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AUSSERORDENTLICHES JUBILÄUM DER BARMHERZIGKEIT

GEISTLICHE EINKEHR UNTER LEITUNG DES HEILIGEN VATERS
ZUM JUBILÄUM DER PRIESTER

DRITTE MEDITATION

Basilika Sankt Paul vor den Mauern - Donnerstag, 2. Juni 2016

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Dritte Meditation: Der Duft Christi und das Licht seiner Barmherzigkeit

 

Hoffen wir, dass der Herr uns gewähren möge, worum wir gebetet haben: das Beispiel der Geduld Jesu nachzuahmen und mit Geduld die Schwierigkeiten zu überwinden.

Diese dritte Meditation hat den Titel: „Der Duft Christi und das Licht seiner Barmherzigkeit“.

In dieser dritten Begegnung schlage ich euch vor, über die Werke der Barmherzigkeit zu meditieren. Wir können sowohl eines herausgreifen, das unserem Empfinden nach am besten unserem eigenen Charisma entspricht, als auch sie alle zusammen betrachten und sie mit den Augen Marias sehen, die uns „den fehlenden Wein“ entdecken lassen und uns ermutigen. „alles zu tun, was Jesus uns sagt“ (vgl. Joh 2,1-12), damit seine Barmherzigkeit die Wunder vollbringt, die unser Volk nötig hat.

Die Werke der Barmherzigkeit sind sehr an die „geistlichen Sinne“ gebunden. Im Gebet erbitten wir die Gnade, das Evangelium so „zu hören und zu verkosten“, dass es uns sensibel macht für das Leben. Vom Heiligen Geist bewegt und von Jesus geführt können wir mit den Augen der Barmherzigkeit schon von weitem sehen, wer am Straßenrand am Boden liegt; können wir die Rufe des Bartimäus hören; können wir fühlen wie der Herr, der am Saum seines Gewandes die schüchterne, aber entschlossene Berührung durch die an Blutungen leidende Frau fühlt; können wir die Gnade erbitten, mit ihm am Kreuz den bitteren Gallegeschmack aller Gekreuzigten zu kosten, um so den starken Geruch des Elends wahrzunehmen – in Feldlazaretten, in Zügen und Kähnen voller Menschen – diesen Geruch, den das Öl der Barmherzigkeit nicht überdeckt; doch wenn es ihn salbt, lässt es wieder Hoffnung aufkommen.

Der Katechismus der Katholischen Kirche erzählt uns im Zusammenhang mit den Werken der Barmherzigkeit, dass die heilige Rosa von Lima, als ihre Mutter sie eines Tages tadelte, weil sie zu Hause Arme und Kranke beherbergte, dieser ohne Zögern antwortete: » Wenn wir den Armen und Kranken dienen, sind wir der Wohlgeruch Christi « (vgl. Nr. 2449). Dieser Wohlgeruch Christi – die Sorge für die Armen – ist und war immer kennzeichnend für die Kirche. Paulus sah darin den Schwerpunkt seiner Begegnung mit den » Säulen «, wie er sie nennt, mit Petrus, Jakobus und Johannes, wenn er schreibt: Von ihnen » wurde mir nichts auferlegt […] Nur sollten wir an ihre Armen denken «  (Gal 2,6.10). Das erinnert mich an eine Begebenheit, die ich schon mehrmals erzählt habe: Als ich gerade zum Papst gewählt worden war und die Auszählung der Stimmen noch weiterging, kam ein Bruder Kardinal zu mir, umarmte mich und sagte zu mir: „Vergiss die Armen nicht!“ Das war die erste Botschaft, die der Herr mir in jenem Moment zukommen ließ. Auch der Katechismus betont mit eindrucksvollen Worten: » Darum richtet sich auf alle, die [vom Elend] bedrückt sind, auch eine vorrangige Liebe der Kirche, die seit ihren Anfängen, ungeachtet der Schwächen vieler ihrer Glieder, unaufhörlich dafür gewirkt hat, die Bedrückten zu stützen, zu verteidigen und zu befreien « (Nr. 2448). Und das ohne Ideologien, allein mit der Kraft des Evangeliums.

In der Kirche hatten und haben wir vieles, was nicht sehr gut ist, und viele Sünden; doch darin, den Armen mit den Werken der Barmherzigkeit zu dienen, sind wir als Kirche immer dem Heiligen Geist gefolgt, und unsere Heiligen haben es auf sehr kreative und wirkungsvolle Weise getan. Die Liebe zu den Armen ist das Zeichen gewesen, das Licht, das die Menschen veranlasst hat, Gott den Vater zu preisen. Unsere Leute wissen das zu schätzen: den Priester, der sich um die Armen und die Kranken kümmert, der den Sündern vergibt, der geduldig unterweist und korrigiert… Unser Volk sieht dem Priester viele Fehler nach, nur nicht den, am Geld zu hängen. Das verzeiht das Volk nicht. Und das nicht so sehr wegen des Reichtums an sich, sondern weil das Geld uns den Reichtum der Barmherzigkeit verlieren lässt. Unser Volk hat ein feines Gespür dafür, welche Sünden für den Hirten schwerwiegend sind, welche seinen Dienst zunichtemachen, weil sie ihn zum Funktionär oder noch schlimmer: zum Söldling werden lassen, und welche hingegen – ich würde nicht sagen zweitrangige, denn ich weiß nicht, ob man das theologisch so sagen kann – aber doch erträgliche Sünden sind, die man wie ein Kreuz auf sich nimmt, bis der Herr sie am Ende reinigt, wie er es mit dem Unkraut tut. Was jedoch gegen die Barmherzigkeit verstößt, ist ein grundsätzlicher Widerspruch. Es verstößt gegen die Heilsdynamik, gegen Christus, der unseretwegen arm wurde, um uns durch seine Armut reich zu machen (vgl. 2 Kor 8,9). Und das ist so, weil die Barmherzigkeit umsorgt und pflegt, indem sie „etwas von sich verliert“: Ein Stückchen des Herzens bleibt beim Verwundeten; eine Zeit unseres Lebens, in der wir Lust hatten, etwas zu tun, verlieren wir, wenn wir sie dem anderen schenken, in einem Werk der Barmherzigkeit.

