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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"

 

Wie eine Gluckhenne

Donnerstag, 29. Oktober  2015

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 46, 23. November 2015

 

»Mit väterlicher Liebe«. In der Predigt, die er während der am Donnerstag, 29. Oktober, in Santa Marta gefeierten Messe hielt, bekräftigte Papst Franziskus eine Gewissheit: Gott bringe es nicht fertig, uns nicht zu lieben, er könne sich nicht »von uns lösen«. Wir könnten diese Liebe auch zurückweisen, aber er warte auf uns, »er verurteilt nicht«, ja er leide unter unserer Ferne. Die Reflexionen des Papstes gingen aus von der Ersten Lesung aus dem Römerbrief (8,31-39), wo der heilige Paulus »so etwas wie eine Zusammenfassung all dessen gibt, was er bereits über unser Heil erläutert hatte, über das Gottesgeschenk in uns, über das, was der Herr uns gegeben hat«. Das Résumé des Apostels, so bemerkte der Papst, höre sich »geradezu triumphalistisch« an, als wolle er sagen: »Wir haben das Spiel gewonnen!« Es handle sich dabei um eine Gewissheit, die durch eine ganze Reihe von Feststellungen ausgedrückt werde: »Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? Er hat uns diese Gabe geschenkt, dank ihr vermag es keiner, uns etwas anzuhaben. Wer kann uns anklagen? Wer kann uns verurteilen?« Es habe also den Anschein, so kommentierte Franziskus, dass Paulus »die Kraft dieser Siegesgewissheit « »in seinen eigenen Händen« halte, so »wie ein Eigentum«. Als wolle er sagen: »Jetzt sind wir die ›Meister‹!« Und in der Tat bekräftige er: »Aber in all dem sind wir weit mehr noch als bloße Gewinner«.

Aber, so warnte der Papst, vielleicht habe uns der Apostel »etwas Tiefgründigeres« sagen wollen, und nicht einfach nur, dass wir die Gewinner seien, »da wir diese Gabe in unseren Händen halten, aber für etwas anderes«. Für was? Die Antwort sei im folgenden Absatz des Paulusbriefes zu finden, wo der Apostel »anfängt, folgendermaßen zu argumentieren: ›Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.‹« Also, so erläuterte der Papst, »ist es nicht etwa so, dass wir über unsere Feinde, über die Sünde den Sieg davontragen; vielmehr sei wahr, dass »wir so eng mit der Liebe Gottes verbunden sind, dass kein Mensch, keine Macht, nichts uns von dieser Liebe trennen kann«. Paulus habe also in dieser »Gabe der Neuschöpfung«, der »Neuerschaffung in Christus Jesus« sehr viel mehr gesehen: »den, der die Gabe geschenkt hat«. Er habe »die Liebe Gottes, eine Liebe, die unerklärlich ist«, gesehen. Das sei der Ausgangspunkt für die Reflexion, die das Alltagsleben des Christen betreffe. »Jeder Mann, jede Frau«, so sagte Franziskus, »kann diese Gabe zurückweisen: ›Ich will sie nicht! Ich ziehe meine Eitelkeit, meinen Stolz, meine Sünde vor …‹. Aber das Geschenk wurde gemacht!« Diese Gabe »ist die Liebe Gottes, eines Gottes, der nicht vermag, sich von uns zu lösen«. Das, so fügte der Papst hinzu, sei »die ›Ohnmacht‹ Gottes. Wir sagen: ›Gott ist allmächtig, er vermag alles!‹ Außer einem: Sich von uns zu lösen!«

Im Lukasevangelium (13, 34-35) stehe die Klage Jesu über die Stadt: »Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind.« Das sei eine Klage, so betonte der Papst, die der Herr nicht nur an die Adresse dieser Stadt richte, sondern an alle, wobei er sich eines »›Bildes der Zärtlichkeit‹ bediene: ›Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt! « Als wolle er sagen: »Wie oft wollte ich euch diese Zärtlichkeit spüren lassen, diese Liebe, wie eine Henne ihre Küken und ihr habt nicht gewollt…« Gerade deshalb könne Paulus, der das durchschaut habe, »sagen, dass er gewiss sei, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden können von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.« In der Tat, so bekräftigte der Papst, sei Gott »außerstande, nicht zu lieben. Und das ist unsere Sicherheit«.

Eine Sicherheit, die alle Menschen ohne irgendeine Ausnahme mit einbeschließe. Franziskus fügte hinzu: »Ich kann diese Liebe zurückweisen «, ich werde aber trotzdem die Erfahrung des guten Schächers machen, der sie bis »an sein Lebensende« zurückgewiesen habe, und gerade in jenem Augenblick »erwartete ihn dann diese Liebe«. Selbst der »schlechteste Mensch, der schlimmste Gotteslästerer wird von Gott mit väterlicher Liebe, der Liebe eines Papas, geliebt«,  bzw. um die Worte Jesu zu zitieren, »wie eine Henne ihre Küken liebt«.

Der Papst fasste also seine Reflexionen so zusammen: »Der allmächtige Gott, der Schöpfer vermag alles«; und doch »weint Gott«, und »in diesen Tränen« sei all seine Liebe enthalten. »Gott«, so schloss er, »weint um mich, wenn ich mich entferne; Gott weint um einen jeden von uns; Gott weint um diese bösen Menschen, die viel Schlechtes tun, die der Menschheit viel Schlechtes antun…«. Und tatsächlich »wartet er, er verurteilt nicht, er weint. Warum? Weil er liebt!«

 



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