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JOHANNES PAUL II.

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 4. Februar 2004

 

Lesung: Psalm 15

1 Die Bedingungen für den Eintritt ins Heiligtum [Ein Psalm Davids.] Herr, wer darf Gast sein in deinem Zelt, wer darf weilen auf deinem heiligen Berg?
2 Der makellos lebt und das Rechte tut; / der von Herzen die Wahrheit sagt
3 und mit seiner Zunge nicht verleumdet; der seinem Freund nichts Böses antut und seinen Nächsten nicht schmäht;
4 der den Verworfenen verachtet, doch alle, die den Herrn fürchten, in Ehren hält; der sein Versprechen nicht ändert, das er seinem Nächsten geschworen hat;
5 der sein Geld nicht auf Wucher ausleiht und nicht zum Nachteil des Schuldlosen Bestechung annimmt. Wer sich danach richtet, der wird niemals wanken.

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Psalm 15, über den wir nun nachdenken wollen, wird von den Bibelwissenschaftlern oft als Teil einer »Eröffnungsliturgie« eingestuft. Wie es in manchen anderen Texten des Psalters geschieht (vgl. zum Beispiel die Psalmen 23, 25 und 94), kann man sich eine Art Prozession von Gläubigen vorstellen, die sich an den Toren des Tempels auf Zion zusammendrängen, um zum Gottesdienst zu gehen. In einem gedanklichen Dialog zwischen Gläubigen und Leviten werden die unerläßlichen Bedingungen aufgezeigt, die nötig sind, um zum Gottesdienst und damit zum göttlichen Heiligtum zugelassen zu werden.

Einerseits wird die Frage erhoben: »Herr, wer darf Gast sein in deinem Zelt, wer darf weilen auf deinem heiligen Berg?« (Ps 15,1). Andererseits ist da die Aufzählung der erforderlichen Eigenschaften, um die Schwelle überschreiten zu können, die zum »Zelt«, das heißt zum Tempel auf dem »heiligen Berg« Zion, führt. Aufgezählt werden elf Eigenschaften, die eine ideale Zusammenfassung der moralischen Grundverpflichtungen darstellen, die im biblischen Gesetz enthalten sind (vgl. V. 2–5).

2. Auf den Fassaden der ägyptischen und babylonischen Tempel waren manchmal die erforderlichen Bedingungen für den Eintritt ins Heiligtum eingemeißelt. Zu beachten ist aber ein bedeutsamer Unterschied im Vergleich zu den Bedingungen, die von unserem Psalm empfohlen werden. In vielen religiösen Kulturen ist für den Zugang zur Gottheit vor allem die äußere rituelle Reinheit notwendig, die Waschungen, Gesten und besondere Bekleidung mit sich bringt.

Psalm 15 hingegen verlangt die Reinigung des Gewissens, damit sich seine Entscheidungen an der Liebe zur Gerechtigkeit und zum Nächsten inspirieren. In diesen Versen spürt man deshalb den Geist der Propheten schwingen, die wiederholt dazu einladen, Glauben und Leben, Gebet und existenziellen Einsatz, Anbetung und soziale Gerechtigkeit miteinander zu verbinden (vgl. Jes 1,10–20; 33,14-16; Hos 6,6; Mi 6,6–8; Jer 6,20).

Hören wir zum Beispiel die heftige Anklagerede des Propheten Amos, der im Namen Gottes einen vom täglichen Leben getrennten Kult bemängelt: »Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen. Wenn ihr mir Brandopfer darbringt, ich habe kein Gefallen an euren Gaben, und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen … sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach« (Am 5,21–22.24).

3. Jetzt kommen wir zu den elf vom Psalmisten aufgezählten Verpflichtungen, die als Grundlage für eine persönliche Gewissenserforschung dienen können, wenn wir uns darauf vorbereiten, unsere Sünden zu bekennen, um zur Gemeinschaft mit dem Herrn in der Liturgiefeier zugelassen zu werden.