Daher geht es nicht darum, dass Gott mir gegenüber in Bezug auf irgendeinen Fehler Barmherzigkeit erweist, als sei ich im Übrigen selbständig; oder darum, dass ich ab und zu irgendeinem Bedürftigen irgendeine besondere Tat der Barmherzigkeit erweise. Die Gnade, um die wir in diesem Gebet bitten, ist die, dass wir uns von Gott Barmherzigkeit erweisen lassen in allen Aspekten unseres Lebens und dass wir mit den anderen barmherzig sind in all unserem Tun. Für uns Priester und Bischöfe, die wir mit den Sakramenten arbeiten, indem wir  taufen, Beichte hören, Eucharistie feiern…, ist die Barmherzigkeit die Weise, das ganze Leben des Gottesvolkes in ein Sakrament zu verwandeln. Barmherzig sein ist nicht nur eine Wesensart, sondern die Wesensart. Es gibt keine andere Möglichkeit, Priester zu sein. Der Pfarrer Brochero sagte: » Der Priester, der nicht viel Mitleid mit den Sündern hat, ist ein halber Priester. Diese gesegneten Klamotten, die ich am Leibe trage, sind nicht das, was mich zum Priester macht; wenn ich in meinem Herzen keine Liebe trage, bin ich nicht einmal ein Christ. «

Zu sehen, was fehlt, und unverzüglich Abhilfe zu schaffen und noch besser: es vorauszusehen, ist typisch für den Blick eines Vaters. Dieser priesterliche Blick – der Blick dessen, der im Innern der Mutter Kirche die Stelle des Vaters vertritt –, dieser Blick, der uns dazu führt, die Menschen aus der Perspektive der Barmherzigkeit zu sehen, ist das, was vom Seminar an zu pflegen gelehrt werden muss und was alle pastoralen Pläne zu inspirieren hat. Wir wünschen und erbitten vom Herrn einen Blick, der die Zeichen der Zeit zu unterscheiden lernt unter dem Gesichtspunkt, „welche Werke der Barmherzigkeit heute für unser Volk notwendig sind“, damit die Menschen den Gott der Geschichte, der mitten unter ihnen unterwegs ist, spüren und an ihm Gefallen finden können. Denn – wie es das Dokument von Aparecida mit den Worten des heiligen Alberto Hurtado sagt – » an unseren Taten erkennt unser Volk, dass wir sein Leid verstehen « (Nr. 386).

Der Beweis für dieses Verständnis gegenüber unserem Volk besteht darin, dass wir in unseren Werken der Barmherzigkeit immer von Gott gesegnet sind und bei unseren Leuten Hilfe und Mitarbeit finden. Das trifft nicht für andere Arten von Projekten zu, die manchmal gut gehen und manchmal nicht. Und manche merken nicht, warum es nicht funktioniert, und zerbrechen sich den Kopf, indem sie nach einem neuen, zigsten Pastoralplan suchen, während man doch einfach – ohne in Einzelheiten gehen zu müssen – sagen könnte: Es funktioniert nicht, weil ihm die Barmherzigkeit fehlt. Wenn es nicht gesegnet ist, dann weil ihm Barmherzigkeit fehlt. Es fehlt jene Barmherzigkeit, die mehr zu einem Feldlazarett gehört als zu einer Luxusklinik; jene Barmherzigkeit, die, indem sie etwas Gutes würdigt, den Boden bereitet für eine spätere Begegnung des Menschen mit Gott, anstatt ihn durch eine gezielte Kritik zu entfernen…

Ich schlage euch ein Gebet mit der Sünderin vor, der vergeben wurde (vgl. Joh 8,3-11), um die Gnade zu erbitten, in der Beichte barmherzig zu sein, und ein weiteres über die soziale Dimension der Werke der Barmherzigkeit.

Es rührt mich immer diese Schriftstelle vom Herrn mit der Ehebrecherin, wie der Herr, als er sie nicht verurteilte, gegen das Gesetz „verstieß“. In dem Punkt, zu dem sie seine Stellungnahme forderten – „muss man sie steinigen oder nicht?“ – äußerte er sich nicht, wendete er das Gesetz nicht an. Er tat, als verstehe er nicht – auch darin ist der Herr ein Lehrer für uns –, und in dem Moment packte er etwas anderes aus. So leitete er einen Prozess im Herzen der Frau ein, die diese Worte: » auch ich verurteile dich nicht « brauchte. Indem er ihr die Hand reichte, ließ er sie aufstehen, und das erlaubte ihr, einem Blick voller Liebe und Freundlichkeit zu begegnen, der ihr Herz verwandelte. Der Herr reicht die Hand der Tochter des Jaïrus:  „Gebt ihr etwas zu essen!“; dem gestorbenen jungen Mann von Naïn: „Steh auf!“, und gibt ihn seiner Mutter zurück; und dieser Sünderin: „Steh auf!“. Der Herr bringt uns in genau die Situation, in der Gott uns haben möchte: stehend, aufgerichtet, niemals am Boden. Manchmal erzeugt es in mir eine Mischung aus Pein und Empörung, wenn jemand sich beeilt, die letzte Ermahnung, das » sündige nicht mehr «, zu erklären und diesen Satz gebraucht, um Jesus zu „verteidigen“ und damit bloß nicht die Sache im Raum stehen bleibt, dass das Gesetz übergangen wurde. Ich denke, dass die Worte, die der Herr gebraucht, eine Einheit bilden mit dem, was er tut. Die Tatsache, dass er sich bückt, um zweimal mit dem Finger auf die Erde zu schreiben, und so eine Pause schafft vor dem, was er zu denen sagt, welche die Frau steinigen wollen, und dann vor dem, was er zu der Frau sagt, spricht uns von einer Zeit, die der Herr sich nimmt, um zu urteilen und zu verzeihen. Eine Zeit, die jeden an sein eigenes Inneres verweist und bewirkt, dass diejenigen, die urteilen, sich zurückziehen.

