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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"
 

Heimweh nach den Wurzeln

Donnerstag, 5. Oktober 2017
 

(aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 42, 20. Oktober 2017)

 

Sich »auf den Weg« machen, »um seine Wurzeln wiederzufinden« und in ihnen »die Kraft«, »weiterzugehen«. Das ist der menschliche und geistliche Weg, den Papst Franziskus in seiner Predigt bei der Messe in Santa Marta am Donnerstag, den 5. Oktober, empfahl. Ein wichtiger, unvermeidlicher Weg, da »ein Volk ohne Wurzen krank ist« und »ein Mensch ohne Wurzeln krank ist«.

Ausgangspunkt war die erste Lesung vom Tag (Neh 8,1-4.5-6.7-12), in der »von einer großen liturgischen Versammlung« berichtet wird, bei der nach dem Exil das ganze Volk Israel »im Tempel zusammenkommt«. Es sei dies, so erklärte der Papst »das Ende einer Geschichte, die mehr als siebzig Jahre gedauert hat«, die Geschichte des Exils des Volkes Gottes in Babylon«. Es seien Jahre »der Traurigkeit« und «des Weinens « gewesen. Jene Tränen, die auch Nehemia kamen, »wenn er an Jerusalem dachte; wenn er sich an die Nachrichten von den Wenigen erinnerte, die dort geblieben waren, im Elend, in der Knechtschaft… er weinte viel… Sein Herz war von Traurigkeit erfüllt«. Dies sei die Zeit gewesen, da »der Herr das Herz des Königs bewegte, damit er diese Traurigkeit verstehe, als ihm Nehemia den Wein einschenkte«. Und an dem Punkt begann »der Dialog, um nach Jerusalem zurückzukehren«, »um nachhause zurückzukehren«.

Franziskus dachte über die Traurigkeit des Volkes Israel nach, das »Heimweh nach seiner Stadt hatte und weinte«. Ein Heimweh, das zum Beispiel im Psalm 137 zum Ausdruck komme, wo es heiße: »An den Strömen von Babel, da saßen wir und weinten«. Im Übrigen – wie hätten sie »die Lieder des Herrn in fremden Landen singen« können? In der Tat »hängten sie ihre Harfen dorthin, an die Weiden«. Und dennoch, betonte der Papst, »vergaßen sie nicht. Es ist wahr: die Erinnerung kann schwächer werden, doch sie hatten jenen Willen, nicht zu vergessen: ›Die Zunge soll mir am Gaumen kleben, wenn ich an dich nicht mehr denke‹«. Mit dieser Situation im Hinterkopf sprach der Papst von einer analogen Situation des »Heimwehs der Migranten«, »des Heimwehs derer, die fern von ihrer Heimat sind und zurückkehren wollen«. Und er rief auch das historische Lied in Genueser Dialekt »Ma se ghepenso« (»Wenn ich denke«) in Erinnerung, das er während seiner jüngsten Reise in die Hauptstadt Liguriens gehört hatte: eine Hommage an »alle Migranten, die dort sein wollten, bei der Messe mit dem Papst, die aber in der Ferne waren, voll Heimweh«.

So kam es dazu, fuhr Franziskus fort, indem er den Bericht aus dem Alten Testament wieder aufnahm, dass sich Nehemia dafür einsetzte, das Volk »in seine Stadt« zurückzubringen. Und »die Reise begann«. Eine Reise, »um die Stadt wieder zu finden und wieder aufzubauen«. Das war nicht leicht, so der Papst: »er musste viele Leute überzeugen, alles mitnehmen, um die Stadt, die Mauern, den Tempel wiederaufzubauen, vor allem aber war es eine Reise, um die Wurzeln des Volkes wiederzufinden«. Nach all den Jahren habe das Volk nämlich »die Wurzen zwar nicht verloren, doch sie waren schwächer geworden«. Es sei daher notwendig gewesen, »zu den Wurzeln zurückzufinden«, das heißt »zur Zugehörigkeit zu einem Volk«. Im Übrigen, so der Papst, »kann man ohne Wurzeln nicht leben: ein Volk ohne Wurzeln oder ein Volk, das sich nicht um seine Wurzeln kümmert, ist ein krankes Volk«. Ebenso »ist ein Mensch ohne Wurzeln, der seine Wurzeln vergessen hat, krank«. Es sei somit notwendig, »die Wurzeln wiederzuentdecken und die Kraft zu schöpfen, um weiterzugehen, die Kraft, um Frucht zu tragen und, wie der Dichter sagt, ›die Kraft, um zu erblühen, denn was der Baum an Blüten trägt, kommt von dem, was unter ihm in der Erde ist‹  »es auf diesem Weg viele Widerstände gegeben hat« und dass Jahre vergangen seien, bevor das Volk zu jener in der Lesung beschriebenen liturgischen Versammlung kommen konnte. Denn wenn da auch »der Wille des Volkes ist, die Wurzeln zu finden«, so gebe es doch auch »die Widerstände « derer, »die das Exil vorzogen«. Ein Exil, das nicht nur »physischer Art« sei: für Franziskus existiert auch das »psychologische Exil: die Selbst-Exilierung von der Gemeinschaft, von der Gesellschaft, jene, die es vorziehen, ein entwurzeltes Volk zu sein, ohne Wurzeln«. Ein Zustand, der sich auch im Menschen von heute finde und der eine richtiggehende »Krankheit« sei: die psychologische Selbst-Exilierung nämlich »ist sehr schlecht, sie nimmt uns die Wurzeln, sie nimmt uns die Zugehörigkeit«.

