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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"

 

Neue Schläuche

Montag, 18. Januar 2016

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 4, 29. Januar 2016

 

Ein Christ, der sich hinter dem Spruch »Das hat man schon immer so gemacht…« versteckt, begeht eine Sünde, wird zu einem Götzenanbeter und Rebellen und lebt ein »zusammengestoppeltes Leben, halb so und halb so«, weil er sein Herz den »Neuerungen des Heiligen Geistes« gegenüber verschließt. Das, wozu Papst Franziskus im Rahmen der Frühmesse aufrief, die er am Montag, 18. Januar, in der Kapelle des Hauses Santa Marta feierte, war die Aufforderung dazu, sich von »alten Gepflogenheiten« zu befreien, um für »die Überraschungen Gottes« Platz zu schaffen. In der Ersten Lesung, die dem 1. Buch Samuel (15, 16-23) entnommen war, »haben wir gehört«, so merkte der Papst sogleich an, »wie König Saul von Gott deswegen verworfen wird, weil er nicht gehorcht hatte: Der Herr hatte ihm gesagt, dass er die Schlacht, dass er den Krieg gewinnen würde, aber dass alle [Amalekiter] dem Untergang geweiht werden würden«. Und Saul »hat nicht gehorcht«. Daher »gab er, als der Prophet ihm das vorhält und ihn anschließend im Namen Gottes als König von Israel verwirft«, so die Worte der Lesung, »eine Rechtfertigung: ›Ich habe auf die Stimme des Volkes gehört, das einige Schafe und Rinder nehmen wollte, das Beste von dem, was dem Untergang geweiht war, um es dem Herrn zu opfern‹«.

»Es ist gut, zu opfern«, so erläuterte Franziskus, »aber der Herr hatte befohlen, hatte die Weisung erteilt, etwas anderes zu tun«. Und daher sage Samuel zu Saul: »Hat der Herr an Brandopfern und Schlachtopfern das gleiche Gefallen wie am Gehorsam gegenüber der Stimme des Herrn?« Also, so bekräftigte der Papst, »geht der Gehorsam noch darüber hinaus« und habe auch mehr Gewicht als die Rechtfertigungsrede des Saul: »Ich habe auf das Volk gehört, und das Volk hat zu mir gesagt: Man hat es immer so gehalten! Die wertvollsten Beutestücke werden dem Dienst des Herrn geweiht, sei es für den Tempel, sei es für die Opfer. Man hat es immer so gehalten!« So sage »der König, der dieses ›Man hat es immer so gehalten…‹ hätte abschaffen sollen, zu Samuel: ›Ich fürchtete das Volk‹«. Saul ›fürchtete sich‹ und aus diesem Grunde ›ließ er zu, dass »gegen den Willen des Herrn das Leben der Todgeweihten weiterging«.

Dieselbe Haltung, so fuhr der Papst unter Verweis auf das Tagesevangelium aus Markus (2,18-22) fort, lehre uns »Jesus im Evangelium, als ihm die Schriftgelehrten vorhalten, dass seine Jünger nicht fasteten: ›Es ist schon immer so gewesen, warum also fasten deine Jünger nicht?‹ Und Jesus antwortet mit der folgenden Lebensregel: ›Niemand näht ein Stück neuen Stoff auf ein altes Kleid; denn der neue Stoff reißt doch vom alten Kleid ab, und es entsteht ein noch größerer Riss. Auch füllt niemand neuen Wein in alte Schläuche. Sonst zerreißt der Wein die Schläuche; der Wein ist verloren, und die Schläuche sind unbrauchbar. Neuer Wein gehört in neue Schläuche!‹ « »Was bedeutet das« im Grunde? bekräftigte Franziskus: »Dass das Gesetz geändert wird?

Nein!« Es heiße vielmehr, »dass das Gesetz im Dienst des Menschen steht, der im Dienste Gottes steht, und daher muss das Herz des Menschen offen sein«. Die Haltung derer, die sagten: »Es ist immer so gemacht worden…« komme in Wirklichkeit aus »einem verschlossenen Herzen «. Dagegen »hat Jesus zu uns gesagt: ›Ich werde euch den Heiligen Geist senden, und er wird euch zur Fülle der Wahrheit führen.‹« Wenn du also »dein Herz vor den Neuerungen des Heiligen Geistes gegenüber verschlossen hältst, dann wirst du nie zur Fülle der Wahrheit gelangen «. Und »dein christliches Leben wird dann halb so, halb so sein, ein zusammengeflicktes Leben, mit neuen Flicken gestopft, aber auf einem Material, das der Stimme des Herrn gegenüber nicht offen ist: Ein verschlossenes Herz, weil du es nicht fertigbringst, die alten Schläuche durch neue zu ersetzen«.

