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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTAE"

 

Jenes halbwüchsige Fortschrittsdenken

    Mittwoch, 12. Juni 2013

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 25, 21. Juni 2013

 

Der Versuchungen, denen es in diesem Augenblick der Kirchengeschichte zu begegnen gelte, gebe es zwei: Schritte nach hinten zu tun, weil man Angst habe vor der Freiheit, die sich aus dem »im Heiligen. Geist vollendeten Gesetz« ableite, bzw. einem »halbwüchsigen Fortschrittsdenken« nachzugeben, das dazu neige, den verführerischsten Werten zu folgen, welche von der vorherrschenden Kultur suggeriert würden. Darüber sprach Papst Franziskus am Mittwoch, 12. Juni, in seiner Auslegung der Schriftlesungen – aus dem Zweiten Korintherbrief des hl. Paulus (3, 4–11) und aus dem Matthäusevangelium (5, 17–19) – während der Messe in der Domus Sanctae Marthae. Es konzelebrierten die Kardinäle Manuel Monteiro di Castro, Apostolischer Großpönitentiar, und João Braz de Aviz, Präfekt der Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens (Bild rechts), der Priester und Angestellte des Dikasteriums begleitete.

Der Papst äußerte sich als erstes zu den Erläuterungen Jesu denen gegenüber, die ihn beschuldigen, er wolle die Gesetze Mose ändern. Jesus beruhige sie, indem er ihnen sage: »Ich bin nicht gekommen, um das Gesetz aufzuheben, sondern um es zu erfüllen.« Denn das Gesetz, so führte der Heilige Vater aus, »ist eine Frucht des Bundes. Man kann das Gesetz ohne den Bund nicht verstehen. Das Gesetz ist so etwas wie der Weg, um in den Bund einzutreten«, jenen Bund, »der an jenem Nachmittag im irdischen Paradies mit einer Verheißung begann, der fortgesetzt wurde mit der Arche des Noah, mit Mose in der Wüste, und der dann weiterging als Gesetz Israels, um den Willen Gottes zu erfüllen«.

Dieses Gesetz »ist heilig«, fügte er hinzu, »denn es führte das Volk zu Gott hin«. Folglich »darf es nicht angerührt werden«. Es gab Menschen, die sagten, dass Jesus »dieses Gesetz geändert habe«; er habe aber versucht, den Menschen klar zu machen, dass es einen Weg gab, der »zum Wachstum« geführt habe, ja hin zur »vollen Reife dieses Gesetzes. Er sagte: ›Ich komme, um zu erfüllen.‹ So wie die Knospe ›aufspringt‹ und die Blume heranwächst, genauso ist die Kontinuität des Gesetzes im Hinblick auf seine Reife. Und Jesus ist der Ausdruck der Reife des Gesetzes«. Der Papst betonte daraufhin die Rolle des Heiligen Geistes bei der Übermittlung dieses Gesetzes. Denn er erläuterte: »Paulus sagt, dass wir dieses Gesetz des Geistes durch Jesus Christus erhalten haben, denn wir können nicht denken, dass etwas von uns stamme; all unsere Fähigkeiten kommen von Gott. Und das Gesetz, das Gott uns gibt, ist ein reifes Gesetz, das Gesetz der Liebe, denn wir sind in der letzten Stunde angekommen. Der Apostel Johannes sagt zu seiner Gemeinde: Brüder, wir sind in der letzten Stunde angekommen, d.h. wir haben die letzte Stunde erreicht… In der Stunde der Erfüllung des Gesetzes. Es ist das Gesetz des Heiligen Geistes, das Gesetz, das uns frei macht«. Gleichwohl handle es sich um eine Freiheit, die in einem gewissen Sinne Angst mache. »Denn«, so führte der Papst aus, »es kann leicht mit einer anderen Freiheit des Menschen verwechselt werden«. Und »das Gesetz des Geistes führt uns auf den Weg der unablässigen Unterscheidung, um den Willen Gottes zu tun«: auch das erschrecke uns ein wenig. Aber, so warnt der Heilige Vater, wenn wir von dieser Angst befallen werden, dann laufen wir das Risiko, zweierlei Versuchungen zu erliegen. Die erste sei jene, »zurückzugehen, weil wir nicht sicher sind. Aber dadurch wird der Weg unterbrochen«. Dies sei »die Versuchung der Angst vor der Freiheit, der Angst vor dem Heiligen Geist: der Heilige Geist macht uns Angst«.

