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ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI.
AN HERRN HUSSAN EDIN AALA,
NEUER BOTSCHAFTER DER ARABISCHEN REPUBLIK SYRIEN
BEIM HEILIGEN STUHL

Sala Clementina
Donnerstag, 9. Juni  2011

 

Herr Botschafter!

Mit Freude empfange ich Sie heute Vormittag zur Überreichung des Schreibens, mit dem Sie als außerordentlicher und bevollmächtigter Botschafter der Arabischen Republik Syrien beim Heiligen Stuhl akkreditiert werden. Sie waren so freundlich, mir die Grüße Seiner Exzellenz des Herrn Präsidenten der Republik zu überbringen, und ich möchte ihm durch Sie dafür danken. Ebenso möchte ich durch Sie das ganze syrische Volk grüßen mit dem Wunsch, daß es in Frieden und Brüderlichkeit leben könne.

Wie Sie, Herr Botschafter, hervorgehoben haben, ist Syrien seit den Anfängen der Kirche für Christen ein bedeutsamer und teurer Ort. Seit der Begegnung des auferstandenen Christus mit Paulus, dem späteren Völkerapostel, auf dem Weg nach Damaskus haben zahlreiche große Heilige die religiöse Geschichte Ihres Landes geprägt. Zahlreich sind auch die archäologischen Zeugnisse von Kirchen, Klöstern, Mosaiken aus den ersten Jahrhunderten des christlichen Zeitalters, die uns mit den Ursprüngen der Kirche verbinden. Syrien ist traditionellerweise ein Beispiel für Toleranz, Zusammenleben und harmonische Beziehungen zwischen Christen und Muslimen gewesen, und heute sind die ökumenischen und interreligiösen Beziehungen gut. Ich wünsche mir herzlich, daß dieses Zusammenleben zwischen allen kulturellen und religiösen Mitgliedern der Nation weiterbesteht und sich zum größten Wohl aller entwickelt und so eine auf Gerechtigkeit und Solidarität gegründete Einheit stärkt. Eine solche Einheit läßt sich jedoch nur in der Anerkennung der zentralen Stellung und der Würde der menschlichen Person dauerhaft aufbauen.

»Da er nach dem Bilde Gottes geschaffen ist, hat der Mensch die Würde, Person zu sein; er ist nicht bloß etwas, sondern jemand, der imstande ist, sich zu erkennen, über sich Herr zu sein, sich in Freiheit hinzugeben und in Gemeinschaft mit anderen Personen zu treten« (Botschaft zum Weltfriedenstag , 2007; O.R. dt., Nr. 51/52, 22.12.2006, S. 9, 2). Der Weg zur Einheit und Stabilität jeder Nation verläuft daher über die Anerkennung der unveräußerlichen Würde eines jeden Menschen. Deshalb muß dieser im Zentrum der Institutionen, der Gesetze und des Vorgehens der Gesellschaft stehen. Es ist infolgedessen auch von wesentlicher Bedeutung, dem Gemeinwohl den Vorrang einzuräumen und persönliche oder Sonderinteressen beiseite zu lassen. Anderseits muß der Weg des Zuhörens, des Dialogs und der Zusammenarbeit als das Mittel anerkannt werden, durch das die verschiedenen Teile der Gesellschaft ihre Sichtweise artikulieren können und durch das sie einen Konsens um die die einzelnen Werte und Ziele betreffende Wahrheit herum aufbauen können (vgl. Ansprache vor der UNO, 18. April 2008, in O.R. dt., Nr. 18, vom 2. Mai 2008, S. 8f.).

Aus dieser Sicht lassen die Ereignisse, die sich seit mehreren Monaten in einigen Ländern des Mittelmeerraumes, darunter in Syrien, zutragen, den Wunsch nach einer besseren Zukunft in den Bereichen Wirtschaft, Justiz, Freiheit und Teilnahme am öffentlichen Leben erkennen. Solche Vorgänge machen auch die dringende Notwendigkeit echter Reformen im politischen, wirtschaftlichen und sozialen Leben deutlich. Es ist jedoch dringend zu wünschen, daß diese Entwicklungen nicht mit Intoleranz, Diskriminierung oder Konflikten und schon gar nicht mit Gewalt einhergehen, sondern unter absoluter Achtung der Wahrheit, der Koexistenz, der legitimen Rechte der Einzelpersonen und der Kollektivitäten sowie auch der Versöhnung. Solche Prinzipien sollen die Obrigkeiten leiten, wobei die Bestrebungen der Zivilgesellschaft sowie die internationalen Forderungen berücksichtigt werden müssen.

Herr Botschafter, ich möchte hier gern die positive Rolle der Christen in Ihrem Land hervorheben, die als Staatsbürger im Aufbau einer Gesellschaft engagiert sind, in der alle ihren Platz finden sollen. Ich kann nicht umhin, hier den von allen geschätzten Dienst zu erwähnen, der von der katholischen Kirche im Sozial- und Erziehungsbereich geleistet wird. Erlauben Sie mir, in besonderer Weise die Gläubigen der katholischen Gemeinden mit ihren Bischöfen zu grüßen und sie zu ermutigen, die Bande der Brüderlichkeit mit allen zu entfalten. Die von ihnen täglich gelebten Beziehungen zu ihren muslimischen Mitbürgern rücken die Bedeutung des interreligiösen Dialogs und die Möglichkeit ins Licht, im Hinblick auf das Gemeinwohl in vielfältiger Weise zusammenzuarbeiten. Möge der von der jüngsten Sonderversammlung der Bischofssynode für den Nahen Osten ausgehende Schwung reiche Früchte in Ihrem Land tragen zum Wohl der gesamten Bevölkerung und einer echten Versöhnung zwischen den Völkern!

Um den Frieden in der Region voranzubringen, muß eine umfassende Lösung gefunden werden. Sie darf die Interessen keiner der betroffenen Seiten verletzen und muß Frucht eines Kompromisses und nicht das Ergebnis einseitiger, gewaltsam auferlegter Entscheidungen sein. Gewalt löst gar nichts; ebenso unzureichend sind unilaterale oder Teillösungen. Im Bewußtsein des Leidens aller Völker in der Region muß man mit einer entschlossen getroffenen globalen Annäherung vorangehen, die niemanden von der Suche nach einer durch Verhandlungen gefundenen Lösung ausschließt und den Bestrebungen und legitimen Interessen der verschiedenen betroffenen Völkern Rechnung trägt. So hat die Situation, in welcher der Nahe Osten seit vielen Jahren lebt, euch zur Aufnahme einer großen Anzahl von Flüchtlingen veranlaßt, die vor allem aus dem Irak kommen und unter denen zahlreiche Christen sind. Ich danke dem syrischen Volk herzlich für seine Großmut.

Herr Botschafter, während Sie Ihre vornehme Mission der Vertretung beim Heiligen Stuhl übernehmen, entbiete ich Ihnen meine besten Wünsche für die erfolgreiche Erfüllung Ihres Amtes. Seien Sie gewiß, daß Sie bei meinen Mitarbeitern stets das Entgegenkommen und Verständnis finden werden, das Sie brauchen können. Auf Sie, Exzellenz, auf Ihre Familie und auf Ihre Mitarbeiter sowie auch auf die Einwohner Syriens rufe ich aus ganzem Herzen die Fülle der göttlichen Segnungen herab.

 

 



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