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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"
 

Unserer Verwundbarkeit anerkennen

Freitag, 16. Juni 2017
 

(aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 28, 14. Juli 2017)

 

Das Geheimnis, »sehr glücklich« zu sein, besteht´darin, sich immer als schwach und als Sünder zu erkennen, das heißt als »irdene Gefäße«, als jenes ärmliche Material, das aber auch »den größten Schatz« enthalten kann: »die Macht Gottes, der uns rettet«. Es ist die Versuchung vieler Christen, sich zu schminken, um stattdessen den Anschein von »goldenen Gefäßen« zu haben, die heuchlerisch »sich selbst genügen«, vor der Franziskus bei der Messe in Santa Marta am Freitag, den 16. Juni, warnte.

»In diesem vierten Kapitel des zweiten Briefs an die Korinther«, merkte der Papst sofort an und nahm dabei auf den von der Liturgie unterbreiteten Abschnitt (4,7-15) Bezug, »spricht Paulus vom Geheimnis Christi, er spricht von der Kraft des Geheimnisses Christi, von der Macht des Geheimnisses Christi«. Und dann »fährt der Apostel mit dem Abschnitt fort, den wir gehört haben: ›Brüder, wir haben eine Schatz – Christus – in zerbrechlichen, irdenen Gefäßen.‹« Also »haben wir diesen Schatz Christi, doch in unserer Zerbrechlichkeit: wir sind Ton.« Es ist »ein großer Schatz in irdenen Gefäßen: doch warum das?« Die Antwort des Paulus ist klar: »Damit hervortritt, dass diese außerordentliche Macht Gott gehört und nicht von uns kommt.« Hier also ist »die Macht Gottes, die Kraft Gottes, der rettet, der heilt, der auf die Füße stellt, und die Schwachheit des Tons, der wir sind«. In dem Bewusstsein also, dass »keiner von uns sich selbst zu retten vermag: wir alle bedürfen der Macht Gottes, der Macht des Herrn, um gerettet zu werden«.

Diese Wahrheit, rief der Papst in Erinnerung, »zieht sich wie ein Leitmotiv durch die Briefe des Paulus«. Und tatsächlich sagt der Herr zu Paulus: »Meine Macht offenbart sich voll in der Schwäche. Wenn da keine Schwäche ist, kann sich meine Macht nicht offenbaren«. Daraus entsteht das wirksame Bild des »Gefäßes, doch des schwachen Gefäßes aus Ton«. Wenn »Paulus sich also beklagt und den Herrn bittet, ihn von den Angriffen Satans zu befreien – sagt er –, der ihn erniedrigt und bloßstellt, was antwortet der Herr? ›Deine Gnade genügt dir, bleib weiter aus Ton, denn die Macht des Heils habe ich.‹«

Gerade »dies ist die Wirklichkeit unserer Verwundbarkeit«, erklärte Franziskus. Denn »wir alle sind verwundbar, zerbrechlich, schwach und bedürfen der Heilung«. Paulus sagt es kraftvoll in seinem Brief an die Korinther: »Wir werden in die Enge getrieben, wir werden gehetzt, wir werden verfolgt, wir werden geschlagen als Offenbarung unserer Schwäche«. Das ist die »Schwäche des Paulus, Sichtbarkeit des Tons«. Und »das ist unsere Verwundbarkeit: etwas vom Schwierigsten im Leben besteht darin, die eigene Verwundbarkeit anzuerkennen«.

»Bisweilen versuchen wir«, merkte der Papst an, »die Verwundbarkeit zu verdecken, damit man sie nicht sieht«; oder wir enden damit, sie zu »verhehlen«. Dies geht so weit, dass »Paulus selbst am Anfang dieses Kapitels« seines zweiten Briefs an die Korinther sagt: »Als ich den schändlichen Verhehlungen verfiel.« Denn »die Verhehlungen sind schändlich, immer. Sie sind heuchlerisch, weil da eine Heuchelei gegenüber dem anderen ist.« Und tatsächlich »sagt der Herr zu den Gesetzeslehrern: ›ihr Heuchler‹«. Doch, worauf der Papst aufmerksam machte, »es gibt da eine weitere Heuchelei: die Auseinandersetzung mit uns selbst, das heißt wenn ich meine, etwas anderes zu sein als das, was ich bin, wenn ich meine, der Heilung nicht zu bedürfen, der Hilfe nicht zu bedürfen; wenn ich meine, dass ich nicht aus Ton bin, dass ich ›meinen‹ Schatz habe«. Und dies »ist der Weg, das ist die Straße, die zur Eitelkeit führen, zum Hochmut, zur Selbstbezogenheit jener, die sich nicht für zerbrechlich halten, die das Heil, die Fülle aus sich selbst heraus suchen«.

