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JOHANNES PAUL II.

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 20. Juni 200
1

 

Lesung: Psalm 24 

Der Einzug des Herrn in sein Heiligtum

1. Der alte Gesang des Gottesvolkes, den wir soeben gehört haben, erklang vor dem Hintergrund des Tempels von Jerusalem. Um den Leitgedanken, der diesen Hymnus durchzieht, besser erkennen zu können, müssen wir uns drei seiner Grundvoraussetzungen deutlich vor Augen halten. Die erste betrifft die Wahrheit über die Schöpfung: Gott hat die Welt erschaffen und ist Herr über sie. Die zweite bezieht sich auf das Gericht, vor das Er seine Geschöpfe stellt: Wir müssen vor Ihn treten und werden über das befragt, was wir getan haben. Die dritte ist das Geheimnis des Kommens Gottes: Er kommt in den Kosmos und die Geschichte und möchte freien Zugang haben, um ein Verhältnis tiefer Gemeinschaft zu den Menschen aufzubauen. Ein Gelehrter der Moderne merkte hierzu an: »Dies sind drei grundlegende Formen der Gotteserfahrung und des Verhältnisses zu Gott; wir leben durch das Wirken Gottes, vor Gott und wir können mit Gott leben« (vgl. Gerhard Ebeling, Sui Salmi, Brescia 1973, S. 97). 

2. Diesen drei Voraussetzungen entsprechen die drei Abschnitte des Psalms 24, die wir jetzt vertieft betrachten wollen, indem wir sie als drei Tafeln eines poetischen und gebetsähnlichen Triptychons ansehen. Der erste Abschnitt ist eine kurze Anrufung des Schöpfers, dem der Erdkreis mit seinen Bewohnern gehört (vgl. V. 1 – 2). Es ist eine Art Bekenntnis des Glaubens an den Herrn des Kosmos und der Geschichte. Gemäß der antiken Weltanschauung wird die Schöpfung als architektonisches Werk aufgefaßt: Gott setzt das Fundament der Erde ins Meer, welches die chaotischen und verheerenden Wasser symbolisiert und bildhaft die Begrenztheit der Geschöpfe aufzeigt, die unter dem Einfluß des Nichts und des Bösen stehen. Die geschaffene Wirklichkeit schwebt über diesem Abgrund, während das schöpferische und umsichtige Werk Gottes sie im Sein und am Leben erhält. 

3. Vom kosmischen Horizont ausgehend konzentriert sich der Blickwinkel des Psalmisten nun auf den Mikrokosmos des Zion, den »Berg des Herrn«. Es handelt sich hierbei um das zweite Bild des Psalms (vgl. V. 3 – 6); wir stehen vor dem Tempel von Jerusalem. Die Prozession der Gläubigen richtet eine Frage an die Wächter der heiligen Pforte, um Einlaß zu bekommen: »Wer darf hinaufziehn zum Berg des Herrn, wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?« Wie an verschiedenen anderen Bibelstellen, die von den Forschern als »Einzugsliturgie« bezeichnet werden (vgl. Ps 14; Jes 33,14 – 16; Mi 6, 6 – 8), antworten die Priester mit einer Aufzählung der Bedingungen für den Zugang zur Gemeinschaft mit dem Herrn im Gottesdienst. Es handelt sich nicht um rein rituelle und äußerliche Normen, die es zu beachten gilt, sondern um moralische und existentielle Verpflichtungen, die auch praktiziert werden müssen. Es geht gleichsam um eine Gewissenserforschung oder einen Bußakt vor der liturgischen Feier. 

4. Drei Forderungen stellen uns die Priester vor. Zunächst sollen wir »reine Hände und ein lauteres Herz« haben. Die Begriffe »Herz« und »Hände« stehen jeweils für unser Tun und unsere Absichten, also für das gesamte Wesen des Menschen, das radikal auf Gott und sein Gesetz ausgerichtet sein soll. Die zweite Forderung lautet, »nicht zu betrügen«; im Sprachgebrauch der Bibel verweist dies nicht nur auf die Ehrlichkeit, sondern vor allem auf den Kampf gegen den Götzenkult, denn die Götzen sind falsche Götter, also »Betrug«. Somit wird das erste Gebot des Dekalogs, also die Reinheit der Religion und der Gottesverehrung, bekräftigt. Schließlich wird die dritte Bedingung angeführt, die das Verhältnis zum Nächsten betrifft: »Keinen Meineid schwören.« Wie wir wissen, durfte das Wort in einer auf mündlicher Kommunikation beruhenden Kultur wie jener des antiken Israel nicht zum Mittel der Täuschung werden, im Gegenteil: Es war das Symbol für soziale Beziehungen, die sich an Gerechtigkeit und Redlichkeit orientieren. 

