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ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS
AN DIE TEILNEHMER DER 21. GENERALVERSAMMLUNG DER
INTERNATIONALEN VEREINIGUNG DER GENERALOBERINNEN (UISG)

Audienzhalle
Freitag, 10. Mai 2019

[Multimedia]


 

Aus dem Stegreif gehaltene Ansprache des Heiligen Vaters

Schriftlich vorbereiteter Text der Ansprache des Heiligen Vaters


 

Papst Franziskus: Danke für eure Anwesenheit. Ich habe eine Ansprache vorbereitet, aber Ansprachen vorlesen ist langweilig, und so überreiche ich sie der Präsidentin, und sie wird die offizielle Ansprache an euch weiterleiten. Ich möchte mit euch ein Gespräch führen. Vorher möchte ich jedoch zwei oder drei kleine Dinge aufgreifen, die die Präsidentin gesagt hat. Ihr seid etwa 850 Frauen aus 80 verschiedenen Ländern – eine bunte Vielfalt. Ich habe an eine Begegnung von Generaloberinnen vor 30 Jahren gedacht, jede im Habit [sie lachen]: Alle haben sich gleichermaßen versteckt. Heute trägt jede die Kleidung, die die Kongregation gewählt hat: weltliche Kleidung, den traditionellen Habit, einen moderneren Habit, die Landestracht… Ich denke, den Preis geben wir der Oberin der Kongregation von Jesus und Maria: Sie ist wirklich elegant mit dem indischen Gewand. Vielen Dank. Danke für den Weg der Erneuerung, den ihr beschreitet. Er ist riskant. Immer. Wachsen ist immer riskant, aber noch riskanter ist es, Angst zu haben und nicht zu wachsen. Denn du siehst jetzt nicht die Krise, die Gefahr, aber am Ende wirst du kleinmütig sein, ganz klein. Kein Kind, sondern schlimmer: ein Kleinkind. Danke für eure Arbeit.

Das Missbrauchsproblem: Das Missbrauchsproblem lässt sich nicht durch die Lösungen der Kirche von einem Tag auf den anderen lösen. Ein Prozess ist in Gang gesetzt worden. Gestern ist ein weiteres Dokument erschienen, und so machen wir langsam einen Prozess durch. Denn es ist eine Sache, derer wir uns 20 Jahre lang bis heute nicht bewusst waren und derer wir uns jetzt bewusst werden und derer wir uns sehr schämen. Aber gepriesen sei die Scham! Denn die Scham ist eine Gnade Gottes. Ja, es ist ein Prozess, aber wir müssen vorangehen, vorangehen in einem Prozess, Schritt für Schritt, um dieses Problem zu lösen.Einige Organisationen, die sich gegen Missbrauch engagieren, waren mit dem Treffen im Februar [der Präsidenten der Bischofskonferenzen] nicht zufrieden: »Nein, sie haben ja nichts getan.« Ich verstehe sie, weil sie innerlich leiden. Und ich habe gesagt: Wenn wir hundert Priester, die Missbrauch begangen haben, auf dem Petersplatz erhängt hätten, dann wären alle zufrieden gewesen. Aber das Problem wäre dadurch nicht gelöst. Die Probleme im Leben löst man durch Prozesse, nicht indem man Räume besetzt.

Auch der Missbrauch von Ordensfrauen ist ein ernsthaftes Problem, es ist ein gravierendes Problem, dessen bin ich mir bewusst. Auch hier in Rom ist man sich der Probleme bewusst, kommen die Informationen an. Und nicht nur der sexuelle Missbrauch der Ordensfrau: auch der Machtmissbrauch, der Gewissensmissbrauch. Dagegen müssen wir kämpfen. Und auch der Dienst der Ordensfrauen: bitte, Dienen ja, Knechtschaft nein. Du bist nicht Ordensfrau geworden, um Dienstmädchen eines Klerikers zu werden, nein. Aber darin müssen wir einander helfen. Wir können Nein sagen, aber wenn die Oberin Ja sagt… Nein, alle gemeinsam: Knechtschaft nein, Dienen ja. Du arbeitest in den Dikasterien, in diesem, in jenem, auch in der Verwaltung einer Nuntiatur als Verwalterin, ein Phänomen, das ist gut. Aber Dienstmädchen nein. Wenn du Dienstmädchen werden willst, dann tu es so wie die Schwestern von Pater Pernet, von der »Assumptio«: Sie sind Krankenschwestern und erledigen Hausarbeiten in den Häusern der Kranken: dort ja, denn es ist ein Dienst. Aber Knechtschaft nein. Helfen wir einander dabei.

Dann das Diakonat der Frauen. Als ihr mir vorgeschlagen habt, eine Kommission zu bilden – denn es war eure Idee –, habe ich zugestimmt, habe ich die Kommission gebildet, die Kommission hat gute Arbeit geleistet, sie haben sich alle Mühe gegeben, Theologen und Theologinnen, und sie sind bis zu einem bestimmten Punkt gelangt, wo sich alle einig waren. Dann hatte jeder eigene Ideen, so … Ich überreiche der Präsidentin – ich überreiche es heute offiziell – das Ergebnis über die wenigen Dinge, über die sich alle einig waren. Außerdem habe ich die persönliche Relatio eines jeden dabei, einer wagt sich weiter vor, ein anderer bleibt an einem bestimmten Punkt stehen… Und man muss die Sache untersuchen, denn ich kann kein sakramentales Dekret erlassen ohne eine theologische, historische Grundlage. Aber es wurde genug gearbeitet. Wenig, das stimmt: Das Ergebnis ist nichts Besonderes.

