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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"
 

Eingelaufene Seelen

Freitag, 27. Januar 2017
 

(aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 6, 10. Februar 2017)

 

Die Kleidung des Christen muss mit »Erinnerung, Mut, Geduld und Hoffnung« genäht werden, damit sie auch den stärksten Regengüssen widersteht, ohne nachzugeben oder einzulaufen. In der Frühmesse am 27. Januar warnte Papst Franziskus vor der »Sünde des Kleinmuts«, das heißt »Angst zu haben vor allem und jedem« und »eingelaufene Seelen« zu werden, »um sich selbst zu retten«. Denn Jesus habe gesagt: »Wer sein Leben retten will, ohne es einzusetzen und indem er stets zur Vorsicht mahnt, der wird es verlieren.«

Der Papst ging bei seiner Meditation von der ersten Lesung aus, die dem Hebräerbrief (10,32-39) entnommen war. Er bezeichnete den Abschnitt als »Aufforderung, das christliche Leben zu leben, eine Aufforderung mit drei Bezugspunkten, sozusagen drei zeitlichen Punkten: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft«. Der Verfasser des Briefes »beginnt mit der Vergangenheit und ermahnt uns, ihrer zu gedenken: ›Brüder! Erinnert euch an die früheren Tage…‹« Es seien »Tage der Begeisterung« gewesen, »des Vorwärtskommens im Glauben, als man begann, den Glauben zu leben, die erlittenen Prüfungen«. Denn »man versteht das christliche Leben und auch das alltägliche geistliche Leben nicht ohne Erinnerung«. Und es sei nicht nur so, dass »man es nicht versteht: Man kann ohne Erinnern nicht christlich leben.« Die Erinnerung, um die es gehe, sei »die Erinnerung an das Heil Gottes in meinem Leben«, die »Erinnerung an die Missgeschicke in meinem Leben: Wie hat der Herr mich aus diesen Schwierigkeiten gerettet?« Daher »ist das Erinnern eine Gnade, eine Gnade, um die man bitten muss: ›Herr, lass mich nicht vergessen, wo du in mein Leben getreten bist. Lass mich die guten Momente, aber auch die schlimmen Augenblicke nicht vergessen: die Freuden und die Kreuze.‹«

Der Papst erläuterte: »Der Christ ist ein Mensch der Erinnerung.« Auch »wenn wir zum Beispiel die Bibel nehmen, dann sehen wir, dass die Propheten uns stets zurückblicken lassen: Denkt an das, was Gott mit euch getan hat, wie er euch aus der Sklaverei befreit hat.« Denn »das Leben als Christ fängt nicht heute an, sondern es geht heute weiter«. »Erinnerung zu halten ist Weisheit: sich an alles erinnern, an das Gute und das weniger Gute, an das Schlimme, an so viele Gnaden, so viele Sünden, die Familie, die persönliche Geschichte eines jeden.« So »trete ich vor Gott, aber mit meiner Geschichte. Ich brauche sie nicht zuzudecken, zu verstecken: Nein, es ist meine Geschichte vor meiner Seele, vor dir.« Die Aufforderung, ein gutes christliches Leben zu führen, »beginnt mit diesem Orientierungspunkt: das Erinnern«.

Der Verfasser des Hebräerbriefes, so Franziskus weiter, »gibt uns dann zu verstehen, dass wir auf dem Weg sind, dass wir unterwegs sind in Erwartung von etwas, in Erwartung anzukommen oder einer Begegnung«. Das heiße, »an einem Punkt ankommen: eine Begegnung, dem Herrn begegnen«. Im Hebräerbrief sei daher zu lesen: »Denn nur noch eine kurze Zeit, dann wird der kommen, der kommen soll, und er bleibt nicht aus.« Sofort anschließend ermahne uns der Verfasser des Briefes, »durch den Glauben zu leben: ›Mein Gerechter aber wird durch den Glauben leben.‹ « Hier gehe es um »die Hoffnung: in die Zukunft blicken«.

Denn »wie man ein christliches Leben nicht leben kann, ohne an die bereits zurückgelegten Schritte zu denken, so kann man auch nicht christlich leben, ohne in der Hoffnung auf die Begegnung mit dem Herrn in die Zukunft zu blicken«. Der Verfasser des Hebräerbriefs schreibe »die schönen Worte: ›Nur noch eine kurze Zeit…‹« Wir wüssten sehr gut, fuhr der Papst fort, dass »das Leben wie ein Hauch ist, es vergeht: Wenn man jung ist, denkt man, dass man noch viel Zeit vor sich hat, aber dann lehrt uns das Leben dieses Wort, das wir alle sagen: ›Wie die Zeit vergeht! Ich habe ihn kennengelernt, da war er noch ein Kind, und jetzt heiratet er! Wie die Zeit vergeht!‹« So sei »die Hoffnung auf die Begegnung mit Gott ein Leben in Spannung zwischen Erinnerung und Hoffnung, zwischen Vergangenheit und Zukunft«.

