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PASTORALBESUCH VON PAPST FRANZISKUS
IN CESENA ZUM 300. JAHRESTAG DER GEBURT VON PAPST PIUS VI.
UND BOLOGNA ZUM ABSCHLUSS DES EUCHARISTISCHEN DIÖZESANKONGRESSES 

BEGEGNUNG MIT DER BÜRGERSCHAFT

ANSPRACHE DES HEILIGEN VATERS

Piazza del Popolo (Cesena)
Sonntag, 1. Oktober 2017

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Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Es gefällt mir, dass ich meinen Besuch in Cesena mit einer Begegnung mit der Bürgerschaft beginnen kann, an diesem Ort, der für das bürgerliche und soziale Leben Eurer Stadt so bedeutsam ist. Eine Stadt, die auf eine reiche Kultur und auf geschichtsträchtige Ereignisse zurückschauen kann, zählt sie unter ihre berühmten, hier geborenen Söhne doch auch zwei Päpste: Pius VI., dessen 300. Geburtstags wir gedenken, und Pius VII.

Dieser Platz ist seit Jahrhunderten der Treffpunkt der Bürger und der Ort, an dem der Markt abgehalten wird. Er trägt seinen Namen also zu Recht: Piazza del Popolo [Platz des Volkes], oder schlicht und einfach »die Piazza«, weil er dem Volk gehört, ein öffentlicher Ort, wo im Rathaus wichtige Entscheidungen für die Stadt getroffen werden und wo wirtschaftliche und soziale Initiativen gestartet werden. Die Piazza ist ein emblematischer Ort, an dem sich die Anliegen der Einzelnen mit den Bedürfnissen, Erwartungen und Träumen der gesamten Bürgerschaft auseinandersetzen müssen; wo sich die einzelnen Gruppierungen bewusst werden, dass ihre Wünsche mit jenen der Gemeinschaft in Einklang gebracht werden müssen. Ich würde es so ausdrücken – gestattet mir das Bild –: auf dieser Piazza wird das Gemeinwohl aller »verknetet«, hier wird für das Gemeinwohl aller gearbeitet. Diese Abstimmung der jeweiligen Einzelwünsche auf jene der Gemeinschaft bringt das Gemeinwohl hervor. Auf dieser Piazza lernt man, dass auch die Einzelnen sich nicht ihrer Rechte bedienen und ihre edelsten Ambitionen verwirklichen können, wenn sie nicht mit Beständigkeit, Engagement und Intelligenz für das Gemeinwohl arbeiten, da der geordnete und gesittete Raum eingeschränkt würde, in dem sie leben und arbeiten würden.

Die Zentralität der Piazza vermittelt also die Botschaft, dass es maßgeblich ist, dass alle für das Gemeinwohl zusammenarbeiten. Und das ist die Basis einer guten Regierung der Stadt, die sie schön, gesund und gastfreundlich macht, zu einem Kreuzungspunkt von Initiativen und zum Motor einer nachhaltigen und integralen Entwicklung.

Diese Piazza erinnert wie alle anderen Piazze Italiens an die Notwendigkeit einer guten Politik für das Leben der Gemeinschaft; nicht aber jener, die den Einzelinteressen oder der Anmaßung von Parteiungen oder von Interessensgruppen zu Diensten ist. Eine Politik, die weder Magd noch Herrin sein soll, sondern Freundin und Mitarbeiterin; die weder ängstlich noch voreilig ist, sondern verantwortlich und folglich zugleich mutig und klug; die dafür sorgt, dass die Menschen immer stärker beteiligt sind, dass ihre Einbeziehung und Mitwirkung progressiv zunimmt; die keine Gruppierungen außen vor lässt, die keine Rohstoffe ausplündert und verseucht – diese sind nämlich kein Fass ohne Boden, sondern ein Schatz, den Gott uns dazu geschenkt hat, dass wir uns seiner voller Ehrfurcht und Intelligenz bedienen. Eine Politik, die es versteht, die legitimen Bestrebungen der Einzelnen und der Gruppierungen dadurch in Einklang zu bringen, dass sie das Steuerruder im Interesse der gesamten Bürgerschaft gut auf Kurs hält.

So sehen eine authentische Politik und ihre Daseinsberechtigung aus: ein unschätzbarer Dienst für das Wohl der gesamten Gemeinschaft. Und das ist der Grund dafür, dass die Soziallehre der Kirche sie für eine edle Form der Nächstenliebe hält. Aus diesem Grunde lade ich jung und alt dazu ein, sich angemessen vorzubereiten und persönlich auf diesem Gebiet zu engagieren und dabei von Anfang an die Perspektive des Gemeinwohls im Auge zu haben und jede  auch noch so kleine Form der Korruption von sich zu weisen. Die Korruption ist der Holzwurm, der an einer Berufung zur Politik nagt. Die Korruption verhindert das Gedeihen einer Zivilisation. Und ein guter Politiker hat auch sein eigenes Kreuz zu tragen, wenn er gut sein will, da er oft gezwungen ist, seine eigenen Ideen zurückzustellen, um Initiativen der anderen aufzugreifen und in Einklang zu bringen, sie zu vereinen, damit eben gerade das Gemeinwohl gefördert wird. In diesem Sinne ist ein guter Politiker letzten Endes immer ein »Märtyrer« seines Dienstes, da er seine eigenen Ideen zurückstellt, sie aber nicht aufgibt, sondern sie mit anderen zur Diskussion stellt, um sich aufs Gemeinwohl zuzubewegen, und das ist sehr schön.

