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 BOTSCHAFT ZUM 100. JAHRESTAG DER ENZYKLIKA
 LACRIMABILI STATU INDORUM VON PAPST PIUS X.
[BOGOTÀ, 18.-20. SEPTEMBER 2012]

BOTSCHAFT VON PAPST BENEDIKT XVI.

 

An den verehrten Bruder
Ruben Salazar Gómez, Erzbischof von Bogotá
und Präsident der Kolumbianischen Bischofskonferenz

Mit Freude habe ich erfahren, daß in Kolumbien in diesem Jahr geplant ist, den 100. Jahrestag  der Enzyklika Lacrimabili statu indorum zu feiern, die am 7. Juni 1912 von meinem Vorgänger, dem hl. Pius X., unterzeichnet wurde, und gern sende ich aus diesem freudigen Anlaß Ihnen und allen Teilkirchen dieser geliebten Nation meinen herzlichen Gruß im Herrn. In Kontinuität zur Enzyklika Immensa pastorum von Papst Benedikt XIV. hatte das erwähnte Dokument die Notwendigkeit aufgezeigt, sich mit mehr Sorgfalt für die Evangelisierung der indigenen Völker und der ständigen Förderung ihrer Würde und ihres Fortschritts einzusetzen.

Die Erinnerung an diesen lehramtlichen Text bietet uns eine außerordentliche Gelegenheit, um die Pastoral der indigenen Völker weiter zu vertiefen und nicht nachzulassen, die ganze menschliche Wirklichkeit zu erfassen, um sie mit der Kraft des Evangeliums zu durchdringen (vgl. Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, 20). So betrachtet die Kirche kein berechtigtes menschliches Streben als fremd und macht sich die edelsten Ziele dieser Völker zu eigen, die oftmals ausgegrenzt oder unverstanden sind und deren Würde nicht geringer ist als die jeder anderen Person, denn jeder Mann und jede Frau ist als Abbild Gottes, ihm ähnlich, erschaffen worden (vgl. Gen 1,26–27). Und Jesus Christus, der stets seine besondere Liebe gegenüber den Armen und Verlassenen gezeigt hat, sagt uns, daß alles, was wir »für einen meiner geringsten Brüder« tun oder nicht tun, für ihn tun (vgl. Mt 25,40). Denn niemand, der sich rühmt, Christ zu sein, darf seinen Nächsten aufgrund seiner Sprache, Hautfarbe oder Kultur mißachten oder geringschätzen. In diesem Sinne schenkt uns der Apostel Paulus das geeignete Licht, indem er sagt: »Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie« (1Kor 12,13).

Mit aufrichtigen Empfindungen der Nähe zu diesen Völkern schließe ich mich gern all jenen an, die – von den Botschaften meiner Vorgänger auf dem Stuhl des hl. Petrus ermutigt – verdienstvolle Werke zu ihren Gunsten tun, mit Freude die Gnaden sehen, an denen sie täglich mit ihnen teilhaben, und sich mutig dafür einsetzen, sie weiter zu begleiten im Hinblick auf den Aufbau einer leuchtenden und hoffnungsvollen Zukunft für alle.

Bei diesem Unterfangen dienen uns als Vorbild der apostolische Mut bedeutender Bischöfe wie Toribio de Mogrovejo oder Ezequiel Moreno, die unverbrüchliche Nächstenliebe von Ordensleuten wie Roque González de Santa Cruz oder Laura Montoya und die Einfachheit und Demut so vorbildlicher Laien wie Ceferino Namuncurá oder Juan Diego Cuauhtlatoatzin. Auch dürfen wir die zahlreichen Kongregationen und Ordensinstitute nicht vergessen, die auf dem amerikanischen Kontinent entstanden sind, um den Herausforderungen dieser Sendung zu begegnen.