Aber es ist ein Schritt nach vorn. Gewiss gab es am Anfang eine Form des weiblichen Diakonats, vor allem in Syrien, in dem Gebiet; ich habe es [auf der Pressekonferenz] im Flugzeug gesagt [auf dem Rückflug aus Nordmazedonien]: Sie halfen bei der Taufe, im Fall der Auflösung einer Ehe, solche Dinge… Die Weihe war keine sakramentale Formel, es war sozusagen – das ist die Information, die ich bekommen habe, denn ich bin kein Experte auf diesem Gebiet – wie heute die Benediktion einer Äbtissin, ein besonderer Segen für das Diakonat der Diakoninnen. Es wird weitergehen; ich könnte in Kürze die Mitglieder der Kommission einberufen und schauen, wie weit sie gekommen sind. Ich überreiche offiziell den gemeinsamen Bericht; ich behalte – falls jemand Interesse hat, kann ich sie ihr gegebenenfalls geben – die persönliche Ansicht eines jeden. Sie haben aber gute Arbeit geleistet, und dafür danke ich.

Dann zur Funktion in der Kirche. Sucht… Wir müssen in der Frage weitergehen: Was ist die Aufgabe der Ordensschwester in der Kirche, der Frau, der geweihten Frau? Und macht nicht den Fehler zu meinen, dass es nur eine »funktionale« Aufgabe sei… Mag sein, ja, dass sie es ist, die Leiterin eines Dikasteriums… In Buenos Aires hatte ich eine Kanzlerin; in den Bistümern gibt es viele Frauen, die Kanzlerinnen sind… Ja, mag sein, auch funktional; aber das Wichtige ist etwas, das über die Funktionen hinausgeht, das noch nicht herangereift ist, das wir noch nicht gut verstanden haben. Ich sage: »Die Kirche ist weiblich«, »die Kirche ist eine Frau«, und jemand sagt: »Ja, aber das ist ein Bild.« Nein, das ist die Wirklichkeit. In der Bibel, im Buch der Offenbarung, wird sie »die Braut« genannt. Sie ist die Braut Jesu, sie ist eine Frau. Aber über diese Theologie der Frau müssen wir vorangehen. Das wollte ich euch sagen. Und jetzt habt ihr 40 Minuten Zeit, um Fragen zu stellen.

Erste Frage (auf Deutsch): Bruder Franziskus, ich bin Franziskanerin wie Sie, und ich stehe hier mit 850 Generaloberinnen, und wir verkörpern so viele Schwestern, die in allen Diensten sind der Kirche…

Papst Franziskus: Langsam, bitte.

Schwester: Ich spreche für viele Frauen, die sich danach sehnen, gleichberechtigt dem Volk Gottes zu dienen. Und wir wünschen uns, dass wir heute auf die Frauenfrage in der Kirche nicht nur die Antwort finden aus der Geschichte und aus der Dogmatik. Diese Quellen der Offenbarung brauchen wir, aber wir brauchen auch die jesuanische Kraft, wie Jesus mit den Frauen umgegangen ist, und welche Antwort können wir heute, im 21. Jahrhundert, darauf finden? Ich bitte Sie wirklich, dass Sie das weiter mit der Kommission bedenken. Dass wir nicht nur die historischen, die dogmatischen und andere Quellen nehmen, sondern das, was die Menschheit heute braucht, von Frauen, von Männern, vom ganzen Volk Gottes.

Papst Franziskus: Vielen Dank. Es stimmt, was Sie sagen, dass die Kirche nicht nur der Denzinger ist, also die Sammlung dogmatischer Texte, geschichtlicher Dinge. Das stimmt. Aber die Kirche entwickelt sich auf dem Weg in der Treue zur Offenbarung. Wir können die Offenbarung nicht verändern. Es stimmt, dass die Offenbarung sich entwickelt, das Wort lautet »sich entwickeln«. Sie entwickelt sich im Laufe der Zeit. Und wir verstehen im Laufe der Zeit den Glauben immer besser.

Das Glaubensverständnis ist heute, nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, anders als das Glaubensverständnis vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Warum? Weil es eine Bewusstseinsentwicklung gibt, Sie haben Recht. Und das ist nichts Neues, denn das Wesen, das Wesen der Offenbarung ist ständig in Bewegung, um sich selbst zu klären, auch das Wesen des moralischen Bewusstseins. Heute habe ich zum Beispiel deutlich gesagt, dass die Todesstrafe nicht akzeptabel, sondern unmoralisch ist, aber vor 50 Jahren sagte man das nicht. Hat die Kirche sich verändert? Nein: Das moralische Bewusstsein hat sich entwickelt. Eine Entwicklung. Die Kirchenväter haben das verstanden. Im 5. Jahrhundert gab es einen französischen Kirchenvater, Vinzenz von Lérins, der ein schönes Wort geprägt hat. Er sagt, dass das Glaubensbewusstsein – ich sage es erst auf Latein, dann übersetze ich es – »ut annis consolidetur, dilatetur tempore, sublimetur aetate«. Es wächst also, es wächst mit den Jahren; es ist stets im Wachstum begriffen, es verständert sich nicht, es wächst, es erweitert sich mit der Zeit. Man versteht es besser, und mit den Jahren wird es erhöht…   Und wenn ich sehe, dass das, was ich jetzt denke, in Verbindung mit der Offenbarung steht, dann ist es gut. Wenn es jedoch etwas Fremdes ist, das nicht in der Offenbarung ist – oder auch im moralischen Bereich, das nicht der Moral entspricht –, dann geht es nicht. Daher müssen wir im Fall des Diakonats danach suchen, wie es zu Beginn der Offenbarung war, ob es dort etwas gab, es wachsen, es ankommen zu lassen…

Wenn dort nichts war, wenn der Herr den Dienst nicht gewollt hat, dann geht der sakramentale Dienst für die Frauen nicht. Und darum wenden wir uns der Geschichte, dem Dogma zu. Außerdem hat mir das, was die Mutter Oberin gesagt hat, sehr gefallen, denn sie hat nicht nur das gesagt, sondern noch zwei Dinge: Eines dieser Dinge ist der Dialog mit der Welt, in der wir leben. Ein Dialog der Erfahrungen. Und dieser Dialog mit der Welt ruft neue Situationen hervor, die neue Antworten verlangen, aber diese Antworten müssen in Übereinstimmung mit der Offenbarung stehen. Es gibt den Dialog, ebenso wie die Entwicklung des Glaubens und der Moral – wie ich erklärt habe –, aber immer mit dieser Grundlage.