In seinem Dialog mit der Frau eröffnet der Herr weitere Räume: Einer ist der Raum der Nicht-Verurteilung. Das Evangelium beharrt auf diesem Raum, der frei geblieben ist. Es versetzt uns in den Blick Jesu und sagt uns, dass er ringsum niemanden mehr sieht, nur noch die Frau. Und dann veranlasst Jesus selbst die Frau, sich umzuschauen mit der Frage: „Wo sind jene, die dich klassifizierten?“ (Das Wort ist wichtig, denn es bringt das zur Sprache, was wir so schlecht vertragen wie die Sache, dass man uns etikettiert und uns zur Karikatur macht…). Und nachdem er sie erst einmal jenen Raum sehen lässt, der frei ist vom Urteil anderer, sagt er ihr, dass nicht einmal er mit seinen Steinen in ihn eindringt: » Auch ich verurteile dich nicht. « Und in demselben Augenblick öffnet er ihr einen weiteren Freiraum: » Geh und sündige von jetzt an nicht mehr! « Das Gebot wird für die Zukunft gegeben, als Gehhilfe, um „in der Liebe voranzuschreiten“. Das ist das Feingefühl der Barmherzigkeit, die erbarmungsvoll auf die Vergangenheit schaut und Mut macht für die Zukunft. Dieses „sündige nicht mehr“ ist nicht etwas  Selbstverständliches. Der Herr sagt es „gemeinsam mit ihr“; er hilft ihr, in Worte zu fassen, was sie selbst empfindet, dieses freie „Nein“ zur Sünde, das wie das „Ja“ Marias zur Gnade ist. Das „Nein“ wird in Bezug auf die Wurzel der Sünde eines jeden gesagt. Bei der Frau handelte es sich um eine gesellschaftliche Sünde, um die Sünde von einer, auf die die Menschen zugingen, um sich entweder mit ihr zu vergnügen oder sie zu steinigen. Eine andere Art der Annäherung an diese Frau gab es nicht. Darum räumt der Herr ihr nicht nur den Weg frei, sondern er bringt sie auf den Weg, damit sie aufhört, „Objekt“ des Blickes anderer zu sein, und selbständig handelndes „Subjekt“ ist. Das „nicht sündigen“ bezieht sich nicht nur auf den moralischen Aspekt, glaube ich, sondern auf eine Art von Sünde, die sie daran hindert, ihr eigenes Leben zu leben. Zum Gelähmten von Bethesda sagt Jesus ebenfalls: » Sündige nicht mehr « (Joh 5,14). Doch ihn, der sich rechtfertigte für die traurigen Dinge, die ihm geschahen, und der eine Opfermentalität besaß – nicht so die Frau! –, stachelt er ein wenig an mit den Worten: » damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt « (ebd.). Der Herr nutzt die Denkweise des Gelähmten, das, wovor er sich fürchtet, um ihn aus seiner Lähmung herauszuziehen. Sagen wir: Mit der Angst bringt er ihn in Bewegung. So muss jeder von uns dieses „sündige nicht mehr“ tiefgreifend und ganz persönlich hören.

Dieses Bild des Herrn, der die Menschen in Bewegung bringt, ist sehr treffend: Er ist der Gott, der sich mit seinem Volk auf den Weg macht, der unsere Geschichte weiterführt und begleitet. Darum ist das Objekt, auf das die Barmherzigkeit gerichtet ist, genau bestimmt: Sie wendet sich an das, was einen Menschen veranlasst, sich nicht dort zu bewegen, wo sein Platz ist, nämlich mit seinen Lieben, in dem ihm eigenen Rhythmus, zu dem Ziel, zu dem Gott ihn einlädt. Die Sorge, das, was zutiefst beunruhigt, ist, dass einer auf Abwege gerät oder zurückbleibt oder aus Anmaßung fehlgeht; dass er – sagen wir – desorientiert ist; dass er nicht für den Herrn bereit ist, verfügbar für die Aufgabe, die er ihm übertragen möchte; dass einer sich nicht in Ehrfurcht in der Gegenwart Gottes bewegt (vgl. Mi 6,8), dass er nicht in Liebe seinen Weg geht (vgl. Eph 5,2).

Der Raum des Beichtstuhls, wo die Wahrheit uns frei macht

Jetzt kommen wir zu dem Raum des Beichtstuhls, wo die Wahrheit uns frei macht. Der Katechismus der Katholischen Kirche zeigt uns den Beichtstuhl als einen Ort, an dem die Wahrheit uns frei macht für eine Begegnung. Es heißt dort: » Wenn der Priester das Bußsakrament spendet, versieht er den Dienst des Guten Hirten, der nach dem verlorenen Schaf sucht; den des barmherzigen Samariters, der die Wunden verbindet; den des Vaters, der auf den verlorenen Sohn wartet und ihn bei dessen Rückkehr liebevoll aufnimmt; den des gerechten Richters, der ohne Ansehen der Person ein zugleich gerechtes und barmherziges Urteil fällt. Kurz, der Priester ist Zeichen und Werkzeug der barmherzigen Liebe Gottes zum Sünder « (Nr. 1465). Und er erinnert uns daran, dass » der Beichtvater […] nicht Herr, sondern Diener der Vergebung Gottes [ist]. Der Diener dieses Sakramentes soll sich mit der Absicht und der Liebe Christi vereinen « (Nr. 1466).

Zeichen und Werkzeug einer Begegnung. Das sind wir. Eine wirkungsvolle Anziehungskraft für eine Begegnung. „Zeichen“ bedeutet, dass wir Anziehung ausüben müssen wie jemand, der winkt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Ein Zeichen muss stimmig und eindeutig sein, vor allem aber verständlich. Denn es gibt Zeichen, die nur für die Spezialisten eindeutig sind, und die helfen nicht weiter. Zeichen und Werkzeug. Für das Werkzeug hängt alles davon ab, ob es wirksam ist – ist es nützlich oder nicht? –, ob es greifbar ist und ob es genau und in geeigneter Weise auf die Wirklichkeit einwirkt. Wir sind ein Werkzeug, wenn die Menschen wirklich dem barmherzigen Gott begegnen. Uns obliegt es, „dafür zu sorgen, dass sie einander begegnen“, von Angesicht zu Angesicht einander gegenüberstehen. Was sie dann tun, ist ihre Angelegenheit. Es gibt einen verlorenen Sohn im Schweinestall und einen Vater, der jeden Abend auf die Dachterrasse steigt, um zu sehen, ob er kommt; es gibt ein verlorenes Schaf und einen Hirten, der sich auf die Suche nach ihm begeben hat; es gibt einen am Straßenrand liegengelassenen Verwundeten und einen Samariter, der ein gutes Herz hat. Was ist also unser Dienst? Zeichen und Werkzeug zu sein, damit diese einander begegnen. Machen wir uns ganz klar, dass wir weder der Vater, noch der Hirte, noch der Samariter sind. Wir befinden uns vielmehr an der Seite der anderen drei, insofern wir Sünder sind. Unser Dienst muss Zeichen und Werkzeug dieser Begegnung sein. Versetzen wir uns daher in den Bereich des Geheimnisses des Heiligen Geistes: Er ist es, der die Kirche schafft, der die Einheit herstellt, der jedes Mal die Begegnung belebt.

