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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"
 

Jesus schaut auf jeden von uns

Dienstag, 31. Januar 2017
 

(aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 6, 10. Februar 2017)

 

Jesus hat nicht die »Statistiken« im Blick, sondern »jeden einzelnen von uns«. Das »Staunen über die Begegnung mit Jesus«, das jeden erfasst, der auf ihn blickt und merkt, dass der Herr seinen Blick bereits auf ihn gerichtet hat, stand im Mittelpunkt der Predigt, die Papst Franziskus am Morgen des 31. Januar wie gewohnt im Haus Santa Marta hielt.

Gerade dieser »Blick« war der rote Faden der Meditation des Papstes, in der er zunächst auf den Abschnitt aus dem Hebräerbrief (12,1-4) verwies. Nachdem dessen Autor unterstrichen habe, wie wichtig das »Erinnern« ist, fordere er alle auf: »Lasst uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist, und dabei auf Jesus blicken.« Dieser Aufforderung folgend, lenkte der Papst die Aufmerksamkeit auf das Tagesevangelium (Mk 5,21-43), um zu sehen, »was Jesus tut«.

Das auffälligste Detail sei, dass »Jesus immer mitten in der Menge ist«. Im vorliegenden Abschnitt tauche »der Begriff ›Menge‹ insgesamt dreimal auf«. Dabei handle es sich nicht um einen geordneten »Umzug« mit Wachen, die Jesus »Geleitschutz geben, damit die Menschen ihn nicht berühren«. Vielmehr sei es eine Menge, die Jesus umgibt, die »sich um ihn drängt«. Er »ist dort geblieben«, und »jedes Mal, wenn Jesus hinausging, wurde die Menge größer«. Scherzend fügte Franziskus hinzu: »Die Statistikspezialisten hätten eine Meldung veröffentlichen können, in der es hieß: ›Sinkende Popularität von Rabbi Jesus‹«.

Aber »Jesus hat etwas anderes gesucht, und zwar die Menschen. Und die Menschen haben ihn gesucht: Sie hielten ihren Blick auf ihn gerichtet und er richtete seinen Blick auf die Menschen.« Man könne einwenden, dass Jesus seinen Blick auf »die Menge« gerichtet habe. Aber das sei nicht der Fall, unterstrich der Papst. Jesus habe »jeden einzelnen« angeblickt. Denn gerade dies sei »die Besonderheit des Blicks Jesu. Für Jesus werden die Menschen nicht zur Masse: Jesus blickt auf jeden einzelnen.« In den Evangelien gebe es mehrere Beweise dafür. Im Tagesevangelium sei zum Beispiel zu lesen, dass Jesus gefragt habe: »Wer hat mein Gewand berührt?«, als er »mitten in der Menschenmenge war, die sich um ihn drängte«. Das scheine seltsam, so dass auch die Jünger gesagt hätten: »Du siehst doch, wie sich die Leute um dich drängen.« Franziskus versuchte, sich in die Befremdung der Jünger hineinzuversetzen, und wies darauf hin, dass sie möglicherweise über Jesus gedacht hätten: »Vielleicht hat er nicht gut geschlafen. Vielleicht irrt er sich.« Doch Jesus sei sich sicher gewesen: »Jemand hat mich berührt.« Denn »mitten in der Menge hat Jesus jene alte Frau bemerkt, die ihn berührt hatte. Und er hat sie geheilt.« Es seien sehr viele Menschen da gewesen, aber er habe gerade ihr, »einer Frau, einem alten Mütterchen«, seine Aufmerksamkeit zugewendet.

Das Evangelium gehe weiter mit der Episode des Jaïrus, dem gesagt werde, dass seine Tochter gestorben ist. Jesus beruhige ihn: »Fürchte dich nicht; glaube nur!«, so wie er vorher zu der Frau gesagt habe: »Sei ohne Furcht, dein Glaube hat dir geholfen.« Auch in der zweiten Episode befinde sich Jesus mitten in einer Menschenmenge: »Viele schrien und weinten bei der Totenwache«, denn damals sei es Brauch gewesen, Klageweiber zu engagieren, »Frauen, die in der Totenwache schreien und weinen sollten, um den Schmerz fühlbar zu machen…« Zu dieser Menge sage Jesus: »Beruhigt euch! Das Kind schläft nur.« Auch hier, so der Papst, hätten die Anwesenden möglicherweise »gedacht: ›Er hat wahrscheinlich nicht gut geschlafen!‹«, denn »sie lachten ihn aus«.

