott wohlgefälliges Opfer. Ein großer geistlicher Lehrer, Johannes Cassian, der zwischen dem 4. und 5. Jahrhundert gelebt hat, aus dem Orient kam und seinen Lebensabend im südlichen Gallien verbrachte, hat die Psalmworte nach einem christologischen Schlüssel gedeutet: »In ihnen kann man in höherem Sinn eine Anspielung auf das Abendopfer sehen, das vom Herrn und Erlöser während seines letzten Abendmahls vollbracht und den Aposteln aufgetragen wurde, als er den Anfang der heiligen Geheimnisse der Kirche setzte; oder (man kann darin eine Anspielung sehen) an das Opfer, das er am Abend des folgenden Tages in sich selbst durch die Erhebung seiner Hände darbrachte, ein Opfer, das sich bis ans Ende der Zeiten für das Heil der ganzen Welt fortsetzen wird« (Le istituzioni cenobitiche, Abbazia di Praglia, Padova 1989, S. 92).


Im Vespergebet bringt die Kirche Gott ein frohes Dankopfer dar: „Als Abendopfer gelte vor dir, wenn ich meine Hände erhebe" (Ps 141, 2). Das ganze Dasein des betenden Menschen ist in dieses Opfer hineingenommen.

Vor Gottes Angesicht prüft der Mensch sein Leben. Der Herr möge ihn vor der Sünde bewahren. So kann er aufs neue Gottes Wege gehen. Christus, der am Kreuz die Arme ausbreitet, nimmt unsere Bitten in sein Opfer auf.

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Herzlich grüße ich die Pilger und Besucher aus den Ländern deutscher Sprache. Besonders heiße ich die Teilnehmer der Leserreise des Osservatore Romano und das Berufskolleg St. Michael willkommen. Heiligt euer Leben durch das Gebet! Gott schenke euch seinen Frieden!

 



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