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ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI.
AN DIE TEILNEHMER DER 17. VERSAMMMLUNG DER EUROPÄISCHEN RUNDFUNKUNION

Samstag, 30. April 2011

 

Liebe Freunde!

Ich freue mich sehr, Sie alle willkommen zu heißen, die Mitglieder und Teilnehmer an der 17. Versammlung der Europäischen Rundfunkunion, die in diesem Jahr aus Anlaß des 80. Gründungsjubiläums Gast von Radio Vatikan ist. Ich begrüße Erzbischof Claudio Maria Celli, Präsident des Päpstlichen Rates für die sozialen Kommunikationsmittel. Ich danke dem Präsidenten der Europäischen Rundfunkunion, Herrn Jean Paul Philippot, und P. Federico Lombardi, Generaldirektor von Radio Vatikan, für ihre freundlichen Worte, mit denen sie den Gegenstand Ihres Treffens und die Probleme, denen Sie entgegentreten müssen, dargelegt haben.

Als mein Vorgänger Pius XI. sich an Guglielmo Marconi wandte, um im Staat der Vatikanstadt eine Radiostation einzurichten, die mit der zur damaligen Zeit verfügbaren besten Technik ausgestattet sein sollte, zeigte er, daß er mit großer Weitsicht wahrgenommen hatte, in welche Richtung sich die Welt der Kommunikationsmittel entwickeln würde sowie die Möglichkeiten, die das Radio für den Dienst an der Sendung der Kirche bieten konnte. In der Tat waren die Päpste so in der Lage, für die Menschheit sehr wichtige Botschaften über das Radio grenzüberschreitend zu übermitteln, darunter zum Beispiel die zu Recht berühmten Ansprachen von Pius XII. während des Zweiten Weltkriegs, die dem tiefen Wunsch nach Gerechtigkeit und Frieden eine Stimme gaben, oder jene von Johannes XXIII. auf dem Höhepunkt der Krise zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion im Jahr 1962.

Über das Radio konnte auch Pius XII. Hunderttausende von Mitteilungen von Familien an die Adresse von Kriegsgefangenen und Verschollenen übermitteln lassen. So leistete er einen humanitären Beitrag, für den ihm unvergängliche Dankbarkeit entgegengebracht wurde. Über das Radio wurden außerdem lange Zeit die Erwartungen und Hoffnungen der Gläubigen und Völker gestärkt, die von Regimen unterdrückt wurden, die die Menschenrechte und die Religionsfreiheit verletzten. Der Heilige Stuhl ist sich der außerordentlichen Möglichkeiten bewußt, über die die Welt der Kommunikationsmittel im Hinblick auf den Fortschritt und das Wachstum der Personen und der Gesellschaft verfügt. Man kann sagen, daß die gesamte Lehre der Kirche in diesem Bereich, angefangen von den Ansprachen Pius’ XII. über die Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils bis hin zu meinen jüngsten Botschaften zu den neuen numerischen Techniken, vom Geist des Optimismus, der Hoffnung und der aufrichtigen Sympathie für diejenigen durchdrungen ist, die sich in diesem Bereich engagieren, um Begegnung und Dialog zu fördern sowie der menschlichen Gemeinschaft zu dienen und zum friedlichen Wachstum der Gesellschaft beizutragen.

Jeder von Ihnen weiß natürlich, daß sich in der Entwicklung der sozialen Kommunikationsmittel auch Schwierigkeiten und Risiken verbergen. Erlauben Sie mir also, Ihnen allen mein Interesse und meine Solidarität für die wichtige Aufgabe zu bekunden, die Sie erfüllen. In der heutigen Gesellschaft stehen die Grundwerte für das Wohl der Menschheit auf dem Spiel, und die öffentliche Meinung, bei deren Ausbildung Ihre Arbeit von großer Bedeutung ist, ist oft orientierungslos und gespalten. Sie wissen um die Sorgen der Kirche hinsichtlich der Achtung des menschlichen Lebens, der Verteidigung der Familie, der Anerkennung der wahren Rechte und berechtigten Erwartungen der Völker, des von Unterentwicklung und Hunger verursachten Ungleichgewichts in zahlreichen Teilen der Welt, der Aufnahme von Immigranten, der Arbeitslosigkeit und der sozialen Sicherheit, der neuen Armut und sozialen Ausgrenzung, der Diskriminierungen und Verletzungen der Religionsfreiheit, der Abrüstung und der Suche nach friedlichen Lösungen für Konflikte. In der Enzyklika Caritas in veritate habe ich auf viele dieser Probleme hingewiesen. Täglich für eine korrekte und ausgeglichene Information zu sorgen sowie für eine vertiefte Diskussion, um gemeinsam die besten Lösungen für diese Probleme in einer pluralistischen Gesellschaft zu finden, ist die Aufgabe von Radio und auch Fernsehen. Es ist eine Aufgabe, die hohe professionelle Aufrichtigkeit verlangt, Korrektheit und Respekt, Offenheit für andere Ansichten, Klarheit in der Behandlung der Probleme, Freiheit hinsichtlich der ideologischen Barrieren und ein Bewußtsein von der Komplexität der Probleme. Es handelt sich um die geduldige Suche nach dieser »alltäglichen Wahrheit«, die die Werte besser ins Leben umsetzt und dem Weg der Gesellschaft besser Orientierung gibt, und die demütig von allen gesucht wird.

