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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"
 

Miserando atque eligendo

Donnerstag, 21. September 2017
 

(aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 40, 6. Oktober 2017)

 

Miserando atque eligendo. Das Wesen und die Wurzel der Sendung Jorge Mario Bergoglios – am Festtag des heiligen Matthäus waren sie in der Betrachtung bei der Messe in Santa Marta am Donnerstag, den 21. September, präsent. Der Wahlspruch, den der Papst für sich gewählt hat, um die Haltung Jesu gegenüber dem Zöllner zu unterstreichen, stammt aus der 21. Homilie des heiligen Beda Venerabilis, die sich in der Lesehore am liturgischen Festtag des Evangelisten findet.

Schritt für Schritt ging der Papst in seiner Predigt die konkreten Modalitäten der Bekehrung des Matthäus durch, wie sie in Caravaggios Meisterwerk festgehalten wird, das in der römischen Kirche San Luigi dei Francesi ausgestellt ist, analysierte und aktualisierte sie. »Der Abschnitt aus dem Matthäusevangelium«, so machte der Papst sofort in Bezug auf das Tagesevangelium (9,9-13) aufmerksam, »berichtet von der Bekehrung des Matthäus: wie der Herr ihn berief, wie er ihn wählte, damit er ihm folge«. Und »wir können drei Schritte sehen: die Begegnung, das Fest und das Ärgernis«.

»Die Begegnung« vor allem: »Jesus kam, um einen Gelähmten zu heilen, und während er wegging – vielleicht um hinauszugehen, die Steuereintreiber da waren an der Tür –, fand er diesen Mann namens Matthäus.« Und das Evangelium sagt, dass Jesus »einen Mann namens Matthäus – und wo war dieser Mann? – am Zoll sitzen sah«. Schließlich war Matthäus »einer von jenen, die das Volk Israel die Steuern entrichten ließen, um sie den Römern zu geben; ein Vaterlandsverräter «. Aus diesem Grund, fügte der Papst hinzu, »wurden sie verachtet«.

Da also »spürte Matthäus, wie Jesus ihn anblickte «, der, »so sagt das Evangelium, zu ihm sagte: ›Folge mir nach!‹ Und er stand auf und folgte ihm«. Doch »was ist geschehen?«, so lautet die Frage, die der Papst ausgehend von dieser Begegnung stellte. Was überzeugte Matthäus, dem Herrn zu folgen? »Das ist die Kraft des Blickes Jesu«, erklärte der Papst, der »ihn gewiss mit viel Liebe, mit viel Barmherzigkeit angeschaut hat: jener Blick des barmherzigen Jesus«, um zu sagen: Folge mir, komm«. Und Matthäus seinerseits hatte »einen entmutigten Blick und schaute zur Seite, mit einem Auge auf Gott und mit dem anderen auf das Geld, dem Geld verfangen wie ihn Caravaggio malte: gerade so, verfangen und auf die Seite schauend, mit einem mürrischen, verdrießlichen Blick«. Der Blick Jesu dagegen ist »liebevoll, barmherzig «. Angesichts dieses Blickes also »fällt der Widerstand jenes Mannes, der das Geld wollte – er war dem Geld so sehr ergeben«. Denn das Evangelium sagt, dass Matthäus »aufstand und ihm folgte«.

In der Perspektive dieses »Kampfes zwischen der Barmherzigkeit und der Sünde«, so der Papst, ist es wichtig, sich zu fragen: »Wie ist die Liebe Jesu ins Herz jenes Mannes eingetreten? Was war die Tür, um eintreten zu können?« Tatsache ist, erklärte Franziskus, »dass jener Mann wusste, dass er ein Sünder war: Er wusste, dass er bei keinem willkommen war und auch verachtet wurde«. Gerade »jenes Bewusstsein, ein Sünder zu sein, öffnete ihm die Tür zur Barmherzigkeit Jesu: er verließ alles und ging fort«. Das »ist die Begegnung zwischen dem Sünder und Jesus: alle Sünder, die Jesus fanden, hatten den Mut, ihm zu folgen, doch wenn sie sich nicht als Sünder fühlten, konnten sie ihm nicht folgen«. Aus diesem Grund, so der Papst, »ist die erste Bedingung dafür, gerettet zu werden, sich in Gefahr zu fühlen; die erste Bedingung, um geheilt zu werden, ist, sich krank zu fühlen«. Also: »sich als Sünder zu fühlen, ist die erste Bedingung dafür, diesen Blick der Barmherzigkeit zu empfangen«. Mehr noch, fügte Franziskus hinzu: »Denken wir an den Blick Jesu, der so schön, so gut, so barmherzig ist, und wenn wir beten, dann spüren auch wir diesen Blick auf uns: es ist der Blick der Liebe, der Blick der Barmherzigkeit, der Blick, der uns rettet« und uns sagt, »keine Angst zu haben«.