Zweitens: die Übereinstimmung mit der Offenbarung im Dialog. Man darf keine Angst haben, einen Dialog zu führen, er ist wichtig. Und drittens: das Zeugnis. Und ich glaube, dass das Wichtigste, was die Mutter Oberin gesagt, worauf sie hingewiesen hat, die Notwendigkeit des Zeugnisses ist. Es stimmt also: Wir brauchen nicht nur die dogmatischen Dinge. Mit dem Denzinger gelangen wir im konkreten Leben nirgends hin. Wir wissen, wie die Wahrheit aussieht, wir wissen wie das Dogma aussieht, aber wie wir der Sache begegnen, wie wir sie wachsen lassen, ist etwas anderes. Der Denzinger hilft uns, weil dort die ganze Dogmatik ist, aber wir müssen beständig wachsen. Ich hatte eure Kleidung erwähnt, die jetzige: »Ihr habt die Kleidung gewechselt und damit das geweihte Leben zerstört!« Nein: Im Dialog mit der Welt hat jede Kongregation geschaut, wie sie ihr Charisma am besten zum Ausdruck bringt, sich selbst zum Ausdruck bringt. Die trägt keinen Habit, die hat einen Habit, der so und so beschaffen ist, diese und jene sind anders gekleidet, aber sie sind weder schlechter noch besser: Jede Kongregation findet ihre Entscheidung. Und damit bin ich beim Schlüsselwort: Entscheidungsfindung. Wir brauchen einen Entscheidungsfindungsprozess. Es ist nicht alles weiß oder schwarz, und auch nicht grau. Alles ist in Bewegung, alles ist in Bewegung, aber wir müssen den richtigen Weg gehen, den Weg der Offenbarung.

Wir können keinen anderen Weg gehen. Auch wenn ich nicht auf alle Aspekte geantwortet habe, die in der Frage der Mutter Oberin enthalten waren, so ist dies im Grunde die Antwort, glaube ich. Es ist wahr: Die dogmatischen Definitionen, die geschichtlichen Dinge allein werden uns nicht helfen, nicht allein. Wir können aber nicht über die Offenbarung und ihre dogmatische Auslegung hinausgehen. Versteht ihr das? Wir sind katholisch. Wenn jemand eine andere Kirche gründen will, steht es ihm frei, aber…

Zweite Frage: Ich heiße Schwester Francesca und bin von der Kongregation der »Suore di Sant’Anna«. Ich möchte Ihnen zunächst meinen großen Dank aussprechen, weil Sie uns jedes Mal, wenn wir die Vollversammlung abhalten, Raum für eine Begegnung geben. Ich hätte einen unerfüllbaren Wunsch: dass Sie in der Vollversammlung anwesend wären, denn in der Vollversammlung sind alle Samen der Hoffnung hervorgekommen, der Sinn des weiblichen Ordenslebens in dieser Welt, in dieser heutigen Welt. Es ist nicht nur bewegend, sondern es ist anregend, es gibt Kraft, wenn man sieht, wie viele Samenkörner, mit unterschiedlicher Kleidung, mit den verschiedenen Charismen, den verschiedenen Sendungen, dort gegenwärtig sind, wo Schwäche, menschliche Schwäche vorhanden ist: vergewaltigte Kinder; Menschen, die ihre Heimat verlassen haben. Und oft sind wir dort, auch in Kriegsgebieten, in schwierigen Gebieten. Und wir hören auch Zeugnisse über die Bewahrung des Planeten, begonnen bei den kleinen Dingen: »Schmetterling für Schmetterling, jeder einzeln«, Person für Person, jede einzeln. Ja, vielleicht ist das weibliche Ordensleben nicht sehr sichtbar in der heutigen Welt, aber es ist da, und es sind viele kleine Samenkörner. Wir brauchen also keine klerikalen Räume zu besetzen, damit dieser Dienst sichtbar wird, denn er ist bereits da. Er ist da und wird auch weiterhin da sein, und deshalb wäre es schön, wenn in der Vollversammlung der UISG auch ein Mann anwesend wäre, als Auditor, um die lebendige Wirklichkeit zu hören, sie nicht nur in den Dokumenten zu lesen, sie aus den Stimmen der Schwestern zu hören. Wir haben auch an den Tischen miteinander darüber gesprochen. Das Leben ist konkret, es ist da, es ist das Samenkorn, das oft stirbt, und wir Generaloberinnen machen die Erfahrung vieler Tode, aber wir wissen, dass dies der Weg zum Leben ist, und in unserem Dienst als Mutter Oberin ist uns die Gnade geschenkt, Zeugnis zu geben, Augenzeugen von viel Leben zu sein.

Eine Frage. Wir sind hier alle Mütter: Sagen Sie uns konkret, wie Sie es so gut zu tun verstehen, wie wir Dienerinnen sein können, keine Diakoninnen, Dienerinnen, Mütter, in unserer heutigen Welt. Dienerinnen vor allem unserer Schwestern, denn die Schwächen sind auch im Innern, und vor allem sind wir Werkzeuge, Dienerinnen der Dienerinnen Jesu, die unsere Schwestern sind. Danke für Ihre Nähe zu einer jeden von uns.

