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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"
 

Für die Regierenden beten

Montag, 18. September 2017
 

(aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 39, 29. September 2017)

 

»Es ist eine Sünde, die gebeichtet werden muss: nicht für die Regierenden zu beten.« Und dieses Gebet ist vor allem zu verrichten, »um diejenigen nicht allein zu lassen«, die sich »weniger bewusst sind«, dass ihre Macht nicht absolut ist, sondern vom Volk und von Gott kommt. Aber auch »die Regierenden müssen beten und um die Gnade bitten, dem ihnen anvertrauten Volk bestmöglich zu dienen. Wenn sie nicht gläubig sind, dann sollen sie wenigstens um Rat fragen, um das Gemeinwohl nicht aus den Augen zu verlieren und um aus dem kleinen selbstbezogenen Kontext der eigenen Partei herauszutreten.

Ein regelrechtes »Handbuch des guten Politikers « unterbreitete Papst Franziskus am Montag, 18. September, bei der Feier der heiligen Messe in Santa Marta. Der Papst kommentierte die Lesungen vom Tag und machte darauf aufmerksam, dass »die Regierenden im Mittelpunkt stehen«. In der ersten Lesung aus dem Ersten Brief an Timotheus (2,1-8) rät Paulus dazu, »für die Herrschenden zu beten: für alle, auch für jene, die regieren«. Im

Evangelium nach Lukas (7,1-10) dann »haben wir einen Regierenden gesehen, der betet: dieser Hauptmann ist ein Regierender, und er hatte ein Problem mit einem kranken Diener«. Doch »da ist ein Satz, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht: ›Er liebt unser Volk‹«. Er ist also »ein Regierender, der ein Volk liebt«, obwohl er ein »Fremder« ist. Und »er liebte seinen Diener: Da er ihn liebte, sorgte er sich um ihn, und weil er sich um ihn sorgte, ging er hin, um die Lösung für dieses Problem der Krankheit zu suchen. Er ging zu Jesus, er betete«.

»Dieser Mann«, erklärte der Papst, »verspürte das Bedürfnis nach dem Gebet: aber warum? Weil er liebte, gewiss.« Doch auch »weil er das Bewusstsein hatte, nicht der Herr von allem, nicht die letzte Instanz zu sein«. Lukas gibt die Worte des römischen Hauptmanns wieder: »Auch ich muss nämlich Befehlen gehorchen, und ich habe selber Untergeordnete, Soldaten unter mir, die von mir abhängen«. Das sind Worte, die, so der Papst, »das Bewusstsein des Regierenden« zum Ausdruck bringen, »der weiß, das über ihm ein anderer ist, der das Kommando gibt. Und das bringt ihn zum Gebet«.

»Der Regierende, der dieses Bewusstsein hat, betet«, unterstrich der Papst. Im Übrigen: »Wenn er nicht betet, verschließt er sich in seiner eigenen Selbstbezogenheit oder in die seiner Partei, in jenen Kreis, aus dem er nicht herausgehen kann: er ist ein in sich selbst verschlossener Mensch«. Doch »wenn er die wahren Probleme sieht und dieses Bewusstsein des Untergeordnetseins hat, dann betet ein Regierender. Denn er hat gerade das Bewusstsein, »dass da ein anderer ist, der mehr Macht hat als er«.

Gewiss, fügte er hinzu, man könnte sich fragen: »Wer hat mehr Macht als ein Regierender?«. Und die Antwort des Papstes lautete: »das Volk, das ihm die Macht gegeben hat, und Gott, von dem die Macht durch das Volk kommt«. »Das Gebet des Regierenden«, unterstrich der Papst erneut, »ist sehr wichtig, so wichtig, denn es ist das Gebet für das Gemeinwohl des Volkes, das ihm anvertraut worden ist.« Und diesbezüglich erzählte er: »Ich erinnere mich, einmal, vor einiger Zeit, hat mir ein Regierender gesagt: ›Ich nehme mir jeden Tag zwei Stunden der Stille vor Gott.‹ Ich dachte mir: ›Dieser Regierende hat so viel zu tun, so viel…‹« Doch es ist wirklich wichtig, erklärte Franziskus weiter, »um die Gnade zu bitten, gut regieren zu können«. Und »als Gott Salomon fragte: ›Was willst du: Gold, Silber, Reichtümer, Macht, was?‹, wie lautete die Antwort Salomons? ›Gib mir die Weisheit des Regierens.‹« »Gerade aus diesem Grund«, bekräftigte der Papst, »müssen die Regierenden um diese Weisheit bitten: ›Herr, schenke mir Weisheit; Herr, nimm mir nicht das Bewusstsein, dir und dem Volk untergeordnet zu sein, dass sich meine Kraft dort findet und nicht in dem kleinen Grüppchen oder in mir selbst‹«.