Die andere besondere Eigenschaft eines Zeichens und eines Werkzeugs ist, dass sie nicht selbstbezogen sind. Niemand bleibt beim Zeichen stehen, wenn er die Sache selbst verstanden hat; niemand hält inne, um den Schraubenzieher oder den Hammer zu betrachten, sondern er betrachtet das Bild, das sicher aufgehängt ist. Wir sind „unnütze Sklaven“. Das ist es: Werkzeuge und Zeichen, die sehr nützlich waren für zwei andere, die sich in einer Umarmung vereint haben wie der Vater und der Sohn.

Das dritte besondere Merkmal des Zeichens und des Werkzeugs ist ihre Verfügbarkeit: dass das Werkzeug gebrauchsbereit und das Zeichen sichtbar ist. Das Wesen des Zeichens und des Werkzeug ist, dass sie Mittler sind, verfügbar. Vielleicht liegt hier der Schlüssel für unsere Aufgabe bei dieser Begegnung der Barmherzigkeit Gottes mit dem Menschen. Möglicherweise ist es deutlicher, wenn man es negativ ausdrückt. Der heilige Ignatius sprach davon, „kein Hindernis zu sein“. Ein guter Mittler ist derjenige, welcher die Dinge vereinfacht und keine Hindernisse aufstellt. In meinem Land gab es einen großen Beichtvater, Pater Cullen. Er setzte sich in den Beichtstuhl, und wenn keine Leute da waren, tat er zwei Dinge: Das eine war, Lederbälle zu flicken für die Jungen, die Fußball spielten, und das andere, in einem großen chinesischen Wörterbuch zu lesen. Er war nämlich lange Zeit in China gewesen und wollte die Sprache nicht verlernen. Er sagte, wenn die Leute ihn bei Beschäftigungen sahen, die so nutzlos waren wie das Reparieren alter Bälle und so langfristig wie das Lesen in einem chinesischen Wörterbuch, dann dachten sie: „Zu diesem Priester kann ich gehen und ein wenig mit ihm sprechen, denn wie man sieht, hat er nichts zu tun.“ Er stand zur Verfügung für das Wesentliche. Er hatte einen bestimmten Zeitplan für den Beichtstuhl, aber er war einfach dort. Er vermied die Hürde, immer das Aussehen eines stark Beschäftigten zu haben. Da liegt das Problem. Die Leute kommen nicht, wenn sie ihren Hirten immer sehr, sehr beschäftigt sehen, immer im Einsatz.

Jeder von uns hat gute Beichtväter kennengelernt. Wir müssen von unseren guten Beichtvätern lernen, von denen, auf die die Leute zugehen, von denen, die die Menschen nicht erschrecken und die es verstehen, sich so lange mit dem anderen zu unterhalten, bis er erzählt, was passiert ist – wie Jesus mit Nikodemus. Es ist wichtig, die Sprache der Gesten zu verstehen; nicht nach Dingen zu fragen, die durch die Gesten schon klar sind. Wenn jemand zum Beichtstuhl kommt, dann tut er das, weil er etwas bereut, es gibt bereits Reue. Und wenn er kommt, tut er das, weil er den Wunsch hat, sich zu ändern. Oder er wünscht sich wenigstens diesen Wunsch, wenn die Situation ihm unmöglich erscheint (ad impossibilia nemo tenetur – wie der Rechtssatz sagt – zum Unmöglichen ist niemand verpflichtet). Die Sprache der Gesten. Ich habe in der Lebensbeschreibung eines Heiligen unserer Zeit gelesen. Der Arme, er hat während des Krieges gelitten. Da war ein Soldat, der erschossen werden sollte, und er ging hin, um seine Beichte zu hören. Und offensichtlich war jener Soldat ein bisschen ein Wüstling gewesen, er hatte sich sehr mit Frauen vergnügt… „Aber bereust du das?“ – „Nein, Pater, das war ja so schön!“ Da wusste dieser Heilige nicht recht weiter. Das Exekutionskommando stand bereit, um den Soldaten zu erschießen, und so sagte er zu ihm: „Sag wenigstens: Tut es dir leid, dass du keine Reue hast?“ – „Das ja.“ – „Aha, gut so!“. Der Beichtvater sucht immer einen Weg, und die Sprache der Gesten ist die Sprache der Möglichkeiten, etwas auf den Punkt zu bringen.

