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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"

Sich auf die Zunge beißen

Freitag, 4. September  2015

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 37, 11. September 2015

 

Über andere Menschen herzuziehen ist Terrorismus, gerade so, als werfe man eine Bombe, um Menschen zu vernichten und dann die Flucht zu ergreifen und sich selbst in Sicherheit zu bringen. Der Christ dagegen soll, um heilig zu werden, stets »Frieden und Versöhnung« bringen, und er muss, um der Versuchung von Klatsch und Tratsch nicht nachzugeben, dazu bereit sein, selbst soweit zu gehen, sich auf die Zunge zu beißen. Das tue zwar weh und er werde spüren, wie die Zunge anschwelle, aber wenigstens habe er keinen kleinen oder großen Krieg ausgelöst. Das sind, zusammen mit einer Gewissenserforschung, die Empfehlungen, die Papst Franziskus bei der Messe gab, die er am Freitag, 4. September, im Gästehaus Santa Marta feierte.

Paulus, so sagte der Papst gleich zu Beginn, »gibt uns im Kolosserbrief (1,15-20) so etwas wie den Personalausweis Jesu«. Kurz gesagt, der Apostel frage also: »Wer ist dieser Christus, den wir unter uns gesehen haben?« Und darauf gebe er die folgende Antwort: »Er ist der Erste, der Erstgeborene Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen«, das heißt »in ihm hat alles Bestand«. Paulus stelle den Kolossern »Jesus in seiner Gottheit vor: Jesus ist Gott. Er ist vor aller Schöpfung, er ist der Ursprung. Er ist der Erstgeborene der Toten; so hat er in allem den Vorrang.« Und er fahre so in diesem Ton fort, dass es »fast ein wenig übertrieben wirkt«, wenn er »darüber spricht, wer Jesus ist«. Ja, »dieser Jesus wurde vom Vater gesandt, um ›durch ihn alles zu versöhnen, der am Kreuz durch sein Blut den Frieden gestiftet hat‹«.

Papst Franziskus wiederholte die Worte des Paulus, um zu erläutern, »worin die Aufgabe Jesu bestand«, und er nannte dabei zwei Schlüsselwörter: Versöhnen und Frieden stiften. Jesus, so sagt uns Paulus, »hat die Menschheit nach dem Sündenfall wieder mit Gott versöhnt und hat Frieden gestiftet, er hat Frieden mit Gott gestiftet «. Und so »ist der Friede das Werk Jesu, das Ergebnis seines Blutes, seines Wirkens, seiner Selbsterniedrigung, um gehorsam zu sein bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz«. Also, so fuhr Franziskus fort, »hat Jesus uns den Frieden gebracht und uns versöhnt«. Deshalb sollen wir, »wenn wir von Frieden oder Versöhnung sprechen – von kleinen Friedensschlüssen, kleinen Versöhnungen –, an den großen Frieden und an die große Versöhnung denken, die Jesus herbeigeführt hat«. Im Bewusstsein, dass »ein Friede ohne ihn unmöglich ist; dass ohne ihn eine Versöhnung unmöglich ist«. Und dasselbe gelte natürlich auch für »uns, die wir Tag für Tag Nachrichten von Krieg, von Hass bekommen«. Mehr noch, »es wird auch in den Familien gestritten«. Und daher »ist es unsere Aufgabe, auf diesem Weg zu gehen«, um »Männer und Frauen des Friedens zu sein, Männer und Frauen der Versöhnung«.

An diesem Punkt regte der Papst zu einer echten und gründlichen Gewissenserforschung an: »Es wird uns gut tun, uns die Frage zu stellen: Säe ich Frieden? Säe ich etwa mit meiner Zunge Frieden oder säe ich Zwietracht?« Und er fügte hinzu: »Wie oft haben wir schon über eine Person sagen hören, dass sie eine Zunge wie eine Schlange hat, weil sie stets das tut, was die Schlange mit Adam und Eva getan hat: sie hat den Frieden zerstört.« Das aber, so warnte der Papst, »ist ein Übel, das ist eine Krankheit in unserer Kirche: Zwietracht zu säen, Hass zu säen, keinen Frieden zu säen«.

