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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"
 

Wir sind keine Waisen

Montag, 22. Mai 2017
 

(aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 23, 9. Juni 2017)

 

»Herr, öffne mir das Herz, damit ich begreifen kann, was du uns gelehrt hast. Damit ich mich deiner Worte erinnern kann. Damit ich deinen Worten folgen kann. Damit ich zur vollen Wahrheit gelange.« Es ist das Gebet, das »in diesen Tagen zu beten ist« und zu dem der Papst bei der heiligen Messe in Santa Marta am Montagmorgen, 22. Mai, geraten hat. Franziskus kommentierte wie gewohnt die Lesungen des Wortgottesdienstes, der uns – so erklärte er – »in diesen Tagen die lange Rede Jesu beim Letzten Abendmahl zu Gehör bringt«, in der er »den Seinen« die Sendung des Heiligen Geistes ankündigt. Es handelt sich also um »eine Rede, in der Jesus die Jünger mahnt, lehrt, tröstet und ihnen Hoffnung schenkt«, indem er ihnen zusichert:

»›Seid ruhig, ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen.‹ Ich werde weggehen, doch ihr werdet keine Waisen sein, denn ich werde euch einen anderen ›Anwalt‹ senden, um euch vor dem Vater zu verteidigen«. Diesbezüglich machte der Papst darauf aufmerksam: »Wenn der erste Anwalt er war«, Christus selbst, »der große Anwalt, der alle Sünden vergeben hat, der uns verteidigt «, dann spricht er beim Letzten Abendmahl von einem zweiten »Anwalt«. Denn er sagt: »Ich werde euch einen anderen senden, der euch begleiten wird«, und erklärt dabei: »Wenn der Paraklet kommt – das heißt der Anwalt, der Heilige Geist –, den ich euch vom Vater aus senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, dann wird er Zeugnis für mich ablegen«.

Für Franziskus »will dies besagen, dass es allein der Heilige Geist ist, der uns die Sicherheit schenkt, von Jesus gerettet zu sein«; und dass es »allein der Heilige Geist ist, der uns lehrt zu sagen: ›Jesus ist der Herr.‹« Wohingegen »ohne den Geist keiner von uns fähig ist, dies zu sagen, zu spüren, zu leben«. Im Übrigen »hat Jesus an anderen Stellen dieser langen Rede von ihm gesagt«, dass der Geist euch »›zur vollen Wahrheit führen wird‹, dass er uns hin zur vollen Wahrheit begleiten wird. ›Er wird euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe; er wird euch alles lehren.‹« Deshalb, so die Versicherung des Papstes, »ist der Heilige Geist der Weggefährte eines jeden Christen« und »auch der Weggefährte der Kirche. Und das ist die Gabe, die Jesus uns schenkt.« Auf seine Erfahrung als Bischof zurückgreifend erinnerte Franziskus daran, dass wir, »wenn wir Firmungen feiern und die Stirn der Firmlinge salben, sagen: ›Sei besiegelt durch die Gabe Gottes, den Heiligen Geist.‹« Der Paraklet ist in der Tat »eine Gabe: das große Geschenk Jesu, er ist der Geist. Jener, der uns keine Fehler machen lässt.«

So stelle sich ganz natürlich die Frage: »Wo wohnt der Geist?« Der Papst hat eine mögliche Antwort in der ersten Lesung aus dem Buch der Apostelgeschichte (16.11-15) ausgemacht, die von einem »Abenteuer der Apostel unterwegs nach Makedonien berichtet, wohin sie gerufen wurden «. Den biblischen Text paraphrasierend fügte der Papst hinzu, »dass sie in die Stadt Philippi gekommen waren und dann am Sabbat an den Fluss gegangen sind, wo gebetet wurde; und da war eine Gruppe von Frauen, die beteten«. So »begannen die Apostel, zu den Frauen über Jesus zu sprechen «. Und im Buch der Apostelgeschichte steht geschrieben: »Eine Frau namens Lydia, eine Purpurhändlerin, hörte zu.« Sie, so merkte Franziskus an, »war keine dumme Frau: sie war eine Händlerin und verstand es, ihre Dinge zu tun«. Sie, die »aus der Stadt Thyatira« stammte, war »eine Gottesfürchtige. Und der Herr öffnete ihr das Herz, so dass sie das Wort Gottes aufnehmen konnte«. Oder, betonte der Papst, »er öffnete ihr das Herz, damit der Heilige Geist in sie eintrete und sie zu einer Jüngerin werde«. Denn »gerade im Herzen tragen wir den Heiligen Geist«. Dies gehe so weit, dass »die Kirche ihn ›den süßen Gast des Herzens‹ nennt«. Doch, so die Warnung des Papstes, »in ein verschlossenes Herz kann er nicht eintreten«. Ebenso wenig sei es möglich, »die Schlüssel zu kaufen, um das Herz zu öffnen«, denn »auch das ist eine Gabe. Es ist ein Geschenk Gottes«. Daher das Gebet des Papstes: »Herr, öffne mir das Herz, damit der Geist eintrete und mich begreifen lasse, dass Jesus der Herr ist.« Dies bedeutet: »ein offenes Herz, damit der Geist eintrete, und wir sollen auf den Geist hören«.

Nach dieser zweifachen Beobachtung lud Franziskus ein, »sich nur zwei Fragen zu stellen, die diesen beiden Lesungen zu entnehmen sind« und über die nachzudenken »gut tun wird«. Die erste lautet: »Bitte ich den Herrn um die Gnade eines offenen Herzens?« Und die zweite: »Versuche ich, auf den Heiligen Geist zu hören, auf seine Inspirationen, auf die Dinge, die er meinem Herzen sagt, damit ich im Leben als Christ weitergehe und auch ich bezeugen kann, dass Jesus der Herr ist?« So lautete also der abschließende Rat des Papstes: »Denkt an diese beiden Dinge heute: mein Herz ist offen und ich unternehme die Anstrengung, auf den Heiligen Geist zu hören, auf das, was er mir sagt. Und so werden wir im christlichen Leben weitergehen und auch Zeugnis für Jesus Christus geben.«

 



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