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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"

 

Ein täglicher Kampf

Freitag, 20. November  2015

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 49, 4. Dezember 2015

 

Angeregt von den liturgischen Texten des Tages, sprach Franziskus erneut über die Kirche und die Gefahren, denen sie ausgesetzt ist, wenn sie der Versuchung der Weltlichkeit nachgibt: anstatt dem Herrn treu zu sein, lässt sie sich von Geld und Macht verführen.

Der Papst unterstrich in der Predigt der heiligen Messe vom 20. November, dass die Kirche uns »in diesen letzten Tagen über den Prozess der Weltlichkeit, über den in der Verfolgung endenden Glaubensabfall nachdenken« lasse. Die Heilige Schrift stelle dem Nachdenken »jene Weltlichkeit des Gottesvolkes« vor Augen, »das den Bund eintauschen wollte gegen die Bräuche heidnischer Völker«. Ein Irrweg, so Franziskus, der zum »Einheitsdenken« führe. Und wer dem nicht folge, werde »verfolgt«, nach »so vielen Martyrien« und »so vielen Leiden«. In den Lesungen der vergangenen Tage veranschauliche dies die Geschichte des betagten Schriftgelehrten Eleasar, »der bis zuletzt ein Beispiel gegeben hat von seiner Treue zum Gesetz«.

In der Lesung aus dem Ersten Buch der Makkabäer (4,36-37.52-59) stehe, wie »diese Heiden, dieser weltliche Geist« besiegt worden seien. Sofort hätten Juda und seine Brüder gesagt: »Unsere Feinde sind nun vernichtend geschlagen. Wir wollen nach Jerusalem hinaufziehen, den Tempel reinigen und ihn neu weihen.« Der Papst erläuterte, dass das ganze Volk glücklich gewesen sei, weil es »seine Identität« wiedergefunden habe, »die Identität des Bundes mit dem lebendigen Gott, nicht die Identität der Weltlichkeit, die ihm angeboten worden war«. Und der Tempel sei neu geweiht worden »unter Liedern, Zither- und Harfenspiel und dem Klang der Zimbeln. Das ganze Volk warf sich nieder auf das Gesicht, sie beteten an und priesen den Himmel, der ihnen Erfolg geschenkt hatte. Sie feierten die Altarweihe mit Brandopfern, mit Freude und Lob.« In diesen Zeilen sei eine »festliche Einstellung « zu spüren. Franziskus merkte an, dass das Fest etwas sei, »was die Weltlichkeit nicht zu tun versteht, sie kann es nicht tun«, weil »der Geist der Weltlichkeit uns höchstens dazu führt, uns etwas zu vergnügen, etwas Lärm zu machen«. »Die Freude aber kommt nur von der Treue zum Bund und nicht von diesen weltlichen Angeboten.« Dasselbe sei Jesus geschehen, unterstrich der Papst, als er in den Tempel gegangen sei und »die Verkäufer hinauszutreiben begann. Er hat sie alle mit den Worten weggejagt: ›In der Schrift steht: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein. Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht.‹« Das sei eine vergleichbare Situation: »Zur Zeit der Makkabäer war es der Geist der Weltlichkeit, der an die Stelle der Anbetung des lebendigen Gottes getreten war.« Und auch hier begegneten wir »dem Geist der Weltlichkeit«, wenn auch in »anderer Weise«. Zu jener Zeit, so erläuterte Franziskus mit Hinweis auf den gerade verlesenen Abschnitt aus dem Lukasevangelium (19,45-48), »hatten die Führer des Tempels, die Hohenpriester und Schriftgelehrten, die Dinge etwas verändert. Sie waren in einen Prozess des Verfalls geraten und hatten den Tempel verunreinigt, sie hatten den Tempel beschmutzt.«

