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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"
 

Drei Gaben Gottes

Montag, 6. November 2017

 

(aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 47, 24. November 2017)

 

Dadurch, dass man sich »misericordiare«, das heißt »vom Erbarmen Gottes ergreifen«, lässt, wird es möglich, sich dessen »unwiderrufliche Gaben« anzueignen: »die Erwählung, die Verheißung und den Bund«. Dies erklärte Papst Franziskus, der den Anwesenden anvertraute, diese drei Wirklichkeiten jedes Mal in besonderer Weise zu sehen, »wenn Brautleute zu mir kommen, damit ich ihre Trauringe segne: die Erwählung – sie erwählen sich gegenseitig –, das Versprechen, das Leben gemeinsam zu verbringen,und den Bund«. Und gerade »aus diesem Grund ist die Ehe eine der vollkommensten Ausformungen der Gabe Gottes«. Dies also war in seiner Predigt bei der Messe in Santa Marta am Montag, den 6. November, der rote Faden der Betrachtungen des Papstes, der alle zu einer Gewissenserforschung einlud.

»In diesem Abschnitt aus dem Brief an die Römer«, worauf der Papst in Bezug auf die erste Lesung vom Tag (11,29-36) sofort aufmerksam machte, »beendet Paulus seine Überlegungen zur Erwählung der Israeliten durch Gott und zur Erwählung der Heiden: es ist dies alles eine theologische Argumentation, die Paulus vorbringen muss, um zu überzeugen, dass beide erwählt sind, dass beide erwählt worden sind«. Und »er endet mit diesem starken Satz: ›Brüder, die Gaben Gottes sind unwiderruflich.‹« Es ist, als sage er: »Wenn Gott eine Gabe schenkt, dann ist diese Gabe unwiderruflich: er gibt sie nicht heute und, nimmt sie dann morgen wieder weg«, und »wenn Gott beruft, dann bleibt diese Berufung für das ganze Leben«.

»Es gab in der Heilsgeschichte drei Gaben, Berufungen,« so der Papst, »die Gott an sein Volk gerichtet hat; die Erwählung, die Verheißung und den Bund, das heißt die Gabe der Erwählung, die Gabe der Verheißung und die Gabe des Bundes«. »Das Volk Gottes ist ein auserwähltes Volk«, erklärte Franziskus, der in Erinnerung rief: »Es ist gerade der Herr, der Abraham erwählt – den ersten Erwählten – und ihn mit einer Verheißung voranbringt und mit ihm und seinen Nachfolgern einen Bund schließt«. Und »es ist gerade der Herr, der fortfährt, die Erwählung zu unterstreichen, zu stärken«. Denn in der Tat: »im Abraham-Zyklus, im Buch Genesis – wie oft sagt doch der Herr: ›Ja, ich habe dich erwählt‹, und wie oft unterstreicht und wiederholt er die Verheißung: ›Ich werde dir einen Sohn geben, doch nicht diesen, einen anderen.‹ – ›Aber im Alter von neunzig Jahren?‹ – ›Im Alter von neunzig Jahren!‹«

Das also sei »die Verheißung«, so Franziskus, der die Tatsache hervorhob, dass »der Herr ständig den Bund feiert, jenen von ihm am Anfang besiegelten Bund«. Und »das ist die Heilsgeschichte«, erklärte der Papst, »doch nie nimmt der Herr sie zurück, nie«. Somit »sind diese Gaben der Erwählung, der Verheißung und des Bundes unwiderruflich: für das Volk Gottes, für die Kirche und auch für einen jeden von uns«. Denn »ein jeder von uns wurde erwählt; ein jeder von uns ist ein Erwählter, eine Erwählte Gottes; ein jeder von uns trägt eine Verheißung, die Gott gemacht hat: ›Wandle in meiner Gegenwart und sei rechtschaffen, und ich werde dir das tun‹«. Und weiter, fügte Franziskus hinzu, »schließt ein jeder von uns Bündnisse mit dem Herrn«. In Wirklichkeit »kann man dies tun, oder es auch nicht tun: man ist frei. Doch das ist eine Tatsache.«