Die katholische Kirche hat einen besonderen Beitrag zu dieser Suche anzubieten, den sie leisten möchte durch ihr Zeugnis für die Treue zur Wahrheit, die Christus ist, und sie möchte dies tun im Geist der Offenheit und des Dialogs. Wie ich bei meiner Begegnung mit hochrangigen Vertretern aus der Welt der Kultur und Politik Großbritanniens in Westminster Hall in London im vergangenen September gesagt habe, versucht die Religion keineswegs, die Nichtgläubigen zu manipulieren, sondern sie versucht, die Vernunft bei der Entdeckung der objektiven moralischen Prinzipien zu unterstützen. Religion trägt dazu bei, indem sie die Vernunft »reinigt« und ihr hilft, daß sie nicht Verzerrungen anheimfällt wie zum Beispiel der Manipulation durch Ideologien oder eine einseitige Anwendung, die die Würde der menschlichen Person nicht voll berücksichtigt. Zugleich erkennt aber die Religion auch die Notwendigkeit der Korrekturfunktion der Vernunft an, um entstellte Formen der Religion wie Fundamentalismus und Sektierertum zu vermeiden. »Die Religion ist … für die Gesetzgeber nicht ein Problem, das gelöst werden muß, sondern ein äußerst wichtiger Gesprächspartner im nationalen Diskurs.« Deshalb lade ich Sie ein, »in Ihren Wirkungsbereichen nach Wegen zu suchen, wie der Dialog zwischen Glaube und Vernunft … gefördert und belebt werden kann« – mit Blick auf den Dienst am Gemeinwohl der Nation.

Ihr leistet einen »öffentlichen Dienst«, einen Dienst für die Menschen, um ihnen jeden Tag zu helfen, besser zu wissen und zu verstehen, was geschieht und warum es geschieht, aktiv Informationen auszutauschen, um sie auf dem gemeinsamen Weg der Gesellschaft zu begleiten. Ich weiß sehr wohl, daß dieser Dienst auf Schwierigkeiten stößt, die in den unterschiedlichen Ländern jeweils andere Züge und Ausmaße annehmen. Dazu können gehören: die Herausforderung des Wettbewerbs mit kommerziellen Sendern; die Einschränkungen durch eine Politik, die mehr als Machtverteilung verstanden wird als als Dienst am Gemeinwohl; den durch Krisensituationen noch verstärkten Mangel an finanziellen Ressourcen; der Einfluß der Entwicklungen in den neuen Kommunikationstechnologien; die Bemühungen, mehr Zuschauer und Zuhörer zu gewinnen. Aber die Herausforderungen der modernen Welt, über die Sie zu berichten haben, sind zu groß und zu dringlich, als daß Sie der Entmutigung nachgeben oder der Versuchung unterliegen könnten, angesichts solcher Schwierigkeiten aufzugeben.

Als Ihre Vollversammlung vor 20 Jahren, im Jahr 1991, vom ehrwürdigen Diener Gottes Johannes Paul II., den ich morgen zu meiner Freude seligsprechen werde, im Vatikan empfangen wurde, hat er Sie ermutigt, Ihre Zusammenarbeit zu verstärken, um die Bildung einer größeren Gemeinschaft aller Völker der Welt zu unterstützen. Heute denke ich an den Prozeß, der in einigen Ländern des Mittelmeerraumes und des Nahen Ostens im Gange ist. Einige von ihnen sind auch Mitglieder Ihrer Union, und wir wissen, daß neue Formen der Kommunikation weiterhin eine relativ bedeutsame Rolle in diesem Prozeß spielen. Ich ermahne Sie, Ihre internationalen Kontakte und Aktivitäten in den Dienst der Reflexion und eines Engagements zu stellen, das darauf zielt sicherzustellen, daß die sozialen Kommunikationsmittel den Dialog, den Frieden und die Entwicklung der Völker in Solidarität fördern, indem sie kulturelle Spaltung, Unsicherheiten und Ängste überwinden.

Schließlich, liebe Freunde, möchte ich, während ich Ihnen allen und Ihrer Vereinigung bei ihrer Arbeit viel Erfolg wünsche, Ihnen auch meinen Dank für die besondere Zusammenarbeit zum Ausdruck bringen, die Sie bei zahlreichen Gelegenheiten meinem Amt erwiesen haben und weiterhin erweisen bei den großen Feierlichkeiten an Weihnachten und Ostern oder bei meinen Apostolischen Reisen. Auch für mich und für die katholische Kirche sind Sie daher wichtige Verbündete und Freunde in unserer Sendung. In diesem Sinne freue ich mich, den Segen des Herrn auf Sie alle, auf all Ihre Lieben und Ihre Arbeit herabzurufen.

 

      



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