Auf jeden Fall sei das Volk Israel vorangegangen, der Tempel und die Mauern seien wieder aufgebaut worden und das Volk »versammelte sich, um seine Zugehörigkeit wiederherzustellen, um seine Wurzeln wiederherzustellen, das heißt um das Gesetz zu hören«. Die Schrift beschreibe eine grandiose Szene: »Vom frühen Morgen bis zum Mittag« war das Volk »dort, auf den Füßen, es kniete, es betete an, es stand auf und hörte das Wort, das der Schriftgelehrte Esra las, das Wort Gottes, das Gesetz, das die Leviten erklärten. Und das Volk weinte und weinte…«. Diese Mal jedoch, merkte Franziskus an, »war es nicht das Weinen Babylons«, sondern »das Weinen von Freudentränen, das Weinen über die Begegnung mit den eigenen Wurzeln, die Begegnung mit den eigenen Wurzeln«. Tatsächlich habe Nehemia zu ihnen gesagt: »›Nun geht, haltet ein festliches Mahl, trinkt süßen Wein! Schickt auch denen etwas, die selbst nichts haben. Macht euch keine Sorgen‹«. Der Papst erklärte: »Der Mann und die Frau, die ihre Wurzeln wiederfinden, die ihrer Zugehörigkeit treu sind, sind ein Mann und eine Frau in Freude, der Freude, und diese Freude ist ihre Kraft«. So gehe man »vom Weinen vor Traurigkeit zum Weinen vor Freude über; vom Weinen aus Schwäche, weil man fern seiner Wurzeln ist, fern von seinem Volk, zum Weinen aufgrund der Zugehörigkeit: ›Ich bin zuhause‹«.

Es könne für alle nützlich sein, so der Rat des Papstes, das achte Kapitel des Buchs Nehemia zu nehmen »und es zu lesen: dieser Abschnitt ist wunderschön«. Er könne dazu anregen, sich zu fragen: »Unterlasse ich die Erinnerung an den Herrn, das Gedächtnis meiner Zugehörigkeit? Bin ich fähig, einen Weg zu beginnen, vorwärtszugehen, um meine Wurzeln wiederzufinden, meine Zugehörigkeit? Oder ziehe ich die psychologische Selbst-Exilierung vor, das psychologische Exil, verschlossen, verschlossen in mir selbst?« Doch auch, um sich zu fragen: »Habe ich Angst zu weinen? « Denn, so der Papst, »wenn du Angst vor dem Weinen hast, dann wirst du auch Angst vor dem Lachen haben, denn wenn man weint, wenn man vor Traurigkeit weint, wird man nachher vor Freude weinen«. Doch das »ist eine Fähigkeit, um deren Gnade wir bitten müssen: um die Gnade des Weinens, des reuigen Weinens, traurig wegen unserer Sünden, doch auch um die Gnade des Weinens vor Freude, da der Herr uns erlöst hat, da er uns vergeben hat und in unserem Leben das getan hat, was er mit seinem Volk getan hatte«. Und Franziskus schloss seine Predigt: »Wir wollen den Herrn um diese Gnade bitten: uns auf den Weg zu machen, um unseren Wurzeln zu begegnen«.

 



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