Man muss von den guten Beichtvätern lernen, die Feinfühligkeit gegenüber den Sündern besitzen und denen ein halbes Wort genügt, um alles zu verstehen – wie Jesus mit der unter Blutungen leidenden Frau –, und genau in dem Moment geht von ihnen die Kraft der Vergebung aus. Durchaus positiv beeindruckt hat mich ein Kurienkardinal, den ich von vornherein für sehr streng und unbeweglich gehalten hatte. Als er aber in der Beichte jemanden hatte, der sich einer Sünde so schämte, dass er Mühe hatte, sie beim Namen zu nennen, und deshalb mit einem oder zwei Worten zaghaft begann, begriff der Kardinal sofort, worum es ging und sagte: „Nur weiter, ich hab‘ schon verstanden!“ Er unterbrach ihn, weil er verstanden hatte. Das ist Feingefühl. Doch jene Beichtväter – verzeiht! – die fragen und fragen…: „Aber bitte, sag‘ mir…“. Brauchst du so viele Einzelheiten, um zu vergeben, oder „machst du dir einen Film“? Jener Kardinal hat mich sehr positiv beeindruckt. Die Vollständigkeit der Beichte ist keine mathematische Frage – „Wie oft? Wie? Wo?... –; manchmal löst die Anzahl der Sünden im Verborgenen mehr Beschämung aus als die Sünde selbst. Aber deshalb muss man sich innerlich anrühren lassen angesichts der Situation der Menschen, die manchmal eine Mischung aus Ereignissen, Krankheit, Sünde und unüberwindlichen Konditionierungen ist – wie Jesus, der beim Anblick der Menschen Mitleid empfand; es ging ihm zu Herzen, er spürte es bis ins Mark, und deshalb heilte er; und er heilte sogar, wenn der andere „nicht ausdrücklich darum bat“ wie jener Aussätzige, oder wenn er darum herumredete wie die samaritische Frau, die sich wie ein Kiebitz verhielt: Sie „lockte“ in die eine Richtung, hatte das Nest aber in der anderen. Jesus war geduldig.

Man muss von den Beichtvätern lernen, die sich so zu verhalten wissen, dass der Beichtende die Zurechtweisung spürt und einen kleinen Schritt voran tut – wie Jesus, der eine Bußübung aufgab, die genügte, und den zu würdigen wusste, der zurückkehrte, um zu danken, der sich noch weiter bessern konnte. Jesus ließ den Gelähmten seine Bahre tragen oder er ließ sich von den Blinden und von der kanaanäischen Frau ein wenig bitten. Es störte ihn nicht, wenn sie sich danach nicht mehr um ihn kümmerten wie der Gelähmte von Bethesda, oder wenn sie Dinge erzählten, die nicht zu erzählen er ihnen geboten hatte, und es dann schien, als sei er selbst der Aussätzige, weil er nicht mehr in die Dörfer gehen konnte, oder seine Feinde Gründe fanden, ihn zu verurteilen. Er heilte, verzieh, schenkte Erleichterung, Ruhe, ließ die Menschen einen Hauch des Tröster-Geistes einatmen.

Was ich jetzt sagen werde, habe ich schon oft erzählt; vielleicht hat jemand von euch es schon gehört. In Buenos Aires habe ich einen Kapuziner-Pater kennengelernt – er lebt noch, ist etwas jünger als ich –, der ein großer Beichtvater ist. Vor dem Beichtstuhl hat er immer eine Warteschlange, viele Menschen – alles: einfache Leute, wohlhabende Leute, Priester, Ordensschwestern, eine lange Reihe – eine endlose Folge von Menschen, deren Beichte er hört, den ganzen Tag lang. Und er ist ein großer Verzeihender. Immer findet er einen Weg, um zu vergeben und einen Schritt weiter zu führen. Das ist ein Geschenk des Heiligen Geistes. Aber manchmal kommt ihm der Zweifel, zu viel vergeben zu haben. Und da hat er einmal im Gespräch zu mir gesagt: „Manchmal habe ich diesen Zweifel.“ Und ich habe ihn gefragt: „Und was tust du mit diesem Zweifel?“ – „Ich begebe mich vor den Tabernakel, schaue auf den Herrn und sage ihm: Herr, verzeih mir, heute habe ich viel vergeben. Doch dass das ganz klar ist: Es ist deine Schuld, denn du warst es, der mir das schlechte Beispiel gegeben hat!“ Das heißt, die Barmherzigkeit machte er wett mit noch mehr Barmherzigkeit.

Als Letztes zu diesem Thema der Beichte zwei Ratschläge. Zum einen: Habt niemals den Blick des Justizbeamten, den Blick dessen, der nur „Fälle“ sieht und sie abschüttelt. Die Barmherzigkeit befreit uns davon, ein Priester zu sein, der – sagen wir: wie ein Richter mit der Sturheit eines Beamten – durch das viele Beurteilen von „Fällen“ das Gespür für die Menschen und für die Gesichter verliert. Ich erinnere mich, dass ich, als ich im zweiten Jahr des Theologiestudiums war, mit meinen Kameraden ging, um bei der Prüfung der „audiendas“ zuzuhören, die im dritten Jahr der Theologie, vor der Priesterweihe, abgehalten wurde. Wir gingen, um etwas zu lernen; man lernte immer etwas dazu. Und einmal wurde einem Kameraden eine Rechtsfrage gestellt, „de iure“,  aber so verzwickt, so künstlich… Und jener Kamerad sagte ganz demütig: „Aber Pater, so etwas kommt im Leben nicht vor.“ – „Aber es kommt in den Büchern vor!“ – Diese Moral der Bücher, ohne Erfahrung… Die Regel Jesu ist: „beurteilen, wie wir beurteilt sein möchten“. In jenem inneren Maßstab, den man hat, um zu beurteilen, ob man würdevoll behandelt wird, ob man ignoriert oder misshandelt wird, ob einem geholfen wurde aufzustehen…, darin liegt der Schlüssel, um die anderen zu beurteilen. Beachten wir, dass der Herr diesem so subjektiv persönlichen Maßstab vertraut! Nicht so sehr, weil dieser Maßstab „der beste“ wäre, sondern weil er ehrlich ist und man von ihm aus eine gute Beziehung aufbauen kann. Der zweite Ratschlag: Seid nicht neugierig im Beichtstuhl. Das habe ich bereits erwähnt. Die heilige Theresia [vom Kinde Jesu] erzählt, dass sie, wenn sie die vertraulichen Mitteilungen ihrer Novizinnen empfing, sich hütete zu fragen, wie sich die Dinge dann weiterentwickelt hatten. Sie schnüffelte nicht in der Seele der anderen herum (vgl. Geschichte einer Seele, Manuskript C. An Mutter Gonzaga, c. XI 32 r). Es ist typisch für die Barmherzigkeit, „mit ihrem Mantel zu überdecken“, die Sünde zu überdecken, um die Würde nicht zu verletzen. Schön ist die Schriftstelle, die von den beiden Söhnen Noahs erzählt, die mit dem Mantel die Blöße ihres Vaters bedeckten, der sich betrunken hatte (vgl. Gen 9,23).

