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PAPST FRANZISKUS

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 8. Februar 2017

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Lesung: 1 Thess 5,12-22

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Am vergangenen Mittwoch haben wir gesehen, dass der heilige Paulus im Ersten Brief an die Thessalonicher mahnt, in der Hoffnung auf die Auferstehung verwurzelt zu bleiben (vgl. 5,4-11), mit jenem schönen Wort: »Dann werden wir immer beim Herrn sein« (4,17). Im selben Zusammenhang zeigt der Apostel, dass die christliche Hoffnung nicht nur persönliche, individuelle, sondern gemeinschaftliche, kirchliche Tragweite besitzt. Wir alle hoffen; wir alle haben Hoffnung, auch gemeinschaftlich.

Daher weitet Paulus seinen Blick sofort aus auf alle Wirklichkeiten, aus denen die christliche Gemeinde sich zusammensetzt, indem er sie bittet, füreinander zu beten und einander gegenseitig zu unterstützen. Einander gegenseitig helfen – aber einander nicht nur in den Nöten, in den vielen Nöten des täglichen Lebens helfen, sondern einander in der Hoffnung helfen, einander in der Hoffnung stützen. Und es ist kein Zufall, dass er gerade mit jenen beginnt, denen die pastorale Verantwortung und Leitung anvertraut ist. Sie sind als erste aufgerufen, die Hoffnung zu nähren, und zwar nicht, weil sie besser sind als die anderen, sondern kraft eines göttlichen Amtes, das weit über ihre eigenen Kräfte hinausgeht. Aus diesem Grund brauchen sie dringend die Achtung, das Verständnis und die wohlwollende Unterstützung aller.

Die Aufmerksamkeit muss außerdem auf jene Brüder gerichtet werden, die am meisten Gefahr laufen, die Hoffnung zu verlieren, in Verzweiflung zu geraten. Wir erfahren immer wieder von Menschen, die in Verzweiflung geraten und schlimme Dinge tun… Die Verzweiflung führt sie zu vielen schlimmen Dingen. Ich meine jene, die entmutigt sind, die schwach sind, die sich von der Last des Lebens und von der eigenen Schuld niedergedrückt fühlen und sich nicht mehr erheben können. In diesen Fällen müssen die Nähe und die Wärme der ganzen Kirche noch tiefer und liebevoller werden. Sie müssen die besondere Form des Mitgefühls annehmen, das nicht bedeutet, den anderen zu bemitleiden: Mitgefühl bedeutet, mit dem anderen Schmerz zu empfinden, zu leiden, mich dem Leidenden zu nähern; ein Wort, eine Liebkosung, die jedoch von Herzen kommt; das ist das Mitgefühl. Für jene, die Stärkung und Trost brauchen.

Das ist sehr wichtig: Die christliche Hoffnung kann nicht ohne echte und konkrete Nächstenliebe auskommen. Auch der Völkerapostel sagt im Brief an die Römer offenherzig: »Wir müssen als die Starken« – als jene, die den Glauben, die Hoffnung haben oder die nicht viele Schwierigkeiten haben – »die Schwäche derer tragen, die schwach sind, und dürfen nicht für uns selbst leben « (15,1). Die Schwäche anderer tragen. Außerdem bleibt dieses Zeugnis nicht in den Grenzen der christlichen Gemeinde verschlossen. Es hallt in seiner ganzen Macht draußen wider, im gesellschaftlichen und zivilen Umfeld: als Aufruf, keine Mauern, sondern Brücken zu bauen, Böses nicht mit Bösem zu vergelten, Böses mit Gutem, Verletzung mit Vergebung zu überwinden – der Christ darf niemals sagen: Das werde ich dir heimzahlen! Nie: Das ist keine christliche Geste; Verletzung wird durch Vergebung überwunden: in Frieden mit allen zu leben. Das ist die Kirche! Und das ist es, was die christliche Hoffnung bewirkt, wenn sie die starken und gleichzeitig zärtlichen Züge der Liebe annimmt. Die Liebe ist stark und zärtlich. Sie ist schön.

So versteht man, dass man nicht allein zu hoffen lernt. Niemand lernt allein zu hoffen. Das ist nicht möglich. Die Hoffnung braucht, um sich zu nähren, unbedingt einen »Leib«, in dem die verschiedenen Glieder einander gegenseitig unterstützen und beleben. Das bedeutet also: Wenn wir hoffen, dann darum, weil viele unserer Brüder und Schwestern uns gelehrt haben zu hoffen und unsere Hoffnung lebendig gehalten haben. Und unter diesen zeichnen sich die Kleinen, die Armen, die Einfachen, die Ausgegrenzten besonders aus. Ja, denn wer sich in seinen eigenen Wohlstand verschließt, der kennt die Hoffnung nicht. Er setzt die Hoffnung nur auf seinen Wohlstand, und das ist keine Hoffnung: Es ist relative Sicherheit.

Wer sich in die eigene Zufriedenheit verschließt, wer sich immer in Ordnung fühlt, der kennt die Hoffnung nicht… Hoffen tun dagegen jene, die täglich die Prüfung, die Unsicherheit und die eigene Grenze erfahren. Diese unsere Brüder geben uns das schönste, das stärkste Zeugnis, weil sie fest bleiben im Vertrauen auf den Herrn, im Wissen, dass über alle Traurigkeit, Bedrückung und Unausweichlichkeit des Todes hinaus das letzte Wort ihm gehören wird und es ein Wort der Barmherzigkeit, des Lebens und des Friedens sein wird. Wer hofft, hofft darauf, jeden Tag dieses Wort zu hören: »Komm, komm zu mir, Bruder; komm, komm zu mir, Schwester, für die ganze Ewigkeit.«

Liebe Freunde, wenn, wie wir gesagt haben, die natürliche Wohnung der Hoffnung ein solidarischer »Leib« ist, dann ist im Fall der christlichen Hoffnung dieser Leib die Kirche, während der lebenspendende Hauch, die Seele dieser Hoffnung der Heilige Geist ist. Ohne den Heiligen Geist kann man keine Hoffnung haben. Daher lädt der Apostel Paulus uns am Ende ein, ihn unablässig anzurufen. Wenn es nicht leicht ist zu glauben, dann ist es erst recht nicht leicht zu hoffen. Es ist schwieriger zu hoffen als zu glauben, es ist schwieriger. Wenn aber der Heilige Geist in unseren Herzen wohnt, dann lässt er uns verstehen, dass wir uns nicht fürchten dürfen, dass der Herr nahe ist und für uns Sorge trägt; und er ist es, der unsere Gemeinden formt, in einem immerwährenden Pfingsten, als lebendige Zeichen der Hoffnung für die Menschheitsfamilie. Danke.

* * *

Einen herzlichen Gruß richte ich an die Pilger und Besucher deutscher Sprache. Die Seele unserer Hoffnung ist der Heilige Geist. Beten wir oft zu diesem göttlichen Tröster, auf dass er uns Mitgefühl und Solidarität für unsere Geschwister im Glauben und für die ganze Menschheit schenke. Der Herr begleite euch auf euren Wegen.

 


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