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JOHANNES PAUL II.

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 27. Oktober 2004

 

Lesung: Psalm 49,14–21

14 So geht es denen, die auf sich selbst vertrauen, und so ist das Ende derer, die sich in großen Worten gefallen. [Sela]
15 Der Tod führt sie auf seine Weide wie Schafe, sie stürzen hinab zur Unterwelt. Geradewegs sinken sie hinab in das Grab; ihre Gestalt zerfällt, die Unterwelt wird ihre Wohnstatt.
16 Doch Gott wird mich loskaufen aus dem Reich des Todes, ja, er nimmt mich auf. [Sela]
17 Laß dich nicht beirren, wenn einer reich wird und die Pracht seines Hauses sich mehrt;
18 denn im Tod nimmt er das alles nicht mit, seine Pracht steigt nicht mit ihm hinab.
19 Preist er sich im Leben auch glücklich und sagt zu sich: »Man lobt dich, weil du dir’s wohl sein läßt«,
20 so muß er doch zur Schar seiner Väter hinab, die das Licht nie mehr erblicken.
21 Der Mensch in Pracht, doch ohne Einsicht, er gleicht dem Vieh, das verstummt.

1. Die Liturgie der Vesper stellt uns in ihrem weiteren Verlauf wiederum Psalm 49 vor, ein Weisheitslied, dessen zweiter Teil soeben erklungen ist (vgl. V. 14–21). Wie der vorhergegangene Teil (vgl. V. 1–13), den wir schon behandelt haben, verurteilt auch dieser Abschnitt des Psalms die aus der Vergötterung des Reichtums entstandene Illusion. Sie gehört zu den ständigen Versuchungen der Menschheit: Indem man sich an das Geld klammert, das eine unbesiegbare Macht zu besitzen scheint, bildet man sich ein, »auch den Tod kaufen« und von sich fernhalten zu können.

2. In Wirklichkeit bricht der Tod über uns herein und zerstört alle Illusionen, indem er alle Schranken niederreißt, jegliches Selbstvertrauen erniedrigt (vgl. V. 14) und Reiche und Arme, Herrscher und Untergebene, Törichte und Weise ins Jenseits führt. Eindrucksvoll ist das vom Psalmisten gezeichnete Bild, das den Tod als einen Hirten darstellt, der die Herde der verweslichen Geschöpfe mit fester Hand führt (vgl. V. 15). Psalm 49 stellt uns also eine realistische und ernste Betrachtung des Todes vor, des unausweichlichen, endgültigen Ziels des menschlichen Daseins.

Wir versuchen oft und in jeder Weise, diese Wirklichkeit zu übersehen, indem wir den Gedanken an sie von unserem Horizont verdrängen. Aber dieses Bemühen ist nicht nur nutzlos, sondern auch unangemessen. Denn das Nachdenken über den Tod erweist sich als wohltuend, weil es viele zweitrangige Wirklichkeiten relativiert, die wir leider verabsolutiert haben, wie gerade den Reichtum, den Erfolg, die Macht… Ein Weiser des Alten Testaments, Jesus Sirach, mahnt: »Bei allem, was du tust, denk an das Ende, so wirst du niemals sündigen« (7,36).

3. Aber da tritt in unserem Psalm eine entscheidende Wende ein. Wenn das Geld uns nicht vom Tod »loskaufen« kann (vgl. Ps 49,8–9), gibt es doch einen, der uns aus diesem dunklen und dramatischen Horizont retten kann. Denn der Psalmist sagt: »Doch Gott wird mich loskaufen aus dem Reich des Todes, ja, er nimmt mich auf« (V. 16).

Für den Gerechten öffnet sich so eine Perspektive der Hoffnung und Unsterblichkeit. Auf die am Anfang des Psalms gestellte Frage: »Warum soll ich mich … fürchten?« (V. 6) wird jetzt die Antwort gegeben: »Laß dich nicht beirren, wenn einer reich wird« (V. 17).