Man darf nie vergessen, dass es »die Macht Gottes ist, die uns rettet«. Denn »Paulus erkennt unsere Verwundbarkeit an« und sagt, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen: »Wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet, weil uns die Macht Gottes rettet.« Und aus demselben Grund anerkennt Paulus auch, dass »wir weder aus noch ein wissen und dennoch nicht verzweifeln: es ist da etwas von Gott, das uns Hoffnung schenkt«. Und so »werden wir verfolgt, sind aber nicht verlassen; wir werden geschlagen, doch nicht getötet: immer ist da diese Beziehung zwischen dem Ton und der Macht, zwischen dem zerbrechlichen Gefäß und dem Schatz«. So »haben wir wirklich einen Schatz in irdenen Gefäßen, doch die Versuchung ist immer dieselbe: verdecken, verhehlen, nicht glauben, dass wir irdene Gefäße sind. Jene Heuchelei uns selbst gegenüber.«

»Paulus führt uns durch diese Weise zu denken, zu überlegen, das Wort Gottes zu verkündigen, hin zu einem Dialog zwischen dem Schatz und dem zerbrechlichen Gefäß«, erklärte Franziskus weiter. »Zu einem Dialog, in den wir beständig treten müssen, um ehrlich zu sein«, fügte er hinzu und verwies beispielhalber darauf, »wenn wir zur Beichte gehen« und vielleicht zugeben: »Ja, das habe ich getan, das habe ich gedacht «. Und so »sagen wir die Sünden auf, als handle es sich um die Preisliste auf dem Markt: ich habe das getan, das, das und das«. Doch für den Papst lautet die wahre Frage, die man sich stellen muss: »Bist du dir dieses Tons bewusst, dieser Schwachheit, dieser deiner Verwundbarkeit? « Denn »es ist schwer, sie zu akzeptieren«.

»Auch wenn wir sagen: ›Wir alle sind Sünder‹ «, fuhr der Papst fort, »dann ist das vielleicht etwas, das man einfach so sagt«, ohne dessen volle Bedeutung abzuwägen. Deshalb ist es angemessen, sich selbst einer Gewissenserforschung zu unterziehen und sich zu fragen, ob »wir uns dessen bewusst sind, tönern, schwach, Sünder zu sein«, ob wir uns dessen bewusst sind, dass »wir ohne die Macht Gottes« nicht »voranzugehen « vermögen. Oder »glauben wir, dass die Beichte darin besteht, den Ton ein wenig zu tünchen, und dass er damit stärker ist? Nein!« Doch »da ist die Scham«, so Franziskus, »die das Herz weitet, damit die Macht Gottes, die Kraft Gottes eintritt«. Gerade »die Scham, ein irdenes Gefäß zu sein und nicht ein Gefäß aus Silber oder Gold: die Scham, tönern zu sein«. Und »wenn wir an diesen Punkt gelangen, werden wir sehr glücklich sein«.

Im Hinblick auf den »Dialog zwischen der Macht Gottes und dem Ton« empfahl der Papst außerdem, »an die Fußwaschung « zu denken, als Jesus sich dem Petrus nähert und dieser sagt: ›Nein, mir nicht, Herr, aber ich bitte dich! Was tust du?‹« Tatsache ist, dass Petrus nicht verstanden hatte, dass er Ton war, dass er der Macht des Herrn bedurfte, um gerettet zu werden«. Aber dann, »als der Herr ihm die Wahrheit sagt«, zögert Petrus keinen Augenblick und antwortete: »Ja, wenn das so ist, dann nicht nur die Füße: den ganzen Leib, auch den Kopf«. Petrus ist ein »großherziger« Mann, erklärte der Papst. Er besitzt jene »Großherzigkeit«, die ihn dazu führt, »anzuerkennen, dass er verwundbar, zerbrechlich, schwach und ein Sünder ist: Nur wenn wir akzeptieren, Ton zu sein, wird diese außerordentliche Macht Gottes zu uns kommen und uns die Fülle, das Heil, das Glück, die Freude darüber schenken, gerettet zu sein.«

Abschließend betete der Papst zum Herrn, dass »er uns diese Gnade schenke«, so zu sein, dass wir immer fähig sind, »deinen Schatz, Herr« zu empfangen, »im Bewusstsein, zerbrechliche Gefäße zu sein«.



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