Papst Franziskus: Ich danke dir. Es wäre wichtig, dass in der nächsten [Vollversammlung] männliche Beobachter da wären… Das ist wichtig, um die Nuancen zu verstehen, die aus einer Zusammenfassung nie hervorgehen… Das wäre eine schöne Idee. Sie haben drei Worte gebraucht, drei Säulen: »Schwäche«, »Mutter« und »Dienerin«. Die Mütterlichkeit der Kirche. Ich komme wieder auf denselben Punkt zurück: Die Kirche ist Frau, sie ist Mutter. Wir sagen es: Ich glaube an die heilige »Mutter« Kirche. Was die Schwäche betrifft, der Berührungspunkt mit der Schwäche ist der Punkt, der uns verstehen lässt, was geschehen ist, als Gott seinen Sohn gesandt hat: Gott begegnet der größten, der größten Schwäche. Der menschlichen Schwäche, und er nimmt die größte Schwäche an, er nimmt unsere menschliche Natur an. Keine Angst haben vor den Schwächen, im Gegenteil: sich der menschlichen Schwäche nähern. Und sich der menschlichen Schwäche zu nähern ist kein Akt sozialer Wohltätigkeit, nein, es ist ein theologischer Akt, es bedeutet, zum Begegnungspunkt zwischen Gott und einer Frau zu gehen, er ist Mensch geworden…

Heute morgen in der Messe waren 25 Schwestern von »Cottolengo«, die den 50. Jahrestag ihrer Profess feierten, und sie leben aus Berufung inmitten der Schwächen, weil sie mit Behinderten arbeiten, ständig, einige davon Schwerstbehinderte… Aber sie sind glücklich! Sie fühlen sich als Mütter. Sollte dieses Kind, jener Junge nicht besser von staatlichen Krankenschwestern betreut werden? Nein, von einer Ordensschwester, sie spüren jene Berufung zur Schwäche. Und nicht nur sie, sondern viele… Wie oft müsst ihr als Oberinnen die Schwächen der Schwestern liebkosen! Die Schwächen eurer Gemeinschaften auf den Schultern tragen; und dort, in jenem Leiden, mit einer Schwester sprechen, die weggehen will, mit einer anderen sprechen, mit der etwas nicht stimmt, sie verstehen, ins Herz eintreten, vorangehen… Der Dienst an der Schwäche… Auch wir haben ihn. Aber man darf keine Angst haben, denn es ist der Spiegel der Menschwerdung des Herrn. Und dann Mütter sein. Mütter und Dienerinnen. Wir können Diener sein, ja, die Männer können Diener sein, aber keine Mütter. Väter ja, aber Mütter nein. Die Mütterlichkeit der Kirche und die Mütterlichkeit der Gottesmutter finden einen Abglanz in der geweihten Frau, einen vollkommenen Abglanz. Auch eine Familienmutter ist ein Abglanz davon, aber die geweihte Frau ist der vollkommene Abglanz: Wer eine Ordensfrau sieht, sieht die Kirche und sieht Maria. In der Schwäche, denn sie ist Mutter in der Schwäche, denn sie ist Mutter in der Schwäche, geweiht, ohne ein eigenes Kind zur Welt zu bringen… Dieser Verzicht… Ich möchte nicht zu viel reden…

Kommentar der Moderatorin: Ich möchte einfach nur sagen, dass in dieser Woche einige von uns von ihrer Arbeit berichtet haben. Eine Schwester, die in der Zentralafrikanischen Republik arbeitet, hat eine Frage gestellt, die die Menschen an sie richten: »Wollt auch ihr von hier weggehen?«, denn sie sind in sehr turbulenten Kriegsgebieten präsent. Und diese Frage bringt, denke ich, jene Schwäche zum Ausdruck, an der wir teilhaben. Wenn wir nicht in den schwachen Gebieten sind, dann können wir vielleicht nicht einmal wirklich Mütter sein.

Papst Franziskus: Es stimmt, was du sagst. Diese Frage – »wollt auch ihr weggehen?« – ist das verzweifelte Volk, das nicht ohne Mutter zurückbleiben will. Schön, nicht wahr?

Dritte Frage: Zunächst einmal ein großes Dankeschön, Heiliger Vater. In diesen Tagen haben wir verschiedene Themen behandelt, eines davon ist der interreligiöse Dialog: Danke für alles, was Sie in diesem Bereich tun. Ich denke auch an den ökumenischen Dialog, und ich trage im Herzen das Leiden, das ich persönlich erfahren habe, das ich in vielen Teilen der Welt gesehen habe aufgrund der Spaltung unter den Christen. Ich weiß, dass Sie auch in diesem Bereich schon viel getan haben. Ich frage: Ist es möglich, einen Schritt mehr zu tun und zur Gemeinschaft unter den Christen zu gelangen? Danke.

Papst Franziskus: Ich danke dir. Ich glaube, dass die Ökumene auf dem Weg gemacht wird, immer. Es stimmt, dass die Theologen studieren, diskutieren müssen… Aber es gibt diese Anekdote – sie ist wahr, mir wurde gesagt, dass sie wahr ist. Als der heilige Papst Paul VI. damals Athenagoras – ich würde gerne sagen: den heiligen Athenagoras – traf, sagte Athenagoras zu Paul VI.: »Wir wollen Folgendes tun: Wir gehen gemeinsam voran, und die Theologen schicken wir auf eine Insel, damit sie nachdenken und Theologie betreiben können, und wir gehen gemeinsam voran.« Ein Scherz, aber er soll wahr sein. Und wenn es nicht wahr ist, so ist es gut erfunden. Sie [die Ökumene] wird immer auf dem Weg gemacht. Dort sind arme Menschen? Gehen wir gemeinsam hin, um mit den Armen zu arbeiten.Dort sind Migranten? Gemeinsam. Immer gemeinsam. Das ist die Ökumene des Armen, wie ich die nenne, die man auf dem Weg mit den Werken der Nächstenliebe macht. Es gibt aber noch eine andere Ökumene: die des Blutes. Wenn Christen getötet werden, weil sie Christen sind, dann wird nicht gefragt: »Bist du Anglikaner? Bist du Lutheraner? Bist du Katholik? Bist du ein Orthodoxer?« Sie töten. Und das Blut vermischt sich. Ich erinnere mich, dass einmal ein Pfarrer in Hamburg, der Pfarrer von Sankt Joseph in Hamburg-Wandsbek, beauftragt wurde, das Seligsprechungsverfahren eines Priesters voranzubringen, der von den Nationalsozialisten durch die Guillotine hingerichtet worden war, weil er den Kindern Katechismusunterricht erteilt hatte. Nach ihm war jedoch aus demselben Grund ein lutherischer Pastor durch die Guillotine hingerichtet worden. Und er ist zum Bischof gegangen und hat gesagt: »Ich kann dieses Verfahren nicht voranbringen ohne das Verfahren des Lutheraners, denn ihr Blut hat sich vermischt.« Das ist der Ökumenismus des Blutes. Wir haben viele, viele Märtyrer gemeinsam. Als Paul VI. die Märtyrer von Uganda heiligsprach, waren die Hälfte der Katecheten katholisch und die andere Hälfte anglikanisch.