Und wie sollte man in diesem Zusammenhang nicht das strahlende Zeugnis und die wichtigen apostolischen Werke vieler Männern und Frauen in Erinnerung rufen, die sich mit großem Gemeinschaftsgeist und kirchlicher Zusammenarbeit furchtlos darum bemüht haben, den Namen Jesu Christi zu diesen Völkern zu bringen, in Wertschätzung dessen, was ihnen zu eigen ist, damit sie im Evangelium das Leben in Fülle entdecken, nach dem sie immer gestrebt haben. Ich möchte alle aufrufen, diesen Jahrestag als einen günstigen Augenblick zu betrachten, um der Verkündigung des Evangeliums bei diesen unseren geliebten Brüdern neuen Antrieb zu geben und den Geist des gegenseitigen Verständnisses, des solidarischen Dienstes und der gegenseitigen Achtung zu fördern. Wenn sie sich Christus öffnen, erleiden sie in ihren Tugenden und natürlichen Eigenschaften keinen Schaden, sondern werden vielmehr durch das Erlösungswerk gestärkt, geläutert und gefestigt. In seinem göttlichen Herzen können sie einen lebendigen Quell der Hoffnung finden, die Kraft, den Herausforderungen, die vor ihnen liegen, mit Entschlossenheit zu begegnen, Trost in ihren Schwierigkeiten und die Inspiration zur Entdeckung der Wege zur Bewältigung und zur Erhebung, die zu gehen sie berufen sind. Indem sie ihnen die Heilsbotschaft verkündigt, folgt die Kirche dem Gebot ihres Gründers, und auf ihn stützt sie sich, um die wahren Bestrebungen dieser Völker zu unterstützen, die oft zerstört werden durch Mangel an Achtung gegenüber ihren Gebräuchen sowie durch Zwangsmigration, niederträchtige Gewalt oder ernsthafte Hindernisse, ihre natürlichen Lebensräume zu verteidigen.

Mit großer Liebe gegenüber allen und in Übereinstimmung mit der Soziallehre der Kirche rufe ich dazu auf, unvoreingenommen die Stimme dieser unserer Brüder zu vernehmen, die wahre Kenntnis ihrer Geschichte und ihrer Eigenart zu fördern sowie ihre Teilnahme an allen Bereichen der Gesellschaft und der Kirche zu verstärken. Der gegenwärtige Anlaß ist von der Vorsehung geschenkt, damit mit aufrichtigem Willen und gleichförmig mit Jesus Christus, der der Weg, die Wahrheit und das Leben für die gesamte Menschheitsfamilie ist, unter den Hirten und Gläubigen der Wunsch zunehme, die Würde und die Rechte der Urvölker zu schützen und diese ihrerseits bereitwilliger ihre Pflichten erfüllen, im Einklang mit ihren uralten Überlieferungen.

Ich bitte den Allmächtigen, daß vor allem die Heiligkeit ihres Lebens geschützt werde. Aus keinem Grund darf ihre Existenz beschränkt werden, denn Gott will für niemanden den Tod und gebietet uns, einander brüderlich zu lieben. Ihr Land muß gebührend geschützt werden. Niemand darf aus irgendeinem Grund diese Völker instrumentalisieren oder manipulieren, und diese dürfen sich nicht von Ideologien mitreißen lassen, die ihnen Schaden zufügen.

Als Unterpfand überreicher himmlischer Gaben und während ich die machtvolle Fürsprache der allerseligsten Jungfrau Maria, Mutter des Schöpfers und unsere Mutter, auf alle herabrufe, die an den verschiedenen Initiativen teilnehmen, die zum Gedenken an den 100. Jahrestag der Enzyklika Lacrimabili statu indorum vorgesehen sind, erteile ich allen einen besonderen Apostolischen Segen, der den indigenen Völkern helfen möge, die Kirche immer mehr als ein Zuhause zu empfinden, in dem sie in allem reifen können, was sie sittlich und religiös erhebt, und als Ort der Gemeinschaft, um wahrhaft und mit Christus vereint als Kinder Gottes zu leben.

Aus dem Vatikan, am 15. Juni 2012

 

BENEDIKT XVI.

 



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