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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"
 

Wer die Seligpreisungen umkehrt

Montag, 12. Juni 2017
 

(aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 27, 7. Juli 2017)

 

Es genügt, die Tür des Herzens angelehnt zu halten, so dass »Gott sich arrangiert, um einzutreten «, und uns so davor bewahrt, in der Schar der »Un-Barmherzigen« zu enden. Papst Franziskus benutzte dieses Wort für all jene, die unbarmherzig die Umkehrung der Seligpreisungen in die Praxis umsetzen. Der Papst warnte in der Messe am Montag, 12. Juni, in Santa Marta gerade vor der »narzisstischen« Versuchung »der Selbstbezogenheit« – dem Gegenteil der christlichen »Dimension des Anderen«, die »Geschenk und Dienst« ist.

Der Papst ging vom Abschnitt aus dem 2. Brief des Apostels Paulus an die Korinther aus (1,1-7), den die heutige Liturgie als erste Lesung unterbreitete. Sofort machte er darauf aufmerksam, dass Paulus – in der italienischen Version des Textes – in gerade einmal »neunzehn Zeilen acht Mal von Trost, sich trösten lassen spricht, um die anderen zu trösten«. Der Trost also »kommt in neunzehn Zeilen acht Mal vor: das ist sehr stark, also will er uns damit etwas sagen«. Und »aus diesem Grund glaube ich, dass das eine Gelegenheit, ein guter Anlass ist, um über den Trost nachzudenken: was der Trost ist, von dem Paulus spricht«. Aber »vor allem anderen müssen wir sehen, dass der Trost nicht autonom ist, er ist nichts in sich Verschlossenes«.

Denn, so der Papst, »die Erfahrung des Trostes, die eine geistliche Erfahrung ist, bedarf immer eines Anderen, um vollkommen zu sein: keiner vermag es, sich selbst zu trösten, keiner«. Und »wer versucht, dies zu tun, endet dabei, dass er sich wie in einem Spiegel anschaut. Er schaut sich im Spiegel an, er versucht, sich selbst zu schminken, etwas vorzuspiegeln; man tröstet sich mit diesen verschlossenen Dingen, die nicht wachsen lassen, und die Luft, die man atmet, ist jene narzisstische Luft der Selbstbezogenheit«. Doch »das ist der geschminkte Trost, der nicht wachsen lässt. Aber das ist kein Trost, weil er verschlossen ist, ihm fehlt eine Dimension des Anderen.«

»Im Evangelium finden wir viele Leute, die so sind«, erklärte Franziskus: »Zum Beispiel die Gesetzeslehrer, die von ihrer Selbstgenügsamkeit erfüllt sind, verschlossen, und das ist ›ihr Trost‹ in Anführungsstrichen«. Der Papst bezog sich dann explizit auf den »reichen Prasser, der von einem Fest zum anderen lebte und dabei dachte, auf diese Weise Trost zu finden«. Doch am besten bringt diese Haltung das Gebet des Pharisäers vor dem Altar zum Ausdruck: »Ich danke dir, Gott, dass ich nicht so bin wie die anderen.« Jener Mann also »schaute sich im Spiegel an, er schaute auf seine eigene, mit Ideologien geschminkte Seele und dankte dem Herrn«. Jesus selbst ist es, der »uns die Möglichkeit dieser Leute sehen lässt, die mit dieser Lebensart nie zur Fülle gelangen werden«, sondern sie gelangen »höchs tens zum ›Aufgeblasensein‹, das heißt zur Eitelkeit«.