Aber Jesus betrete das Haus und »weckt das Mädchen von den Toten auf«. Besonders auffällig sei, dass die Sorge Jesu in diesem Durcheinander mit »den schreienden und weinenden Frauen« darin liege, »dem Vater und der Mutter zu sagen: ›Gebt ihm etwas zu essen!‹« Das sei die Aufmerksamkeit für »das Kleine«, es sei »der Blick Jesu auf das Kleine. Hatte er denn keine anderen Sorgen? Nein, das war es.«

Unter Missachtung der »Statistiken, die sagen könnten: ›Die Popularität von Rabbi Jesus sinkt weiter‹«, habe der Herr stundenlang gepredigt. »Die Menschen hörten ihm zu, er sprach zu jedem von ihnen.« Und wie »können wir wissen, dass er zu jedem einzelnen sprach?«, fragte sich der Papst. Weil er gemerkt habe, dass das Kind »Hunger hat« und gesagt habe: »Gebt ihm etwas zu essen!«

Franziskus nannte weitere Beispiele für diese Haltung Jesu. Auch in Naïn »gab es eine Menschenmenge, die ihm gefolgt ist«. Jesus »sieht einen Trauerzug aus der Stadt kommen: ein Junge, der einzige Sohn seiner verwitweten Mutter«. Erneut bemerke der Herr hier das »Kleine«. Inmitten von so vielen Menschen »geht er hin, lässt den Trauerzug anhalten, erweckt den Jungen von den Toten auf und gibt ihn seiner Mutter zurück«. Ein anderes Beispiel sei Jericho. Als Jesus in die Stadt komme, seien Leute da, die »schreien: Hoch lebe der Herr! Hoch lebe Jesus! Hoch lebe derMessias! Es herrscht großer Lärm… Auch ein Blinder beginne zu schreien. Und bei dem ganzen Lärm hört Jesus den Blinden.« Der Papst unterstrich: »Der Herr bemerkte den Kleinen, den Blinden.« All das mache deutlich, dass »der Blick Jesu auf das Große und auf das Kleine gerichtet ist«. Er »blickt auf uns alle, und er blickt auf jeden einzelnen von uns. Er sieht unsere großen Probleme, unsere großen Freuden. Und er blickt auch auf das Kleine in unserem Leben, weil er nahe ist. So blickt Jesus.«

Abschließend verwies der Heilige Vater erneut auf den Hebräerbrief, wo es heiße, dass wir »mit Ausdauer laufen und dabei auf Jesus blicken« sollen, und stellte die Frage: »Was wird bei uns geschehen,wenn wir dies tun, wenn wir den Blick fest auf Jesus gerichtet halten«? Es werde das sein, was den Menschen nach der Auferweckung des Mädchens geschehen sei: »Die Leute gerieten außer sich.« Sie seien von Staunen erfüllt gewesen.

Denn es geschehe folgendes: »Ich gehe, blicke auf Jesus, gehe voran, richte den Blick auf Jesus, und was entdecke ich? Dass er seinen Blick auf mich gerichtet hat.« Und das »lässt mich großes Staunen empfinden. Das ist das Staunen über die Begegnung mit Jesus.« Man brauche keine Angst vor dieser Erfahrung haben, »wie auch jene Frau keine Angst hatte, die den Saum seines Gewandes berührt hat«. Franziskus fuhr fort: »Wir wollen keine Angst haben! Gehen wir diesen Weg, den Blick immer auf Jesus gerichtet. Und wir werden diese schöne Überraschung erleben, es wird uns mit Staunen erfüllen: Jesus selbst hat seinen Blick auf mich gerichtet.«

 



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