Matthäus, so erklärte der Papst, »fühlt sich so glücklich, und gewiss hat er, auch wenn dies nicht im Text steht, Jesus in sein Haus zum Essen eingeladen, wie das auch Zachäus tat«. Es ist dies der Augenblick des »Festes«. »Sie haben ein Fest gefeiert«, sagte der Papst und hob hervor, dass »nach jener Begegnung das Fest mit all jenen kommt, die vom gleichen Schlag waren: sie waren alle gleich. Und er hat die Freunde gerufen, die alle so waren: Sünder, Zöllner, und gewiss fragten sie den Herrn Dinge und der Herr antwortete, während er im Haus bei Tisch saß«. Also »saßen sie bei Tisch, sie aßen gemeinsam mit den Sündern: dasselbe geschah beim Essen, das Zachäus gegeben hatte, um die Bekehrung, die Begegnung mit dem Herrn zu feiern«. Und »das lässt uns daran denken, was Jesus im 15. Kapitel des Lukasevangeliums sagt: es wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die gerecht bleiben«. Das ist »das Fest der Begegnung mit dem Vater, das Fest der Barmherzigkeit; und Jesus verausgabt sich in Barmherzigkeit, für alle«.

Doch während der Herr »bei Tisch saß« – es ist der dritte Moment nach dem der Begegnung und des Festes – kommt »das Ärgernis«. Das Evangelium berichtet: »Es kamen viele Zöllner und Sünder und aßen zusammen mit ihm und seinen Jüngern«. Und »als die Pharisäer das sahen, sagten sie zu seinen Jüngern: ›Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen?‹« Denn, erklärte der Papst, »ein Ärgernis beginnt immer mit diesem Satz: ›wie kann er…?‹« Deshalb, so fügte er hinzu, »wenn ihr diesen Satz hört, dann stimmt etwas nicht: es folgt ihm das Ärgernis, sie zerreißen sich die Gewänder«.

Daher also fragen die Pharisäer die Jünger: »Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen? Euer Meister ist ein unreiner, denn diese Leute zu grüßen, ist ansteckend.« Für sie »besteht die Krankheit, die Unreinheit darin, dem Gesetz nicht zu folgen, und das Gesetz sagt, dass man nicht zu ihnen gehen darf. Mehr noch, es sind dies Menschen, die wiederholen: ›Das Gesetz sagt, die Lehre sagt…‹ Sie kannten die Lehre gut, sie wussten es sehr gut, sie wussten, wie auf dem Weg des Reiches Gottes zu gehen ist, sie kannten besser als alle anderen, was zu tun ist.« Doch »sie hatten das erste Gebot der Liebe vergessen und waren in diesem Käfig des Opferns verschlossen: ›Bringen wir Gott ein Opfer dar, achten wir den Sabbat, alles, was getan werden muss, und so werden wir uns retten‹«. Dagegen nein, bekräftigte Franziskus erneut, denn: »Uns rettet Gott, uns rettet Jesus Christus, und diese hatten nicht verstanden, sie fühlten sich sicher, sie glaubten, dass das Heil von ihnen kam.«

Aus diesem Grund fragen sie die Jünger: »Wie kann er…?«: Gerade »jenes ›Wie kann er…?‹, das wir so oft unter den gläubigen Katholiken gehört haben, als sie Werke der Barmherzigkeit sahen: Wie kann er…?« Seinerseits dagegen »ist Jesus klar, sehr klar: ›Geht und lernt.‹« Deshalb »hat er sie zum Lernen geschickt: ›Darum lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer. Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten‹«. Wenn du also »von Jesus berufen werden willst, dann erkenne, dass du ein Sünder bist«.

Gewiss, »einer könnte sagen: ›Pater, ist es wirklich eine Gnade, sich als Sünder zu fühlen?‹« Ja, denn das heißt, »die Wahrheit zu spüren«. Doch »kein abstrakter Sünder: Sünder wegen dem, wegen dem, wegen dem. Konkrete Sünde, konkrete Sünden! Und wir alle haben viele!« So »wollen wir hingehen und uns von Jesus mit jenem barmherzigen Blick voller Liebe anblicken lassen«.

Franziskus ging die wesentlichen Punkte seiner Betrachtung durch und betonte: »die Begegnung zwischen der Barmherzigkeit und der Sünde; das Fest, weil Jesus uns gesagt hat, dass Freude herrscht, wenn ein Sünder umkehrt; und immer das Ärgernis: viele, viele sind da… und immer, auch in der Kirche von heute«. Vielleicht »wird gesagt: nein, das geht nicht, es ist alles klar, alles, nein, nein. Die da sind Sünder, wir müssen sie fern halten«. Und »auch viele Heilige sind verfolgt und verdächtigt worden: denken wir an die heilige Jeanne d’Arc, die auf den Scheiterhaufen geschickt wurde, da sie dachten, sie sei eine Hexe und dazu verdammt: eine Heilige! Denkt an die heilige Teresa, die der Häresie verdächtigt wurde, denkt an den seligen Rosmini.«

Abschließend unterstrich der Papst erneut das Wort aus dem Evangelium: »Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer« und rief in Erinnerung, dass »die Tür, um Jesus zu begegnen, darin besteht, sich als das zu erkennen, was wir sind, die Wahrheit: Sünder. Und er kommt, und wir begegnen einander: Es ist so schön, Jesus zu begegnen!«



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