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10. WELTFRIEDENSTAG

HOMILIE VON PAPST PAUL VI.

Hochfest der Gottesmutter Maria
Sonntag, 1. Januar 1977
 

 "WILLST DU DEN FRIEDEN, SO VERTEIDIGE DAS LEBEN!"
 


Zunächst unseren Gruß! Friede sei mit diesem Hause und mit allen, die darin wohnen! Dies ist das Zentrum der "Pia Società S. Paolo", gegründet vom verehrten Don Giacomo Alberione, dessen sterbliche Überreste in der Krypta dieses monumentalen Gotteshauses ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Ihm gilt unser ehrendes Gedenken; für seine demütige und doch so große Seele erflehen wir den ewigen Frieden und geben dem Wunsche Ausdruck, sein Geist möge in den religiösen und apostolischen Institutionen weiterleben, die er als vielfältiges und blühendes Erbe hinterlassen hat. An sie richten wir schon jetzt unseren besonderen Segensgruß.

Wir sehen zahlreiche kirchliche Persönlichkeiten hier versammelt: Herrn Kardinal Jean Villot, unseren Staatssekretär, mit seinen engsten Mitarbeitern. Wir sehen unseren Generalvikar für das Bistum Rom, Kardinal Ugo Poletti, mit vielen Vertretern des Vikariats und des Klerus von Rom. Wir sehen den Pro-Präsidenten und die Angestellten der Päpstlichen Kommission "Justitia et Pax", der wir die Einstimmung zu diesem Welttag verdanken. Wir sehen die Oberen und die Priester der "Pia Società S. Paolo", zusammen mit zahlreichen Mitbrüdern und vielen Ordensfrauen der Institutionen, die zu diesem Generalat gehören. Der Friede und die Kraft des Herrn seien mit allen Anwesenden!

Unter diesen wendet sich unser respektvoller Gruß mit gebührender Aufmerksamkeit an die Vertreter der weltlichen Obrigkeit, die dieser Feier mit ihrer geschätzten Gegenwart Ehre erweisen wollen. Ihre Anwesenheit entspricht in besonderer Weise der Bedeutung dieser Feierstunde, in der wir den Frieden für die Welt und vor allem auf diese schicksalhafte Stadt Rom herabflehen. Wir danken dafür insbesondere dem Herrn Bürgermeister und den Vertretern der Stadtverwaltung wie auch den Persönlichkeiten von Regierung, ziviler und militärischer Obrigkeit, die sich uns in dieser Stunde angeschlossen haben, da wir am Beginn des Kalenderjahres 1977 geistliche Besinnung auf die friedvolle, gemeinsame und so mühsam erreichbare Eintracht halten und dafür Gottes Segen erflehen.

Eine Gruppe angesehener Persönlichkeiten, die sich zu dieser römischen Feier des Weltfriedenstages eingefunden haben, bilden schließlich die Herren Diplomaten und die Vertreter verschiedener internationaler Organisationen. Ihre Anwesenheit liefert uns den Beweis für den internationalen Charakter dieser Begegnung. Wir danken ihnen für dieses wertvolle und bedeutsame Zeichen der Zustimmung, wie es jeder von ihnen abgibt.

Die Krone aber dieser so beachtenswerten Versammlung und das ist für uns eine besondere seelsorgliche Genugtuung  ist das Volk dieses neuen und dicht besiedelten Stadtteils. Dem ganzen Bezirk, den Familien, die darin wohnen, insbesondere den Schulen, den Arbeitsstätten, den Krankenhäusern, allen gilt unsere liebevolle Anteilnahme und der Wunsch für Glück und Wohlergehen. Dieser Gemeinschaft, die dieses würdige und andachtsvolle Gotteshaus in Gebet und Freundschaft brüderlich vereint, danken wir voll Freude für ihren herzlichen Empfang am heutigen Tag und wünschen ihr ein gesegnetes neues Jahr im Herrn.

Und nun ein Wort, um die Zielsetzung dieser religiösen Feierstunde herauszustellen. Wir möchten ihr ja eine besondere Bedeutung beimessen und führen mit Freuden dabei persönlich den Vorsitz. Allen Teilnehmern bringen wir mit diesem Wort sogleich und unmittelbar unseren Dank zum Ausdruck.

