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PAPST FRANZISKUS

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 11. Januar 2017

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Psalm 115,4-8: »Die Götzen der Völker sind nur Silber und Gold, ein Machwerk von Menschenhand.«
 

Liebe Brüder und Schwestern,
guten Tag!

Im vergangenen Dezember und im ersten Teil des Januars haben wir die Advents- und dann die Weihnachtszeit gefeiert: eine Zeit des Kirchenjahres, die im Gottesvolk die Hoffnung neu erweckt. Hoffen ist ein Grundbedürfnis des Menschen: auf die Zukunft hoffen, an das Leben glauben, das sogenannte »positive Denken«.

Es ist jedoch wichtig, diese Hoffnung auf das zu setzen, was wirklich helfen kann zu leben und unserer Existenz einen Sinn zu geben. Daher warnt uns die Heilige Schrift vor den falschen Hoffnungen, die die Welt uns anbietet, indem sie ihre Nutzlosigkeit entlarvt und ihre Sinnlosigkeit aufzeigt. Und sie tut es auf verschiedene Weise, vor allem aber, indem sie die Falschheit der Götzen anprangert, auf die der Mensch ständig versucht ist, sein Vertrauen zu setzen, weil er sie zum Gegenstand seiner Hoffnung macht. Insbesondere die Propheten und Weisen sagen es immer wieder und berühren damit einen Lebensnerv des Glaubensweges des Gläubigen.

Denn Glaube bedeutet, auf Gott zu vertrauen: Wer Glauben hat, vertraut auf Gott. Es kommt jedoch der Augenblick, in dem der Mensch, wenn er den Schwierigkeiten des Lebens gegenübersteht, die Zerbrechlichkeit dieses Vertrauens erfährt und das Bedürfnis nach anderen Gewissheiten, nach greifbaren, konkreten Sicherheiten verspürt. Ich vertraue mich Gott an, aber die Situation ist etwas schlecht, und ich brauche eine etwas konkretere Gewissheit. Und darin liegt die Gefahr! Dann sind wir nämlich versucht, auch nach vergänglichem Trost zu suchen, der die Leere der Einsamkeit zu erfüllen und die Mühsal des Glaubens zu erleichtern scheint. Und wir meinen, wir könnten sie in der Sicherheit, die das Geld geben kann, im Bund mit den Mächtigen, in der Weltlichkeit, in den falschen Ideologien finden. Manchmal suchen wir sie in einem Gott, der sich unseren Forderungen beugt und magisch eingreifen kann, um die Wirklichkeit zu verändern und sie so zu gestalten, wie wir sie wollen: ein Götze eben, der als solcher nichts tun kann, der machtlos und trügerisch ist. Aber wir mögen die Götzen, wir mögen sie sehr!

In Buenos Aires musste ich einmal von einer Kirche zu einer anderen gehen, etwa tausend Meter. Ich ging zu Fuß. Und dazwischen liegt ein Park, und im Park standen ganz viele kleine Tische, an denen Wahrsager saßen. Es war voller Menschen, die sogar Schlange standen. Man hielt ihm die Hand hin, und er begann. Aber was er sagte, war immer dasselbe: Es gibt eine Frau in deinem Leben, ein Schatten kommt auf dich zu, aber alles wird gutgehen… Und dann bezahlte man. Und das gibt dir Sicherheit? Es ist die Sicherheit einer – gestattet mir das Wort – einer Dummheit. Zum Wahrsager oder zur Wahrsagerin gehen, die Karten lesen: Das ist ein Götze! Das ist ein Götze, und wenn wir sehr daran hängen, dann kaufen wir falsche Hoffnungen. Aber auf die unentgeltliche Hoffnung, die Jesus Christus uns gebracht hat, indem er unentgeltlich das Leben für uns hingegeben hat: Auf diese Hoffnung vertrauen wir manchmal nicht sehr. Ein Psalm voll Weisheit stellt uns auf sehr eindrucksvolle Weise die Falschheit dieser Götzen vor Augen, die die Welt unserer Hoffnung anbietet und auf die zu vertrauen die Menschen aller Zeiten versucht sind. Es ist Psalm 115, in dem es heißt:

»Die Götzen der Völker sind nur Silber
und Gold, /
ein Machwerk von Menschenhand.
Sie haben einen Mund und reden nicht, /
Augen und sehen nicht;
sie haben Ohren und hören nicht, /
eine Nase und riechen nicht;
mit ihren Händen können sie nicht greifen, /
mit den Füßen nicht gehen, /
sie bringen keinen Laut hervor aus ihrer Kehle.
Die sie gemacht haben, sollen ihrem Machwerk gleichen, /
alle, die den Götzen vertrauen« (V. 4-8).