Schon Paul VI. hatte das gesagt. Es gibt den Ökumenismus des Blutes. Wir müssen so viel wie möglich gemeinsam tun. Ich komme zum Beispiel, um die Ausstellung über den Menschenhandel zu segnen [»Talitha kum«, eröffnet vor dieser Audienz im Atrium der »Aula Paolo VI«]: Wir setzen uns zusammen ein, alle, Katholiken, Evangelische, alle, denn es ist ein soziales Problem, zu dessen Lösung wir beitragen müssen. Und das ist wichtig, glaube ich: Die Ökumene wird auf dem Weg gemacht, man macht sie nicht nur durch die theologische Reflexion. Das wird helfen, weil wir schöne Fortschritte gemacht haben, zum Beispiel mit den Lutheranern, über die Rechtfertigung… schöne Fortschritte. Wir können aber nicht stillstehen, bis alle theologischen Punkte gelöst sind. Die Theologen haben eine große Funktion in der Kirche: Sie müssen studieren und uns helfen; aber wir müssen in der Zwischenzeit vorangehen. Und dann die Ökumene des Gebets. Es sind drei: Ökumene des Gebets, Ökumene des Blutes, Ökumene des Armen. Füreinander beten, auch miteinander beten. Das, was die Ökumene betrifft. Im interreligiösen Dialog, auch dort die gemeinsamen Werte suchen, die gemeinsamen Werte suchen, die es gibt, und das ist gut. Unter den gemeinsamen Werten ist zum Beispiel die Achtung des Lebens der neugeborenen und der ungeborenen Kinder von Seiten der Muslime wunderbar.

Vierte Frage [auf Portugiesisch]: Ich bin Schwester Marlise von den Schwestern des Unbefleckten Herzens Mariens aus Brasilien. Lieber Papst Franziskus, so hören wir Sie, ich bin innerlich sehr bewegt, hier zu sein, und auch Schwester Carmen hat gesagt, dass sie sich nie hätte träumen lassen, einmal neben Ihnen zu sitzen. Auch ich hätte mir nie träumen lassen, einmal hier zu sein, um mich an Sie zu wenden und Ihnen eine Frage zu stellen. Ich wurde von meinen brasilianischen Mitschwestern ermutigt, hierher zu kommen. Ich möchte Ihnen sagen, dass wir sehr glücklich und stolz sind, einen lateinamerikanischen Papst zu haben. Das fühlen auch alle anderen hier anwesenden Lateinamerikanerinnen. [Beifall] Danke! Ich möchte Ihnen auch sagen, dass wir Ihnen für all Ihre Initiativen danken, vor allem für jene zugunsten der Armen. Wir in Brasilien und in verschiedenen Ländern Lateinamerikas erleben die Situation eines sehr leidgeprüften Volkes, auch in anderen Teilen der Welt, und Sie sind eine sehr bedeutsame Gegenwart in der Welt für diesen Teil der Menschheit: die Armen, die Flüchtlinge, die Opfer von Menschenhandel. Zu Ihrer Initiative gegen den Menschenhandel haben auch wir in Brasilien unseren Beitrag geleistet durch das Netzwerk »Ein Schrei für das Leben«, und wir möchten es vertiefen und mehr Mitschwestern anspornen, sich diesem Kampf gegen den Menschenhandel anzuschließen. Jetzt, kurz vor dem Beginn der Synode für das Amazonasgebiet, möchten wir Sie fragen, welchen Beitrag besonders das Ordensleben zur Synode für das Amazonasgebiet leisten kann. Das ist meine Frage.

Papst Franziskus: Ich sollte Ihnen eigentlich die Frage stellen: Wer ist wichtiger, Pelè oder Maradona? [Sie lachen.] Im Amazonasgebiet ist die Anwesenheit der Frau wichtig für die Sensibilität der indigenen Völker, und auch die Frau ist fähig, ist in der Lage – die Ordensfrau, die geweihte Frau –, das Stammesproblem besser zu verstehen, denn es ist kein Problem… Kein Stamm, keine indigene Kategorie ist so etwas wie ein Fußballclub oder ein Kulturverein. Er ist lebenswichtig, und nur die Frau ist in der Lage, das Leben zu verstehen. Und die geweihte Frau versteht es, die Wege zu suchen, um dort anzukommen. Es gibt Probleme, die einige Konfessionen mit den Indigenen haben, weil sie ihren Weg nicht gut verstehen. Auch das Problem der liturgischen Ausdrucksform, die Inkulturation, die eine Gottesdienstkongregation sehr gut untersucht: ihre liturgische Inkulturation, die eine alte Tradition hat. Auch in China Pater Ricci, in Indien Pater De Nobili: Damals gab es das Problem der Inkulturation. Auch das Problem ist vorhanden. Ich glaube, dass euer Beitrag sehr dabei helfen wird, keine Fehler zu machen bei der Inkulturation. Begleiten, mit Respekt begleiten, denn eine geweihte Frau hat sehr tiefen Respekt gegenüber dem heranwachsenden Leben, was die Schwä che betrifft. Eine geweihte Frau weiß mit der Schwäche umzugehen, auf besondere Weise, auf theologische Weise.

