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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"
 

Die Gnade der Reue

Freitag, 6. Oktober 2017
 

(aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 43, 27. Oktober 2017)

 

Unser »erster Name ist ›Sünder‹«. Deshalb »bitten wir den Herrn um die Gnade, uns« vor Gott, dem Allmächtigen, »zu schämen«, der uns mit all seiner Barmherzigkeit »umarmt«. Und »heute weist uns der Prophet Baruch den rechten Weg, um Vergebung zu bitten«, so Papst Franziskus bei der Messe in Santa Marta am Freitag, den 6. Oktober.

Denn »die erste Lesung ist ein Akt der Reue«, worauf er sofort in Bezug auf das Buch Baruch (1, 15-22) aufmerksam machte. »Das Volk hat Reue vor dem Herrn und bittet um Vergebung für seine Sünden: es bereut, da es auf die Herrlichkeit des Herrn und auf die hässlichen Dinge schaut, die es getan hat«. »Der Abschnitt aus dem Buch Baruch beginnt: ›Sprecht: Der Herr, unser Gott, ist im Recht‹, da er gerecht ist und es ›uns aber bis heute die Schamröte ins Gesicht treibt‹«. Sie fühlen sich also »ohne Ehre, und mit einem so gestimmten Herzen bitten sie um Vergebung«. »Sie sagen: ›Wir haben das, das, das, das getan…‹ – Dinge, die sie immer getan haben. Sie sagen sie in Bezug auf den Herrn, vor dem Herrn.« Und das ist »die Weise der Reue: das ganze Volk bereut in jenem Augenblick und bittet für alle ›Bewohner Jerusalems, unsere Könige und Beamten, unsere Priester und Propheten und unsere Väter‹ um Vergebung, ›denn wir haben gegen den Herrn gesündigt‹«.

»Das will heißen, dass wir alle Sünder sind, wir alle«, so Franziskus erneut. Dies gehe so weit, dass »keiner sagen kann: ›Ich bin gerecht‹ oder ›Ich bin nicht wie der da oder wie die da‹«. Sondern vielmehr anerkennen, dass »ich ein Sünder bin«. Und »ich würde sagen, dass das fast der erste Name ist, den wir haben: Sünder«, so der Papst, der sich dann fragte: »Warum sind wir Sünder? Wir waren ungehorsam, immer, in unserer Beziehung mit dem Herrn: Er hat etwas gesagt und wir haben etwas anderes getan. Wir haben nicht auf die Stimme des Herrn gehört: er hat viele Male zu uns gesprochen.« Tatsächlich: »In unserem Leben kann ein jeder von uns denken: ›Wie oft hat der Herr doch zu mir gesprochen, wie oft habe ich nicht gehört!‹« Zum Beispiel »hat er durch die Eltern gesprochen, die Familie, die Katecheten, in der Kirche, in den Predigten, er hat auch in unserem Herzen gesprochen: wir spüren die Stimme des Herrn«, doch »wir haben nicht auf jene Stimme gehört, die sagte, ›die Gebote zu befolgen‹, die er uns gegeben hatte«.

Weiter sei im Abschnitt aus dem Buch Baruch zu lesen: »Wir waren ungehorsam gegen den Herrn, unseren Gott.« Und »die Sünde ist immer gerade das«, insofern es »keine isolierte Sünde gibt«. Denn »die Sünde ist immer Sünde, weil sie in der Beziehung zu Gott liegt«. Mehr noch, erklärte der Papst, »die isolierte Sünde« komme zwar »in der Beschreibung in den Büchern vor, doch im Leben ist eine Sünde immer etwas Häss liches vor Gott, in der Beziehung zu ihm«. Und so »sind wir ihm gegenüber ungehorsam gewesen«, »beharrlich haben wir seine Stimme nicht gehört«: das also sei »die Sturheit des Herzens«.

»Ich denke«, so Franziskus, »dass der Prophet uns lehrt, wie wir bereuen sollen. Er lehrt uns, welches der Weg für die Bitte um Vergebung ist, der wahre Weg.« Baruch schreibe, dass »uns mit der Sünde viele Übel überkommen haben«: und dies deshalb, »weil die Sünde zerstört, sie zerstört das Herz, sie zerstört das Leben, sie zerstört die Seele: sie schwächt, sie macht krank«. Weiter sei zu lesen: »Wir haben auf die Stimme des Herrn, unseres Gottes, nicht gehört«, und statt dessen »ist ein jeder von uns, statt auf die Stimme des Herrn zu hören, ›der bösen Neigung seines Herzens gefolgt, wir dienten anderen Göttern und taten, was dem Herrn, unserem Gott, missfällt‹«. Im Grunde sei es so, erklärte der Papst, »dass der Herr zu uns gesprochen hat«, doch »ein jeder von uns hat genau das Gegenteil getan: er ist dem Götzendienst verfallen, den kleinen alltäglichen Götzendiensten. Er hat getan, was in den Augen des Herrn schlecht ist, und ist ›den bösen Neigungen des Herzens gefolgt‹.«