Franziskus ging dann über zum dritten Punkt. »Er liegt in der Mitte: es ist das Heute, das heißt die Gegenwart.« Es handle sich dabei um »ein Heute zwischen Vergangenheit und Zukunft«. Und »der Rat, um das Heute zu leben, ist, diese Haltung fortzusetzen, die die ersten Christen kennzeichnet: Mut, Geduld, Vorangehen, keine Angst haben«. Denn »der Christ lebt die häufig schmerzhafte und traurige Gegenwart mutig oder geduldig«. Es gebe »zwei Worte, die Paulus und seinem Jünger, der diesen Brief geschrieben hat, sehr gefielen: Mut und Geduld«. Es sei interessant, dass der Verfasser des Textes für »Geduld ein griechisches Wort verwendet, das ›ertragen‹ bedeutet. Und Mut ist Freimut, heißt es hier, die Dinge klar auszusprechen, vorangehen mit dem Blick nach vorne«. Das seien »zwei Worte, die er sehr häufig gebraucht: parrhesia und hypomone, Mut und Geduld«. So sei das christliche Leben, unterstrich der Papst. Es sei wahr, dass wir alle Sünder seien, »der eine früher, der andere später«. »Wenn ihr wollt, können wir nachher eine Liste aufstellen, aber gehen wir mutig und geduldig voran, bleiben wir nicht dabei stehen, unbeweglich, weil uns das nicht wachsen lässt.« So sei unser Leben als Christ und »so mahnt uns heute die Liturgie, es zu leben: mit lebendiger Erinnerung an das auf dem Weg Erlebte, mit großer Hoffnung auf jene schöne Begegnung, die eine schöne Überraschung sein wird«. Sicherlich »wissen wir nicht, wann das sein wird: morgen, in fünfzehn Jahren. Das weiß man nicht. Aber es ist immer morgen, es kommt bald, weil die Zeit vergeht.« Jedenfalls müsse »die Hoffnung auf die Begegnung« immer vorhanden sein. Und auch die Haltung »des Ertragens mit Geduld: Geduld und Mut, Freimut«, mit »einem nach vorne gewandten Blick, ohne Scham«. Auf diese Weise »bringt man das christliche Leben voran«.

Abschließend wies Franziskus »auf etwas Kleines« hin, auf das der Verfasser des Hebräerbriefs »die Aufmerksamkeit der Gemeinschaft lenkt, zu der er spricht: auf eine Sünde«. Es sei eine Sünde, die daran hindere, »Hoffnung, Mut, Geduld und Erinnerung zu haben: die Sünde des Kleinmuts«. Es sei eine Sünde, die »es nicht zulässt, Christ zu sein. Es ist eine Sünde, die dich aus Angst nicht vorangehen lässt.« Aus diesem Grund »sagt Jesus so oft: ›Habt keine Angst!‹«, gerade um vor dem »Kleinmut« zu warnen, damit man nicht nachgebe, nicht »immer rückwärts« gehe, indem man sich »zu sehr selbst« retten will aus »Angst vor allem«, um »nichts zu riskieren« und mit der beständigen Mahnung zur »Vorsicht «. Das gehe so weit, dass jemand sagen könne, »dass er alle Gebote befolgt, was auch wahr sei. Aber das lähmt dich, lässt dich die vielen empfangenen Gnaden vergessen. Es nimmt dir die Erinnerung, es nimmt dir die Hoffnung, weil es dich nicht vorangehen lässt.« Zur Erläuterung griff der Papst auf ein Bild zurück: »Die Gegenwart eines Christen, einer Christin ist wie wenn jemand auf der Straße geht, plötzlich ein Regen kommt, die Kleidung nicht so gut ist und der Stoff einläuft: eingelaufene Seelen.« Es bringe auch gut zum Ausdruck, was »Kleinmut ist: die Sünde gegen die Erinnerung, den Mut, die Geduld und die Hoffnung«.

Bevor Franziskus die Feier der heiligen Messe fortsetzte, lud er die Anwesenden ein, im Gebet den Herrn zu bitten, dass »er uns in der Erinnerung wachsen lässt, dass er uns in der Hoffnung wachsen lässt, dass er uns jeden Tag Mut und Geduld schenken und uns befreien mögen von dem, was Kleinmut ist«, das heißt von der Haltung derer, die »vor allem und jedem Angst haben« und letztlich zu »eingelaufenen Seelen« werden, »um sich selbst zu retten«. Jesus dagegen erinnere uns: »Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren.«

 



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