Wie alle wissen, ist diese Feier, über der liturgisch die gütige und mütterliche Gestalt Mariens schwebt, Mutter Jesu Christi, den der hl. Paulus ,,unseren Frieden“ (Eph 2, 14) nennt, dem Frieden gewidmet. Ja, dem Frieden, dem großen Geschenk, ersehnt als Abglanz der Verherrlichung, die wir Gott dafür  schulden, dass er das Wort in geschichtlicher und sichtbarer Gestalt in die Menschheit gesandt hat; ein Abglanz des Friedens für eben diese Menschen, denen in so großem Maße Gottes Huld gilt. Dies ist, so konnten wir sagen, die theologische Achse des Friedens, den wir auf der Welt aufgebaut zu sehen wünschen und hoffen. Der Friede ist, wie wir glauben, in seiner höchsten und vollkommensten Ausdrucksform ein Geschenk Gottes. Wenn er aber ein Geschenk der Güte Gottes, seiner Barmherzigkeit und Liebe ist, dann ist der Friede seinem höheren Ursprung nach Gnade, Geheimnis. Dies verändert oder mindert keineswegs den menschlichen Grundcharakter des irdischen Friedens, sondern bringt ihn hervor, macht ihn leichter erreichbar, überhöht ihn und verleiht ihm eine besondere Dramatik. Und noch mehr bestärkt es uns im Denken und Handeln für jenes geschichtliche und menschliche Faktum, das wir Frieden nennen, nämlich die Ausgewogenheit in den Beziehungen zwischen den Völkern, die bekannte ,,tranquillitas ordinis“ (Ruhe in der Ordnung) des hl. Augustinus. Denn es fügt dem statischen und stabilen Konzept des Friedens, wie wir ihn gern verwirklicht sehen möchten, über dessen Existenz wir uns aber oft Täuschungen  hingeben, ein neues, dynamisches Element hinzu; dieses bewirkt, dass der Friede nicht ein starrer und unveränderlicher Zustand ist, sondern eine bewegliche, lebendige Ordnung, und zwar nicht nur wegen des gewaltigen und unberechenbaren Spiels der Wirkfaktoren, aus denen der Friede entsteht, sondern ebenso wegen des wohl verborgenen, aber durchaus realen und oft sogar erkennbaren Eingreifens einer Vorsehung, die auch an sich negative und sogar hoffnungslose menschliche Situationen zum Guten führen kann (vgl. Röm 8, 28). Es sei uns erlaubt, ein Bild zu gebrauchen, um das von uns jetzt gemeinte Konzept des Friedens besser zu veranschaulichen: wir möchten den Frieden nicht darstellen als einen unverrückbaren Felsen in den Wogen des sturmbewegten Ozeans der Weltgeschichte, sondern als ein auf ihnen schwimmendes Schiff; dieses braucht, um einen Schiffbruch zu vermeiden, viele Voraussetzungen und Anstrengungen, darunter die Führung eines Lotsen und die äußerst geschickte und engagierte Arbeit einer Mannschaft.

Damit möchten wir sagen, was auch jeder scharfsinnige Beobachter der Geschichte lehrt, dass der Friede stets im Werden, im Entstehen und niemals ein für allemal erreicht ist. Er ist ein Gleich- gewicht, das nach sehr komplizierten und störungsempfindlichen Gesetzmäßigkeiten ständig in Bewegung ist. Diese Gesetzmäßigkeiten muss der Mensch als der eigentliche Arbeiter am Frieden, sei er Politiker oder Privatmann, erfassen, kennenlernen und vor allen zur Anwendung bringen. Auf diese Weise lenken wir die Aufmerksamkeit wieder auf die Voraussetzungen, die den Frieden begünstigen und fördern. Zugegeben, dass der Friede ein so erstrangiges Gut ist - und wir alle müssen ihm diesen höchsten Rang und diese Unverzichtbarkeit für eine blühende zivilisierte Gesellschaft zugestehen -, dann geht unsere Untersuchung weiter mit der gewaltigen Frage: Was sind die Voraussetzungen für den Frieden?

Sicher erinnern sich jetzt alle an den Satz, der sich im Bewusstsein der Völker und besonders ihrer Oberhäupter festgesetzt hat: ,,Willst du den Frieden, dann bereite den Krieg vor.“ Das ist ein hoffnungsloser, ein unheilvoller Grundsatz; und er wird es morgen in noch größerem Maße sein, wenn er nicht Schritt für Schritt korrigiert und durch einen anderen Grundsatz ersetzt wird; dieser mag zwar heute noch als Utopie erscheinen, hat aber die tiefe Sehnsucht der Zivilisation auf seiner Seite: ,,Willst du den Frieden, dann bereite den Frieden vor!“