»Um christlich zu sein, bedarf der Trost einer Dimension des Anderen«, fuhr Franziskus fort, da »man den wahren Trost empfängt«. Aus diesem Grund »beginnt Paulus mit diesem Segen: ›Gepriesen sei der Gott und Vater Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater des Erbarmens und der Gott allen Trostes.‹« Und »es ist gerade der Herr, es ist Gott, der uns dieses Geschenk gibt: wir mit offenem Herzen, er kommt und beschenkt uns«. Das ist »die Dimension des Anderen, die den wahren Trost wachsen lässt; und der wahre Trost der Seele reift auch in einer weiteren Dimension des Anderen, damit wir die anderen trösten können«. So also »ist der Trost ein Zustand des Übergangs vom empfangenen Geschenk zum geschenkten Dienst«, so dass »der wahre Trost diese zweifache Dimension des Anderen hat: er ist Geschenk und Dienst«.

»Wenn ich also«, betonte der Papst erneut, »den Trost des Herrn als Geschenk eintreten lasse, dann deshalb, weil ich des Trostes bedarf: ich brauche ihn«. Denn »um getröstet zu werden, ist es notwendig, anzuerkennen, dass man bedürftig ist. Nur so kommt der Herr, er tröstet uns und gibt uns den Auftrag, die anderen zu trösten«. Gewiss, gab Franziskus zu, »es ist nicht leicht, ein offenes Herz zu haben, um das Geschenk zu empfangen und dann den Dienst zu tun, die beiden Dimensionen des Anderen, die den Trost ermöglichen«.

»Es ist gerade Jesus, der erklärt, wie ich es anstellen kann, dass mein Herz offen ist«, betonte der Papst. »Ein offenes Herz ist ein glückliches Herz, und im Evangelium haben wir gehört, wer die Seligen sind: die Armen«. So »öffnet sich das Herz mit einer Haltung der Armut, des Armseins vor Gott: jene, die zu weinen wissen, die Sanftmütigen, die Sanftmut des Herzens; jene, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, die für die Gerechtigkeit kämpfen; die Barmherzigen, die gegenüber den anderen barmherzig sind; die ein reines Herz haben; die Frieden stiften und jene, die um der Gerechtigkeit willen, aus Liebe zur Gerechtigkeit, verfolgt werden«. Und »so öffnet sich das Herz und der Herr kommt mit der Gabe des Trostes und mit dem Auftrag, die anderen zu trösten«.

Doch da sind auch jene, »die ein verschlossenes Herz haben: sie sind nicht glücklich, weil das Geschenk des Trostes nicht eintreten kann und sie es nicht den andere zu geben vermögen«. Sie folgen also nicht den Seligpreisungen und »sie fühlen sich reich an Geist, das heißt ausreichend «. Es sind »jene, die es nicht nötig haben, zu weinen, weil sie sich für gerecht halten; die Gewalttätigen, die nicht wissen, was Sanftmut ist; die Ungerechten, die von Ungerechtigkeit leben und Ungerechtes tun; jene, die unbarmherzig sind – das heißt: ohne Barmherzigkeit, die nie vergeben, die es nie nötig haben, zu vergeben, weil sie nicht das Bedürfnis verspüren, dass ihnen vergeben wird; jene, die ein schmutziges Herz haben; jene, die Stifter von Krieg und nicht von Frieden sind, sowie jene, die nie kritisiert oder verfolgt werden, weil sie für die Gerechtigkeit kämpfen, da ihnen die Ungerechtigkeiten gegen andere Menschen gleichgültig sind: das sind die Verschlossenen«.

Gerade angesichts dieser Umkehrung der Seligpreisungen, riet der Papst, »wird es uns heute gut tun, darüber nachzudenken«, »wie mein Herz ist: ist es offen? Verstehe ich es, das Geschenk des Trostes zu empfangen, bitte ich den Herrn darum, und verstehe ich es dann, ihn den anderen als Geschenk des Herrn und als meinen Dienst weiterzugeben?« Und »mit diesen Gedanken während des Tages zum Herrn zurückkehren und ihm danken, dass er so gut ist und immer danach trachtet, uns zu trösten«. Eingedenk der Tatsache, dass Gott »von uns nur fordert, dass die Tür des Herzens wenigstens ein Stück weit offen ist, wird er sich dann arrangieren, um einzutreten«.

 



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