5. Somit kommen wir zum dritten Bild, das indirekt den festlichen Einzug der Gläubigen in den Tempel zur Begegnung mit dem Herrn beschreibt (vgl. V. 7 –10). In einem wirkungsvollen Wechselspiel von Anrufungen, Fragen und Antworten stellt sich die allmähliche Selbstoffenbarung Gottes dar, die gekennzeichnet ist von drei feierlichen Titeln: »König der Herrlichkeit«; »der Herr, stark und gewaltig«; »der Herr der Heerscharen«. Die Tore des Tempels von Zion werden personifiziert dargestellt und aufgefordert, sich nach oben zu heben, um den Herrn, der von seinem Haus Besitz ergreift, zu empfangen. 

Die triumphale Szenerie, die der Psalm in diesem dritten poetischen Bild beschreibt, wurde von der christlichen Liturgie des Ostens und Westens verwendet, um sowohl an den im 1 Petrusbrief (vgl. 3,19) dargestellten siegreichen Abstieg Christi in die Unterwelt als auch an die glorreiche Himmelfahrt des auferstandenen Herrn (vgl. Apg 1,9 – 10) zu erinnern. Dieser Psalm wird in der byzantinischen Liturgie bis zum heutigen Tag während der Osternacht in Wechselchören gesungen, und er wurde in der römischen Liturgie zum Schluß der Palmprozession am zweiten Passionssonntag gebetet. Die feierliche Liturgie der Öffnung der Heiligen Pforte während der Zeremonie zu Beginn des Heiligen Jahres erlaubte es uns, die gleichen Gefühle des Psalmisten beim Überschreiten der Schwelle des antiken Tempels von Zion mit großer innerer Ergriffenheit zu empfinden. 

6. Der letzte Titel, »Herr der Heerscharen«, hat nicht – wie es auf den ersten Blick erscheinen könnte – einen militärischen Charakter, obwohl er einen Verweis auf die Truppen Israels nicht ausschließt. Er besitzt vielmehr eine kosmische Wertigkeit: Der Herr, der nun innerhalb des begrenzten Raums des Heiligtums von Zion auf die Menschheit zugehen wird, ist der Schöpfer, und sein Heer sind alle Sterne des Himmels, also alle Geschöpfe des Universums, die ihm gehorchen. Im Buch des Propheten Baruch lesen wir: »Froh leuchten die Sterne auf ihren Posten. Ruft er sie, so antworten sie: Hier sind wir. Sie leuchten mit Freude für ihren Schöpfer« (Bar 3,34 – 35). Der unendliche, allmächtige und ewige Gott gleicht sich dem menschlichen Geschöpf an und nähert sich ihm, um ihm zu begegnen, ihm zuzuhören und in Gemeinschaft mit ihm zu treten. Die Liturgie ist Ausdrucksform dieser Begegnung im Glauben, im Dialog und in der Liebe. 


Liebe Schwestern und Brüder!

Wir haben soeben Psalm 24 gebetet. Mit den Worten dieses Psalms zieht der Pilger in das Ziel seiner Wallfahrt ein: in den Tempel. 

In diesem Psalm finden wir drei Grundgedanken. Zunächst ist der Herr der Schöpfer der Welt, ihm gehört der Erdkreis und seine Bewohner. Das ist eine Art Bekenntnis zum Herrn des Kosmos und der Geschichte.  

Der zweite Gedanke zieht daraus die Konsequenz: Wenn wir vor dem Antlitz des Herrn erscheinen, sollen unsere Hände rein und unser Herz lauter sein. Es geht nicht nur um eine rituelle Form, was die äußere Reinheit betrifft, vielmehr ist es eine innere, moralische Reinheit: ein Herz ohne Betrug und ohne Meineid.  

Schließlich finden wir den Gedanken von der Ankunft des Herrn: Er kommt im Kosmos und in der Geschichte und will freien Zutritt haben, damit er mit dem Menschen eine innere Lebensgemeinschaft eingehen kann. 

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Mit diesen Gedanken grüße ich die Pilger und Besucher, die aus den Ländern deutscher Sprache nach Rom gekommen sind. Besonders herzlich grüße ich die Gruppe des Landtages in Niedersachsen. Euch, Euren Angehörigen daheim und allen, die mit uns über Radio Vatikan und das Fernsehen verbunden sind, erteile ich gern den Apostolischen Segen. 

                



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