An diesem Punkt erinnerte Papst Franziskus an eine Geschichte, die sich zu Beginn der Dreißigerjahre zugetragen habe: »Ein pflichtbewusster Oberer eines Ordens brachte unzählige Jahre damit zu, alle Regeln seiner Kongregation zu sammeln: alles das, was die Ordensleute tun durften, und das, was sie nicht tun durften. Dann, als er seine Arbeit abgeschlossen hatte, ging er zu einem bedeutenden Benediktiner-Abt, der in Rom lebte, um ihm seine Arbeit vorzulegen. Der Abt schaute ihn an und sagte: Pater, mit dieser Arbeit haben Sie das Charisma Ihres Ordens getötet! Er hatte die Freiheit getötet. Denn das Charisma trägt Früchte in der Freiheit, und er hatte das Charisma blockiert. Das ist kein Leben. Diese Ordenskongregation konnte nicht weiterleben. Was ist geschehen? Fünfundzwanzig Jahre nach jenem Meisterwerk hat niemand es je wieder gesehen und es ist in einer Bibliothek gelandet«.

»Das ist ein Beispiel dafür, wie leicht es ist, in die Versuchung zu fallen, nach hinten zurück zu gehen, um uns sicherer zu fühlen«, erläuterte der Bischof von Rom. Aber, fügte er hinzu, »die volle Sicherheit liegt im Heiligen Geist, der dich weiterbringt, der dir Vertrauen schenkt und, wie Paulus sagt, noch viel anspruchsvoller ist: tatsächlich sagt Jesus, dass ›solange Himmel und Erde nicht vergangen sind, wird auch nicht der kleinste Buchstabe oder ein einziges Komma des Gesetzes vergehen, solange nicht alles geschehen ist‹. Folglich ist er anspruchsvoller, auch wenn uns das nicht jene menschliche Sicherheit gibt, da wir den Heiligen Geist nicht kontrollieren können: das ist das Problem.«

Die zweite Versuchung sei jene, die der Papst als »halbwüchsiges Fortschrittsdenken« bezeichnet hat. Es handle sich dabei allerdings nicht um einen wahren Fortschritt: es sei eine Kultur, die sich weiter entwickle, von der wir uns nicht zu distanzieren vermögen und von der wir die Gesetze und Werte übernähmen, die uns am besten gefielen, gerade so, wie es die Halbwüchsigen tun. Am Ende bestehe das Risiko darin, ins Laufen zu kommen und auszurutschen, »so wie ein Auto auf einer eisigen Straße ins Rutschen kommt und im Straßengraben landet«.

Dem Papst zufolge handelt es sich hierbei um eine Versuchung, die in diesem für die Kirche historischen Augenblick häufig vorkomme. »Wir können nicht zurückgehen«, sagte der Papst, »und von der Straße wegrutschen«. Der zu befolgende Weg sei dieser: »Das Gesetz ist erfüllt, in ungebrochener Kontinuität, ohne Abstriche: so wie der Same in der Blüte aufgeht und in der Frucht. Der Weg ist derjenige der Freiheit des Heiligen Geistes, der uns frei macht, in ständiger Unterscheidung des Willens Gottes, um auf diesem Weg weiterzugehen, ohne zurückzugehen« und ohne auszurutschen. »Das ist kein Aufruf dazu, wieder zu Joachim von Fiore zurückzugehen«, präzisierte Papst Franziskus. Und er schloss: »Bitten wir den Heiligen Geist, der uns das Leben gibt, dass er uns nach vorne führe, dass er uns zur vollen Reife des Gesetzes bringe, jenes Gesetzes, das uns frei macht«.




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