Dies scheint ein törichter Grundsatz zu sein, voll feiger Furcht vor dem Krieg und unmöglich anzuwenden. Aber wenn er auch heute noch nicht sofort und vollständig anwendbar ist, so möchten wir doch alle darauf aufmerksam machen, dass er die Zukunft der Erde zum Ausdruck bringt. Diese Vision übersteigt im Augenblick die konkreten Möglichkeiten für unsere Diskussion, aber nicht für das Ideal des zivilisierten Menschen und vor allem nicht für denjenigen, der das Ideal des Menschen aus dem Evangelium ableitet. Sicher nicht zufällig wurde zu Petrus das Wort gesagt: ,,Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen“ (Mt 26, 52). Und im Grunde ist das auch der Sinn des Leitwortes, das die Gelehrten für unseren Weltfriedenstag in diesem Jahr ausgewählt haben: ,,Willst du den Frieden, so verteidige das Leben.“
Wir sagen: das Leben, das menschliche Leben! Hier müssten wir eigentlich den Begriff dieses erstrangigen Wertes weiter vertiefen und ausdehnen: menschliches Leben ist heilig, das heißt, es steht unter dem Schutz seiner transzendenten Beziehung zu Gott, der Ursprung und Herr (vgl. Gen 4; Mt 5, 21 ff.), unsichtbares, aber maßgebendes Urbild des Lebens ist; in Gott erkennt es seine angeborene, überragende, vom Wesen her gegebene Ähnlichkeit, die es sogar in möglichen Fehlformen, Entstellungen und Entartungen behält, eine ihm eigene unzerstörbare Würde, die gerade bei wachsender Bedürftigkeit nach mehr Achtung und Fürsorge ruft (vgl. Mt 25, 31 ff). Unser Blick gleitet so von der Betrachtung einer den Frieden zerstörenden Ausnahmesituation, wie sie der Krieg ist, hinüber zur grundlegenden Situation des Menschen, die ein Kirchenvater des 2. Jahrhunderts, der hl. Irenäus, mit prophetischem Blick umschrieb - Der lebendige Mensch ist Gottes Ruhm! -, als wollte er sagen: Wehe dem, der ihn angreift! Hier bei dieser Gelegenheit sollte ein Hymnus des Lobes anheben für all das, was der moderne Humanismus, auch wenn er nur unbewusst christlich ist, im Dienst an Not und Leid des menschlichen Lebens vollbracht hat. Dank euch, ihr Erzieher, Dank euch, ihr im Gesundheitswesen Tätigen, Dank euch, ihr aktiven Mitarbeiter, denen es um die Abhilfe der verschiedensten Nöte des Menschen geht, denn in eurer Arbeit gebt ihr Zeugnis von der göttlichen Berufung des ehren- und verdienstvollen Dienstes am Mitmenschen, am menschlichen Leben!

Aber ist es überall so? Wird nicht mit der gleichen Energie, die ihr zur Verteidigung des Lebens einsetzt, anderswo dazu aufgerufen, das Leben anzugreifen und zu entehren? Die Menschheitsgeschichte kennt auch in unseren Tagen den unverständlichen Widerspruch: Das menschliche Leben wird einmal als äußerst wertvoll herausgestellt und doch zur gleichen Zeit unterdrückt. Können wir zum Beispiel schweigen zur Legalisierung der Abtreibung in verschiedenen Ländern, die sie also nicht nur zulassen, sondern auch schützen? Handelt es sich etwa nicht um echtes und wirkliches menschliches Leben, das im Mutterschoß mit der Empfängnis beginnt? Verdient es nicht jede liebevolle Sorge, eben weil dieses embryonale Leben unschuldig und schutzlos ist und schon im Buch Gottes der Geschicke der Menschheit verzeichnet steht? Wer könnte es für normal halten, dass eine Mutter ihr eigenes Leben tötet oder töten lässt? Welche Droge oder welche gesetzliche Regelung kann je das Gewissen einer Frau beruhigen, die freiwillig und überlegt zur Mörderin ihrer eigenen Leibesfrucht geworden ist? Ähnliche Klagen könnten wir bei zahlreichen anderen Verbrechen erheben, die heute gegen das menschliche Leben begangen werden. Wir kennen sie und beten darum, dass das bürgerliche und soziale Gewissen sie verurteilen und zugleich Achtung und Solidarität zu nehmen mögen, die erfreulicherweise immer stärker die zahlreichen Angriffe und Vergehen gegen das menschliche Zusammenleben abwehren, Angriffe, die sich somit gegen einen vollkommenen und dauerhaften Frieden richten. Wir wollen darauf mutig, tatkräftig und voll Liebe antworten, um das Leben zu verteidigen und zu schützen. Der Friede, außer unserer moralischen und bürgerlichen Ehre, verlangt eine solche bewusste Erneuerung. So wiederholen wir: Wenn wir den Frieden schützen wollen, müssen wir das Leben verteidigen.

Es ist nicht schwer, die ursächliche Verbindung zu erkennen zwischen Frieden und Leben, zwischen Krieg als totaler Zerstörung des Friedens und physischem und moralischem Elend der öffentlichen Sittlichkeit und des Einzellebens. Das sittliche Empfinden des Volkes muss hier geweckt und gestärkt werden, damit der Friede die Voraussetzungen für sein fruchtbares Wachsen findet, so wie er seinerseits Bedingung und Grund ist für jedes wahre Wohlergehen. Dieses Verhältnis zwischen Frieden und Leben bietet allen die beste Möglichkeit, einen persönlichen Beitrag zum allgemeinen Aufbau des Friedens zu leisten, indem sie ehrlich und tatkräftig sich in der eigenen sozialen Umwelt einsetzen und zusammenarbeiten. ,,Wer in den kleinen Dingen zuverlässig ist“, sagt das Evangelium, ,,der ist es auch in den großen“ (Lk 16, 10).

So möge uns Gott im neuen bürgerlichen Jahr, das wir heute beginnen, beistehen, dass wir zum Aufbau des Friedens in der Welt unseren Beitrag leisten, indem jeder als Einzelperson und als Glied der Gemeinschaft durch seine Lebensführung jene Werte einbringt, die allen möglich sind und aus denen das große Werk des Friedens seine Majestät und Dauerhaftigkeit gewinnt.
 



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