Also »ist es sehr wichtig, dass die Regierenden beten: das ist sehr wichtig«. Doch vielleicht »könnte mir einer sagen: ›Pater, es ist wahr, was Sie sagen, doch ich bin kein Gläubiger, ich bin Agnostiker, ich bin Atheist.‹« Die Antwort des Papstes lautete: »Einverstanden, aber suche die Auseinandersetzung: wenn du nicht beten kannst, dann suche die Auseinandersetzung mit deinem Gewissen; mit den Weisen; rufe die Weisen deines Volkes und setze dich mit ihnen auseinander «. Deshalb: »Wenn du nicht beten kannst, dann tu wenigstens das, aber bleib nicht allein mit dem kleinen Grüppchen deiner Partei. Nein, das ist Selbstbezogenheit: geh hinaus, suche draußen oder im Gebet nach Rat oder suche die Auseinandersetzung mit jenen, die dich beraten können«. Und »das ist das Gebet des Regierenden«.

In der ersten Lesung, rief Franziskus in Erinnerung, »spricht Paulus zu uns und rät uns, für die Herrscher und für alle, die Macht ausüben, zu beten: ›vor allem fordere ich zu Bitten und Gebeten, zu Fürbitte und Danksagung auf, und zwar für alle Menschen, für die Herrscher – für alle Herrscher – und für alle, die Macht ausüben, damit wir in aller Frömmigkeit und Rechtschaffenheit ungestört und ruhig leben können‹«. Paulus legt also nahe: »Das Volk muss für die Regierenden beten, und wir sind uns dessen nicht recht bewusst: wenn ein Regierender etwas tut, das uns nicht gefällt, dann sagen wir Hässliches; wenn er etwas tut, das uns gefällt: ›Ach, der ist tüchtig.‹ Doch wir lassen ihn allein, wir lassen ihn mit seiner Partei, wir lassen es zu, dass er sich mit dem Parlament arrangiert, mit dem da, doch allein«.

Und vielleicht ist da der, der sich damit herauszieht, indem er sagt: »ich habe ihn gewählt« oder »ich habe ihn nicht gewählt, jetzt soll er zusehen «. Stattdessen, unterstrich Franziskus, »dürfen wir die Regierenden nicht allein lassen: wir haben die Pflicht, sie mit dem Gebet zu begleiten «. Die Christen »müssen für die Regierenden beten«. Und auch in diesem Fall könnte jemand einwenden: »Aber Pater, wie soll ich für den da beten, der so viel Hässliches tut?« Doch gerade in diesem Fall »hat er es noch nötiger: bete, tue Buße für den Regierenden«.

»Das Fürbittgebet – was Paulus sagt, ist so schön – ist für alle Herrschenden, für alle, die an der Macht sind«, fuhr der Papst fort. Und dies ist der Fall, »damit wir in aller Frömmigkeit und Rechtschaffenheit ungestört und ruhig leben können«. Denn »wenn der Regierende frei ist und in Frieden regieren kann, dann profitiert das ganze Volk davon«.

»Wir müssen in diesem Bewusstsein wachsen, für die Regierenden zu beten«, so der Papst. Mehr noch: »Ich bitte euch um einen Gefallen: ein jeder von euch nehme sich heute fünf Minuten Zeit, nicht mehr. Wenn er ein Regierender ist, dann soll er sich fragen: ›Bete ich zu dem, der mir die Macht durch das Volk gegeben hat?‹. Wenn einer kein Regierender ist: ›Bete ich für die Regierenden? Ja, für den und für den auch, weil sie mir gefallen. Für die da nicht.‹« Aber gerade jene »haben das Gebet am meisten nötig«. Somit ist es angemessen, sich die Frage zu stellen: »Bete ich für alle Regierenden? Und wenn ihr das Gewissen erforscht, um dann zu beichten, und wenn ihr findet, dass ihr nicht für die Regierenden gebetet habt, dann tragt das in den Beichtstuhl. Denn es ist eine Sünde, nicht für die Regierenden zu beten. Abschließend riet der Papst dazu, »den Herrn in dieser Messe um die Gnade zu bitten, dass er uns lehre, für unsere Regierenden zu beten: für alle, die an der Macht sind, sagt Paulus, der uns lehrt«. Und »auch um die Gnade, dass die Regierenden beten«.

 



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