Die soziale Dimension der Werke der Barmherzigkeit

Jetzt wollen wir noch ein paar Worte über die soziale Dimension der Werke der Barmherzigkeit sagen. An das Ende der Geistlichen Übungen setzt der heilige Ignatius die » Betrachtung, um Liebe zu erlangen «, die das, was man im Gebet erlebt hat, mit dem Alltagsleben verbindet. Und er lässt uns darüber nachdenken, wie die Liebe mehr in die Werke als in die Worte gelegt werden muss. Diese Werke sind die Werke der Barmherzigkeit, die der himmlische Vater im Voraus bereitet hat, damit wir sie tun (vgl. Eph 2,10), und die der Heilige Geist jedem Einzelnen eingibt zum Wohl aller (vgl. 1 Kor  12,7). Während wir dem Herrn für die vielen Wohltaten danken, die wir von seiner Güte empfangen haben, bitten wir ihn um die Gnade, allen Menschen die Barmherzigkeit zu überbringen, die uns gerettet hat.

Ich schlage euch im Zusammenhang mit dieser sozialen Dimension vor, über einige Abschnitte zu meditieren, mit denen die Evangelien schließen. Dort stellt der Herr selbst die Verbindung her zwischen dem, was wir empfangen haben, und dem, was wir geben müssen. Wir können diese Schlussworte im Hinblick auf die „Werke der Barmherzigkeit“ lesen; sie machen die Zeit der Kirche fruchtbar, in der der auferstandene Christus lebt, uns begleitet, uns aussendet und unsere Freiheit an sich zieht, die sich in ihm konkret und täglich neu verwirklicht.

Der Schluss des Matthäusevangeliums berichtet uns, dass der Herr die Apostel aussendet und ihnen sagt: » Lehrt […], alles zu befolgen, was ich euch geboten habe « (28,20). Dieses „die Unwissenden lehren“ ist in sich selbst ein Werk der Barmherzigkeit. Und wie das Licht sich bricht, so spaltet es sich auf in die anderen Werke: in die aus Matthäus 25, wo es eher um die sogenannten leiblichen Werke geht, und in alle Gebote und Ratschläge des Evangeliums wie zu verzeihen, brüderlich zurechtzuweisen, die Traurigen zu trösten, Verfolgungen zu ertragen usw.

Markus schließt mit dem Bild des Herrn, der mit den Aposteln „zusammenarbeitet“ und „die Verkündigung bekräftigt durch die Zeichen, die sie begleiten“ (vgl. 16,20). Diese „Zeichen“ haben das Merkmal der Werke der Barmherzigkeit. Markus spricht unter anderem davon, die Kranken zu heilen und Dämonen auszutreiben (vgl. 16,17-18).

Lukas setzt sein Evangelium fort mit der Apostelgeschichte, dem Buch der „Taten – praxeis – der Apostel“ und erzählt ihre Vorgehensweise und die Werke, die sie vom Heiligen Geist geführt vollbringen.

Johannes schließt, indem er sagt, dass es » viele andere Zeichen « (20,30) bzw. » noch vieles andere [gibt], was Jesus getan hat « (21,25). Die Taten des Herrn, seine Werke, sind nicht einfache Tatsachen, sondern es sind Zeichen, in denen sich – in einer für jeden persönlichen und einmaligen Weise – seine Liebe und seine Barmherzigkeit zeigen.

Wir können den Herrn, der uns zu dieser Arbeit aussendet, in dem Bild des barmherzigen Jesus betrachten, so wie es der Schwester Faustina offenbart wurde. In jenem Bild können wir die göttliche Barmherzigkeit sehen wie ein einziges Licht, das aus dem Innern Gottes kommend den Weg über das Herz Jesu nimmt und vielgestaltig gebrochen herausströmt mit einer eigenen Farbe für jedes Werk der Barmherzigkeit.

Die Werke der Barmherzigkeit sind zahllos, jedes mit seiner persönlichen Prägung, mit der Geschichte eines jeden Gesichtes. Es sind nicht nur die sieben leiblichen und die sieben geistigen Werke ganz allgemein. Oder besser gesagt: So aufgezählt sind diese wie die „Rohstoffe“ – die des Lebens selbst –, und wenn sie von der Hand der Barmherzigkeit berührt oder geformt werden, verwandelt sich jedes von ihnen in ein persönlich gestaltetes Werk. Ein Werk, das sich vervielfacht wie das Brot in den Körben; das übermäßig wächst wie das Senfkorn. Denn die Barmherzigkeit ist fruchtbar und inklusiv. Diese beiden wichtigen Merkmale: Die Barmherzigkeit ist fruchtbar und inklusiv. Es ist wahr, dass wir gewöhnlich an die Werke der Barmherzigkeit denken, indem wir sie einzeln betrachten und in Verbindung mit einer Einrichtung sehen: Krankenhäuser für die Kranken, Mittagstische für die Hungrigen, Herbergen für die Obdachlosen, Schulen für die, welche eine Ausbildung brauchen, und Beichtstuhl und geistliche Leitung für die, welche Rat und Vergebung nötig haben… Wenn wir sie aber gemeinsam betrachten, dann lautet die Botschaft, dass der Gegenstand der Barmherzigkeit das menschliche Leben selbst ist und zwar in seiner Ganzheit. Unser eigenes Leben in seiner Eigenschaft als „Fleisch“ ist hungrig, durstig, bedarf der Kleidung, einer Wohnung, des Kontaktes mit anderen Menschen wie auch eines würdigen Begräbnisses, das niemand sich selber geben kann. Auch der Reichste wird, wenn er stirbt, zu einem Häufchen Elend, und niemand führt in seinem Trauerzug den Umzugswagen mit. Insofern es „Geist“ ist, bedarf unser eigenes Leben der Erziehung, der Zurechtweisung, der Ermutigung und des Trostes – das ist ein sehr wichtiges Wort in der Bibel: Denken wir an Israels Trostbuch beim Propheten Jesaja. Wir haben es nötig, dass andere uns beraten, uns verzeihen, uns unterstützen und für uns beten. Die Familie ist der Ort, wo diese Werke der Barmherzigkeit in so angemessener Form und so uneigennützig praktiziert werden, dass man es gar nicht merkt; doch es genügt, dass in einer Familie mit kleinen Kindern die Mutter fehlt, und alles gerät in Not. Das vollkommenste und grausamste Elend ist das eines Straßenkindes, ohne Eltern und den Aasgeiern ausgesetzt.

