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PAPST FRANZISKUS

GENERALAUDIENZ

Petersplatz
Mittwoch, 24. Mai 2017

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Liebe Brüder und Schwestern,
guten Tag!

Heute möchte ich bei der Erfahrung der beiden Emmaus-Jünger verweilen, von denen das Lukasevangelium spricht (vgl. 24,13-35). Stellen wir uns die Szene vor: Zwei Männer sind unterwegs – enttäuscht, traurig, überzeugt, die bittere Erfahrung eines Ereignisses hinter sich zu lassen, das ein schlechtes Ende genommen hat. Vor jenem Paschafest waren sie voll Begeisterung: Sie waren überzeugt, dass jene Tage entscheidend sein würden für ihre Erwartungen und für die Hoffnung des ganzen Volkes. Jesus, dem sie ihr Leben anvertraut hatten, schien endlich bei der entscheidenden Schlacht angekommen zu sein: Jetzt würde er seine Macht offenbaren, nach einer langen Zeit der Vorbereitung und der Verborgenheit. Das war es, was sie erwarteten. Und dann kam es ganz anders.

Die beiden Pilger hegten eine rein menschliche Hoffnung, die jetzt zu Bruch ging. Jenes Kreuz, das auf Golgota aufgerichtet worden war, war das beredte Zeichen einer Niederlage, die sie nicht vorausgesehen hatten. Wenn jener Jesus wirklich dem Herzen Gottes entsprach, dann mussten sie daraus schließen, dass Gott wehrlos, ungeschützt war in den Händen der Gewalttätigen, unfähig, dem Bösen Widerstand zu leisten. So fliehen die beiden an jenem Sonntagmorgen aus Jerusalem. Vor Augen haben sie noch die Passionsereignisse, den Tod Jesu, und im Herzen das qualvolle Grübeln über jene Ereignisse, während der erzwungenen Ruhe des Sabbats. Jenes Paschafest, das den Befreiungsgesang anstimmen sollte, war stattdessen zum schmerzlichsten Tag ihres Lebens geworden.

Sie verlassen Jerusalem, um an einen anderen Ort zu gehen, in ein ruhiges Dorf. Sie sehen aus wie Menschen, die entschlossen sind, eine schmerzliche Erinnerung zu tilgen. Sie sind also auf dem Weg und gehen traurig vor sich hin. Dieses Szenarium – der Weg – war in den Evangelien bereits wichtig; aber jetzt, wo man beginnt, die Geschichte der Kirche zu erzählen, wird es immer wichtiger werden. Die Begegnung Jesu mit den beiden Jüngern scheint ganz zufällig zu sein: Sie ähnelt einer der vielen Begegnungen, die sich im Leben ergeben. Die beiden Jünger gehen nachdenklich vor sich hin, und ein Unbekannter begleitet sie. Es ist Jesus; aber ihre Augen sind nicht in der Lage, ihn zu erkennen. Da beginnt Jesus mit seiner »Therapie der Hoffnung«. Was auf diesem Weg geschieht, ist eine Therapie der Hoffnung. Wer verabreicht sie? Jesus.

Zunächst fragt er und hört zu: Unser Gott ist kein aufdringlicher Gott. Auch wenn er den Grund für die Enttäuschung der beiden schon kennt, lässt er ihnen die Zeit, um die Bitterkeit, von der sie erfüllt sind, tief in ihrem Innern zu erforschen. Heraus kommt ein Bekenntnis, das ein Refrain des menschlichen Daseins ist: »Wir aber hatten gehofft… Wir aber hatten gehofft…« (V. 21).

Wie viel Traurigkeit, wie viele Niederlagen, wie viel Scheitern gibt es im Leben eines jeden Menschen! Im Grunde sind wir alle ein wenig wie jene beiden Jünger. Wie oft im Leben haben wir gehofft, wie oft haben wir uns nur einen Schritt vom Glück entfernt gefühlt, und dann waren wir enttäuscht, am Boden zerstört. Aber Jesus geht mit allen Menschen, die die Zuversicht verloren haben und mit gesenktem Haupt einhergehen. Und indem er mit ihnen geht, auf diskrete Weise, gelingt es ihm, wieder Hoffnung zu schenken. Jesus spricht zu ihnen vor allem durch die Schriften. Wer das Buch Gottes zur Hand nimmt, wird dort keinen Geschichten von oberflächlichem Heldentum, keinen blitzartigen Eroberungskampagnen begegnen. Die wahre Hoffnung hat nie einen geringen Preis: Sie geht immer durch Niederlagen. Die Hoffnung eines Menschen, der nicht leidet, ist vielleicht nicht einmal eine solche. Gott will nicht geliebt werden, wie man einen Feldherrn lieben würde, der seinem Volk zum Sieg verhilft, indem er seine Gegner blutig vernichtet. Unser Gott ist ein schwaches Licht, das an einem kalten, windigen Tag brennt. Und so schwach seine Gegenwart in dieser Welt auch erscheint: Er hat den Platz gewählt, den wir alle verschmähen. Dann wiederholt Jesus für die beiden Jünger die Geste, die das Herzstück jeder Eucharistie ist: Er nimmt das Brot, segnet es, bricht es und gibt es ihnen. Liegt in dieser Abfolge von Gesten etwa nicht die ganze Geschichte Jesu? Und liegt nicht in jeder Eucharistie auch das Zeichen dessen, was die Kirche sein muss? Jesus nimmt uns, er segnet uns, »bricht« unser Leben – denn es gibt keine Liebe ohne Opfer – und gibt es den anderen hin, er gibt es allen hin.

Es ist eine kurze Begegnung, die Begegnung mit den beiden Emmaus-Jüngern. In ihr liegt jedoch die ganze Bestimmung der Kirche. Sie berichtet uns, dass die christliche Gemeinde sich nicht in einer Burg verschanzt, sondern in ihrem lebendigsten Bereich unterwegs ist, das heißt auf der Straße. Und dort begegnet sie den Menschen, mit ihren Hoffnungen und ihren Enttäuschungen, die manchmal schwer sind. Die Kirche hört die Geschichten aller Menschen an, wie sie aus dem Schrein des persönlichen Gewissens hervorkommen, um dann das Wort des Lebens zu schenken, das Zeugnis der Liebe, der treuen Liebe bis zum Ende. Dann brennt das Herz der Menschen wieder voller Hoffnung.

Wir alle haben in unserem Leben schwierige, dunkle Augenblicke gehabt; Augenblicke, in denen wir traurig, nachdenklich unseren Weg gingen, ohne Horizonte, nur mit einer Mauer vor uns. Und Jesus ist stets an unserer Seite, um uns Hoffnung zu schenken, um uns das Herz zu erwärmen und zu sagen: »Geh voran, ich bin bei dir. Geh voran.« Das ist das ganze Geheimnis des Weges, der nach Emmaus führt: Auch wenn das Gegenteil der Fall zu sein scheint, werden wir immer geliebt, und Gott wird nie aufhören, uns zu lieben. Gott wird immer, immer mit uns gehen, auch in den schmerzlichsten Augenblicken, auch in den schlimmsten Augenblicken, auch in den Augenblicken der Niederlage: Dort ist der Herr. Das ist unsere Hoffnung. Gehen wir voran mit dieser Hoffnung! Denn er ist an unserer Seite und geht mit uns, immer!

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Herzlich heiße ich alle Pilger deutscher Sprache willkommen. Besonders grüße ich die Gläubigen und die Musikkapelle aus Zams. Im Monat Mai empfehle ich euch alle sowie eure Anliegen und Sorgen der seligen Jungfrau Maria. Gott segne euch und eure Familien.

 



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