Fünfte Frage [auf Englisch]: Ich bin Schwester Alice Drajea von der Kongregation vom Heiligsten Herzen Jesu, die von den Comboni- Missionaren gegründet wurde. Ich bin die Generaloberin der Schwestern mit Sitz in Juba, Südsudan. Zunächst möchte ich Ihnen die Grüße der Bevölkerung des Südsudan überbringen: Die Menschen wollen, dass ich Ihnen sage, wie dankbar sie sind für Ihre Gesten gegenüber den Präsidenten des Südsudan. [Beifall]. Wir haben uns von Ihrer Geste alle geehrt gefühlt und waren dankbar dafür, aber viele Menschen, die in den ländlichen Gebieten leben, hatten nicht die Mittel, dieses Ereignis zu sehen oder darüber zu lesen. Zweitens möchten wir Ihnen für den neuen Bischof der Diözese Torit danken. Als örtliche Kongregation mit Basis im Südsudan, der einzigen, die heute im Wachstum begriffen ist, stehen wir vielen Herausforderungen gegenüber, aber die Herausforderung, auf die ich in einer Frage Ihre Aufmerksamkeit lenken möchte, ist die Herausforderung innerhalb der Kirche. Sie haben von einem Prozess gesprochen, der etwas Positives ist. Wir haben im Augenblick mindestens drei Diözesen ohne Bischof, und die anderen beiden haben Bischöfe, die bereits das Pensionsalter erreicht haben, wie sie uns gesagt haben, einschließlich unseres Erzbischofs Paulino Lukudu Loro. Jetzt, mit der Situation, in der der Südsudan sich befindet, brauchen wir, so meine ich, eine starke Kirche, eine starke Diözese mit Menschen, die eine Leitfigur haben. Denn, wie es im Evangelium heißt, die Schafe ohne Hirte werden versprengt. Meine Frage lautet also: Wie lange kann eine Diözese ohne Bischof funktionieren und vorangehen? Wir brauchen einen Bischof. Und die letzte Frage: Ich selbst und die Menschen im Südsudan bitten Sie, in den Südsudan zu kommen. Danke!

Papst Franziskus: Vielen Dank. Es stimmt, was Sie sagen, dort fehlen fünf Bischöfe: Zwei sind bereits in fortgeschrittenem Alter, und die anderen drei Bischofssitze sind vakant. Wir hatten Mühe, den letzten Bischof zu ernennen, und mir wurde berichtet, dass die Prozesse für zwei von ihnen im Gange sind. Hoffen wir das Beste… Aber Sie haben Recht, und dort herrscht großes Leid, denn um die Katholiken zu besuchen, müssen einige Bischöfe in die Flüchtlingslager gehen, denn die Situation ist noch nicht klar. Das ist eines der wichtigsten Dinge: die Ernennung der Bischöfe. Nicht immer findet man geeignete Kandidaten, man muss abwarten, aber wenigstens können wir zu der Schwester sagen, dass wir darum beten werden, dass gute Bischöfe gefunden werden! Und es gibt auch menschliche Fehler: Er ist ein guter Priester, aber er kann nicht Bischof werden, weil er diese Dimension nicht hat, weil er jene andere nicht entwickelt hat… Es ist nicht einfach, einen Kandidaten zu suchen. Aber Sie haben Recht, begleiten wir das mit dem Gebet.

Ich war nahe dran, in den Südsudan zu reisen, zusammen mit dem Erzbischof von Canterbury. Aber es war nicht möglich. Wir haben versprochen, gemeinsam dorthin zu reisen, der anglikanische Erzbischof und ich. Vielleicht in diesem Jahr – vielleicht, es ist kein Versprechen! –, wenn ich nach Mosambik, Madagaskar, Mauritius reisen werde [im September], vielleicht wird dann auch die Zeit sein, dort vorbeizuschauen. Wenn ich sage: »Zeit«, dann meine ich nicht die Zeit im chronologischen Sinne, sondern die reife Zeit, dort anzukommen. Ich möchte dort hinreisen. Den Südsudan trage ich im Herzen. Ich möchte aber etwas sehr Schönes über den Südsudan sagen. Als es diese Situation gab, bei der man nicht wusste, wie man dort herauskommen sollte, wurde den politischen Verantwortungsträgern der Vorschlag gemacht, eine geistliche Einkehr hier im Vatikan zu halten, zwei Tage lang, und sie haben es getan. Sie haben zu Mittag gegessen im gemeinsamen Speisesaal, wo ich zu Mittag esse, und ich sah sie dort am Tisch wie Novizen: Sie aßen schweigend. Diese Männer, die Krieg gemacht hatten! Schweigend, weil sie über die geistliche Betrachtung nachdachten, die der Katholik, der von der Episkopalkirche, der Anglikaner gehalten hatten… Um uns zu vereinen, immer. Keine Nation hat das gemacht, nur sie, sie sind gut. Und ich sage: Herr, wenn sie diesen Mut hatten, ein solches Zeugnis zu geben, zu kommen und eine geistliche Einkehr zu halten, dann gib ihnen die Möglichkeit voranzugehen! Dort gibt es das Problem der Armut und es gibt den Hunger. Ich möchte dorthin gehen. Und es gibt auch einen Plan, dorthin gehen zu können. Das mit den Bischöfen, wirklich [ist ein wichtiger Punkt]… Und auch das Ordensleben: Tragt dazu bei, dass es gut wachsen möge, damit sie starke Frauen werden, die das voranbringen, was sehr, sehr wichtig ist.

Mir hat dieses Zeugnis gefallen, aus dem geographischem Blickwinkel von Afrika, der uns sehr helfen wird. Und ich glaube, dass man dort sagen könnte: »Und ihr, wollt ihr weggehen?« – »Nein«, wie die Präsidentin gesagt hat. Jetzt ist es Zeit. Ich möchte noch weitermachen…, aber ich nehme die Einladung ernstfalls ich dann noch am Leben bin, das weiß ich nicht –, wenigstens an einem Teil der nächsten Vollversammlung teilzunehmen. Ich glaube, dass die Begründung, die jene Schwester gegeben hat, eine wahre Begründung ist. Wenn ich noch am Leben bin, werde ich hingehen. Sonst erinnern Sie meinen Nachfolger daran! Dass er dasselbe tun möge! Vielen Dank, betet für mich, und ich lade euch ein, gemeinsam das »Regina caeli« zu beten. [Regina caeli und Segen]


 

Schriftlich vorbereiteter Text der Ansprache des Heiligen Vaters

Liebe Schwestern!