»Wir wissen«, so der Papst, der dazu aufforderte, persönlich darüber nachzudenken, »dass unser Herz viele Male Neigungen zur Sünde hat: zur Gier, zum Neid, zum Hass, zum bösen Geschwätz über andere«. Und »denken wir gerade an dieses böse Geschwätz: Ihr vielleicht nicht – ich weiß nicht – aber wie viele Male habe ich doch schlecht über die anderen geredet? Wie viele Male habe ich geklatscht?« Das schlecht über andere Reden sei nämlich »eine Neigung des Herzens: das Leben anderer zu zerstören«. Mehr noch: »Wir zerreißen uns die Kleider, wenn wir Nachrichten von Kriegen hören, doch das böse Geschwätz über andere ist ein Krieg, es ist ein Krieg des Herzens, um den anderen zu zerstören «. Und wenn »der Herr uns sagt: ›Nein, nicht klatschen, sei still‹«, dann »mache ich hingegen, was ich will«.

Es sei also wichtig, »auf die Sünde immer innerhalb dieser Beziehung zum Herrnzu blicken«, der uns liebt, der uns alles gibt, auch wenn »wir das tun, was wir wollen«. Aus diesem Grund, so der Rat des Papstes, sollten wir, »wenn wir das Gewissen erforschen oder uns auf die Beichte vorbereiten, nicht nur ein Verzeichnis der Sünden zusammenstellen, als sei es ein Telefonbuch oder der Kassenzettel eines Supermarkts: nein«. Es sei vielmehr notwendig, »diese Sünde« anzuerkennen, »die ich vor dem Herrn begangen habe. Immer die Beziehung sehen: ›Ich habe das vor dir getan.‹«

Oftmals »gehen wir zur Beichte mit einer Liste der Sünden – die hässlich sind, das ist wahr – und wir werfen dann alles vor den Priester hin und bleiben ruhig«. Doch »ich frage mich: Wo kommt dort der Herr vor? Habe ich daran gedacht, dass diese Sünde gegen den Herrn ist? ›Ach, das ist mir nicht in den Sinn gekommen‹.« Und dennoch »ist das ist kein Fleck, der von dir zu nehmen wäre. Wäre es ein Fleck, dann würde es reichen, in die Reinigung zu gehen und dich saubermachen zu lassen.« Dagegen »ist die Sünde ein Akt der Auflehnung gegenüber dem Herrn: sie ist schon an sich hässlich, aber sie ist auch hässlich gegen den Herrn, der gut ist«. Und »wenn ich so über meine Sünden denke, spüre ich, statt depressiv zu werden, jenes große Gefühl: die Scham, die Schande, von der der Prophet Baruch spricht«. Denn »die Scham ist eine Gnade: Scham zu verspüren vor dem Herrn«.

Daher der Vorschlag zu einer persönlichen Gewissenserforschung: »Keiner antworte jetzt, aber ja, jeder antworte sich im Herzen selbst: Habt ihr euch vor dem Herrn wegen eurer Sünden geschämt? Habt ihr um die Gnade der Scham gebeten, um die Gnade, mich vor dir, Herr, dem ich das angetan habe, zu schämen? Denn ich bin schlecht: Heile mich, Herr!« Und »möge der Herr alle heilen«, so die Hoffnung des Papstes, der daran erinnerte, dass die Scham »die Tür zur Heilung durch den Herrn öffnet«.

Und seinerseits, so fuhr Franziskus fort: »Was tut der Herr?« »Er tut das, worum wir im Tagesgebet gebeten haben: ›Herr, der du deine Allmacht vor allem mit der Barmherzigkeit und Vergebung offenbarst‹«. Wenn also »der Herr uns so sieht«, dann müssten wir »uns für das schämen, was wir getan haben, und demütig um Vergebung bitten: Er ist der Allmächtige, er löscht aus, er umarmt uns, er liebkost und vergibt uns«. Doch »das ist der Weg, um zur Vergebung zu gelangen, der Weg, den uns heute der Prophet Baruch lehrt«.

»Wir wollen heute den Herrn preisen«, so die Mahnung des Papstes, »da er seine Allmacht gerade in der Barmherzigkeit und in der Vergebung offenbaren wollte; dann auch in der Schöpfung der Welt, doch das ist das Zweite«. Und »vor allem in der Barmherzigkeit und in der Vergebung und vor einem so guten Gott, der alles vergibt, der so viel Erbarmen hat, wollen wir um die Gnade der Scham bitten, um die Gnade, uns zu schämen; um die Gnade, die Unehre zu verspüren«. Wie Baruch schreibt: »vor dem Herrn, unserem Gott, die Gerechtigkeit; und die Unehre, das heißt die Scham«. Und »sich ihm, der so allmächtig ist in der Barmherzigkeit und Vergebung, mit dieser Scham nähern«.

 



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