Die ersten drei Verpflichtungen sind allgemeiner Art und drücken eine ethische Entscheidung aus: den Weg der moralischen Integrität, der praktizierten Gerechtigkeit und der vollkommenen Aufrichtigkeit der Rede (vgl. Ps 15,2). Es folgen drei Pflichten, die wir als Beziehung zum Nächsten bezeichnen könnten: die Verleumdung aus dem Sprachgebrauch verbannen; jede Handlung vermeiden, die dem Bruder schaden könnte; die Schmähungen gegen unseren alltäglichen Nachbarn zügeln (vgl. V. 3).

Dann kommt die Forderung nach einer klaren, entschlossenen Stellungnahme im sozialen Bereich: den Frevler mißachten, den Gottesfürchtigen ehren. Am Ende werden die letzten drei Gebote aufgezählt, hinsichtlich derer das Gewissen zu prüfen ist: das gegebene Wort und den Schwur halten, auch wenn für uns Schaden daraus entsteht; nicht Wucher treiben, eine Plage, die auch in unseren Tagen eine infame Wirklichkeit ist und das Leben vieler Personen niederdrücken kann; und schließlich jede Korruption im öffentlichen Leben vermeiden, eine weitere Aufgabe, die auch in unserer Zeit streng zu erfüllen ist (vgl. V. 5).

4. Diesen Weg wahrer moralischer Entscheidungen gehen bedeutet, bereit zu sein für die Begegnung mit dem Herrn. Auch Jesus hat in der Bergpredigt eine grundlegende »Eröffnungsliturgie« angeboten: »Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, so laß deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe« (Mt 5,23–24).

Wer nach der Weisung des Psalmisten handelt – so heißt es am Schluß unseres Gebets –, »der wird niemals wanken« (Ps 15,5). Der hl. Hilarius von Poitiers, Vater und Lehrer der Kirche des 4. Jahrhunderts, kommentiert in seinem Tractatus super Psalmos diesen Schlußsatz, indem er an das anfängliche Bild des Tempelzeltes von Zion anknüpft: »Wer gemäß diesen Geboten handelt, wohnt im Zelt, ruht auf dem Berg. Unverrückbar steht also die Beachtung der Vorschriften und das Werk der Gebote. Dieser Psalm soll im Innersten gründen, er soll ins Herz eingeschrieben und ins Gedächtnis eingeprägt sein. Der reiche, knappe Schatz soll uns Tag und Nacht vorgestellt werden. Wenn wir dann diesen Reichtum auf dem Weg in die Ewigkeit erlangt und in der Kirche unsere Wohnstatt gefunden haben, werden wir schließlich in der Herrlichkeit des Leibes Christi ruhen« (PL 9,308).


„Herr, wer darf weilen auf deinem heiligen Berg?" (Ps 15, 1). Mit dem Aufblick zum Höchsten prüft der Beter sich selbst. Er unterstellt sich der Gnade des Höchsten. Der Eintritt ins Heiligtum setzt das Bemühen um Heiligkeit voraus. Jeder Gottesdienst beginnt daher mit der Reinigung der Herzen.

Um Christus in der heiligen Liturgie würdig zu begegnen, bedarf es der inneren Vorbereitung. Psalm 15 hält uns gewissermaßen einen Spiegel vor: Wer in Reinheit lebt und gerecht ist, wer die Zunge hütet, die Wahrheit sagt und rechten Umgang pflegt, der darf darauf vertrauen, seinen Platz im Reich Gottes zu finden.

***

Von Herzen grüße ich die Pilger und Besucher aus den deutschsprachigen Ländern. Gott ist heilig und gerecht. Wer sich am Gesetz des Ewigen ausrichtet, „wird niemals wanken" (Ps 15, 5). Der Herr des Lebens begleite all euer Tun und schenke euch den Frieden.

 



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