Ich freue mich sehr, euch heute anlässlich eurer Vollversammlung zu begrüßen und euch eine Osterzeit voll Frieden, Freude und Leidenschaft zu wünschen, während ihr das Evangelium in alle Teile der Erde tragt. Ja, Ostern ist all dies, und es lädt uns ein, Zeugen des Auferstandenen zu sein und einen neuen Abschnitt der Evangelisierung zu leben, der von der Freude geprägt ist. Niemand kann uns die Leidenschaft für die Evangelisierung rauben. Es gibt kein Ostern ohne Sendung: Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Menschen (vgl. Mk 16,15-20). Der Herr bittet seine Kirche, Zeichen zu sein für den Sieg Christi über den Tod, er bittet sie, Zeichen zu sein für sein Leben. Geht, Schwestern, und verkündet den auferstandenen Christus als Quelle der Freude, die nichts und niemand uns nehmen kann. Erneuert beständig eure Begegnung mit Jesus Christus, dem Auferstandenen, und ihr werdet seine Zeuginnen sein, indem ihr allen vom Herrn geliebten Männern und Frauen, besonders jenen, die sich als Opfer der Ausgrenzung fühlen, die sanfte und tröstliche Freude des Evangeliums bringt. Das geweihte Leben macht, wie der heilige Johannes Paul II. seinerzeit gesagt hat, wie jede andere Wirklichkeit der Kirche eine »schwierige und mühsame« Zeit durch (Apostolisches Schreiben Vita consecrata, 13). Angesichts des zahlenmäßigen Rückgangs, den insbesondere das weibliche geweihte Leben erfährt, besteht die Versuchung darin, niedergeschlagen oder resigniert zu sein oder sich zu »verschanzen« hinter dem Satz: »Das haben wir immer schon so gemacht.«

Salz, das Geschmack verleiht

In diesem Zusammenhang wiederhole ich euch mit Nachdruck das, was ich euch schon bei anderen Gelegenheiten gesagt habe: Habt keine Angst, wenige zu sein, sondern habt Angst, bedeutungslos zu sein, kein Licht mehr zu sein für jene, die in der »finsteren Nacht« der Geschichte leben. Habt auch keine Angst, »in Demut und zugleich mit großem Vertrauen auf den Gott, der die Liebe ist, die eigene Gebrechlichkeit zu gestehen « (Apostolisches Schreiben zum Jahr des geweihten Lebens, 21. November 2014, I,1). Oder habt vielmehr Angst: Habt panische Angst, nicht mehr Salz zu sein, das dem Leben der Männer und Frauen unserer Gesellschaft Geschmack verleiht. Arbeitet unermüdlich, um Wächterinnen zu sein, die das Kommen des Morgens verkündigen (vgl. Jes 21,11-12); um dort Sauerteig zu sein, wo auch immer ihr euch befindet und mit wer auch immer in eurem Umfeld ist, auch wenn euch das augenscheinlich keine greifbaren und unmittelbaren Vorteile bringt (vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 210).

Es gibt viele Menschen, die euch brauchen und die auf euch warten. Menschen, die euer freundschaftliches Lächeln brauchen, das ihnen wieder Hoffnung schenkt; eure Hände, die sie auf ihrem Weg stützen; euer Wort, das Hoffnung in ihre Herzen sät; eure Liebe so wie Jesus geliebt hat (vgl. Joh 13,1-15), die die tiefsten Wunden heilt, die von Einsamkeit, Ablehnung und Ausgrenzung verursacht sind. Gebt nie der Versuchung der Selbstbezogenheit nach, der Verwandlung in eine »geschlossene Armee«. Suchen wir auch nicht Zuflucht »in einem Werk, um uns der Wirkkraft des Charismas zu entziehen« (Die Kraft der Berufung, Freiburg im Breisgau 2018, S. 57). Entwickelt vielmehr die Phantasie der Nächstenliebe und lebt die kreative Treue zu euren Charismen. Mit ihnen werdet ihr in der Lage sein, »die Erfindungsgabe und die Heiligkeit der Gründer und Gründerinnen wieder hervorzuheben« (Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Vita consecrata, 37) und neue Wege zu öffnen, um die Ermutigung und das Licht des Evangeliums zu den verschiedenen Kulturen zu bringen, in denen ihr in den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft lebt und arbeitet, wie sie es seinerzeit getan haben. Mit ihnen werdet ihr in der Lage sein, eure Charismen zu überdenken, zu den Wurzeln zurückzugehen und die Gegenwart angemessen zu leben, ohne Angst zu haben, unterwegs zu sein, »ohne zuzulassen, dass das Wasser aufhört zu fließen […]«, da »auch das geweihte Leben wie das Wasser ist: Wenn es steht, fault es« (Die Kraft der Berufung, Freiburg im Breisgau 2018, S. 46). Auf diese Weise werdet ihr – ohne die Erinnerung zu verlieren, die immer notwendig ist, um die Gegenwart mit Leidenschaft zu leben – sowohl das »Restaurationsstreben « vermeiden als auch die Ideologie, ganz gleich welcher Couleur, die dem geweihten Leben und auch der Kirche selbst großen Schaden zufügen.