Aus dieser Perspektive, so der Papst, sei es angemessen, dass sich ein jeder die Frage stelle: »Wie spüre ich die Erwählung: fühle ich mich als ein zufälliger Christ? Wie lebe ich die Verheißung, eine Verheißung des Heils auf meinem Weg, und wie bin ich dem Bund treu? Wie er treu ist?« Denn, so erklärte Franziskus, »er ist treu« und aus diesem Grund »sind die Gaben und die Berufung unwiderruflich: er kann nicht sich selbst verleugnen, er ist die Treue selbst«. In Anbetracht dieser Wahrheit riet der Papst zu einigen Fragen, die man sich selbst stellen solle: »Fühle ich mich von Gott erwählt? Spüre ich die Liebkosung Gottes in meinem Herzen? Spüre ich, dass Gott mich liebt? Dass er sich um mich kümmert? Und wenn ich mich entferne, geht er mich suchen?« Es könne hilfreich sein, zum Beispiel »an das Gleichnis vom verlorenen Schaf zu denken: der Herr, der auf die Suche nach ihm geht, und an seine Verheißungen, an den Bund«.

Franziskus vertraute so den Anwesenden an: »Jedes Mal, wenn Brautleute zu mir kommen, damit ich ihre Trauringe segne, sehe ich dort, in jener Geste, diese drei Dinge: die Erwählung – sie erwählen sich gegenseitig –, das Versprechen, das Leben gemeinsam zu verbringen, und den Bund.« Gerade »aus diesem Grund gehört die Ehe zu den vollkommensten Formen der Gabe Gottes«. In den folgenden »vier Zeilen« des Briefs an die Römer wiederhole Paulus, »nachdem er dies erklärt hat, vier Mal« »die Worte ›Ungehorsam‹ und ›Erbarmen‹: zwischen diesen besteht eine Spannung, wo Ungehorsam ist, da war Erbarmen«. Paulus wiederhole es »vier Male: das bedeutet, dass es auf dem Weg der Erwählung hin zur Verheißung und zum Bund Sünden geben wird, da wird es Ungehorsam geben, doch angesichts dieses Ungehorsams ist da immer das Erbarmen«.

»Es ist dies«, so der Papst, »wie die Dynamik unseres zur Reife Hingehens: immer ist da Erbarmen, da er treu ist, er widerruft seine Gaben nie«. Und das »ist damit verbunden: die Gaben sind unwiderruflich, weil angesichts unserer Schwächen, unserer Sünden immer Barmherzigkeit gegeben ist, und als Paulus zu dieser Überlegung gelangt, geht er dann einen Schritt weiter: nicht aber, um uns etwas zu erklären, sondern einen Schritt der Anbetung«.

»O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege!«, schreibt der Apostel an die Römer. Worte, die »ein Akt der Anbetung, des Lobpreises sind: er kniet nieder vor diesem Geheimnis des Ungehorsams und des Erbarmens, das uns frei macht, und vor dieser Schönheit der unwiderruflichen Gaben der Erwählung, der Verheißung und des Bundes«. Und das sei die Argumentation des Paulus: »wenn er mit dem Kopf nicht mehr weiterkommen kann, weil er schon alles erklärt hat, dann kniet Paulus nieder und betet an«. Er »betet in Stille an«.

»Ich denke, es kann uns gut tun, uns allen«, so der Rat des Papstes, »heute an unsere Erwählung zu denken, an die Verheißungen, die uns der Herr gemacht hat, und daran, wie ich den Bund mit dem Herrn lebe«. Doch auch daran, »wie ich mich – gestattet mir das Wort – angesichts meiner Sünden, meines Ungehorsams ›misericordiare‹, ›vom Erbarmen Gottes ergreifen‹, lasse«. Und »zum Schluss: ob ich wie Paulus fähig bin, Gott dafür zu preisen, was er mir, was er einem jeden von uns gegeben hat: preisen und jenen Akt der Anbetung vollziehen«. Zum Abschluss seiner Predigt lud Franziskus ein, »nie zu vergessen«, dass »die Gaben und der Ruf Gottes unwiderruflich sind: er ist ›der Treue‹«.

 



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