Wir haben die Gnade erbeten, Zeichen und Werkzeug zu sein; jetzt geht es darum, zu „handeln“, und zwar nicht nur Gesten zu tun, sondern Werke zu vollbringen, eine Kultur der Barmherzigkeit zu schaffen, zu „institutionalisieren“ – was nicht dasselbe ist wie eine Wohlfahrtskultur; wir müssen das unterscheiden –. Wenn wir uns an die Arbeit machen, spüren wir sofort, dass es der Heilige Geist ist, der drängt, der diese Werke vorantreibt. Und er tut es, indem er sich der Zeichen und der Werkzeuge bedient, die er will, auch wenn sie manchmal an sich nicht die geeignetsten sind. Mehr noch, man könnte sagen, dass der Geist zur Ausübung der Werke der Barmherzigkeit eher die ärmlichsten Werkzeuge auswählt, die am demütigsten und unbedeutendsten sind und selbst am meisten jenes ersten Strahles der göttlichen Barmherzigkeit bedürfen. Das sind diejenigen, die sich am besten formen und vorbereiten lassen, um einen wirklich wirksamen und hochwertigen Dienst zu leisten. Die Freude, sich als „unnütze Sklaven“ zu fühlen, ist für die, welche der Herr mit der Fruchtbarkeit seiner Gnade segnet und die er persönlich an seinem Tisch Platz nehmen lässt und ihnen die Eucharistie schenkt, eine Bestätigung, dass man an seinen Werken der Barmherzigkeit arbeitet.

Unserem gläubigen Volk gefällt es, sich um die Werke der Barmherzigkeit zu scharen. Es genügt, zu einer der Generalaudienzen am Mittwoch zu kommen, um zu sehen, wie viele Gruppen es gibt von Menschen, die sich zusammentun, um Werke der Barmherzigkeit zu vollbringen. Sowohl in den liturgischen Feiern – Bußandachten und Festmessen – als auch in solidarischem Tun und in der Glaubensvertiefung lassen unsere Leute sich zusammenführen und „weiden“. Dies geschieht in einer Weise, die nicht alle kennen und zu schätzen wissen, obwohl viele andere, auf abstraktere Dynamiken ausgerichtete Pastoralpläne scheitern. Die massenhafte Anwesenheit unseres gläubigen Volkes in unseren Heiligtümern und bei unseren Wallfahrten – eine anonyme Anwesenheit aufgrund der Überzahl an Gesichtern und wegen des Wunsches, sich allein von Demjenigen und Derjenigen sehen zu lassen, die voller Barmherzigkeit auf sie schauen, wie auch aufgrund der vielen Mitarbeiter, die mit ihrem Einsatz viele solidarische Werke unterstützen –, diese massenhafte Anwesenheit muss unsere Aufmerksamkeit erregen und uns anregen, dies zu würdigen und zu fördern. Und für mich war es eine Überraschung, wie stark diese Organisationen hier in Italien sind und wie viel Volk sie versammeln.

Als Priester erbitten wir vom Guten Hirten zwei Gnaden: uns vom sensus fidei unseres gläubigen Volkes und auch von seinem „Empfinden des Armen“ leiten zu lassen. Beide „Sinne“ sind mit dem „sensus Christi“ verbunden, von dem der heilige Paulus spricht, mit der Liebe und dem Glauben, die unsere Leute für Jesus hegen.

Schließen wir, indem wir das Anima Christi beten. Es ist ein schönes Gebet, um den im Fleisch gekommenen Herrn um Barmherzigkeit zu bitten; mit seinem eigenen Leib und seiner Seele selbst schenkt er uns sein Erbarmen. Wir bitten ihn, dass er uns gemeinsam mit seinem Volk Barmherzigkeit erweist: Seine Seele bitten wir: „Heilige uns!“; seinen Leib flehen wir an: „Rette uns!“; sein Blut bitten wir inständig: „Tränke uns!“, nimm uns jeden anderen Durst, der nicht Durst nach dir ist; das Wasser aus seiner Seite bitten wir: „Wasche uns rein!“; von seinem Leiden erflehen wir: „Stärke uns!“. Tröste dein Volk, oh gekreuzigter Herr; in deinen Wunden, so bitten wir, „birg uns“… Lass nicht zu, dass dein Volk sich von dir trennt, oh Herr! Nichts und niemand trenne uns von deiner Barmherzigkeit, die uns vor den Verlockungen des bösen Feindes schützt. So werden wir mit allen deinen Heiligen deine Barmherzigkeit besingen können, wenn du uns einst zu dir rufst.

[Gebet des „Anima Christi“]

Ich habe manchmal Kommentare von Priestern gehört, die sagen: „Aber dieser Papst schlägt zu viel auf uns ein und macht uns Vorwürfe.“ Und manchen Hieb, manchen Vorwurf gibt es. Doch ich muss sagen, dass ich von vielen Priestern positiv beeindruckt worden bin, von vielen guten Priestern. Von denen – ich habe solche kennengelernt –, die in der Zeit, als es noch keinen Anrufbeantworter gab, mit dem Telefon auf dem Nachttisch schliefen, und niemand starb ohne die Sakramente. Man rief sie zu jeder beliebigen Zeit an, und sie standen auf und gingen. Gute Priester! Und ich danke dem Herrn für diese Gnade. Alle sind wir Sünder, aber wir können sagen, dass es viele gute, heilige Priester gibt, die im Stillen und im Verborgenen arbeiten. Manchmal gibt es einen Skandal, aber wir wissen ja, dass ein Baum, der fällt, mehr Lärm macht als ein Wald, der wächst.

