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PAPST FRANZISKUS

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 4. Mai 2016

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Liebe Brüder und Schwestern,
guten Tag!

Wir alle kennen das Bild vom guten Hirten, der das verlorene Schaf auf die Schultern nimmt. Dieses Bild steht seit jeher für die Sorge Jesu um die Sünder und für die Barmherzigkeit Gottes, der sich nicht damit abfindet, jemanden zu verlieren. Jesus erzählt dieses Gleichnis, um verständlich zu machen, dass seine Nähe zu den Sündern keinen Anstoß erregen, sondern im Gegenteil alle ernsthaft zum Nachdenken darüber bringen soll, wie wir unseren Glauben leben. Der Bericht sieht auf der einen Seite die Sünder, die zu Jesus kommen, um ihm zuzuhören, und auf der anderen Seite die Gesetzeslehrer, die Schriftgelehrten, die argwöhnisch sind und sich aufgrund seines Verhaltens von ihm distanzieren. Sie distanzieren sich, weil Jesus sich den Sündern genähert hat. Sie waren stolz, sie waren hochmütig, sie hielten sich für gerecht.

Im Mittelpunkt unseres Gleichnisses stehen drei Gestalten: der Hirt, das verlorene Schaf und der Rest der Herde. Wer handelt, ist jedoch nur der Hirt, nicht die Schafe. Der Hirt ist also die einzige wahre Hauptfigur, und alles hängt von ihm ab. Eine Frage führt in das Gleichnis ein: »Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eines davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Steppe zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?« (V. 4). Es handelt sich um ein Paradox, das dazu verleitet, am Handeln des Hirten zu zweifeln: Ist es klug, für ein einziges Schaf die neunundneunzig zurückzulassen?

Und noch dazu nicht im sicheren Schafstall, sondern in der Steppe? Der biblischen Überlieferung gemäß ist die Steppe ein Ort des Todes, wo es schwer ist, Nahrung und Wasser zu finden, ohne Schutz und den wilden Tieren und Räubern ausgeliefert. Was können neunundneunzig wehrlose Schafe tun? Das Paradox geht jedoch weiter, denn als der Hirt, wie es heißt, das Schaf wiedergefunden hat, »nimmt er es voll Freude auf die Schultern, und wenn er nach Hause kommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir!« (V. 6). Es scheint, dass der Hirt nicht in die Steppe zurückkehrt, um die ganze Herde zurückzuholen! Ganz auf dieses eine Schaf ausgerichtet, scheint er die anderen neunundneunzig zu vergessen.

Aber in Wirklichkeit ist es nicht so. Was Jesus uns lehren will, ist vielmehr, dass kein Schaf verlorengehen darf. Der Herr kann sich nicht damit abfinden, dass auch nur ein einziger Mensch verlorengeht. Gott handelt wie jemand, der auf die Suche nach seinen verlorenen Kindern geht, um dann ein Fest zu feiern und sich mit allen zu freuen, dass er sie wiedergefunden hat. Es handelt sich um einen unbändigen Wunsch: Nicht einmal neunundneunzig Schafe können den Hirten dazu bringen, im Schafstall eingeschlossen zu bleiben. Er könnte so argumentieren: »Ich ziehe Bilanz: Ich habe neunundneunzig Schafe. Eines habe ich verloren, aber das ist kein großer Verlust.« Stattdessen geht er es suchen, weil jedes für ihn sehr wichtig ist – und gerade dieses braucht ihn am meisten, es ist das Einsamste, das am meisten Ausgesonderte; und er geht hin, um es zu suchen. Es ist eine Mahnung an uns alle: Die Barmherzigkeit gegenüber den Sündern ist der Stil, in dem Gott handelt, und dieser Barmherzigkeit ist er absolut treu. Nichts und niemand kann ihn von seinem Heilswillen abbringen.

Gott kennt unsere gegenwärtige Wegwerfkultur nicht, in Gott hat sie keinen Platz. Gott sondert keinen Menschen aus. Gott liebt alle, sucht alle: jeden Einzelnen! Er kennt den Ausdruck »Menschen aussondern« nicht, weil er ganz Liebe und ganz Barmherzigkeit ist. Die Herde des Herrn ist immer unterwegs: Sie besitzt den Herrn nicht, sie darf sich nicht einbilden, ihn in unseren Strukturen und in unseren Strategien gefangen zu nehmen. Der Hirt ist da zu finden, wo das verlorene Schaf ist. Der Herr muss also dort gesucht werden, wo er uns begegnen will, und nicht da, wo wir verlangen, ihn zu finden!

Die Herde kann nur vereint werden, wenn wir dem Weg folgen, den die Barmherzigkeit des Hirten aufgezeigt hat. Während er nach dem verlorenen Schaf sucht, fordert er die neunundneunzig auf, sich an der Zusammenführung der Herde zu beteiligen. Dann wird nicht nur das auf der Schulter getragene Schaf, sondern die ganze Herde dem Hirten bis nach Hause folgen, um mit »Freunden und Nachbarn« ein Fest zu feiern. Wir sollten oft über dieses Gleichnis nachdenken, denn in der christlichen Gemeinde gibt es immer jemanden, der fehlt und wegbleibt und dessen Platz leer ist. Manchmal ist das entmutigend und lässt uns glauben, dass es ein unvermeidlicher Verlust sei, eine Krankheit ohne Heilmittel.

Dann laufen wir Gefahr, uns im Schafstall zu verschließen, wo nicht der Geruch der Schafe herrscht, sondern der Gestank abgestandener Luft! Und die Christen? Wir dürfen nicht verschlossen sein, weil wir dann nach abgestandener Luft stinken. Niemals! Wir müssen hinausgehen und dürfen uns nicht in uns selbst verschließen, in kleinen Gemeinschaften, in der Pfarrgemeinde, und uns selbst für »die Gerechten « halten. Das geschieht, wenn der missionarische Elan fehlt, der uns dazu drängt, den anderen zu begegnen. In der Sichtweise Jesu gibt es keine endgültig verlorenen Schafe, sondern nur Schafe, die wiedergefunden werden müssen. Das müssen wir gut verstehen: Für Gott ist niemand endgültig verloren. Niemals! Bis zum letzten Augenblick sucht Gott nach uns. Denkt an den guten Schächer; aber nur in der Sichtweise Jesu ist niemand endgültig verloren. Die Perspektive ist daher völlig dynamisch, offen, anregend und schöpferisch. Sie drängt uns hinauszugehen und uns auf die Suche zu machen, um einen Weg der Brüderlichkeit einzuschlagen. Keine Distanz kann den Hirten fernhalten; und keine Herde kann auf einen Bruder verzichten. Den Verlorenen wiederzufinden ist die Freude des Hirten und Gottes Freude, aber es ist auch die Freude der ganzen Herde! Wir alle sind wiedergefundene und von der Barmherzigkeit des Herrn aufgenommene Schafe. Wir sind aufgerufen, zusammen mit ihm die ganze Herde zu sammeln!

* * *

Herzliche heiße ich die Pilger deutscher und niederländischer Sprache willkommen. Ich grüße besonders die Familien und Freunde der jungen Schweizergardisten, die aus Anlass der Vereidigung nach Rom gekommen sind, die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Pfarreien des Erzbistums München und Freising sowie die Mitglieder des Diözesan­caritasverbandes Münster. Jesus lässt uns nie allein. Das ist der grundlegende Ausdruck seiner Barmherzigkeit. Die Gegenwart des Herrn in eurem Leben mache euch immer mehr zu freudigen Missionaren der Liebe Christi.

 



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