4. Der im geschichtlichen Verlauf arme und gedemütigte Gerechte hat an seinem Lebensende keinen Besitz mehr, er hat nichts, was er als »Lösegeld« geben könnte, um den Tod aufzuhalten und sich seinem eiskalten Griff zu entziehen. Aber jetzt kommt die große Überraschung: Gott selbst zahlt ein Lösegeld und entreißt seinen Getreuen den Händen des Todes, denn Er ist der einzige, der den für die Menschen unausweichlichen Tod besiegen kann.

Deshalb lädt der Psalmist ein, »sich nicht zu fürchten« und den Reichen nicht zu beneiden, der in seiner Pracht immer überheblicher wird (vgl. ebd.), denn er wird im Tod alles verlieren; er wird weder Gold noch Silber, weder Ruhm noch Erfolg mitnehmen können (vgl. V. 18–19). Der Gläubige hingegen wird nicht verlassen vom Herrn, der ihm »den Pfad zum Leben zeigt. Vor seinem Angesicht herrscht Freude in Fülle, zu seiner Rechten Wonne für alle Zeit« (vgl. Ps 16,11).

5. An den Schluß der Weisheitsbetrachtung von Psalm 49 können wir also die Worte Jesu setzen, der uns den wahren Schatz zeigt, der dem Tod standhält: »Sammelt euch nicht Schätze hier auf der Erde, wo Motte und Wurm sie zerstören und wo Diebe einbrechen und sie stehlen, sondern sammelt euch Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Wurm sie zerstören und keine Diebe einbrechen und sie stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz« (Mt 6,19–21).

6. Den Worten Christi folgend, betont der hl. Ambrosius in seinem Kommentar zu Psalm 49 ganz klar und entschieden die Gehaltlosigkeit des Reichtums: »Es sind alles vergängliche Dinge, und sie vergehen rascher als sie gekommen sind. Ein solcher Schatz ist nichts als ein Traum. Wenn du aufwachst, ist er schon verschwunden. Der Mensch, dem es gelingt, den Rausch dieser Welt zu überwinden und sich die Nüchternheit der Tugend anzueignen, verachtet all diese Dinge und legt keinen Wert auf Geld« (Commento a dodici salmi, Nr. 23: SAEMO, VIII, Milano-Roma 1980, S. 275).

7. Der einstige Bischof von Mailand lädt also ein, sich nicht einfältig von den Reichtümern und vom menschlichen Ruhm verführen zu lassen: »Fürchte dich nicht, auch nicht, wenn du hörst, daß der Reichtum einer mächtigen Familie sich mehrt! Verstehe es, aufmerksam auf den Grund zu sehen, und er wird dir leer erscheinen, wenn er nicht einen Funken von der Fülle des Glaubens in sich hat.« In der Tat, bevor Christus gekommen ist, war der Mensch verdorben und leer: »Der verderbliche Sündenfall des alten Adam hat uns entleert, aber die Gnade Christi hat uns erfüllt. Er hat sich selbst entleert, um uns zu erfüllen und im Fleisch des Menschen die Fülle der Tugend wohnen zu lassen.« Ambrosius sagt am Ende, daß wir aus diesem Grund jetzt mit Johannes ausrufen können: »Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade« (Joh 1,16) (vgl. ebd.).


Die Vergötterung des Reichtums ist eine bleibende Versuchung. Falsches Vertrauen auf Geld und Macht nährt die Illusion eines Paradieses von Menschen Hand.

Die mahnende Wirklichkeit des Todes wird heute oft verdrängt. Ein ernstes Nachdenken über die letzte Bestimmung des Menschen tut not. Nur im Glauben finden wir die Hoffnung, die nicht trügt: Unsterblichkeit in der ewigen Gemeinschaft Gottes und seiner Heiligen. „Ja, Gott wird mich loskaufen aus dem Reich des Todes, er nimmt mich auf" (Ps 49, 16).

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Herzlich heiße ich die deutschsprachigen Pilger und Besucher willkommen. Besonders grüße ich die Stiftung „Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind". Gott ist der Urgrund und das Ziel unseres Lebens. Er allein besiegt den Tod und schenkt Rettung und Heil. Auf Ihn setzt eure Hoffnung! Der Herr sei euch nahe mit seinem Segen.

 



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