Franziskus setzte seine Ausführungen zur Gewissenserforschung mit einer Frage fort, die man sich, so sagte er, am besten jeden Tag stellen sollte: »Habe ich heute Frieden gesät oder Zwietracht?« Und es bringe nichts, zu versuchen, sich zu rechtfertigen, indem man sage: »Aber manchmal muss man die Dinge beim Namen nennen, weil dieser und jener…« »Was säst Du wirklich mit dieser Einstellung aus?«, fragte der Papst. Nachdem er damit wieder zur Schriftlesung aus dem Paulusbrief zurückgekehrt war, wiederholte der Papst, dass Jesus »der Allererste ist, er ist zu uns gekommen, um Frieden zu stiften, um Versöhnung herbeizuführen«. Wenn folglich »ein Mensch im Lauf seines Lebens nichts anderes tut als zu versöhnen und Frieden zu stiften, dann kann man ihn heiligsprechen: diese Person ist heilig!« Aber, so warnte er, »wir müssen hierin wachsen, wir müssen umkehren: niemals ein Wort sagen, das trennt, nie, niemals ein Wort, das Krieg entfacht, kleine Kriege, niemals Klatsch und Tratsch«. Und der Papst wollte sich mit dem Thema Klatsch und Tratsch noch ausführlicher beschäftigen, insofern fragte er, worum es sich dabei eigentlich handle. Allem Anschein nach, so  erläuterte er, seien es »nichts«: Klatsch und Tratsch bestünden darin, »ein Wörtchen gegen einen anderen fallen zu lassen oder eine Geschichte « dieser Art zu erzählen: »Der da hat… getan.« Aber in Wirklichkeit sei es ganz anders. »Über andere herzuziehen ist Terrorismus«, so bekräftigte Franziskus, »denn derjenige, der klatscht, ist wie ein Terrorist, der eine Bombe wirft und dann das Weite sucht, er richtet Zerstörung an: er zerstört mit der Zunge, er stiftet keinen Frieden. Aber er ist schlau, nicht wahr? Er ist keineswegs ein Selbstmord-Attentäter, nein, nein! Er passt gut auf sich auf!«

Der Papst kehrte dann erneut zur Lesung aus dem Paulusbrief zurück und erinnerte daran, dass in Jesus »alles versöhnt ist, da er Frieden gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut«. Also »ist der Preis sehr hoch«, so bekräftigte er. Und daher sei »jedes Mal dann, wenn ich gerne etwas aussprechen würde, das Zwietracht sät und Teilung schafft und darin besteht, über einen anderen herzuziehen«, der beste Rat der, »sich auf die Zunge zu beißen!« Und er bestand darauf: »Ich versichere euch, dass euch anfangs, wenn ihr diese Übung macht, euch auf die Zunge zu beißen, statt Zwietracht zu säen, die verletzte Zunge anschwillt, weil der Teufel seine Hand mit im Spiel hat, denn das ist seine Arbeit, das ist sein Beruf: zu spalten!«

Bevor Papst Franziskus mit dem Messopfer, dem »Opfer der Versöhnung«, fortfuhr, betete er die folgenden Worte: »Herr, du hast dein Leben gegeben, gewähre mir die Gnade, Frieden zu stiften, zu versöhnen. Du hast dein Blut vergossen, möge es mir nichts ausmachen, wenn meine Zunge ein wenig anschwillt, wenn ich auf sie beiße, bevor ich anfange, über andere herzuziehen «. Und er schloss mit der Aufforderung, dem Herrn zu danken, dass er uns mit dem Vater versöhnt und unsere Sünden vergeben hat und uns so »die Chance geschenkt hat, Frieden in unseren Seelen zu haben«.

 



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