Gestern habe ich einen Brief erhalten; ich habe ihn dort gelassen, bei den persönlichen Briefen. Bevor ich hierher kam, habe ich ihn geöffnet, und ich glaube, dass es der Herr war, der mir das eingegeben hat. Es ist der Brief eines Pfarrers in Italien, eines Pfarrers von drei kleinen Dörfern. Ich denke, dass es uns gut tun wird, dieses Zeugnis von einem unserer Brüder anzuhören. Der Brief ist am 29. Mai geschrieben, vor einigen Tagen.

„Entschuldigen Sie die Störung. Ich ergreife die Gelegenheit, dass ein befreundeter Priester in diesen Tagen wegen des Jubiläums für Priester in Rom ist, um Ihnen – ohne irgendwelche Ansprüche zu erheben – als einfacher Pfarrer dreier kleiner Bergpfarreien (ich lasse mich am liebsten „Pastorello“ nennen) einige Überlegungen über meinen einfachen pastoralen Dienst zukommen zu lassen. Die Anregung zu diesen Überlegungen kam mir aus einigen Dingen, die Sie gesagt haben, für die ich Ihnen von Herzen danke und die mich jeden Tag zur Umkehr rufen. Ich weiß wohl, dass ich Ihnen nichts Neues schreibe; sicher haben Sie diese Dinge schon gehört. Ich habe aber das Bedürfnis, sie auch selbst zur Sprache zu bringen.

Ihre wiederholte Aufforderung an uns Hirten, den Geruch der Schafe zu haben, hat mich beeindruckt und beeindruckt mich immer neu. Ich bin in den Bergen und weiß genau, was das bedeutet. Man wird Priester, um diesen Geruch wahrzunehmen, der übrigens der wahre Duft der Herde ist. Es wäre wirklich schön, wenn der tägliche Kontakt und der dauernde Umgang mit unserer Herde – der eigentliche Grund für unsere Berufung – nicht verdrängt würde von den administrativen und bürokratischen Verpflichtungen für die Pfarreien, den Kindergarten und anderes. Zu meinem Glück habe ich gute und tüchtige Laien, die diesen Dingen eigenständig nachkommen. Aber da ist immer diese rechtliche Verpflichtung des Pfarrers als des einzigen legalen Vertreters. Deshalb muss letztlich immer er überallhin eilen und manchmal den Krankenbesuch oder den Besuch bei den Familien auf den letzten Platz verbannen und vielleicht rasch und irgendwie erledigen. Das sage ich ganz persönlich: Manchmal ist es wirklich frustrierend festzustellen, wie ich in meinem Priesterleben so viel Eile habe für den Büro- und Verwaltungsapparat und dann die Leute, jene kleine Herde, die mir anvertraut ist, fast sich selbst überlasse. Glauben Sie mir, Heiliger Vater, das ist traurig, und oft ist mir zum Weinen zumute wegen dieses Mangels. Man versucht, sich zu organisieren, doch am Ende ist da nur der Strudel der täglichen Angelegenheiten.

Ebenso wie ein anderer Aspekt, an den auch Sie erinnert haben: der Mangel an Vaterschaft. Man spricht von der heutigen Gesellschaft als einer vater- und mutterlosen Gesellschaft. Ich meine zu bemerken, dass manchmal auch wir diese geistliche Vaterschaft aufgeben und schonungslos zu Bürokraten des Heiligen verkommen, mit der traurigen Konsequenz, dass wir uns dann uns selbst überlassen fühlen. Eine schwierige Vaterschaft, die sich dann unvermeidlich auch auf unsere Vorgesetzten auswirkt, die ebenfalls mit verständlichen Verpflichtungen und Problemen beschäftigt sind und so in Gefahr kommen, eine formelle Beziehung zu uns zu pflegen, die mehr mit der Führung der Gemeinde zu tun hat als mit unserem Leben als Menschen, als Gläubige und als Priester.

All das – und ich komme zum Schluss – nimmt dennoch nicht die Freude und die Leidenschaft, Priester für die Menschen und mit den Menschen zu sein. Wenn ich als Hirte gelegentlich nicht den Geruch der Schafe habe, bin ich jedes Mal gerührt über meine Herde, die nicht den Geruch des Hirten verloren hat! Wie schön, Heiliger Vater, wenn man merkt, dass die Schafe uns nicht alleinlassen. Sie haben das „Thermometer“ unseres Daseins für sie; und wenn der Hirte vielleicht vom Weg abkommt und sich verirrt, ergreifen sie ihn und halten ihn an der Hand. Ich werde nie aufhören, dem Herrn zu danken, dass er uns immer rettet durch seine Herde, jene Herde, die uns anvertraut ist, diese einfachen, guten, demütigen und heiter-gelassenen Leute, diese Herde, die die wahre Gnade für den Hirten ist.

Ich habe Ihnen diese kleinen, einfachen Überlegungen vertraulich zukommen lassen, denn Sie sind der Herde nahe, Sie sind fähig, zu verstehen, und können uns weiterhin helfen und uns unterstützen. Ich bete für Sie und danke Ihnen – wie auch dafür, dass Sie uns manchmal „am Ohr ziehen“; ich spüre, dass ich das nötig habe für meinen Weg. Segnen Sie mich, Papst Franziskus, und beten Sie für mich und für meine Pfarreien.“

Unterschrift, und am Ende jene für die Hirten typische Geste: „Ich überlasse Ihnen eine kleine Spende. Beten Sie für meine Gemeinden, besonders für einige Schwerkranke und für einige Familien in finanziellen Schwierigkeiten und nicht nur… Danke!“

Das ist einer unserer Brüder. Es gibt viele solche, viele! Sicher auch hier. Viele. Er weist uns den Weg. Und gehen wir voran! Versäumt nicht das Gebet! Betet, wie ihr könnt, und wenn ihr vor dem Tabernakel einschlaft, so sei es zum Segen. Aber betet. Das nicht aufgeben! Und versäumt nicht, euch von der Muttergottes anschauen zu lassen und sie wie eine Mutter anzuschauen. Verliert nicht den Eifer, versucht es zu schaffen… Verliert nicht die Nähe und die Verfügbarkeit für die Menschen und – ich erlaube mir, es euch zu sagen – verliert nicht den Sinn für Humor. Und gehen wir voran!

 



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