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ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI.
AN DIE TEILNEHMER DER VOLLVERSAMMLUNG DER
PÄPSTLICHEN KOMMISSION FÜR LATEINAMERIKA


 
Konsistoriensaal
Freitag, 8. April 2011

 

 

Meine Herren Kardinäle,
liebe Mitbrüder im Bischofsamt!


1. Herzlich begrüße ich die Berater und Mitglieder der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika, die zu ihrer Vollversammlung in Rom zusammengetreten ist. Ich begrüße besonders Herrn Kardinal Marc Ouellet, Präfekt der Kongregation für die Bischöfe und Präsident dieser Päpstlichen Kommission, und danke ihm herzlich für die Worte, die er im Namen aller an mich gerichtet und mir dabei die Ergebnisse dieser Tage des Studiums und der Reflexion vorgelegt hat.

2. Das für dieses Treffen gewählte Thema »Der Einfluß der Volksfrömmigkeit auf den Prozeß der Evangelisierung in Lateinamerika« spricht direkt einen der wichtigsten Aspekte des missionarischen Sendungsauftrags an, zu dem sich die Teilkirchen dieses großen lateinamerikanischen Kontinents verpflichtet haben. Die zur V. Generalkonferenz der Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik in Aparecida versammelten Bischöfe – ich hatte die Freude, diese Versammlung im Rahmen meiner Brasilienreise im Mai 2007 zu eröffnen – stellen die Volksfrömmigkeit als einen Ort der Begegnung mit Jesus Christus und als eine Weise dar, den Glauben der Kirche zum Ausdruck zu bringen. Sie darf daher nicht als belanglos für das christliche Leben betrachtet werden, denn »damit würden wir das Wirken des Heiligen Geistes und die zuvorkommende Initiative göttlicher Liebe mißachten« (Schlußdokument, 263). Dieser schlichte Glaubensausdruck hat seine Wurzeln im Ursprung der Evangelisierung jener Länder. Denn während die Heilsbotschaft Christi die dortigen Kulturen erleuchtete und belebte, breitete sich auch die reiche und tiefe Volksfrömmigkeit aus, die für das Glaubensleben der lateinamerikanischen Völker kennzeichnend ist. Sie ist, wie ich in meiner Eröffnungsansprache zur Konferenz von Aparecida gesagt habe, »der kostbare Schatz der katholischen Kirche in Lateinamerika, den sie schützen, fördern und, wenn nötig, auch reinigen muß« (O.R.dt., Nr. 20, 18.5.2007, S.4, 1).

3. Um die Neuevangelisierung in Lateinamerika innerhalb einer Entwicklung zu vollbringen, die das gesamte Sein und Suchen des Christen durchdringt, kann man die vielfältigen Ausdrucksformen der Volksfrömmigkeit nicht beiseite lassen. Sie alle begünstigen, wenn sie angemessen ausgerichtet und begleitet sind, eine fruchtbare Begegnung mit Gott, eine intensive Anbetung des Allerheiligsten Sakraments, eine tiefempfundene Verehrung für die Jungfrau Maria, eine verehrende Zuneigung zum Nachfolger Petri und eine verstärkte Bewußtwerdung der Zugehörigkeit zur Kirche. Möge das alles auch dazu dienen, zu evangelisieren, den Glauben zu verkünden, die Gläubigen an die Sakramente heranzuführen, die Bande der Freundschaft und der Einheit der Familie und der Gesellschaft zu stärken sowie die Übung der Solidarität und der Nächstenliebe auszuweiten. Deshalb muß der Glaube die Hauptquelle der Volksfrömmigkeit sein, damit sich diese nicht lediglich auf eine kulturelle Ausdrucksform in einer bestimmten Region reduziert. Sie muß vor allem in enger Beziehung zur heiligen Liturgie stehen, die von keiner anderen religiösen Äußerung ersetzt werden kann. Diesbezüglich darf man, wie das von der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung veröffentlichte Direktorium über die Volksfrömmigkeit und die Liturgie ausführt, nicht vergessen, daß »Liturgie und Volksfrömmigkeit zwei zueinander in Beziehung stehende kultische Ausdrucksweisen der christlichen Gottesverehrung sind […], auch wenn sie nicht in eins zu setzen sind. Sie sind weder als Gegensätze noch als ebenbürtig aufzufassen, sondern zu harmonisieren, […]. Die Andachtsübungen […] sollen so geordnet sein, daß sie mit der heiligen Liturgie zusammenstimmen, gewissermaßen aus ihr herausfließen und das Volk zu ihr hinführen; denn sie steht von Natur aus weit über ihnen« (Nr. 58).

