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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"

 

Zum Mitleid fähig

Freitag, 30. Oktober  2015

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 46, 23. November 2015

 

Gottes Vergebung ist kein Gerichtsurteil, bei dem man »aus Mangel an Beweisen« freigesprochen wird. Sie ist vielmehr die Frucht des Mitleids des Vaters mit jedem einzelnen Menschen. Und genau das ist der Auftrag eines jeden Priesters, der dazu imstande sein muss, sich bewegen zu lassen, um sich wahrhaftig auf das Leben seiner Herde einlassen zu können. Das bekräftigte Franziskus im Rahmen der Frühmesse, die er am Freitag, 30. Oktober, in der Kapelle des Hauses Santa Marta feierte. Das Mitleid, so bemerkte der Papst gleich zu Beginn seiner auf Spanisch gehaltenen Predigt, sei »eine der Tugenden, um es einmal so zu formulieren, eines der Attribute Gottes«. Und das berichte uns Lukas im Tagesevangelium (14,1-6). Gott, so versicherte Franziskus, »hat Mitleid; er hat Mitleid mit einem jeden von uns; er hat Mitleid mit der Menschheit und hat seinen Sohn gesandt, um sie zu heilen, um sie zu regenerieren, um sie neu zu schaffen, um sie zu erneuern«.

Deshalb, so fuhr er fort, »ist es interessant, dass es im Gleichnis vom verlorenen Sohn, die wir alle kennen, heißt, dass dann, wenn der Vater – das Bild des vergebenden Gottes –, als er den Sohn kommen sieht, Mitleid empfindet«. »Das Mitleid Gottes ist etwas anderes als dass es ihm für jemanden leidtut: die beiden Dinge haben nichts miteinander zu schaffen«, so warnte der Papst. Tatsächlich »kann es mir leidtut für ein sterbendes Hündchen oder eine bestimmte Situation«. Und »es kann mir auch für einen Menschen leidtun: er tut mir leid, es tut mir leid, dass ihm etwas zustößt«. Dagegen »besteht das Mitleid Gottes darin, sich mit seinem väterlichen Herzen ins Problem hineinzuversetzen, sich in die Lage des anderen hineinzuversetzen«. Und »gerade dafür hat er seinen Sohn gesandt«. »Im Evangelium scheint das Mitleid Jesu auf«, so fuhr Franziskus fort, der daran erinnerte, dass »Jesus die Menschen heilte, aber er ist kein Heiler «. Vielmehr habe Jesus »die Menschen geheilt als Zeichen, als ein Zeichen – davon einmal abgesehen, dass er sie wirklich heilte – für das Mitleid Gottes, um zu retten, um das verirrte Schaf an seinen Platz innerhalb der Einzäunung zurückzubringen, um die verlorene Drachme in den Geldbeutel der Frau zurückzulegen«, so fügte er unter Verweis auf die biblischen Gleichnisse hinzu.

»Gott empfindet Mitleid«, so bekräftigte der Papst erneut. Und »er lässt sein Vaterherz sprechen, er lässt sein Herz für einen jeden von uns sprechen«. Tatsächlich »vergibt Gott, wenn er vergibt, wie ein Vater, nicht wie ein Gerichtsbeamter, der einen Bescheid verliest und sagt: ›Ja, in Wirklichkeit kann er aus Mangel an Beweisen freigesprochen werden‹«. Gott »vergibt uns aus seinem Innersten heraus, er vergibt, weil er sich ins Herz dieses Menschen hineinversetzt hat«. Dann erinnerte Franziskus daran, dass, »als Jesus zum ersten Mal in Nazaret in die Synagoge gehen muss und man ihm die Schrift reicht, um sie vorzulesen, die Reihe ausgerechnet am Propheten Jesaja ist: ›Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe und alle heile, deren Herz zerbrochen ist‹«. Diese Worte bedeuteten, so erläuterte er, dass Jesus vom Vater gesandt wurde, um sich in jeden von uns hineinzuversetzen, um uns von unseren Sünden zu befreien, von unseren Übeln und um ›die frohe Botschaft‹ zu bringen.« Die »Verkündigung Gottes« sei in der Tat »froh«. Und das sei auch die Sendung eines jeden Priesters: »Sich anrühren lassen, sich einsetzen für das Leben der Menschen, denn ein Priester ist Priester, wie Jesus es ist.« Der Papst fügte hinzu: »Wie oft haben wir jene Priester kritisiert – und dann mussten wir zur Beichte gehen –, die sich nicht für das interessieren, was ihren Gemeindemitgliedern passiert, die sich nicht darum kümmern: ›Nein, das ist kein guter Priester‹, haben wir gesagt.« Denn »ein guter Priester ist jemand, der sich einsetzt«. So wie es seit sechzig Jahren der mexikanische Kardinal Javier Lozano Barragán tue, der emeritierte Erzbischof-Bischof von Zacatecas und emeritierte Präsident des Päpstlichen Rats für die Pastoral im Krankendienst, trotz seiner gesundheitlichen Probleme. An ihn, der zusammen mit 90 mexikanischen Gläubigen an der heiligen Messe teilnahm, wandte sich Franziskus mit besonderer Zuneigung am Jahrestag seiner Priesterweihe, die am 20. Oktober 1955 stattfand.

Der Papst sprach dem Kardinal seine Glückwünsche aus und dankte Gott für dessen Dienst insbesondere an den Leidenden. Noch einmal wies er dabei auf sein wesentliches Profil als Priester hin, der vor allem an seiner Fähigkeit zu erkennen sei, sich der Menschen anzunehmen, zuerst in der Pfarrei und dann auch als Bischof in einem Dikasterium der Römischen Kurie. Sechzig Jahre priesterlichen Lebens, so Franziskus, umfassten sicherlich einen großen Reichtum an Begegnungen, menschlichen Problemen, an Zuhören und Vergebung, stets im Dienst der Kirche.

 



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