Der Psalmist stellt uns, auch auf etwas ironische Weise, die absolut oberflächliche Wirklichkeit dieser Götzen vor Augen. Und wir müssen verstehen, dass es sich nicht nur um Bilder aus Metall oder anderem Material handelt, sondern auch um jene, die wir in unserem Geist herstellen, wenn wir begrenzten Wirklichkeiten vertrauen, die wir absolut setzen, oder wenn wir Gott auf unsere Entwürfe und auf unsere Vorstellungen von Göttlichkeit reduzieren: ein Gott, der uns ähnlich, verständlich, vorhersehbar ist, genau wie die Götzen, von denen im Psalm die Rede ist. Der Mensch, das Abbild Gottes, stellt sich einen Gott nach seinem eigenen Abbild her, und es ist auch noch ein schlecht gelungenes Abbild: Es hört nicht, es handelt nicht, und vor allem kann es nicht sprechen. Aber wir sind zufriedener damit, zu den Götzen zu gehen, als zum Herrn zu gehen. Wir sind zufriedener mit der flüchtigen Hoffnung, die dir dieser falsche Götze gibt, als mit der großen sicheren Hoffnung, die der Herr uns schenkt.

Der Hoffnung auf einen Herrn des Lebens, der mit seinem Wort die Welt erschaffen hat und unser Leben leitet, steht das Vertrauen auf stumme Götzenbilder entgegen. Die Ideologie mit ihrem Absolutheitsanspruch, der Reichtum – und das ist ein großer Götze –, die Macht, der Erfolg, die Eitelkeit mit ihrer Illusion von Ewigkeit und Allmacht, Werte wie physische Schönheit und Gesundheit: Wenn sie zu Götzen werden, denen alles geopfert wird, sind es alles Wirklichkeiten, die den Verstand und das Herz verwirren. Statt das Leben zu fördern, führen sie zum Tod. Es ist schlimm zu hören und schmerzt in der Seele, was ich einmal vor Jahren in der Diözese Buenos Aires gehört habe: Eine gute, sehr schöne Frau – sie brüstete sich mit ihrer Schönheit – sagte als sei es ganz natürlich: »Nun ja, ich musste abtreiben, weil meine Figur sehr wichtig ist.« Das sind die Götzen, und sie führen dich auf den falschen Weg und machen dich nicht glücklich.

Die Botschaft des Psalms ist sehr deutlich. Wenn man die Hoffnung auf die Götzen setzt, wird man wie sie: hohle Bildnisse mit Händen, die nicht greifen, Füßen, die nicht gehen, Mündern, die nicht sprechen können. Man hat nichts mehr zu sagen, man wird unfähig zu helfen, die Dinge zu verändern, unfähig zu lächeln, sich hinzuschenken, unfähig zu lieben. Und auch wir Menschen der Kirche sind dieser Gefahr ausgesetzt, wenn wir uns »verweltlichen« lassen. Man muss in der Welt bleiben, sich jedoch schützen vor den Täuschungen der Welt, die jene Götzen sind, die ich erwähnt habe. Wie es im Psalm weiter heißt, muss man Gott vertrauen und auf ihn hoffen, und Gott wird seinen Segen schenken. Der Psalm sagt: »Israel, vertrau auf den Herrn! […] Haus Aaron, vertrau auf den Herrn! […] Alle, die ihr den Herrn fürchtet, vertraut auf den Herrn! […] Der Herr denkt an uns, er wird uns segnen« (V. 9.10.11.12).

Immer denkt der Herr an uns. Auch in den schlechten Augenblicken denkt er an uns. Das ist unsere Hoffnung. Und die Hoffnung lässt nicht zugrunde gehen. Nie! Nie! Die Götzen lassen immer zugrunde gehen: Sie sind Phantasien, sie sind keine Wirklichkeit. Das ist die wunderbare Wirklichkeit der Hoffnung: Wenn man auf den Herrn vertraut, wird man wie er, sein Segen macht uns zu seinen Kindern, die an seinem Leben teilhaben. Die Hoffnung auf Gott lässt uns sozusagen in den Aktionsradius seiner Erinnerung, seines Gedächtnisses eintreten, was uns segnet und uns rettet. Und dann kann das Halleluja hervorströmen, der Lobpreis des lebendigen und wahren Gottes, der für uns aus Maria geboren ist, der am Kreuz gestorben und in der Herrlichkeit auferstanden ist. Und auf diesen Gott setzen wir unsere Hoffnung, und dieser Gott – der kein Götze ist – lässt nie zugrunde gehen.

* * *

Einen herzlichen Gruß richte ich an alle Pilger deutscher Sprache. Jesus beginnt dort, wo unsere Möglichkeiten an ein Ende kommen. Ihm vertrauen wir unser ganzes Leben an und empfehlen unsere Lieben. Ich wünsche euch einen schönen Aufenthalt in Rom. Gott segne euch alle.

 


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