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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"

 

Der einzige Schatz

Montag, 23. November  2015

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 52/53, 25. Dezember 2015

 

Der »einzige Schatz« der Kirche ist Christus. Aus diesem Grund läuft sie Gefahr, »halbherzig, mittelmäßig und weltlich« zu werden, wenn sie ihr Vertrauen »auf andere Wirklichkeiten« setzt. Mit dieser Aufforderung, das »Komm Herr Jesus!« zu wiederholen, feierte der Papst am Montag, 23. November, in der Kapelle des Hauses Santa Marta die Frühmesse. »Beide Schriftlesungen zum heutigen Tage«, so merkte Franziskus unter Verweis auf die Erste Lesung aus dem Buch des Propheten Daniel (1,1-6.8-20) und das Tagesevangelium nach Lukas (21,1-4) gleich eingangs an, »erzählen uns über Menschen, die gerade in der Tradition Israels Not litten: die Fremden und die Witwen«. Und »die dritten, die bedürftig waren, waren die Waisen«.

»Die Fremden«, so erläuterte er im Hinblick auf die Erste Lesung, »waren diese jungen Leute, die nach Babylon verschleppt wurden: sie waren fern von ihrer Heimat und hatten beschlossen, ihren Traditionen und dem Gesetz des Herrn treu zu bleiben.« Aber »der Charakter, der im Evangelientext die größte Aufmerksamkeit auf sich lenkt, ist die Witwe«. In der Bibel, so bekräftigte der Papst, »kommen sehr, sehr oft Witwen vor, sowohl im Alten als im Neuen Testament«. Die Witwe, so fuhr Franziskus fort, »ist die alleinstehende Frau, die keinen Mann hat, der sie beschützt; die Frau, die selbst zusehen muss, wie sie zurechtkommt und die von der öffentlichen Wohltätigkeit lebt«. Im spezifischen Fall, so sagte der Papst, »handelte es sich bei der Witwe an dieser Bibelstelle, die Jesus uns zeigt, um eine Witwe, die ihre Hoffnung einzig und allein auf den Herrn setzte«. Und »als Jesus diese Menschen gesehen hatte, die ihre Gaben in den Opferkasten des Tempels warfen, sah er diese Frau, die nur zwei kleine Münzen eingeworfen hatte, und sagte: ›Diese arme Witwe hat mehr hineingeworfen als alle anderen. Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss geopfert; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat ihren ganzen Lebensunterhalt hergegeben.‹«

»In den Witwen des Evangeliums«, so bekräftigte der Papst, »sehe ich gerne das Abbild der ›Witwenschaft‹ der Kirche, die auf die Wiederkunft Jesu wartet«. Tatsächlich »ist die Kirche die Braut Jesu, aber ihr Herr ist weggegangen, und ihr einziger Schatz ist ihr Herr«. Und »die Kirche gibt, wenn sie treu ist, in der Erwartung ihres Herrn alles auf. Wenn die Kirche dagegen nicht treu ist, oder wenn sie nicht sehr treu ist oder kein großes Vertrauen in die Liebe ihres Herrn hat, dann versucht sie, sich mit anderen Dingen zu behelfen, mit anderen Sicherheiten, die weniger mit Gott als mit der Welt zu tun haben.« »Die Witwen des Evangeliums«, so fuhr der Papst fort, »übermitteln uns eine schöne Botschaft Jesu über die Kirche«. Und so gebe es diese Frau, »die im Trauerzug ihres Sohnes aus der Stadt Naïn herauszog: sie weinte, sie war allein«. Ja, »die Menschen waren sehr nett zu ihr und begleiteten sie, aber ihr Herz war einsam!« Das sei »die verwitwete Kirche, die weint, wenn ihre Kinder für das Leben Jesu sterben«. Und dann sei da jene andere Frau, »die, um ihre Kinder zu verteidigen, zum ungerechten Richter geht: sie macht ihm das Leben schwer, indem sie alle Tage an seine Türe pocht und ruft: ›Verschaffe mir mein Recht!‹« Und am Ende verhelfe ihr dieser Richter ihr »zu ihrem Recht«. Und »das ist die verwitwete Kirche, die betet, die Fürsprache für ihre Kinder hält«. Aber »das Herz der Kirche ist stets bei ihrem Bräutigam, bei Jesus. Es ist dort oben. Und den Wüstenvätern zufolge hat auch unsere Seele eine große Ähnlichkeit mit der Kirche«, so erläuterte der Papst. Und »wenn unsere Seele, wenn unser Leben näher bei Jesus ist, dann rückt sie von vielen weltlichen Dingen ab, die zu nichts nützen, die nicht helfen und die von Jesus entfernen«. So »ist unsere Kirche, die ihren Bräutigam sucht, die ihren Bräutigam erwartet, die auf diese Begegnung wartet, die um ihre Kinder weint, für ihre Kinder kämpft, die alles, was sie hat, hergibt, weil das, was sie interessiert, einzig und allein ihr Bräutigam ist«.

»Während dieser letzten Tag des Kirchenjahres«, so setzte Franziskus hinzu, wird es uns gut tun, uns im Hinblick auf unsere Seele zu fragen, ob sie so ist wie diese Kirche, die Jesus will? Ob unsere Seele sich an ihren Bräutigam wendet und sagt: ›Komm, Herr Jesus! Komm!‹« Und ob »wir all diese Dinge beiseite lassen, die zu nichts dienen, die die Treue nicht fördern, so wie die Jünglinge in der Ersten Lesung all jene Speisen liegengelassen hatten, die ihrer Treue nicht förderlich waren«.

»Die ›Witwenschaft‹ der Kirche«, so erläuterte der Papst, »bezieht sich auf die Tatsache, dass die Kirche Jesus erwartet, das ist eine Realität: es kann eine Kirche sein, die dieser Erwartung treu ist, die vertrauensvoll auf die Wiederkunft ihres Bräutigams wartet, oder eine Kirche, die dieser ›Witwenschaft‹ untreu wird, indem sie Sicherheit bei anderen Wirklichkeiten sucht… die halbherzige Kirche, die mittelmäßige Kirche, die weltliche Kirche«. Und, so regte Franziskus abschließend an, »denken wir auch an unsere Seelen: Suchen unsere Seelen einzig und allein beim Herrn ihre Sicherheit, oder schauen sie sich nach anderen Sicherheiten um, die dem Herrn missfallen?« So »wird es uns in diesen letzten Tagen wohl tun, diesen letzten Vers der Bibel zu wiederholen: ›Komm, Herr Jesus!‹«.

 



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