Das habe auch den heutigen Christen etwas zu sagen, da »der Tempel ein Symbol für die Kirche ist«. Außerdem, so betonte der Papst, »wird die Kirche immer – immer! – der Versuchung der Weltlichkeit und der Versuchung einer Macht ausgesetzt sein, die nichts mit der Macht zu tun hat, die Jesus Christus für sie will«. Jesus sage nicht: »Nein, das tut man nicht! Tut es draußen!«, sondern: »Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht!« Und, so kommentierte der Papst, »wenn in der Kirche dieser Verfallsprozess anfängt, dann nimmt es ein sehr schlechtes, ein sehr schlimmes Ende!« Franziskus führte dieses grundlegende Prinzip noch weiter aus, indem er an die Szenen des Alten Testaments erinnerte, wo man »diesen armen alten Priester« sehe, der »dort war, ganz schwach« und der »zuließ, dass seine Söhne, die auch Priester waren, sich bestechen ließen«. Das sei eine ganz aktuelle Gefahr. Tatsächlich »besteht in der Kirche immer die Versuchung der Korruption«. Sie gebe ihr dann nach, wenn sie, »statt Jesus die Treue zu halten, dem Herrn des Friedens, der Freude, des Heils«, sich »von Geld und Macht verführen lässt«. Das könne man im Tagesevangelium nachlesen, wo die »Hohenpriester und Schriftgelehrten am Geld und an der Macht hingen und den Geist vergessen hatten«. Und nicht nur das. »Um sich zu rechtfertigen und zu sagen, dass sie gerecht und gut seien, hatten sie den Geist der Freiheit des Herrn durch unnachgiebige Strenge ersetzt.«

In diesem Zusammenhang erinnerte der Papst daran, dass Jesus im 23. Kapitel des Matthäusevangeliums über »diese ihre Härte sprach«. Man könne sehen, dass das Volk wie im Text des Alten  Testaments »den Sinn für Gott verloren hatte und damit auch die Fähigkeit, sich zu freuen und zu loben: Sie verstanden Gott nicht zu loben, weil  sie am Geld und an der Macht hingen, an einer Form der Weltlichkeit.«  Hier setzte der Papst seine Analyse der Bibelstelle fort, indem er darauf aufmerksam machte,  dass die Hohenpriester und Schriftgelehrten »wütend wurden«. Jesus verjage nicht sie aus dem Tempel, wohl aber »die, die dort Geschäfte machten, die Händler«; aber »die Hohenpriester und die Schriftgelehrten steckten mit ihnen unter einer Decke«, da sie offenkundig von ihnen Geld zu erhalten pflegten. Es regierte dort, so sagte Franziskus, »das heilige Schmiergeld«. Und diese Leute »hingen am Geld und verehrten diese ›Heilige‹«.

Im Evangelientext lese man sehr harte Worte, und es heiße, dass die Hohenpriester, die Schriftgelehrten und die übrigen Führer des Volkes »versuchten, ihn umzubringen«. Dasselbe habe sich bereits zur Zeit des Judas Makkabäus zugetragen. »Und weshalb?«, so fragte sich der Papst, der dann die schwierige Lage derer erläuterte, die Jesus ein Hindernis in den Weg zu legen versucht hätten: »Sie wussten nicht, was tun, denn das ganze Volk hing an ihm und hörte ihn gern.« Die Stärke Jesu habe »in seinem Wort bestanden, in seinem Zeugnis, in seiner Liebe. Und da, wo Jesus ist, da ist kein Platz für die Weltlichkeit, da ist kein Platz für Korruption.« All das seien auch heute noch ganz eindeutige Worte: »Das ist der Kampf, den ein jeder von uns bestehen muss, das ist der alltägliche Kampf der Kirche«, die aufgerufen sei, »immer bei Jesus« zu bleiben. Und die Christen müssten stets »an seinen Lippen hängen, um sein Wort zu hören; und niemals dort nach Sicherheit suchen, wo die Dinge sind, die einem anderen Herrn gehören«. Im übrigen »kann man nicht zwei Herren dienen: entweder Gott oder dem Reichtum; entweder Gott oder der Macht«.

Franziskus sagte abschließend: »Es wird uns gut tun, für die Kirche zu beten und an die vielen Märtyrer der heutigen Zeit zu denken, die leiden und sterben, um nicht diesem Geist der Weltlichkeit, diesem Einheitsdenken, dem Glaubensabfall zuzustimmen. Und das heute!« Er erinnerte daran, dass »es heute mehr Märtyrer in der Kirche gibt als in den ersten Zeiten«, und ermahnte die Gläubigen: »Es wird uns gut tun, an sie zu denken und auch um die Gnade zu bitten«, niemals in diesen »Verfallsprozess der Weltlichkeit zu geraten, der uns zur Anhänglichkeit an Geld und Macht führt«.

 



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