4. In der Volksfrömmigkeit treffen viele Ausdrucksformen des Glaubens zusammen, die an die großen Feiern des Kirchenjahres gebunden sind, bei denen das einfache gläubige Volk Lateinamerikas seine Liebe zu Jesus Christus neu stärkt, in dem es der Offenbarung der Nähe Gottes, seines Mitleidens und seiner Barmherzigkeit begegnet. Zahllos sind die Heiligtümer, die der Betrachtung der Geheimnisse der Kindheit, des Leidens, des Todes und der Auferstehung des Herrn geweiht sind und zu denen sich riesige Menschenmengen begeben, um ihre Leiden und Freuden in seine göttlichen Hände zu legen, während sie gleichzeitig um reiche Gnaden bitten und die Vergebung ihrer Sünden erflehen. Innig mit Jesus verbunden ist auch die Verehrung der Völker Lateinamerikas und der Karibik für die allerseligste Jungfrau Maria. Sie begleitet seit den Anfängen der Evangelisierung die Söhne und Töchter dieses Kontinents und ist für sie unerschöpfliche Quelle der Hoffnung. Deshalb wendet man sich an sie als Mutter des Erlösers, um unter den verschiedenen Anrufungen beständig ihren liebevollen Schutz zu spüren. In gleicher Weise gelten die Heiligen als leuchtende Sterne, die das Herz unzähliger Gläubiger jener Länder erleuchten, indem sie diese durch ihr Vorbild erbauen und durch ihre Fürsprache schützen.

5. Es läßt sich natürlich nicht leugnen, daß es manche abweichenden Formen der Volksfrömmigkeit gibt, die anstatt eine tätige Teilnahme am Leben der Kirche zu fördern, eher Verwirrung auslösen und eine rein äußerliche religiöse Praxis begünstigen, ohne jede Bindung an einen gut verwurzelten und innerlich lebendigen Glauben. Diesbezüglich will ich hier an das erinnern, was ich im vergangenen Jahr an die Seminaristen geschrieben habe: »Gewiß, die Volksfrömmigkeit tendiert zur Irrationalität, vielleicht auch manchmal zur Äußerlichkeit. Sie zu ächten ist dennoch ganz verkehrt. In ihr ist der Glaube in das Herz der Menschen eingetreten, ist Teil ihres Empfindens, ihrer Gewohnheiten, ihres gemeinsamen Fühlens und Lebens geworden. Deswegen ist die Volksfrömmigkeit ein großer Schatz der Kirche. Der Glaube hat Fleisch und Blut angenommen. Sie muß sicher immer wieder gereinigt, auf die Mitte hin bezogen werden, aber sie verdient unsere Liebe, und sie macht uns selber auf ganz reale Weise zum ›Volk Gottes‹« (Brief an die Seminaristen, 18. Oktober 2010, 4; O.R. dt., Nr. 42 vom 29.10.2010, S. 6).

6. Während der Begegnungen, die ich in den letzten Jahren mit den Bischöfen Lateinamerikas und der Karibik anläßlich ihrer »Ad-limina«-Besuche hatte, haben mir diese immer berichtet, was sie in ihren Kirchenbezirken verwirklichen, um die Mission auf dem Kontinent voranzubringen und zu stärken, wodurch die lateinamerikanischen Bischöfe den Prozeß der Neuevangelisierung nach Aparecida wieder in Gang bringen wollten, indem sie alle Mitglieder der Kirche aufforderten, dauerhaft missionarisch tätig zu sein. Es handelt sich um eine Option von großer Tragweite, da man mit ihr einen grundlegenden Aspekt der kirchlichen Arbeit wieder einbringen will, nämlich dem Wort Gottes Vorrang zu geben, damit es zur ständigen Nahrung des christlichen Lebens und zur Achse jeder pastoralen Tätigkeit werde. Diese Begegnung mit dem göttlichen Wort muß zu einer tiefgreifenden Veränderung des Lebens führen, zu einer radikalen Identifikation mit dem Herrn und seinem Evangelium, um sich voll bewußt zu werden, daß es notwendig ist, fest in Christus verankert zu sein, indem man erkennt, daß »am Anfang des Christseins nicht ein ethischer Entschluß oder eine große Idee steht, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit eine entscheidende Richtung gibt« (Enzyklika Deus caritas est, 1). In diesem Sinn freut es mich zu erfahren, daß in Lateinamerika in den Pfarreien und in den kleinen Kirchengemeinden die Übung der »Lectio divina « zunimmt, als eine angemessene Form, um die Anbetung zu fördern und auf diese Weise dem geistlichen Leben der Gläubigen Solidität zu geben, da ja in den Worten der Bibel »die Volksfrömmigkeit eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration, unvergleichliche Beispiele des Gebets und fruchtbare thematische Vorlagen finden wird« (Direktorium über die Volksfrömmigkeit und die Liturgie, 87).

7. Liebe Mitbrüder, ich danke euch für die wertvollen Beiträge, die ihr eingebracht habt, um alles, was mit den Ausdrucksformen der Volksfrömmigkeit in Lateinamerika zusammenhängt, zu schützen, zu fördern und zu klären. Um dieses Ziel zu erreichen, wird es von großem Wert sein, weiter zur Mission auf dem Kontinent anzuspornen, bei der allem besonders Raum gegeben werden muß, was sich auf diesen pastoralen Bereich bezieht, der eine bevorzugte Weise dafür darstellt, daß der Glaube im Herzen des Volkes angenommen wird, die tiefsten Gefühle der Menschen berührt und sich als stark und wirksam erweist durch die Liebe (vgl. Gal 5,6).

8. Während ich zum Abschluß dieser frohen Begegnung den liebreichsten Namen Mariens, der vollkommenen Jüngerin und Lehrmeisterin der Evangelisierung, anrufe, erteile ich euch von Herzen als Unterpfand göttlichen Wohlwollens den Apostolischen Segen.

 



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