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PAPST FRANZISKUS

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 4. März 2015

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Liebe Brüder und Schwestern,
guten Tag!

Die heutige Katechese und die am kommenden Mittwoch sind den alten Menschen gewidmet, die im Bereich der Familie die Großeltern, die Onkel und Tanten sind. Heute denken wir über die gegenwärtige problematische Lage der alten Menschen nach, und beim nächsten Mal, also am kommenden Mittwoch, über den positiveren Aspekt der Berufung, die in diesem Lebensalter enthalten ist.

Dank des medizinischen Fortschritts ist das Leben länger geworden: Aber die Gesellschaft hat sich nicht zum Leben hin »erweitert«! Die Zahl der alten Menschen hat sich vervielfacht, aber unsere Gesellschaften haben sich nicht ausreichend organisiert, um Raum für sie zu schaffen, zusammen mit der rechten Achtung und konkreten Berücksichtigung ihrer Schwachheit und ihrer Würde. Solange wir jung sind, sind wir verleitet, das Alter zu ignorieren, so als wäre es eine Krankheit, die ferngehalten werden muss. Wenn wir dann alt werden, besonders wenn wir arm sind, wenn wir krank und allein sind, erfahren wir die Mängel einer Gesellschaft, die auf Leistung programmiert ist und infolgedessen die alten Menschen übersieht. Und die alten Menschen sind ein Reichtum, man darf sie nicht übersehen.

Benedikt XVI. gebrauchte bei einem Besuch in einem Seniorenheim deutliche und prophetische Worte, als er sagte: »Die Qualität einer Gesellschaft, ich möchte sagen einer Zivilisation, beurteilt sich auch danach, wie die alten Menschen behandelt werden und welcher Platz ihnen im gemeinsamen Leben vorbehalten ist« (Besuch im Seniorenheim »Viva gli anziani« der Gemeinschaft Sant’Egidio, 12. November 2012; in O.R. dt., Nr. 47, 23.11.2015, S. 7). Das ist wahr, die Fürsorge für die alten Menschen in einer Zivilisation ist entscheidend. Gibt es in einer Zivilisation Fürsorge für den alten Menschen? Gibt es einen Platz für den alten Menschen? Diese Zivilisation wird vorangehen, wenn sie die Klugheit, die Weisheit der alten Menschen zu achten versteht.

Eine Zivilisation, in der es keinen Platz für die alten Menschen gibt, oder wo sie ausgesondert werden, weil sie Probleme verursachen, diese Gesellschaft trägt den Virus des Todes in sich. Im Westen bezeichnen Wissenschaftler das gegenwärtige Jahrhundert als das Jahrhundert des Alterns: Die Zahl der Kinder geht zurück, die Zahl der alten Menschen steigt. Dieses Ungleichgewicht appelliert an uns, ja es ist eine große Herausforderung für die gegenwärtige Gesellschaft. Dennoch lässt eine Kultur des Profits die alten Menschen immer wieder als Last, als »Ballast« erscheinen. Sie sind nicht nur unproduktiv, meint diese Kultur, sondern sie sind eine Belastung. Kurz gesagt, was ist das Resultat eines solchen Denkens? Sie werden ausgesondert. Es ist schlimm zu sehen, dass alte Menschen ausgesondert werden, das ist etwas Schlimmes, es ist Sünde! Man wagt es nicht offen zu sagen, aber man tut es! Es liegt etwas Niederträchtiges in dieser Gewöhnung an die Wegwerfkultur. Wir sind jedoch daran gewöhnt, Menschen »wegzuwerfen«. Wir wollen unsere gesteigerte Angst vor Schwachheit und Verletzlichkeit beseitigen; aber indem wir das tun, mehren wir bei den alten Menschen die Angst, nur schwer erduldet zu sein und verlassen zu werden.

Schon in meinem Dienst in Buenos Aires habe ich diese Wirklichkeit mit ihren Problemen persönlich kennengelernt: »Die alten Menschen sind verlassen, und zwar nicht nur in der materiellen Unsicherheit. Sie werden verlassen wegen der egoistischen Unfähigkeit, die Grenzen der alten Menschen anzunehmen, in denen sich unsere eigenen Grenzen widerspiegeln, mit den zahlreichen Schwierigkeiten, die sie heute überwinden müssen, um in einer Zivilisation zu überleben, die es ihnen nicht gestattet, an ihr teilzuhaben, ihre Meinung beizutragen oder Bezugspunkte zu sein – nach dem konsumistischen Modell, das besagt: ›Nur die jungen Menschen können nützlich sein und dürfen genießen.‹