Und all das mit eurer Präsenz und eurem demütigen und diskreten Dienst, stets beseelt vom unentgeltlichen Gebet und von Anbetung und Lobpreis. Beten, lobpreisen und anbeten bedeutet nicht, Zeit zu verlieren. Je mehr wir mit dem Herrn vereint sind, desto näher sind wir der Menschheit, insbesondere der leidenden Menschheit. »Unsere Zukunft wird mit Hoffnung erfüllt sein«, wie das Motto dieser Vollversammlung sagt, und unsere Pläne werden in dem Maße Pläne der Zukunft sein, in dem wir täglich vor dem Herrn verweilen in der Unentgeltlichkeit des Gebets, wenn wir nicht wollen, dass der Wein sich in Essig verwandelt und das Salz seinen Geschmack verliert. Nur dann wird es möglich sein, die Pläne zu erkennen, die der Herr für uns gemacht hat, wenn wir unsere Augen und unser Herz auf den Herrn gerichtet halten, sein Antlitz betrachten und sein Wort hören (vgl. Ps 34). Nur so werdet ihr in der Lage sein, die Welt aufzuwecken mit eurer Prophetie, Merkmal und Priorität eures Daseins als Ordensfrauen und geweihte Frauen (vgl. Apostolisches Schreiben zum Jahr des geweihten Lebens, 21. November 2014, II,2). Je dringender es ist, sich zu dezentralisieren, um in die existentiellen Randgebiete zu gehen, desto dringender ist es, in Ihm das Zentrum zu finden und sich auf die wesentlichen Werte unserer Charismen zu konzentrieren. Zu den wesentlichen Werten des Ordenslebens gehört das geschwisterliche Leben in der Gemeinschaft. Ich stelle mit großer Freude die großen Ergebnisse fest, die in dieser Dimension erlangt worden sind: intensivere Kommunikation, geschwisterliche Zurechtweisung, Suche nach Synodalität in der Leitung der Gemeinschaft, geschwisterliche Annahme in der Achtung der Vielfalt… Gleichzeitig macht mir jedoch die Tatsache Sorge, dass es Brüder und Schwestern gibt, die ihr Leben am Rande der Gemeinschaft führen; Schwestern und Brüder, die seit Jahren unrechtmäßig von der Gemeinschaft abwesend sind, und daher habe ich ein Motu proprio promulgiert, Communis vita, mit genauen Normen zur Vermeidung dieser Fälle.

Offenheit gegenüber dem Heiligen Geist

Was das geschwisterliche Leben in der Gemeinschaft betrifft, so macht mir auch Sorge, dass es Institute gibt, in denen Multikulturalität und Internationalisierung nicht als Reichtum, sondern als eine Bedrohung betrachtet und als Konflikt erlebt werden statt als neue Möglichkeiten, die das wahre Antlitz der Kirche, des Ordenslebens und des geweihten Lebens zeigen. Ich bitte die Verantwortlichen der Institute, sich dem Neuen gegenüber zu öffnen, das vom Heiligen Geist kommt, der weht, wo er will und wie er will (vgl. Joh 3,8), und die Generationen anderer Kulturen darauf vorzubereiten, Verantwortung zu übernehmen. Lebt, Schwestern, die Internationalisierung eurer Institute als frohe Botschaft. Lebt die Veränderung des Antlitzes eurer Gemeinschaften mit Freude und nicht als notwendiges Übel für die Bewahrung. Internationalität und Interkulturalität werden nicht zurückgenommen. Mir machen die Generationskonflikte Sorge, wenn die jungen Menschen nicht in der Lage sind, die Träume der Älteren voranzubringen, um sie Früchte tragen zu lassen, und die Älteren es nicht verstehen, die Prophetie der jungen Menschen anzunehmen (vgl. Joël 3,1). Ich sage immer wieder gern: Die jungen Menschen laufen viel, aber die Älteren kennen den Weg. In einer Gemeinschaft braucht man sowohl die Weisheit der Älteren als auch die Inspiration und die Kraft der Jüngeren.

Liebe Schwestern, durch euch danke ich allen Schwestern eurer Institute für die großartige Arbeit, die sie in den verschiedenen Randgebieten durchführen, in denen sie leben. Das Randgebiet der Erziehung und Bildung, wo erziehen und bilden immer bedeutet zu siegen, für Gott zu siegen; das Randgebiet des Gesundheitswesens, wo ihr Dienerinnen und Botinnen des Lebens, eines menschenwürdigen Lebens seid; und das Randgebiet der Pastoralarbeit in ihren verschiedenen Ausdrucksformen, wo ihr mit eurem Leben das Evangelium bezeugt und das mütterliche Gesicht der Kirche zeigt. Hört nie auf, Frauen zu sein. »Man muss nicht aufhören, eine Frau zu sein, um gleichgestellt zu sein« (Die Kraft der Berufung, Freiburg im Breisgau 2018, S. 118).

Feuer, das andere entzündet

Gleichzeitig bitte ich euch: Pflegt die Leidenschaft für Christus und die Leidenschaft für die Menschheit. Ohne Leidenschaft für Christus und für die Menschheit gibt es keine Zukunft für das Ordensleben und für das geweihte Leben. Die Leidenschaft wird euch zur Prophetie führen, um Feuer zu sein, das andere Feuer entzündet. Macht auch weiterhin Schritte in der gemeinsamen Sendung zwischen verschiedenen Charismen und mit den Laien, und ladet sie ein zu wichtigen Werken, ohne jemandem die gebührende Ausbildung und das Bewusstsein um die Zugehörigkeit zur charismatischen Familie vorzuenthalten. Arbeitet an den gegenseitigen Beziehungen zu den Hirten, schließt sie in eure Entscheidungsfindung ein und integriert sie in die Auswahl von Präsenzen und Diensten. Der Weg des geweihten Lebens, sowohl des männlichen als auch des weiblichen, ist der Weg der Einbindung in die Kirche. Außerhalb der Kirche und parallel zur Ortskirche funktionieren die Dinge nicht. Widmet der Ausbildung, sowohl der ständigen als auch der anfänglichen, große Aufmerksamkeit, ebenso wie der Ausbildung von Ausbildern, die in der Lage sind zuzuhören und zu begleiten, Entscheidungen zu finden und jenen entgegenzugehen, die an unsere Türen klopfen. Und lebt auch inmitten der Prüfungen, die wir vielleicht gegenwärtig durchmachen, mit Freude eure Ordensweihe. Das ist die beste Werbung für Berufungen. Die Jungfrau Maria begleite euch und schütze euch mit ihrer mütterlichen Fürsprache. Meinerseits segne ich euch von Herzen, und ich segne alle Schwestern, die der Herr euch anvertraut hat. Und bitte vergesst nicht, für mich zu beten.

 



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