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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"
 

Gebet für die Politiker

Montag, 16. September 2019

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(aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 42, 18. Oktober 2019)

 

Wenn von Politik die Rede ist, dann sind sehr oft »Schmeicheleien« oder »Beleidigungen« das einzige, was zu hören ist. Das scheint Gewohnheit zu sein. Und was wäre, wenn man dagegen die Gelegenheit, die tiefe Bedeutung, die Pflicht, »für die Regierenden« und »für die Politiker« zu beten, in Betracht ziehen würde? In der ersten Messe nach der Sommerpause, die Papst Franziskus am Morgen des 16. September in Santa Marta feierte, nahm er das Stichwort aus dem Wortgottesdienst auf, um über einen sehr konkreten Aspekt des täglichen Lebens nachzudenken, und er lud ein, christlich mit dem Gebet denen nahe zu sein, die berufen sind, in dem zu arbeiten, was Paul VI. als die »höchste Form der Nächstenliebe« betrachtete: in der Politik.

Ausgangspunkt der Überlegungen des Papstes war der Abschnitt aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an Timotheus (2,1-8), in dem der Apostel »das ganze Volk Gottes zum Gebet auffordert «. Vor allem handle es sich um eine allgemeine, »universale Bitte«: »Mein Sohn, vor allem fordere ich zu Bitten und Gebeten, zu Fürbitte und Danksagung auf, und zwar für alle Menschen. « Ihr werden Details hinzugefügt: »für die Herrscher und für alle, die Macht ausüben, damit wir in aller Frömmigkeit und Rechtschaffenheit ungestört und ruhig leben können. Das ist recht und wohlgefällig vor Gott.« Abschließend heißt es noch einmal: »Ich will, dass die Männer überall beim Gebet ihre Hände in Reinheit erheben, frei von Zorn und Streit.«

Paulus, so erklärte der Papst, »betont ein wenig das Umfeld des Gläubigen: es ist das Gebet«. Es handle sich um ein Gebet der Fürbitte, bei dem eine Nebenbemerkung zu berücksichtigen sei: »für die Herrscher und für alle, die Macht ausüben «. Es handele sich also um ein »Gebet für die Regierenden, für die Politiker«, für alle, die einer politischen Institution oder einer nationalen oder lokalen Verwaltung vorstehen. In diesem Zusammenhang lieferte Franziskus sogleich eine Momentaufnahme der Realität der heutigen Gesellschaft: »Manchmal empfinde ich Mitleid mit den Regierenden, weil die Dinge, die sie erhalten, Schmeicheleien seitens ihrer Günstlinge oder sonst Beleidigungen sind. Und auch die Politiker werden beleidigt.« Es sei wahr, dass »jemand das manchmal verdient«, wie es auch »einige Priester und Bischöfe« verdient hätten. Es bleibe jedoch die Tatsache, dass diese Haltung nunmehr eine »Gewohnheit« zu sein scheine: Das sei gewissermaßen der »Rosenkranz der Beleidigungen, Schimpfwörter und Herabwürdigungen… «, die die Politiker begleiteten.

Daher stelle sich die Frage, die wie eine Provokation klinge: Nun, da ist jener Mann, der für die nationale oder lokale Regierung Verantwortung trägt: »Lassen wir ihn allein, ohne Gott zu bitten, ihn zu segnen?« Die Schrift hingegen sei, wie der Papst sagte, ganz klar und deutlich: »Für die Herrscher und für alle, die Macht ausüben« beten. Und warum? »Damit wir in aller Frömmigkeit und Rechtschaffenheit ungestört und ruhig leben können. Das ist recht und wohlgefällig vor Gott.« Deshalb: »Für jeden von ihnen beten, dass sie in ihrem Volk ein ruhiges, friedliches und würdiges Leben fördern können.«

Eine so gut wie immer missachtete Ermahnung: »Ich bin mir sicher, dass nicht für die Regierenden gebetet wird. Ja, man beleidigt sie, ja, das ja. Es scheint, dass das Gebet für die Machthaber darin besteht, sie zu beleidigen, weil ›mir nicht gefällt was er tut‹, weil ›er korrupt ist‹.« Und in Bezug auf bestimmte Gewohnheiten fügte Franziskus mit enger Anbindung an die Aktualität eine Anmerkung hinzu: »Vor kurzem – und ich stelle die Frage an euch alle, an alle Italiener – hatten wir eine Regierungskrise: Wer von uns hat für die Regierenden gebetet? Wer von uns hat für die Parlamentarier gebetet? Damit sie zu einer Übereinkunft gelangen und so ihr Land voranbringen können? Es scheint, dass der patriotische Geist nicht zu beten vermag; aber zu Herabwürdigungen, zum Hass, zu Streitigkeiten fähig ist, und dabei bleibt es.«

Dagegen sage der Apostel Paulus: »Ich will, dass die Männer überall beim Gebet ihre Hände in Reinheit erheben, frei von Zorn und Streit.« Und darin finde sich ein Rat für die Politik selbst: »Wir müssen diskutieren und das ist die Funktion eines Parlaments, wir müssen diskutieren, aber nicht den anderen zerstören; vielmehr müssen wir für den anderen beten, für den, der eine andere Meinung hat als ich.«

Hier also die Frage, die jeden Christen angehen müsse: »Denken wir mal darüber nach: Bete ich für die Regierenden? ›Nein, für den nicht, der ist zu kommunistisch!‹ – Aber betest du für ihn? – ›Nein, den mag ich nicht, weil sie sagen, er ist korrupt!‹– Betest du, damit er umkehrt? « Und die Antwort sei klar: »Das Gebet für die Regierenden ist das erste, was wir tun müssen, auch für die Politiker «. Jemand, so fügte Franziskus hinzu, könnte Einwände erheben: »›Aber Pater, Politik ist schmutzig!‹ Doch Paul VI. hielt sie für die höchste Form der Nächstenliebe!« Die Politik »kann schmutzig sein, wie jeder Beruf schmutzig sein kann, jeder… Wir sind diejenigen, die eine Sache schmutzig machen, aber es ist nicht die Sache an sich, die schmutzig ist. Ich glaube, wir müssen uns bekehren und für die Politiker jeder Couleur beten, für alle! Für die Herrscher beten.«

Hier fügte der Papst einen weiteren Gedanken hinzu: »Als ich das Wort Gottes hörte, kam mir dieses sehr schöne Ereignis im Evangelium in den Sinn: der Verantwortliche, der für einen der Seinen betete, dieser Hauptmann, der für einen der Seinen betet.« Das bedeute: »Auch die Regierenden müssen für ihr Volk beten«, so wie jener Hauptmann »für einen Diener, vielleicht für einen Hausangestellten betet, für den er sich verantwortlich fühlt«. Und auch »die Regierenden sind für das Leben eines Landes verantwortlich«. Daher »ist es schön zu denken, dass, wenn das Volk für die Regierenden betet, die Regierenden auch für das Volk werden beten können, genau wie dieser Hauptmann, der für seinen Diener betet«. Franziskus schloss seine Predigt mit einer Empfehlung: »Heute wäre es für jeden von uns schön, sein Gewissen zu prüfen: Was halte ich von der Politik?« Und er fügte hinzu: »Ich fordere nicht« dazu auf, »über Politik zu diskutieren«, sondern vielmehr sich die Frage zu stellen: »Betest du für die Regierenden? Betest du für die Politiker, damit sie mit Würde ihrer Berufung nachgehen können?«

 



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