Die alten Menschen sollten vielmehr für die ganze Gesellschaft die Weisheit unseres Volkes bewahren. Die alten Menschen sind das »Weisheitsreservoir« unseres Volkes! Wie leicht schaltet man das Gewissen aus, wenn keine Liebe vorhanden ist!« (vgl. Solo l’amore ci può salvare, Vatikanstadt 2013, S. 83). Und so geschieht es. Wenn ich die Seniorenheime besuchte, sprach ich mit allen, und ich erinnere mich, dass ich folgendes oft gehört habe: »Wie geht es Ihnen? Und Ihren Kindern? – Gut, gut. – Wie viele haben Sie? – Sehr viele. – Und kommen sie Sie besuchen? – Ja, ja, immer, ja, sie kommen. – Wann sind sie zum letzten Mal gekommen?« Ich erinnere mich an eine alte Frau, die zu mir sagte: »Zu Weihnachten.« Das war im August! Acht Monate lang kein Besuch von den Kindern, acht Monate verlassen! Das nennt sich Todsünde, verstanden? Als ich Kind war, erzählte die Großmutter uns eine Geschichte von einem alten Großvater, der sich beim Essen schmutzig machte, weil er den Löffel mit der Suppe nicht richtig zum Mund führte. Und der Sohn, also der Familienvater, hatte entschieden, ihn vom gemeinsamen Tisch wegzusetzen. Er machte einen Tisch in der Küche, wo man ihn nicht sah und wo er allein essen sollte. So würde er keinen schlechten Eindruck hinterlassen, wenn Freunde zum Mittag- oder Abendessen kämen. Als er einige Tage später nach Hause kam und sah, dass sein jüngster Sohn mit Holz und Hammer und Nägeln spielte und dort etwas machte, sagte er: »Was machst du da? – Ich mache einen Tisch, Papa. – Einen Tisch, warum? – Dann habe ich ihn, wenn du alt bist. Dann kannst du dort essen.« Die Kinder haben mehr Gewissen als wir!

In der Überlieferung der Kirche gibt es einen Weisheitsschatz, der stets eine Kultur der Nähe zu den alten Menschen unterstützt hat, die Bereitschaft zur liebevollen und solidarischen Begleitung in diesem letzten Teil des Lebens. Diese Überlieferung ist in der Heiligen Schrift verwurzelt, wie zum Beispiel diese Worte aus dem Buch Jesus Sirach bezeugen: »Verachte nicht die Überlieferung der Alten, die sie übernommen haben von ihren Vätern. Dann wirst du Einsicht lernen, um antworten zu können, sobald es notwendig ist« (Sir 8,9).

Die Kirche kann und will sich nicht einer Mentalität der Unduldsamkeit anpassen, und schon gar nicht der Gleichgültigkeit und der Verachtung gegenüber dem Alter. Wir müssen das kollektive Bewusstsein der Dankbarkeit, der Anerkennung, der Annahme neu erwecken, damit der alte Mensch sich als lebendiger Teil seiner Gemeinschaft fühlt. Die alten Menschen sind Männer und Frauen, Väter und Mütter, die vor uns auf unserem Weg, in unserem Haus waren, in unserem täglichen Kampf um ein Leben in Würde. Es sind Männer und Frauen, von denen wir viel empfangen haben. Der alte Mensch ist kein Fremder. Der alte Mensch sind wir: über kurz oder lang, auf jeden Fall unabwendbar, auch wenn wir nicht daran denken. Und wenn wir nicht lernen, die alten Menschen gut zu behandeln, dann wird man uns ebenso behandeln. Wir alten Menschen sind alle etwas gebrechlich. Einige sind jedoch besonders schwach, viele sind allein und von der Krankheit gezeichnet. Einige sind angewiesen auf unerlässliche Behandlungen und die Fürsorge anderer. Sollen wir deshalb einen Schritt zurück tun? Sollen wir sie ihrem Schicksal überlassen? Eine Gesellschaft ohne Nähe, wo Unentgeltlichkeit und Liebe ohne Gegenleistung – auch unter Fremden – im Verschwinden begriffen sind, ist eine pervertierte Gesellschaft. Die Kirche, dem Wort Gottes treu, kann solche Entartungen nicht dulden. Eine christliche Gemeinschaft, in der Nähe und Unentgeltlichkeit nicht mehr als unverzichtbar betrachtet würden, verlöre mit ihnen ihre Seele. Wo die alten Menschen nicht geehrt werden, gibt es keine Zukunft für die jungen Menschen.

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Mit Freude grüße ich die Pilger und Besucher aus den Ländern deutscher Sprache. Insbesondere heiße ich die verschiedenen Schulgruppen und die Arbeitsgemeinschaft Katholischer Hochschulgemeinden in Deutschland willkommen. Eure Pilgerfahrt nach Rom stärke euch im Glauben und lasse euch die Gemeinschaft der weltweiten Kirche erfahren. Der Heilige Geist schenke euch seine Weisheit und seine Freude.

 

 


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