Eben »das«, so erläuterte der Papst, »war die Sünde des Königs Saul, deretwegen er verworfen wurde«. Und es sei auch »die Sünde zahlreicher Christen, die sich an das klammern, was immer schon so gemacht wurde, und die nicht erlauben, dass die Schläuche gewechselt werden«. Und die daher damit enden, »ein halbes, ein geflicktes, gestopftes Leben zu leben, das keinen Sinn hat«. Aber »weshalb geschieht das? Warum ist das ein so schweres Vergehen, dass der Herr Saul verwirft und dann einen anderen König erwählt?« Samuel erteilt die Antwort hierauf, als er »erläutert, was ein verschlossenes Herz ist, ein Herz, das nicht auf die Stimme des Herrn hört, das nicht offen ist für die Neuerungen des Herrn, für den Geist, der uns stets überrascht«. Wer ein derartiges Herz hat, so bekräftige Samuel, »der ist ein Sünder«. Im Tagesevangelium stehe: »Trotz ist ebenso eine Sünde wie die Zauberei, Widerspenstigkeit ist ebenso schlimm wie Frevel und Götzendienst. « Also, so bekräftigte Franziskus, »sündigen jene Christen, die darauf beharren, dass »man es immer schon so gemacht hat, das ist der Weg, das ist die Straße‹: sie begehen die Sünde der Zauberei«: es sei, »als gingen sie zum Wahrsager, der aus den Linien der Hand die Zukunft liest«. Kurz, ihnen sei letztendlich »das wichtiger, was gesagt worden ist und sich nicht ändert; das, was ich selbst spüre – aus mir selbst und aus meinem verschlossenen Herzen heraus – als das Wort des Herrn«. Und das »stellt auch die Sünde des Götzendienstes dar: die Halsstarrigkeit. Der halsstarrige Christ sündigt, er begeht die Sünde des Götzendienstes«.

Angesichts dieser Wahrheit laute die Frage, die man sich stellen müsse: »Welches ist der richtige Weg?« Franziskus regte an, »unser Herz dem Heiligen Geist zu öffnen, zu erkennen, welches der Wille Gottes ist«. Es sei wahr, »das Volk pflegte nach den Schlachten immer Beute zu machen, um sie als Opfer für den Herrn zu verwenden, auch zum eigenen Nutzen, auch die Juwelen für den Tempel«. Und »es war zu Jesu Zeiten eine Gewohnheit, dass die guten Israeliten zu fasten pflegten«. Aber, so legte er dar, »es gibt noch eine andere Wirklichkeit: den Heiligen Geist, der uns zur Fülle des Lebens geleitet«. Und »dazu bedarf er offener Herzen, Herzen, die sich nicht darauf versteifen, die Sünde des Götzendienstes ihrer selbst zu begehen«, indem sie »das, was ich glaube, für wichtiger halten« als »diese Überraschung des Heiligen Geistes«. Und das, so bekräftigte der Papst, »ist die Botschaft, die uns die Kirche heute verkündet; das, was Jesus mit so viel Nachdruck sagt: »Neuer Wein in neuen Schläuchen!« Denn, so wiederholte er, »angesichts der Neuerungen des Heiligen Geistes, der Überraschungen Gottes müssen sich auch die Gewohnheiten erneuern«. Bevor er die Messfeier fortsetzte, verlieh Franziskus der Hoffnung Ausdruck, »dass uns der Herr die Gnade eines offenen Herzens schenken möge, eines Herzens, das der Stimme des Geistes gegenüber offen ist, das unterscheiden zu wissen versteht zwischen dem, was sich nicht mehr ändern darf, weil es die Grundlage ist, und dem, was sich ändern muss, um die Neuerungen des Heiligen Geistes empfangen zu können«.

 

 



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