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JOHANNES PAUL II.

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 25. April 200
1

Lesung Psalm 63:

Sehnsucht nach Gott 
[Ein Psalm Davids, als er in der Wüste Juda war.] 

2 Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir. Nach dir schmachtet mein Leib wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser. 
3 Darum halte ich Ausschau nach dir im Heiligtum, um deine Macht und Herrlichkeit zu sehen. 
4 Denn deine Huld ist besser als das Leben; darum preisen dich meine Lippen. 
5 Ich will dich rühmen mein Leben lang, in deinem Namen die Hände erheben. 
6 Wie an Fett und Mark wird satt meine Seele, mit jubelnden Lippen soll mein Mund dich preisen.
7 Ich denke an dich auf nächtlichem Lager und sinne über dich nach, wenn ich wache. 
8 Ja, du wurdest meine Hilfe; jubeln kann ich im Schatten deiner Flügel. 
9 Meine Seele hängt an dir, deine rechte Hand hält mich fest. 
10 Viele trachten mir ohne Grund nach dem Leben, aber sie müssen hinabfahren in die Tiefen der Erde. 
11 Man gibt sie der Gewalt des Schwertes preis, sie werden eine Beute der Schakale. 
12 Der König aber freue sich an Gott. / Wer bei ihm schwört, darf sich rühmen.

Die Seele dürstet nach dem Herrn

1. Der Psalm 63, über den wir heute nachdenken wollen, ist der Psalm der mystischen Liebe; er verherrlicht die vollkommene Hingabe an Gott, ausgehend von einer fast körperlichen Sehnsucht, die ihre Fülle in einer innigen und ewigen Umarmung erreicht. Das Gebet wird zum Sehnen, zu Hunger und Durst, denn es bezieht Seele und Leib ein. 

Die hl. Theresa von Avila schreibt: »Der Durst äußert den Wunsch nach etwas, einen so dringenden Wunsch, daß wir sterben, wenn er nicht erfüllt wird« (vgl. Weg der Vollkommenheit, Kap. XIX). Die Liturgie stellt uns die ersten beiden Strophen des Psalms vor, in deren Mittelpunkt die Symbole von Durst und Hunger stehen, während die dritte auf einen dunklen Horizont, den des Urteils Gottes über das Böse, hinweist, im Gegensatz zur Helligkeit und Sanftheit der übrigen Verse. 

2. Beginnen wir also unsere Betrachtung mit dem ersten Gesang, der den Durst nach Gott beschreibt (vgl. V. 2 – 4). Es ist früher Morgen, die Sonne geht gerade am klaren Himmel des Heiligen Landes auf, und der Betende beginnt seinen Tag, indem er sich zum Tempel begibt, um das Licht Gottes zu suchen. Er braucht diese Begegnung mit dem Herrn fast instinktiv, ja man möchte sagen »körperlich«. So wie das dürre Land tot ist, solange es nicht vom Regen bewässert wird, und wie es in den Bodenrissen einem durstigen und ausgetrockneten Mund gleicht, so sehnt sich der Gläubige nach Gott, um von ihm erfüllt zu werden und um auf diese Weise in Gemeinschaft mit ihm zu leben. 

Der Prophet Jeremia hatte es bereits verkündet: Der Herr ist »Quell des lebendigen Wassers«, und er hatte das Volk dafür getadelt, »Zisternen mit Rissen [gegraben zu haben], die das Wasser nicht halten« (2,13). Jesus selbst wird laut ausrufen: »Wer Durst hat, komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt« (Joh 7,37 –38). In der Mittagszeit eines sonnigen und stillen Tages verspricht er der Samariterin: »Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt« (Joh 4,14). 

3. Das Gebet des Psalms 63 steht hinsichtlich dieses Themas in Verbindung zum Gesang eines weiteren wunderschönen Psalms, nämlich des Psalms 42: »Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, Gott, nach dir. Meine Seele dürstet nach Gott, dem lebendigen Gott« (V. 2 –4). Im Hebräischen, der Sprache des Alten Testaments, wird der Begriff »Seele« mit dem Wort »nefesh« ausgedrückt; in manchen Texten wird damit der »Hals« bezeichnet, in vielen anderen erfährt er eine Bedeutungserweiterung und schließt die Gesamtheit der Person ein. In diesen Dimensionen betrachtet, hilft uns dieses Wort verstehen, wie grundlegend und tiefgehend das Bedürfnis nach Gott ist. Ohne ihn können wir nicht mehr atmen, ja das Leben selbst entschwindet. Daher geht der Psalmist so weit, die physische Existenz in eine untergeordnete Position zu stellen, wenn die Einheit mit Gott fehlt: »Denn deine Huld ist besser als das Leben« (Ps 63,4). Auch im Psalm 73 wird er dem Herrn zurufen: »Neben dir erfreut mich nichts auf der Erde. Auch wenn mein Leib und mein Herz verschmachten, Gott ist der Fels meines Herzens und mein Anteil auf ewig […] Gott nahe zu sein ist mein Glück« (V. 25 –28). 