Von dieser Piazza aus lade ich Euch dazu ein, über den hohen Anspruch nachzudenken, Politik im Namen und im Interesse des Volkes zu betreiben, das sich mit einer Geschichte und mit gemeinsamen Werten identifiziert und das ein ruhiges Leben und ein geordnetes Wachstum will. Ich fordere Euch dazu auf, von den Protagonisten des öffentlichen Lebens bei der Auseinandersetzung mit den Herausforderungen unserer Zeit kohärentes Engagement, gute Vorbereitung, moralische Integrität, die Fähigkeit, die Initiative zu ergreifen, Langmut, Geduld und Selbstdisziplin zu verlangen, ohne deswegen eine geradezu unmögliche Perfektion zu verlangen. Und wenn der Politiker Fehler begeht, dann möge er die Seelengröße besitzen, zu sagen: »Ich habe einen Fehler gemacht, entschuldigt, machen wir weiter.« Und das ist nobel! Die menschlichen und historischen Angelegenheiten und die Vielschichtigkeit der Probleme machen es unmöglich, alles und auf der Stelle in den Griff zu bekommen. In der Politik funktioniert kein Zauberstab. Ein gesunder Realismus weiß, dass selbst die beste Führungsschicht außerstande ist, all diese Fragen Ruckzuck zu klären. Um das einzusehen, reicht der Versuch, persönlich zu versuchen, etwas zu tun, statt sich darauf zu beschränken, den Beobachter zu spielen und von einem Logenplatz aus die Arbeit der anderen zu kritisieren. Und das ist ein Fehler, wenn die Kritik nicht konstruktiv ausfällt. Wenn der Politiker einen Fehler macht, dann geh zu ihm und sag es ihm, es gibt vielerlei Weisen, wie man zu ihm sagen kann: »Nun, ich glaube, dass es soundso besser wäre…« Über die Zeitung, über das Radio… Aber es muss auf eine konstruktive Art und Weise gesagt werden. Und nicht von einem Logenplatz aus zuschauen, ihn von der Loge aus beobachten und darauf warten, dass er scheitert. Nein, so wird keine Zivilisation erbaut. Auf diese Art und Weise findet man die Kraft, die Verantwortung zu übernehmen, die uns zusteht, und zugleich sieht man dann ein, dass selbst mit Gottes Hilfe und mit der Unterstützung durch die Menschen trotz allem vorkommt, dass man Fehler begeht. Wir alle begehen Fehler. »Entschuldigt, ich habe einen Fehler gemacht. Ich gehe zurück auf den rechten Weg und gehe weiter.«

Liebe Brüder und Schwestern, diese Stadt ist, wie überhaupt die ganze Romagna, traditionell die Heimat lebhafter politischer Leidenschaften. Ich möchte Euch und jedermann sagen: Entdeckt auch für unsere Zeit wieder den Wert dieser wesentlichen Dimension des zivilen Zusammenlebens und leistet Euren Beitrag, seid bereit dazu, das Wohl des Ganzen über jenes eines Teils zu stellen; seid bereit, euch einzugestehen, dass jede Idee in der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit überprüft und modifiziert werden muss; seid dazu bereit, zuzugeben, dass es wichtiger ist, Initiativen zu starten, bei denen viele bereit sind, mitzuarbeiten, als darauf zu setzen, irgendwelche Pöstchen zu besetzen. Verlangt viel von Euch selbst und von den anderen, im Bewusstsein, dass ein gewissenhaftes Engagement, dem eine angemessene Vorbereitung vorausgegangen ist, Früchte tragen wird und zu einer Zunahme des Wohls, ja sogar des Glücks der Menschen führen wird. Hört alle an, alle haben ein Recht darauf, ihre Meinung vorzubringen, vor allem aber: schenkt den jungen und den alten Menschen Gehör! Den jungen deswegen, weil sie die Kraft haben, die Dinge voranzutreiben; und den alten, weil sie über die Weisheit eines ganzen Lebens und über die Autorität verfügen, den jungen – auch den jungen Politikern –, zu sagen: »Schau, Junge (oder Mädchen), in diesem Punkt machst du einen Fehler, schlag diesen anderen Weg ein, denk mal drüber nach«. Diese Beziehung zwischen alten und jungen Menschen ist ein Reichtum, den wir wiederherstellen müssen. Hat heute die Stunde der jungen Menschen geschlagen? Ja, zur Hälfte: Es ist auch die Stunde der alten Menschen. Heute schlägt in der Politik die Stunde des Dialogs zwischen jungen und alten Menschen. Bitte schlagt diesen Weg ein!

In den letzten Jahren scheint sich die Politik mitunter zurückzuziehen angesichts der Aggressivität und ihrer Durchdringung seitens anderer Formen der Macht, wie etwa der finanziellen und jener der Medien. Die Rechte der guten Politik, ihrer Unabhängigkeit, ihrer spezifischen Tauglichkeit dazu, dem Gemeinwohl zu dienen, so zu handeln, dass Unterschiede eingeebnet werden, das Wohl der Familien durch konkrete Maßnahmen zu fördern, ein solides Rahmenwerk von Rechten und Pflichten zu liefern – die beiden gut auszubalancieren – und dafür zu sorgen, dass sie für alle gelten, müssen wieder lanciert werden. Das Volk, das sich mit seinem Ethos und seiner Kultur identifiziert, erwartet von einer guten Politik die Verteidigung und die harmonische Entwicklung dieses Erbes und des besten Potentials, über das es verfügt. Bitten wir den Herrn darum, dass er gute Politiker berufe, denen die Gesellschaft, das Volk und das Wohl der Armen wirklich am Herzen liegt. Ihm, dem Gott der Gerechtigkeit und des Friedens, vertraue ich das soziale und bürgerliche Leben Eurer Stadt an. Danke.

 

 



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