4. Nach dem Gesang des Durstes erscheint in den Worten des Psalmisten auch der Gesang des Hungers (vgl. Ps 63,6 – 9). Wahrscheinlich will der Betende mit den Darstellungen des üppigen Mahles und der Sattheit an eines jener Opfer erinnern, die im Tempel von Zion dargebracht wurden: das sogenannte Opfer »der Gemeinschaft«, also ein heiliges Mahl, bei dem die Gläubigen das Fleisch der Opfertiere aßen. Ein weiteres Grundbedürfnis des Lebens wird hier als Symbol der Gemeinschaft mit Gott verwendet: Der Hunger wird gestillt, wenn man das Wort Gottes hört und dem Herrn begegnet, denn »der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern der Mensch lebt von allem, was der Mund des Herrn spricht« (vgl. Dt 8,3; Mt 4,4). Hier gehen die Gedanken des Christen zu dem Mahl, das der Herr am letzten Abend seines Erdenlebens bereitete und dessen tiefe Bedeutung er schon in der Rede in Kafarnaum erläutert hatte: »Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise, und mein Blut ist wirklich ein Trank. Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag« (Joh 6,55 –56). 

5. Durch die mystische Speise der Gemeinschaft mit Gott »hängt die Seele« an Ihm, wie der Psalmist erklärt. Auch an dieser Stelle ist mit dem Wort »Seele« der ganze Mensch gemeint. Nicht umsonst ist von einer Umarmung, von einer geradezu physischen Umklammerung die Rede: Gott und Mensch stehen nunmehr in voller Gemeinschaft, und auch die Lippen des Geschöpfs können nichts als freudiges und dankbares Lob verkünden. Auch wenn man sich in dunkler Nacht befindet, fühlt man sich von den Flügeln Gottes beschützt, so wie die Bundeslade von den Flügeln der Cherubim behütet wird. Dann erhebt sich der ekstatische Ausdruck von Freude: »Jubeln kann ich im Schatten deiner Flügel.« Die Angst löst sich auf, die Umarmung umklammert nicht die Leere, sondern Gott selbst, unsere Hand hält sich fest an der Kraft seiner Rechten (vgl. Ps 63,8 – 9).  

6. Bei einer Auslegung des Psalms im Lichte des Ostergeheimnisses finden der Durst und der Hunger, die uns zu Gott treiben, ihre Erfüllung im gekreuzigten und auferstandenen Christus, von dem – durch die Gabe des Geistes und der Sakramente – das neue Leben und die jenes Leben unterstützende Nahrung zu uns gelangen. 

Daran erinnert uns der hl. Johannes Chrysostomus, der – als Kommentar zu den Worten aus dem Johannesevangelium: »und sogleich floß Blut und Wasser [aus der Seite Jesu ]heraus« (19,34) – folgendes bemerkt: »Jenes Blut und jenes Wasser sind Symbole der Taufe und der Mysterien«, also der Eucharistie. Und er schließt mit den Worten: »Seht ihr, wodurch Christus die Braut mit ihm verband? Seht ihr, mit welcher Speise er uns alle nährt? Aus derselben Speise wurden wir gebildet, und aus ihr werden wir genährt. Denn wie die Frau ihr Kind mit ihrem Blut und ihrer Milch nährt, so nährt auch Christus denjenigen, den er selbst hervorgebracht hat, ständig mit seinem Blut« (vgl. Homilie III an die Neugetauften, 16 –19 passim; SC 50 bis, 160 –162).  


Liebe Schwestern und Brüder! 

In unserer Reihe über das Buch der Psalmen wollen wir heute den Psalm 63 betrachten. Das Verlangen der Seele nach Gott wird gleichgesetzt mit dem Hunger und dem Durst des Leibes. 

Wie ein dürstender Mensch in der Wüste unter der Mittagssonne nach frischem Wasser verlangt, so ist es auch mit der Sehnsucht nach Gott. Der heutige Mensch kennt eine Art Wüste der Welt, die ihm als Dürre vorkommt. Sein Leben gelingt nur in der gelebten Gemeinschaft mit Gott. 

Neben dem Durst wird auch der Hunger nach Gott beschrieben. Dieses bohrende Verlangen der Seele wird erst gestillt, wenn das Geschöpf das Wort Gottes annimmt: ‚Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt’(Mt 4,4). 

Im Licht von Ostern verweist uns der geistliche Hunger und Durst auf den gekreuzigten und auferstandenen Christus. Durch den Heiligen Geist und die Sakramente der Kirche gibt er der tiefen Sehnsucht der menschlichen Seele die richtige Speise, die Nahrung für das ewige Leben.

* * * * *  

Herzlich begrüße ich alle Anwesenden aus den Ländern deutscher Sprache. Insbesondere grüße ich die Angehörigen und Freunde der Diakone des Collegium Germanicum et Hungaricum. Gerne erteile ich euch und euren Lieben daheim den Apostolischen Segen.

                                  



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